Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren …

… wenn sie sich selbst nicht halten können.

Selbstregulation in Beziehungen ist ein Thema, über das kaum jemand wirklich ehrlich redet. Dabei passiert es dauernd und oft so selbstverständlich, dass wir es gar nicht bemerken.

Es gibt Dinge, die erst einmal nach Fürsorge und Mitteilen aussehen und trotzdem noch etwas anderes enthalten können. Dieses ständige Nachfragen zum Beispiel, das sofortige Einmischen, das dauernde Spüren, dass „da etwas ist“, dieses Helfenwollen, Kümmern, Deuten, Erklären und Draufspringen. Das wird schnell als aufmerksam, mitfühlend oder besonders feinfühlig beschrieben, und natürlich kann es genau das sein.

Es kann aber genauso passieren, dass ein Mensch die eigene innere Unruhe schlecht aushält und deshalb beim anderen andockt. Dann geht es gar nicht nur darum, wie es dem Gegenüber geht, sondern auch darum, dass im eigenen System etwas wieder ruhiger werden soll.

Das klingt nicht besonders schmeichelhaft, ich weiß. Trotzdem lohnt es sich, dass wir uns das mal genauer anschauen.

Was Regulation über andere bedeutet

Viele Menschen regulieren sich nicht ausschließlich in sich selbst, sondern stark über ihr Gegenüber. Über dessen Stimmung, Reaktion, Probleme, Blick oder Rückmeldung. Der andere bekommt dann eine Aufgabe, ohne dass beide jemals darüber gesprochen hätten.

Er soll beruhigen, bestätigen, reagieren, zuhören, dankbar sein, Hilfe annehmen oder wenigstens zeigen, dass das eigene Eingreifen sinnvoll war.

Das passiert meistens nicht bewusst. Niemand sitzt morgens beim Kaffee und beschließt: „Heute benutze ich mal meine Mitmenschen zur Stabilisierung meines Nervensystems.“ So läuft das natürlich nicht.

Trotzdem kann genau das entstehen.

Wenn ich meine eigene Unruhe nicht gut aushalte, wird der andere schnell interessant. Dann frage ich nach, kommentiere, warne, erkläre, helfe oder erzähle ausführlich, was ich alles schon gemacht habe. Oft in Wiederholungsschleifen. Hauptsache, dieses unangenehme Gefühl bleibt nicht einfach bei mir liegen.

Für mich ist das ein wichtiger Unterschied, weil nicht alles, was nach Kontakt aussieht, automatisch eine wirkliche Verbindung ist.

Sondern Regulation über den anderen.

Kümmern ist oft in Wahrheit Unruhe

Ich kenne so eine Situation aus meinen 1:1‑Begleitungen. Eine Frau beobachtet jemanden an ihrer Arbeitsstelle und hat den Eindruck, dass diese Person etwas gestresst wirkt. Sofort geht in ihr der eigene Film los: „Oh, die Arme, da stimmt bestimmt etwas nicht, die braucht sicher Zuspruch, ich sollte hingehen und etwas Nettes sagen.“

Nur weiß sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, ob die andere Frau Zuspruch möchte, ob tatsächlich etwas los ist oder ob sie einfach gerade konzentriert arbeitet und ihre Ruhe haben will.

Das Spannende passiert bei derjenigen, die beobachtet. Sie hält diese offene Situation kaum aus. Sie muss etwas tun, damit ihre eigene Spannung nachlässt.

Genau das meine ich.

Ruhige Wahrnehmung kann stehen lassen, kann etwas bemerken und trotzdem nicht sofort hineinfummeln. Wenn mich dagegen meine eigene Unruhe antreibt, muss möglichst schnell etwas passieren, weil ich dieses offene „Ich weiß es nicht“ nur schwer aushalte.

Der andere wird dann leicht zum Projekt, obwohl er möglicherweise überhaupt keines sein möchte.

Angst die sich als Fürsorge verkleidet

Ein anderes Beispiel hat sich mir ebenfalls sehr eingeprägt.

Ein Mann kam in einen Raum, in dem seine Frau saß. Sie hatte eine intensive gesundheitliche Geschichte hinter sich, und weil es sommerlich heiß war, waren die Fenster geöffnet.

Er sah die offenen Fenster und ging sofort emotional hoch. Die Fenster müssten zu, seine Frau bekäme sonst einen Zug, dann Kopfschmerzen und überhaupt.

Natürlich kann darin Sorge um seine Frau stecken. Gleichzeitig war aber deutlich spürbar, wie viel eigene Angst mit im Raum stand. Er brauchte, dass außen sofort etwas verändert wurde, damit es in ihm selbst wieder ruhiger werden konnte.

Genau dort kann Fürsorge anfangen, kontrollierend zu werden. Nicht, weil jemand bewusst Macht ausüben möchte, sondern weil die eigene Angst so laut geworden ist, dass plötzlich der ganze Raum darauf reagieren soll.

Für das Gegenüber kann das ziemlich anstrengend sein, weil es auf einmal nicht mehr nur um das offene Fenster geht, sondern um etwas viel Größeres, das im anderen stattfindet.

Dieses ständige Regulieren kostet übrigens unglaublich viel Kraft. Wie sich so ein innerer Druck aufbaut und was wir dabei oft selbst noch draufpacken, habe ich in „Innerer Druck“ beschrieben.

Meine Angst wird plötzlich dein Problem

Eine weitere Form sehe ich besonders häufig in engen Beziehungen.

Jemand gerät in Existenzangst. Vielleicht laufen die Geschäfte gerade schlechter, Kunden bleiben aus, das Konto macht Sorgen oder die Zukunft fühlt sich unsicher an. Manchmal lässt sich ziemlich genau sagen, woher die Angst kommt, dann taucht sie einfach auf und ist sehr real.

Dann geht der Blick schnell zum Partner.

Der arbeitet vielleicht weniger, wirkt entspannter oder geht anders mit Geld und Unsicherheit um. Schon entsteht daraus die Erklärung: Wenn du mehr tun würdest, müsste ich keine Angst haben. Wenn du dich mehr anstrengen würdest, wäre alles besser.

Damit wird der eigene Zustand plötzlich zum Problem des anderen.

Natürlich kann ein Partner durch sein Verhalten tatsächlich zu finanziellen Schwierigkeiten beitragen. Darum geht es mir nicht. Interessant wird es dort, wo die Angst vorher schon da war und der andere nun dafür zuständig gemacht wird, sie wegzubekommen.

Dann beginnt der Partner oft, sich zu erklären, mehr zu leisten oder sich zu rechtfertigen, in der Hoffnung, dass die Spannung endlich nachlässt. Nur funktioniert das häufig nicht, weil die Angst nicht dort entstanden ist.

So kann eine Beziehung langsam zu einem Ort werden, an dem einer versucht, seinen inneren Zustand durch das Verhalten des anderen zu regulieren.

Das ist auch Regulation über den anderen, dieses Mal nicht über Einmischung oder Alarm, sondern über Projektion. Ich verlagere meinen inneren Zustand nach außen, mache ihn am anderen fest und verlange dann, dass der andere sich ändert, damit ich mich besser fühle.

Das Unschöne daran: Der andere spürt den Druck, weiß aber oft nicht, warum er/sie sich plötzlich falsch fühlt. Was macht das Gegenüber dann, in dem Spiel? Sie oder er beginnt, sich zu erklären, zu rechtfertigen, mehr zu tun, um die Spannung zu lösen. Und die Spannung löst sich trotzdem nicht, weil sie nie in ihm war.

Leistung bettelt um Anerkennung

Es gibt noch eine Variante, die auf den ersten Blick wesentlich harmloser wirkt.

Zwei Menschen treffen sich, und einer erzählt in den ersten Minuten ausführlich, wie viel er schon erledigt hat, welche Termine er hatte, was vorbereitet, geschafft, ausgearbeitet oder auf den Weg gebracht wurde.

Das kann natürlich schlicht Mitteilungsfreude sein. Manche Menschen erzählen nun mal gern und viel.

Wenn es aber jedes Mal so läuft, kann noch etwas anderes dahinterstecken. Dann wird Leistung wie ein kleiner Ausweis vorgezeigt: Schau, ich war fleißig. Sieh bitte, dass ich etwas tue. Erkenne, dass ich nicht faul bin und ich meinen Platz verdient habe.

Besonders deutlich wird das, wenn jemand erzählt, dass er schon als Kind der Mutter hinterhergelaufen ist, um ihr mitzuteilen, was er alles geschafft und erledigt hat. Da wird die Verbindung zur Anerkennung ziemlich sichtbar.

Bevor überhaupt eine echte Begegnung entsteht, muss erst Leistung auf den Tisch. So als müsste man sich Kontakt verdienen oder vorsichtshalber schon einmal beweisen, dass man etwas wert ist.

Mit Leistung zu wedeln, kann dann eine sehr alte Art sein, sich über die Reaktion des anderen wieder sicherer zu fühlen.

Schweigen wird zum Druckmittel

Eine weitere Form wird leicht übersehen, weil sie so still daherkommt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Manche Menschen werden nicht laut, helfen nicht ungefragt und reden auch niemanden nieder. Sie ziehen sich zurück.

Plötzlich kommt kaum noch eine Antwort, die Tür ist zu, der Ton verändert sich oder jemand, der vorher lebendig war, wird einsilbig.

Wer so etwas kennt, weiß, was schnell passiert. Du fängst an zu suchen: Was habe ich gesagt? Habe ich etwas falsch gemacht? Was ist denn jetzt los? Soll ich nachfragen? Soll ich lieber warten?

Schon dreht sich deine Aufmerksamkeit komplett um den anderen.

Natürlich braucht jeder Mensch Rückzug und nicht jedes Schweigen ist manipulativ oder kontrollierend. Es gibt Situationen, in denen jemand wirklich Ruhe benötigt und gerade nicht reden kann.

Hinschauen würde ich, wenn Rückzug regelmäßig dazu führt, dass der andere hinterherläuft, und genau diese Reaktion unbewusst gebraucht wird.

Dann kann Schweigen eine Möglichkeit werden, wieder Einfluss auf die Situation zu bekommen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Spannend, oder?

Woher kommt das jetzt alles?

Ich halte es für wichtig, bei all diesen Beispielen nicht sofort in Gut und Böse einzuteilen.

Viele dieser Muster entstehen früh. Manche Kinder lernen, Stimmungen genau zu beobachten, weil sie wissen müssen, ob zu Hause gerade Ruhe ist oder Ärger droht. Andere bekommen besonders viel Anerkennung über Leistung oder merken, dass sie gebraucht werden, wenn sie sich kümmern. Wieder andere erleben, dass Rückzug Aufmerksamkeit bringt.

Was damals hilfreich war, kann später so selbstverständlich geworden sein, dass man es für einen Teil der eigenen Persönlichkeit hält.

Dann heißt es: Ich bin halt fürsorglich. Ich bin einfach wahnsinnig sensibel. Ich bin sehr fleißig. Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Kann alles stimmen.

Trotzdem darf man sich fragen, ob unter manchen dieser Eigenschaften auch ein alter Reflex steckt, der irgendwann einmal wichtig war und heute noch automatisch anspringt.

Das finde ich eher entlastend als verurteilend. Wenn ich verstehe, woher etwas kommt, muss ich daraus kein moralisches Drama machen. Verstehen bedeutet allerdings auch nicht, dass das Gegenüber alles aushalten muss. Denn wenn jemand sich ständig über dich reguliert, wird es anstrengend.

Dann fühlst du dich beobachtet, bearbeitet, gedrängt, zugeredet oder verantwortlich für einen Zustand, den du gar nicht verursacht hast. Du wolltest vielleicht einfach nur spazieren gehen und sitzt plötzlich mitten in der inneren Sortierstation eines anderen Menschen.

Da kann einem gewaltig die Lust auf Begegnung vergehen.

Vieles davon entsteht nicht erst in der aktuellen Situation. Wie sehr alte Erfahrungen heute noch mitreden können, habe ich in „Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet“  genauer beschrieben.

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Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wirklich?

Es gibt einen Satz, den hier in Deutschland fast jeder kennt. Du ganz sicher auch. Er steht ganz am Anfang unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein großer Satz, den man schnell zitiert, wenn es um Menschlichkeit, Rechte oder Gerechtigkeit geht. Wir nicken dann meistens zustimmend, und trotzdem bleibt für mich eine ziemlich einfache Frage: Was ist Würde wirklich?

Ich meine jetzt nicht philosophisch und auch nicht aus einem Lexikon, sondern ganz persönlich für dich.

Bevor du weiterliest, kannst du dir ruhig einen Moment nehmen und ein paar Gedanken dazu aufschreiben. Woran erkennst du Würde? Wie fühlt sie sich für dich an? Und wann hast du sie bei dir selbst schon einmal gespürt? Zwei, drei oder vier Gedanken reichen völlig, wir müssen daraus ja keine Doktorarbeit machen.

Als dieses Wort plötzlich im Raum stand

Vor ein paar Jahren habe ich ein Frauenseminar in Augsburg gehalten, und wenn du dabei warst, kannst du dich wahrscheinlich noch erinnern. Mitten im Gespräch mit der geistigen Welt tauchte plötzlich dieses Wort auf: Würde.

Es stand auf einmal im Raum, und ich weiß noch genau, wie die Frauen geschaut haben. Nicht ablehnend, eher etwas ratlos. „Würde“ klingt wichtig, groß und irgendwie auch nach einem Wort, das man eher in einer Sonntagsrede erwartet als mitten im eigenen Alltag.

Einige wussten damit tatsächlich erst einmal wenig anzufangen.

Würde ist nichts Abstraktes

Dabei begegnet uns Würde ständig. Oder besser gesagt: Wir merken ziemlich schnell, wenn sie fehlt.

Wenn ein Mensch nur noch nach Leistung beurteilt wird, wenn über ihn hinwegentschieden wird oder wenn er sich selbst so lange zurücknimmt, bis kaum noch etwas von dem übrig ist, was ihm wichtig ist.

Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch über Würde, dass sie dort verletzt wird, wo Menschen zum Objekt gemacht werden und nur noch funktionieren oder Erwartungen erfüllen sollen, um Anerkennung zu bekommen. Wenn ich mich umschaue, finde ich dafür leider genügend Beispiele.

Gerade bei Frauen sehe ich oft, wie selbstverständlich Anpassung geworden ist. Da wird ausgehalten, zurückgesteckt und Ja gesagt, obwohl innerlich längst ein Nein da ist, weil Harmonie wichtiger ist, weil man dazugehören möchte oder gelernt hat, dass es einfacher ist, sich selbst ein Stück zurückzunehmen.

„Ist ja nicht so schlimm.“

So fängt übrigens vieles an.

Der Moment, in dem du dich selbst verlässt

Wir brauchen keine großen gesellschaftlichen Ereignisse, um über Würde nachzudenken. Sie zeigt sich oft in kleinen Situationen, in denen du etwas mitmachst, obwohl es sich für dich nicht richtig anfühlt, oder du schweigst, obwohl du längst etwas sagen möchtest.

Viele merken gar nicht, wenn sie sich dabei selbst verlassen, weil es nicht mit großem Knall passiert. Es schleicht sich eher ein.

Du machst noch einmal was mit, obwohl du keine Lust hast. Du sagst nichts, damit kein Streit entsteht. Du lässt etwas durchgehen, weil du denkst, so schlimm sei es nun auch wieder nicht.

Wenn das häufig genug passiert, kann äußerlich alles wunderbar funktionieren und sich innerlich trotzdem etwas zunehmend schief anfühlen.

Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.

Es gibt einen Satz, den ich irgendwann einmal gehört oder gelesen habe und der mir sofort hängen geblieben ist:

Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.

Ich mag diesen Satz, weil er unbequem ist.

Denn natürlich verkaufen wir im Alltag ständig etwas: unsere Zeit, unsere Arbeitskraft, unsere Ideen. Das gehört zum Leben. Schwierig wird es für mich dort, wo wir anfangen, auch unsere Werte, unsere Grenzen oder uns selbst mit auf den Tresen zu legen.

Dann stellt sich die Frage, was ich bereit bin, herzugeben, damit ich Anerkennung bekomme, dazugehören darf, Harmonie bleibt oder meine Sicherheit nicht ins Wanken gerät.

Würde ist für mich genau an diesem Punkt spürbar. Da merke ich: Das mache ich nicht mehr mit. Nicht für Geld, nicht für Anerkennung und auch nicht dafür, dass bloß alle anderen zufrieden sind.

Wer diesen Punkt in sich kennt, lässt sich schwerer über Angst, Druck oder Zugehörigkeit steuern. Nicht vollkommen, wir sind schließlich Menschen und keine unbestechlichen Felsbrocken. Aber es verändert etwas, wenn du weißt, was für dich nicht verhandelbar ist.

Das gilt in Beziehungen genauso wie am Arbeitsplatz, bei Werbung, Social Media oder im ganz normalen Familienwahnsinn.

Dann fiel noch ein zweites Wort: Anmut

In diesem Seminar tauchte noch ein Wort auf, das viele fast noch mehr irritiert hat: Anmut.

Ach, was liebe ich solche alten Wörter.

Die meisten denken bei Anmut zuerst an etwas Äußerliches, an Eleganz, Schönheit oder eine Frau, die besonders graziös durch den Raum schwebt und wahrscheinlich noch nicht einmal mit dem kleinen Zeh irgendwo dagegenläuft.

Für mich hat Anmut damit wenig zu tun.

Ich verbinde sie eher mit einer inneren Ruhe, die entsteht, wenn du nicht ständig kämpfen oder etwas beweisen musst. Wenn du Nein sagen kannst, ohne daraus sofort einen Feldzug zu machen, und klar bleibst, ohne den anderen niederbügeln zu müssen.

Das ist meine Vorstellung von Anmut: keine Rolle und kein besonders gepflegtes Auftreten, sondern eine Haltung.

Wenn Würde und Anmut zusammenkommen

Ich finde, Würde und Anmut ergänzen sich wunderbar.

Würde hilft dir dabei, deine Grenzen und Werte ernst zu nehmen. Anmut sorgt für mich dafür, dass daraus nicht automatisch Härte wird.

Du kannst für dich einstehen, ohne laut werden zu müssen. Du kannst klar sein, ohne jede Auseinandersetzung zum Kampfplatz zu machen, und du musst dich auch nicht endlos erklären, damit jemand deine Entscheidung endlich gutheißt.

Das gelingt natürlich nicht immer. Manchmal sind wir wütend, manchmal verletzt und manchmal würden wir dem Gegenüber am liebsten unsere ganze Klarheit mitsamt Gebrauchsanweisung um die Ohren knallen.

Auch das gehört dazu, zumindest für mich.

Für mich geht es nicht darum, Würde besonders elegant vorzuführen, sondern darum, mich selbst dabei nicht wieder zu verlassen.

Wie knüpft man wieder daran an?

Ich finde diese Frage viel interessanter als die theoretische Definition von Würde.

Denn viele Menschen spüren sehr genau, dass sie an bestimmten Stellen etwas von sich verloren haben, wissen aber nicht, wie sie wieder daran anknüpfen sollen.

Das passiert selten durch eine einzige große Entscheidung. Meist beginnt es in viel kleineren Situationen.

Du sagst dieses Mal wirklich Nein. Du sprichst etwas aus, das du sonst geschluckt hättest. Oder du lässt ein Gespräch bleiben, bei dem du schon vorher weißt, es wird sich nur im Kreis wieder gedreht.

Mit solchen Entscheidungen verändert sich schrittweise etwas in der Art, wie du mit dir selbst umgehst.

Nicht jeden Tag gleich und garantiert nicht in einer schönen geraden Linie. Manchmal klappt es wunderbar und beim nächsten Mal merkst du hinterher: Ach Mist, da war ich wieder schneller angepasst, als ich schauen konnte.

Dann weißt du wenigstens, wo du beim nächsten Mal genauer hinschauen möchtest.

Vielleicht beginnt Würde genau hier

Vielleicht ist die wichtigste Frage gar nicht, was Würde theoretisch bedeutet. Sie beginnt sie viel einfacher – mit der Frage: Wo verlasse ich mich selbst?

Wo sage ich Ja, obwohl alles in mir Nein sagt? Wo mache ich mich kleiner, damit es für andere bequemer ist? Wo schweige ich, obwohl meine Wahrheit längst da ist?

Würde beginnt oft genau in dem Moment, in dem du das bemerkst. Still, klar und einfach mit dem Gefühl: Bis hierher. Und nicht weiter.

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Wenn das Leben wieder anklopft…

Wenn das Leben wieder anklopft…

Wenn das Leben wieder anklopft … 

… ist es nicht automatisch gegen dich

Manchmal stehst du mitten im Leben und es erwischt dich schon wieder. Nicht, weil du zu wenig positiv warst oder einen geheimen Fehler eingebaut hast, sondern weil etwas auftaucht, das sich verdammt persönlich anfühlt. Leid, Krankheit, Stress oder ein Konflikt, den du schon wieder vor der Nase hast, und sofort kommt die Frage: Warum passiert mir das denn schon wieder, was stimmt denn nicht mit mir?

Genau an dieser Stelle entsteht oft noch etwas Zweites. In der buddhistischen Lehre gibt es dafür das Bild vom zweiten Pfeil. Der erste Pfeil ist das, was passiert ist. Der zweite kommt dazu, wenn du innerlich dagegen ankämpfst, dich selbst beschuldigst oder mit der Realität diskutierst, als wäre sie ein Vertragspartner, der sich gefälligst an die Abmachung halten sollte.

Das Ereignis selbst wird dadurch nicht kleiner, aber du hast plötzlich zwei Baustellen gleichzeitig.

Dein Verstand liebt Schuld, weil sie Ordnung verspricht

Schuld kann sich im ersten Moment (fast) beruhigend anfühlen. Wenn jemand schuld ist, gibt es wenigstens eine Erklärung, und wenn du selbst schuld bist, entsteht schnell die Vorstellung, dass du es beim nächsten Mal verhindern kannst.

Das Problem daran ist nur, dass Schuld oft überhaupt nichts löst. Du kannst dich selbst jahrelang dafür zusammenfalten, dass du etwas nicht früher gesehen oder anders gemacht hast, und trotzdem wird die Vergangenheit keinen Millimeter höflicher.

Genauso bringt es wenig, den anderen innerlich hundertmal vor Gericht zu stellen, wenn du dabei selbst in derselben Geschichte hängenbleibst.

Ich finde es hilfreicher, aus dieser ewigen Schuldfrage auszusteigen und zu schauen, was jetzt tatsächlich da ist. Das ist meistens schon anspruchsvoll genug und ich spreche da aus unzähligen Erfahrungen.

Wiederholung heißt nicht automatisch, dass du nichts gelernt hast

Viele Menschen denken sofort, wenn ein Thema wieder auftaucht: Na toll, ich dachte, ich wäre da längst durch.

Ich kenne diesen Satz gut und schmunzle, während ich hier schreibe.

Nur weil etwas wiederkommt, heißt das für mich nicht automatisch, dass du nichts verstanden hast. Manchmal hast du etwas längst erkannt, aber noch nicht gelebt. Du kannst wissen, dass du klarer werden möchtest, Grenzen setzen willst oder dich nicht mehr wiederholt anpassen möchtest, und trotzdem merkst du erst in einer konkreten Situation, ob dieses Wissen auch trägt.

Das Leben interessiert sich dabei erstaunlich wenig für deine PowerPoint, dein Tagebuch oder dein Journaling. Da kannst du die schönste Erkenntnis aufschreiben, und drei Tage später steht jemand vor dir und drückt genau auf den Knopf, von dem du dachtest, der sei inzwischen abmontiert.

Dann zeigt sich, was wirklich schon anders geworden ist.

Ein Beispiel aus einer Begleitung

Genau eine solche Situation hatte ich in einer 1:1‑Begleitung. Bei einer Frau kam plötzlich wieder das Thema auf, dass sie sich bei einer Arbeitsstelle vorstellen sollte, und sie war komplett im Widerstand. Nicht ein kleines „Och nö“, sondern dieser richtige innere Protest: Warum passiert mir das schon wieder? Ich will da nicht hin, ich will doch gar keine neue Stelle.

Da war deutlich zu sehen, wie unterschiedlich Erkenntnis und tatsächliches Tun sein können.

Im Kopf war vieles längst klar. Nur in dem Moment, in dem es konkret wurde, meldete sich der alte Reflex zurück. Weg damit, bloß nicht hin, bitte ’ne andere Lösung.

Solche Reaktionen können sehr körperlich sein. Du merkst vielleicht, wie sich alles zusammenzieht, der Impuls zum Rückzug kommt oder du am liebsten sofort einen Grund finden möchtest, warum das jetzt wirklich keine gute Idee ist.

Für mich beginnt Veränderung genau an solchen Stellen. Nicht deshalb, weil du dich mit Gewalt zu etwas zwingen sollst, sondern weil du plötzlich merkst: Aha, da ist er wieder, mein altes Verhalten.

Dann kannst du entscheiden, ob du ihm automatisch folgst oder diesmal etwas anderes ausprobierst.

Bei ihr war das sehr deutlich. Sie wusste im Grunde, dass es um Klarheit ging und darum, sich zu positionieren. Nur darüber nachzudenken hatte sie bereits ausführlich erledigt. Jetzt kam der Teil, den der Kopf meistens wesentlich weniger charmant findet.

Andiamo.

Widerstand macht eine schwierige Situation oft noch anstrengender

Ich würde heute nicht mehr sagen, dass das Leben nie das Problem ist und nur unser Widerstand dagegen. Manche Dinge sind schlicht schmerzhaft, belastend oder richtig beschissen, und die werden nicht plötzlich angenehm, nur weil du sie annimmst.

Aber es macht einen Unterschied, ob du mit einer schwierigen Situation umgehst oder zusätzlich ständig dagegen ankämpfst, dass sie überhaupt existiert.

Wenn du aufhörst, dich innerlich mit der Tatsache zu streiten, dass etwas gerade so ist, wie es ist, wird die Situation nicht automatisch leicht. Du hast nur noch Kraft dafür übrig, dich mit dem zu beschäftigen, was du tatsächlich beeinflussen kannst.

Das ist für mich inzwischen ein gewaltiger Unterschied.

„Du erschaffst deine Realität“ ist nicht ganz falsch

Mit dem Satz „Du erschaffst deine Realität“ kann ich trotzdem etwas anfangen, nur eben nicht in dieser platten Form, in der einem bei jeder Krise erklärt wird, man habe sie sich halt irgendwie selbst manifestiert.

Dafür ist das Leben zu komplex.

Aber wenn ich auf meine eigene Krise zurückschaue, sehe ich schon sehr deutlich, dass mein Verhalten mit dazu beigetragen hat, wie mein Leben damals aussah. Ich habe viel kontrolliert, mich in meiner Beziehung zurückgehalten und auch in Freundschaften Dinge nicht ausgesprochen, obwohl sie längst in mir gearbeitet haben. Ich habe versucht, vieles zusammenzuhalten, statt ehrlich anzuschauen, was nicht mehr gepasst hat.

Und genau dieses Konstrukt ist mir dann gewaltig um die Ohren geflogen.

Heute würde ich deshalb nicht sagen, dass ich mir meine Krise „erschaffen“ habe, als hätte ich falsch gedacht und dafür die Quittung bekommen. Aber ich sehe sehr wohl, dass ich durch meine Art, mit Situationen umzugehen, bestimmte Entwicklungen mitgestaltet habe.

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Denn wenn ich anerkenne, dass mein Verhalten etwas mit meinem Leben macht, habe ich auch wieder Handlungsspielraum. Dann kann ich schauen, wo ich mich zurückhalte, wo ich kontrolliere, wo ich etwas längst weiß und trotzdem nicht danach handle.

Aus Erkenntnis verändert sich tatsächlich etwas

Es gibt diese Momente, in denen du sehr genau weißt, was du willst, aber bis jetzt nicht bereit bist, die Konsequenzen davon zu tragen.

Du möchtest klarer sein, aber keiner soll deswegen enttäuscht sein. Du möchtest Nein sagen, aber der andere soll es bitte vollkommen verständnisvoll aufnehmen. Du möchtest dich verändern, aber am besten so, dass sich im Außen nichts verschiebt.

Wäre praktisch. Funktioniert nur nicht, kann ich dir in vielen Beispielen sagen.

Wenn du beginnst, etwas wirklich zu leben, kann es kurz oder auch länger unbequem werden. Dein Nervensystem  fühlt sich mit der alten Reaktion vertrauter an. Vielleicht zweifelst du danach an dir oder hast sofort das Bedürfnis, alles wieder zurückzunehmen.

Trotzdem kann genau darin etwas Neues entstehen. Nicht in dem Sinn, dass du jetzt jedes Mal heldenhaft über deine Angst hinwegmarschierst, sondern weil du erfährst, dass du auch anders reagieren kannst als bisher.

Dann wird aus „Ich müsste eigentlich“ langsam etwas, das wirklich zu deinem Leben gehört.

Finito

Wenn das Leben also wieder anklopft, würde ich heute nicht als Erstes fragen: Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht mit mir?

Mich interessiert eher, ob da etwas auftaucht, das ich schon kenne, aber bisher immer nur verstanden habe. Vielleicht geht es diesmal gar nicht um die nächste große Erkenntnis, sondern darum, etwas anders zu tun als bisher.

Und manchmal ist der nächste Schritt ziemlich unspektakulär. Ein Gespräch führen. Zu einem Termin gehen. Eine Grenze aussprechen. Nicht sofort wieder zurückrudern, nur weil jemand das neue Verhalten nicht besonders praktisch findet.

Das Leben muss daraus kein großes spirituelles Theater machen. Wir übernehmen diesen Part meistens ohnehin zuverlässig selbst.

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