Die Würde des Menschen
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Wirklich?
Es gibt einen Satz, den hier in Deutschland fast jeder kennt. Du ganz sicher auch. Er steht ganz am Anfang unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Ein großer Satz, den man schnell zitiert, wenn es um Menschlichkeit, Rechte oder Gerechtigkeit geht. Wir nicken dann meistens zustimmend, und trotzdem bleibt für mich eine ziemlich einfache Frage: Was ist Würde wirklich?
Ich meine jetzt nicht philosophisch und auch nicht aus einem Lexikon, sondern ganz persönlich für dich.
Bevor du weiterliest, kannst du dir ruhig einen Moment nehmen und ein paar Gedanken dazu aufschreiben. Woran erkennst du Würde? Wie fühlt sie sich für dich an? Und wann hast du sie bei dir selbst schon einmal gespürt? Zwei, drei oder vier Gedanken reichen völlig, wir müssen daraus ja keine Doktorarbeit machen.
Als dieses Wort plötzlich im Raum stand
Vor ein paar Jahren habe ich ein Frauenseminar in Augsburg gehalten, und wenn du dabei warst, kannst du dich wahrscheinlich noch erinnern. Mitten im Gespräch mit der geistigen Welt tauchte plötzlich dieses Wort auf: Würde.
Es stand auf einmal im Raum, und ich weiß noch genau, wie die Frauen geschaut haben. Nicht ablehnend, eher etwas ratlos. „Würde“ klingt wichtig, groß und irgendwie auch nach einem Wort, das man eher in einer Sonntagsrede erwartet als mitten im eigenen Alltag.
Einige wussten damit tatsächlich erst einmal wenig anzufangen.
Würde ist nichts Abstraktes
Dabei begegnet uns Würde ständig. Oder besser gesagt: Wir merken ziemlich schnell, wenn sie fehlt.
Wenn ein Mensch nur noch nach Leistung beurteilt wird, wenn über ihn hinwegentschieden wird oder wenn er sich selbst so lange zurücknimmt, bis kaum noch etwas von dem übrig ist, was ihm wichtig ist.
Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch über Würde, dass sie dort verletzt wird, wo Menschen zum Objekt gemacht werden und nur noch funktionieren oder Erwartungen erfüllen sollen, um Anerkennung zu bekommen. Wenn ich mich umschaue, finde ich dafür leider genügend Beispiele.
Gerade bei Frauen sehe ich oft, wie selbstverständlich Anpassung geworden ist. Da wird ausgehalten, zurückgesteckt und Ja gesagt, obwohl innerlich längst ein Nein da ist, weil Harmonie wichtiger ist, weil man dazugehören möchte oder gelernt hat, dass es einfacher ist, sich selbst ein Stück zurückzunehmen.
„Ist ja nicht so schlimm.“
So fängt übrigens vieles an.
Der Moment, in dem du dich selbst verlässt
Wir brauchen keine großen gesellschaftlichen Ereignisse, um über Würde nachzudenken. Sie zeigt sich oft in kleinen Situationen, in denen du etwas mitmachst, obwohl es sich für dich nicht richtig anfühlt, oder du schweigst, obwohl du längst etwas sagen möchtest.
Viele merken gar nicht, wenn sie sich dabei selbst verlassen, weil es nicht mit großem Knall passiert. Es schleicht sich eher ein.
Du machst noch einmal was mit, obwohl du keine Lust hast. Du sagst nichts, damit kein Streit entsteht. Du lässt etwas durchgehen, weil du denkst, so schlimm sei es nun auch wieder nicht.
Wenn das häufig genug passiert, kann äußerlich alles wunderbar funktionieren und sich innerlich trotzdem etwas zunehmend schief anfühlen.
Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.
Es gibt einen Satz, den ich irgendwann einmal gehört oder gelesen habe und der mir sofort hängen geblieben ist:
Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.
Ich mag diesen Satz, weil er unbequem ist.
Denn natürlich verkaufen wir im Alltag ständig etwas: unsere Zeit, unsere Arbeitskraft, unsere Ideen. Das gehört zum Leben. Schwierig wird es für mich dort, wo wir anfangen, auch unsere Werte, unsere Grenzen oder uns selbst mit auf den Tresen zu legen.
Dann stellt sich die Frage, was ich bereit bin, herzugeben, damit ich Anerkennung bekomme, dazugehören darf, Harmonie bleibt oder meine Sicherheit nicht ins Wanken gerät.
Würde ist für mich genau an diesem Punkt spürbar. Da merke ich: Das mache ich nicht mehr mit. Nicht für Geld, nicht für Anerkennung und auch nicht dafür, dass bloß alle anderen zufrieden sind.
Wer diesen Punkt in sich kennt, lässt sich schwerer über Angst, Druck oder Zugehörigkeit steuern. Nicht vollkommen, wir sind schließlich Menschen und keine unbestechlichen Felsbrocken. Aber es verändert etwas, wenn du weißt, was für dich nicht verhandelbar ist.
Das gilt in Beziehungen genauso wie am Arbeitsplatz, bei Werbung, Social Media oder im ganz normalen Familienwahnsinn.
Dann fiel noch ein zweites Wort: Anmut
In diesem Seminar tauchte noch ein Wort auf, das viele fast noch mehr irritiert hat: Anmut.
Ach, was liebe ich solche alten Wörter.
Die meisten denken bei Anmut zuerst an etwas Äußerliches, an Eleganz, Schönheit oder eine Frau, die besonders graziös durch den Raum schwebt und wahrscheinlich noch nicht einmal mit dem kleinen Zeh irgendwo dagegenläuft.
Für mich hat Anmut damit wenig zu tun.
Ich verbinde sie eher mit einer inneren Ruhe, die entsteht, wenn du nicht ständig kämpfen oder etwas beweisen musst. Wenn du Nein sagen kannst, ohne daraus sofort einen Feldzug zu machen, und klar bleibst, ohne den anderen niederbügeln zu müssen.
Das ist meine Vorstellung von Anmut: keine Rolle und kein besonders gepflegtes Auftreten, sondern eine Haltung.
Wenn Würde und Anmut zusammenkommen
Ich finde, Würde und Anmut ergänzen sich wunderbar.
Würde hilft dir dabei, deine Grenzen und Werte ernst zu nehmen. Anmut sorgt für mich dafür, dass daraus nicht automatisch Härte wird.
Du kannst für dich einstehen, ohne laut werden zu müssen. Du kannst klar sein, ohne jede Auseinandersetzung zum Kampfplatz zu machen, und du musst dich auch nicht endlos erklären, damit jemand deine Entscheidung endlich gutheißt.
Das gelingt natürlich nicht immer. Manchmal sind wir wütend, manchmal verletzt und manchmal würden wir dem Gegenüber am liebsten unsere ganze Klarheit mitsamt Gebrauchsanweisung um die Ohren knallen.
Auch das gehört dazu, zumindest für mich.
Für mich geht es nicht darum, Würde besonders elegant vorzuführen, sondern darum, mich selbst dabei nicht wieder zu verlassen.
Wie knüpft man wieder daran an?
Ich finde diese Frage viel interessanter als die theoretische Definition von Würde.
Denn viele Menschen spüren sehr genau, dass sie an bestimmten Stellen etwas von sich verloren haben, wissen aber nicht, wie sie wieder daran anknüpfen sollen.
Das passiert selten durch eine einzige große Entscheidung. Meist beginnt es in viel kleineren Situationen.
Du sagst dieses Mal wirklich Nein. Du sprichst etwas aus, das du sonst geschluckt hättest. Oder du lässt ein Gespräch bleiben, bei dem du schon vorher weißt, es wird sich nur im Kreis wieder gedreht.
Mit solchen Entscheidungen verändert sich schrittweise etwas in der Art, wie du mit dir selbst umgehst.
Nicht jeden Tag gleich und garantiert nicht in einer schönen geraden Linie. Manchmal klappt es wunderbar und beim nächsten Mal merkst du hinterher: Ach Mist, da war ich wieder schneller angepasst, als ich schauen konnte.
Dann weißt du wenigstens, wo du beim nächsten Mal genauer hinschauen möchtest.
Vielleicht beginnt Würde genau hier
Vielleicht ist die wichtigste Frage gar nicht, was Würde theoretisch bedeutet. Sie beginnt sie viel einfacher – mit der Frage: Wo verlasse ich mich selbst?
Wo sage ich Ja, obwohl alles in mir Nein sagt? Wo mache ich mich kleiner, damit es für andere bequemer ist? Wo schweige ich, obwohl meine Wahrheit längst da ist?
Würde beginnt oft genau in dem Moment, in dem du das bemerkst. Still, klar und einfach mit dem Gefühl: Bis hierher. Und nicht weiter.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst