Wenn das Leben wieder anklopft…

Wenn das Leben wieder anklopft…

Wenn das Leben wieder anklopft … 

… ist es nicht automatisch gegen dich

Manchmal stehst du mitten im Leben und es erwischt dich schon wieder. Nicht, weil du zu wenig positiv warst oder einen geheimen Fehler eingebaut hast, sondern weil etwas auftaucht, das sich verdammt persönlich anfühlt. Leid, Krankheit, Stress oder ein Konflikt, den du schon wieder vor der Nase hast, und sofort kommt die Frage: Warum passiert mir das denn schon wieder, was stimmt denn nicht mit mir?

Genau an dieser Stelle entsteht oft noch etwas Zweites. In der buddhistischen Lehre gibt es dafür das Bild vom zweiten Pfeil. Der erste Pfeil ist das, was passiert ist. Der zweite kommt dazu, wenn du innerlich dagegen ankämpfst, dich selbst beschuldigst oder mit der Realität diskutierst, als wäre sie ein Vertragspartner, der sich gefälligst an die Abmachung halten sollte.

Das Ereignis selbst wird dadurch nicht kleiner, aber du hast plötzlich zwei Baustellen gleichzeitig.

Dein Verstand liebt Schuld, weil sie Ordnung verspricht

Schuld kann sich im ersten Moment (fast) beruhigend anfühlen. Wenn jemand schuld ist, gibt es wenigstens eine Erklärung, und wenn du selbst schuld bist, entsteht schnell die Vorstellung, dass du es beim nächsten Mal verhindern kannst.

Das Problem daran ist nur, dass Schuld oft überhaupt nichts löst. Du kannst dich selbst jahrelang dafür zusammenfalten, dass du etwas nicht früher gesehen oder anders gemacht hast, und trotzdem wird die Vergangenheit keinen Millimeter höflicher.

Genauso bringt es wenig, den anderen innerlich hundertmal vor Gericht zu stellen, wenn du dabei selbst in derselben Geschichte hängenbleibst.

Ich finde es hilfreicher, aus dieser ewigen Schuldfrage auszusteigen und zu schauen, was jetzt tatsächlich da ist. Das ist meistens schon anspruchsvoll genug und ich spreche da aus unzähligen Erfahrungen.

Wiederholung heißt nicht automatisch, dass du nichts gelernt hast

Viele Menschen denken sofort, wenn ein Thema wieder auftaucht: Na toll, ich dachte, ich wäre da längst durch.

Ich kenne diesen Satz gut und schmunzle, während ich hier schreibe.

Nur weil etwas wiederkommt, heißt das für mich nicht automatisch, dass du nichts verstanden hast. Manchmal hast du etwas längst erkannt, aber noch nicht gelebt. Du kannst wissen, dass du klarer werden möchtest, Grenzen setzen willst oder dich nicht mehr wiederholt anpassen möchtest, und trotzdem merkst du erst in einer konkreten Situation, ob dieses Wissen auch trägt.

Das Leben interessiert sich dabei erstaunlich wenig für deine PowerPoint, dein Tagebuch oder dein Journaling. Da kannst du die schönste Erkenntnis aufschreiben, und drei Tage später steht jemand vor dir und drückt genau auf den Knopf, von dem du dachtest, der sei inzwischen abmontiert.

Dann zeigt sich, was wirklich schon anders geworden ist.

Ein Beispiel aus einer Begleitung

Genau eine solche Situation hatte ich in einer 1:1‑Begleitung. Bei einer Frau kam plötzlich wieder das Thema auf, dass sie sich bei einer Arbeitsstelle vorstellen sollte, und sie war komplett im Widerstand. Nicht ein kleines „Och nö“, sondern dieser richtige innere Protest: Warum passiert mir das schon wieder? Ich will da nicht hin, ich will doch gar keine neue Stelle.

Da war deutlich zu sehen, wie unterschiedlich Erkenntnis und tatsächliches Tun sein können.

Im Kopf war vieles längst klar. Nur in dem Moment, in dem es konkret wurde, meldete sich der alte Reflex zurück. Weg damit, bloß nicht hin, bitte ’ne andere Lösung.

Solche Reaktionen können sehr körperlich sein. Du merkst vielleicht, wie sich alles zusammenzieht, der Impuls zum Rückzug kommt oder du am liebsten sofort einen Grund finden möchtest, warum das jetzt wirklich keine gute Idee ist.

Für mich beginnt Veränderung genau an solchen Stellen. Nicht deshalb, weil du dich mit Gewalt zu etwas zwingen sollst, sondern weil du plötzlich merkst: Aha, da ist er wieder, mein altes Verhalten.

Dann kannst du entscheiden, ob du ihm automatisch folgst oder diesmal etwas anderes ausprobierst.

Bei ihr war das sehr deutlich. Sie wusste im Grunde, dass es um Klarheit ging und darum, sich zu positionieren. Nur darüber nachzudenken hatte sie bereits ausführlich erledigt. Jetzt kam der Teil, den der Kopf meistens wesentlich weniger charmant findet.

Andiamo.

Widerstand macht eine schwierige Situation oft noch anstrengender

Ich würde heute nicht mehr sagen, dass das Leben nie das Problem ist und nur unser Widerstand dagegen. Manche Dinge sind schlicht schmerzhaft, belastend oder richtig beschissen, und die werden nicht plötzlich angenehm, nur weil du sie annimmst.

Aber es macht einen Unterschied, ob du mit einer schwierigen Situation umgehst oder zusätzlich ständig dagegen ankämpfst, dass sie überhaupt existiert.

Wenn du aufhörst, dich innerlich mit der Tatsache zu streiten, dass etwas gerade so ist, wie es ist, wird die Situation nicht automatisch leicht. Du hast nur noch Kraft dafür übrig, dich mit dem zu beschäftigen, was du tatsächlich beeinflussen kannst.

Das ist für mich inzwischen ein gewaltiger Unterschied.

„Du erschaffst deine Realität“ ist nicht ganz falsch

Mit dem Satz „Du erschaffst deine Realität“ kann ich trotzdem etwas anfangen, nur eben nicht in dieser platten Form, in der einem bei jeder Krise erklärt wird, man habe sie sich halt irgendwie selbst manifestiert.

Dafür ist das Leben zu komplex.

Aber wenn ich auf meine eigene Krise zurückschaue, sehe ich schon sehr deutlich, dass mein Verhalten mit dazu beigetragen hat, wie mein Leben damals aussah. Ich habe viel kontrolliert, mich in meiner Beziehung zurückgehalten und auch in Freundschaften Dinge nicht ausgesprochen, obwohl sie längst in mir gearbeitet haben. Ich habe versucht, vieles zusammenzuhalten, statt ehrlich anzuschauen, was nicht mehr gepasst hat.

Und genau dieses Konstrukt ist mir dann gewaltig um die Ohren geflogen.

Heute würde ich deshalb nicht sagen, dass ich mir meine Krise „erschaffen“ habe, als hätte ich falsch gedacht und dafür die Quittung bekommen. Aber ich sehe sehr wohl, dass ich durch meine Art, mit Situationen umzugehen, bestimmte Entwicklungen mitgestaltet habe.

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Denn wenn ich anerkenne, dass mein Verhalten etwas mit meinem Leben macht, habe ich auch wieder Handlungsspielraum. Dann kann ich schauen, wo ich mich zurückhalte, wo ich kontrolliere, wo ich etwas längst weiß und trotzdem nicht danach handle.

Aus Erkenntnis verändert sich tatsächlich etwas

Es gibt diese Momente, in denen du sehr genau weißt, was du willst, aber bis jetzt nicht bereit bist, die Konsequenzen davon zu tragen.

Du möchtest klarer sein, aber keiner soll deswegen enttäuscht sein. Du möchtest Nein sagen, aber der andere soll es bitte vollkommen verständnisvoll aufnehmen. Du möchtest dich verändern, aber am besten so, dass sich im Außen nichts verschiebt.

Wäre praktisch. Funktioniert nur nicht, kann ich dir in vielen Beispielen sagen.

Wenn du beginnst, etwas wirklich zu leben, kann es kurz oder auch länger unbequem werden. Dein Nervensystem  fühlt sich mit der alten Reaktion vertrauter an. Vielleicht zweifelst du danach an dir oder hast sofort das Bedürfnis, alles wieder zurückzunehmen.

Trotzdem kann genau darin etwas Neues entstehen. Nicht in dem Sinn, dass du jetzt jedes Mal heldenhaft über deine Angst hinwegmarschierst, sondern weil du erfährst, dass du auch anders reagieren kannst als bisher.

Dann wird aus „Ich müsste eigentlich“ langsam etwas, das wirklich zu deinem Leben gehört.

Finito

Wenn das Leben also wieder anklopft, würde ich heute nicht als Erstes fragen: Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht mit mir?

Mich interessiert eher, ob da etwas auftaucht, das ich schon kenne, aber bisher immer nur verstanden habe. Vielleicht geht es diesmal gar nicht um die nächste große Erkenntnis, sondern darum, etwas anders zu tun als bisher.

Und manchmal ist der nächste Schritt ziemlich unspektakulär. Ein Gespräch führen. Zu einem Termin gehen. Eine Grenze aussprechen. Nicht sofort wieder zurückrudern, nur weil jemand das neue Verhalten nicht besonders praktisch findet.

Das Leben muss daraus kein großes spirituelles Theater machen. Wir übernehmen diesen Part meistens ohnehin zuverlässig selbst.

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