Du denkst dich nicht frei

Du denkst dich nicht frei

Du denkst dich nicht frei

Aber du kannst aufhören, deine Gedankenschleifen ständig abzuspulen

Es gibt auf dem inneren Weg ein Missverständnis, das sich hartnäckiger hält als Fußpilz in der Sauna oder im städtischen Hallenbad: die Idee, dass Denken uns automatisch näher an die Wahrheit bringt.

Wir sind so trainiert und haben schließlich gelernt, Probleme im Kopf zu lösen. Wir analysieren, sortieren, verstehen und machen aus allem möglichst schnell ein Konzept. Für viele Dinge im Alltag ist das auch ausgesprochen praktisch, zum Beispiel damit du dir morgens deinen Kaffee machen kannst, ohne dabei einen kleinen Staatsakt daraus zu machen.

Nur wenn es nach innen geht, kippt das Ganze gern. Dann strengst du dich immer mehr an, denkst noch eine Runde und noch eine, zappelst innerlich in der Gegend herum und trotzdem bringt dich nichts wirklich weiter. Statt Klarheit zu bekommen, schmeißt du deine eigene Nebelmaschine an und wunderst dich, warum du nichts mehr siehst.
Wenn du dieses schöne Kopfkarussell kennst, passt dazu auch mein Beitrag „Ich lass das mal auf mich wirken“. Da geht es genau um den Unterschied zwischen Fühlen und darüber Nachdenken.

Der Kopf ist beschäftigt und du kommst trotzdem nicht vom Fleck

Wenn du ehrlich hinschaust, merkst du relativ schnell, dass du tagsüber gar nicht so wahnsinnig viel Neues denkst. Es ist eher, als würdest du jeden Tag dieselbe Serie auf Netflix laufen lassen, mit bekannten Dialogen, alten Cliffhangern und einer Stimmung, bei der du eigentlich längst weißt, wie die nächste Folge endet.

Alte Geschichten, Bewertungen und Sorgen tauchen immer wieder auf, und bei Menschen funktioniert das oft ähnlich. Wir besetzen bekannte Rollen mit neuen Personen. Die neue Partnerin soll plötzlich etwas heilen, was die Mutter früher nicht geben konnte, die Freundin erinnert an die Schwester, und der neue Chef wird zum nächsten Kapitel einer Geschichte, die schon lange vor ihm begonnen hat. Die Personen wechseln, aber Teile des Drehbuchs bleiben erstaunlich vertraut.

Das Verrückte daran ist, dass sich dieses Kreisen trotzdem immer wieder wichtig anfühlt. Als würden wir gerade etwas grundlegend Neues erkennen, obwohl wir eigentlich nur die alten Kamellen in einer anderen Verpackung durch den Kopf schieben.

Beschäftigt zu sein, kann dabei eine ausgesprochen elegante Möglichkeit sein, nicht wirklich bei sich anzukommen und nicht zu spüren, was gerade eigentlich da ist.

Denken kann eine Schutzstrategie sein

Warum denken wir so viel? Weil Denken auch schützen kann.

Wenn ein Gefühl unangenehm wird, der Druck im Brustkorb steigt, sich der Hals eng anfühlt oder dieses leise Wissen auftaucht, dass du längst verstanden hast, was jetzt dran wäre, kann der Kopf sofort anfangen zu arbeiten. Er liefert Erklärungen, Gründe, Gegenargumente und im Zweifel auch noch eine PowerPoint-Präsentation dazu, warum jetzt wirklich alles ganz anders ist.

Das heißt nicht, dass Denken grundsätzlich Flucht ist. Aber es kann eine werden.

Unsere Welt macht es uns dabei auch nicht gerade schwer. Handy, Nachrichten, Gruppen, Serien, Podcasts – irgendein Input läuft fast immer, und während außen die Dauerbeschallung stattfindet, kommentiert innen der Kopf munter weiter. So richtig Feierabend ist da selten.

Das Biotop und die Geschichte, die der Kopf daraus macht

Ich begleite Menschen auf ihrem inneren Weg, und manchmal zeigt sich dieser Mechanismus so deutlich, dass ich gleichzeitig fasziniert bin und denke: Madre mio.

Ein Mann, sehr ergebnisorientiert, präzise und gewohnt, Situationen zu analysieren, war in einer Beziehung mit einer Frau, die wesentlich stärker den Weg selbst als Teil des Lebens verstand. Zwei ziemlich unterschiedliche Haltungen.

Nach einer längeren Reflexion teilte er mir sein Ergebnis mit, und „Ergebnis“ trifft es hier wirklich gut.

Er sagte, er habe mit seiner Frau ein Biotop gehabt. In dieses Biotop habe er immer wieder Pflanzen gesetzt, und seine Frau hätte die Aufgabe gehabt, sie zu gießen. Sie habe das nicht getan, und deshalb sei die Beziehung gescheitert.

Er erzählte das ruhig, fast zufrieden. Die Sache war für ihn durchdacht, eingeordnet und damit erledigt.

Als ich ihn darauf ansprach, was sein eigener Anteil in dieser Beziehung gewesen sein könnte, was er vielleicht nicht gegeben, nicht gesehen oder nicht wahrgenommen hatte, wurde er spürbar abweisender. Für ihn war die Angelegenheit längst geklärt, schließlich hatte er ja darüber nachgedacht.

Genau daran sieht man für mich wunderbar, wie überzeugend der Kopf eine Geschichte bauen kann. Sie kann logisch wirken, vollständig und sauber sortiert sein und uns gleichzeitig davor bewahren, uns mit dem Teil zu beschäftigen, der unangenehm werden könnte.

In seinem Fall hatte das Biotop eine wunderbare Erklärung geliefert. Die Pflanzen waren da, die Frau hatte nicht gegossen, Fall abgeschlossen. Nur Beziehungen funktionieren nun mal selten nach dem Prinzip einer Gartenpflegeanleitung.

Nicht jeder Gedanke ist gleich

Ich nenne einen Teil unseres Denkens gern den geistigen Schaum auf dem Kaffee. Der ist da, bewegt sich etwas herum und verschwindet auch wieder, wenn du ihn nicht ständig umrührst.

Andere Gedanken fühlen sich ganz anders an. Da hängt Spannung dran, du merkst körperlich, wie sehr dich etwas beschäftigt, und der Kopf hört nicht auf, dieselbe Sache durchzukauen.

Dann lohnt es sich schon, genauer hinzuschauen. Nicht deshalb, weil jeder hartnäckige Gedanke eine große Wahrheit enthalten muss, sondern weil hinter diesem inneren Kreisen manchmal ein Konflikt steckt, den du gedanklich nicht lösen kannst.

Vielleicht willst du eine Entscheidung nicht treffen, obwohl du längst weißt, wohin es geht. Vielleicht willst du etwas nicht fühlen, weil es unangenehm wäre, oder du hältst an einer Erklärung fest, weil die Alternative bedeuten würde, deinen eigenen Anteil sehen zu müssen.

Der Kopf kann in solchen Momenten ein so erstaunlich kreativer Mitarbeiter sein.

Gedanken bekämpfen zu wollen, macht es nicht besser

Der nächste beliebte Versuch besteht darin, die Gedanken endlich loswerden zu wollen.

Dann wird meditiert, kontrolliert und innerlich aufgeräumt, bis aus dem ursprünglichen Gedankenproblem gleich das nächste Projekt entsteht: Ich muss stiller werden, ich darf nicht mehr so viel denken, ich muss besser meditieren.

Herzlichen Glückwunsch. Jetzt liegt der Perfektionismus mit Räucherstäbchen auf dem Tisch und sieht plötzlich sehr spirituell aus. Ommm.

Gedanken wegzudrücken, bringt mich persönlich nicht weiter. Interessanter ist für mich, überhaupt zu merken, wann ich mich gerade in einer Geschichte verstricke und wann Gedanken einfach kommen und wieder gehen.

Beim Biotop zum Beispiel wäre für mich die Frage gewesen, ob die Geschichte wirklich die ganze Beziehung erklärt oder ob sie nur eine sehr angenehme Ordnung geschaffen hat, in der einer pflanzt und der andere leider nicht ordentlich gießt.

Gedanken, die einfach vorbeiziehen, fühlen sich anders an. Eher wie Wolken am Himmel oder wie eine Fahrt im Cabrio auf einer schönen Landstraße, wo genug Platz drumherum ist und du nicht jedem Gedanken hinterherfahren musst, als wäre er die letzte Ausfahrt vor der Wahrheit.

Anhalten, bevor du die nächste Runde drehst

Das Einfachste ist für mich oft gleichzeitig das, was wir am wenigsten machen: kurz anhalten.

Du musst daraus keine große Übung machen. Es reicht erst einmal, wenn du merkst, dass du gerade schon wieder in derselben Schleife unterwegs bist, und innerlich kurz aussteigst.

Dann kannst du wahrnehmen, was außer den Gedanken noch da ist. Vielleicht Spannung im Körper, vielleicht Müdigkeit, Wut oder Angst. Vielleicht merkst du auch, dass du seit Stunden vor einem Bildschirm sitzt und dein Kopf schlicht überfüttert ist.

Dieser kurze Moment unterbricht etwas.

Nicht immer spektakulär, und auch nicht so, dass danach sämtliche Gedanken verschwunden wären. Aber du hängst wenigstens nicht automatisch schon in der nächsten Schlussfolgerung.

Viele Menschen finden genau diesen stilleren Moment zuerst ungewohnt, weil da plötzlich wieder der eigene Körper auftaucht, Gefühle spürbar werden und niemand mehr kommentiert, was das alles nun zu bedeuten hat.

Bei einem Kopf, der den ganzen Tag beschäftigt ist, kann das schon fast wirken wie: „Hä, und was mache ich jetzt mit mir?“

Mach es nicht perfekt

Wenn du bemerkst, dass du dich gerade wieder komplett im Denken verhedderst, brauchst du nicht sofort eine Methode.

Halte kurz inne, atme einmal bewusst aus und spüre, dass du überhaupt noch einen Körper hast. Füße, Bauch, Schultern, ganz egal. Du musst weder einen Herzensraum öffnen noch ein esoterisches Konstrukt aufbauen. Es ist ja alles schon da.

Und falls dein Kopf beim Lesen gerade schon sagt: „Super, verstanden, ab jetzt mache ich das perfekt“, kannst du ihm freundlich mitteilen, dass er genau damit schon wieder die nächste Runde eingeläutet hat und dir Druck machen will.
Und falls du dich fragst, warum sich dieses ständige Denken auch körperlich und innerlich wie Druck anfühlt: Darum geht es in „Innerer Druck“.

Mach es so, wie es gerade geht.

Wenn du beim nächsten Mal merkst, dass wieder dieselbe Folge läuft, halte für ein paar Sekunden an und schau, was wirklich da ist, bevor du automatisch weiterdenkst.

Mein Verstand ist dadurch übrigens nicht arbeitslos geworden. Er produziert weiterhin zuverlässig Material. Ich muss nur nicht mehr jedes davon für eine amtliche Mitteilung halten.

Ein Teil meiner Angebote

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Nein, das ist kein Aufruf zur Rebellion gegen Männer, nur gegen das alte Drehbuch, in dem Frauen dekorativ am Rand stehen.

Mich interessiert schon lange, wie oft Stärke mit Kontrolle verwechselt wird. Gerade bei Männern sehe ich immer wieder dieses alte Bild, dass jemand möglichst alles im Griff haben soll, viel leistet, Entscheidungen trifft, wenig Unsicherheit zeigt und nach außen so wirkt, als könne ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen.

Das kann sehr souverän aussehen. Gleichzeitig kann genau diese Haltung dazu führen, dass jemand immer weniger merkt, was in ihm selbst eigentlich los ist, weil Kontrolle wichtiger wird als Wahrnehmung.

Wenn alles überschaubar bleibt, der Alltag funktioniert und andere Menschen sich einigermaßen berechenbar verhalten, fühlt sich das schnell nach Sicherheit an. Schwieriger wird es, wenn jemand ins Leben kommt, der nicht automatisch mitzieht, seine eigene Meinung hat oder sich nicht daran orientiert, was für den anderen angenehm wäre. Dann zeigt sich oft viel deutlicher, wie stabil diese vermeintliche Sicherheit wirklich ist.

Kontrolle und Nähe passen nicht besonders gut zusammen

Viele Männer können sehr gut geben, Verantwortung übernehmen, organisieren oder Probleme lösen. Das ist ja auch eine Stärke. Herausfordernder wird es oft dort, wo es um Empfangen geht, um Sich-Zeigen oder darum, einmal nichts leisten und nichts steuern zu müssen.

Gerade Nähe macht sichtbar, wie viel Kontrolle ein Mensch braucht, um sich sicher zu fühlen.

Und nein, ich meine damit nicht nur Sex. Auch Sexualität kann sehr leistungsorientiert sein, wenn es um Eroberung, Bestätigung oder darum geht, etwas besonders gut zu machen. Dann kann körperlich sehr viel passieren und trotzdem wenig wirkliche Nähe entstehen.

Zärtlichkeit ist für mich etwas anderes, weil sie weniger mit Leistung zu tun hat. Da muss nichts bewiesen werden, und es muss auch nicht sofort etwas daraus entstehen. Genau das kann ungewohnt sein, wenn jemand gelernt hat, sich vor allem über Funktionieren, Stärke oder Kontrolle zu definieren.

Selbstständigkeit wird plötzlich unbequem wird

Ich höre immer wieder Männer sagen, dass sie selbstständige Frauen mögen. Das klingt ja im ersten Moment wunderbar, nur zeigt sich oft erst im Alltag, wie ernst das wirklich gemeint ist.

Eine Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft, nicht sofort reagiert, wenn der andere sich zurückzieht, und nicht automatisch die Aufgabe übernimmt, ihn emotional zu beruhigen, kann ziemlich unbequem werden.

Ein Mann sagte einmal über eine Frau: „Ich bewundere starke Frauen.“ Ein paar Wochen später hieß es über dieselbe Frau, mit ihr könne man überhaupt nicht diskutieren.

Da musste ich schon ziemlich grinsen.

Denn Stärke wird oft genau so lange attraktiv gefunden, wie sie die bestehende Ordnung nicht durcheinanderbringt. Wenn die Frau dann tatsächlich widerspricht, ihre eigene Richtung geht oder etwas nicht mitträgt, wird aus der bewunderten Stärke schnell etwas, das plötzlich als schwierig empfunden wird.

Führung ist etwas anderes als Dominanz

Ich erlebe häufig, dass Führung und Dominanz oft miteinander verwechselt werden, obwohl sie für mich etwas sehr Unterschiedliches sind.

Ein Mensch kann Orientierung geben, Verantwortung übernehmen oder eine Richtung vorschlagen, ohne den anderen kleiner zu machen. Das braucht keine Machtdemonstration.

Dominanz beginnt für mich eher dort, wo die eigene Position abgesichert werden soll und der andere sich dafür anpassen muss. Das zeigt sich oft gar nicht in großen Szenen, sondern viel subtiler, zum Beispiel in dieser Haltung von: Ich weiß schon, wie es richtig geht, und du solltest das besser auch einsehen.

Wenn der andere dann nicht mitzieht, kommen Rückzug, Abwertung oder Machtspiele ins Spiel. Dann geht es oft längst nicht mehr um die eigentliche Sache, sondern darum, die eigene Position nicht zu verlieren. 

Unsicherheit ist nicht das Gegenteil von Stärke

Ich finde einen Satz wie „Das macht mir gerade Angst und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll“ wesentlich stärker als jedes kontrollierte Schweigen.

Dafür muss man sich eingestehen, dass man gerade nicht alles im Griff hat.

Viele Männer haben genau das nie gelernt. Sie sollen stark sein, selbstbewusst, erfolgreich, verlässlich und gleichzeitig gefühlvoll, weich und präsent. Dass man bei all diesen Erwartungen nicht mehr genau weiß, was man selbst noch ist, wundert mich überhaupt nichts mehr.

Ich habe deshalb auch viel Verständnis dafür, dass manche Männer sich schwer damit tun, Unsicherheit zu zeigen. Nur wird es schwierig, wenn diese Unsicherheit komplett hinter Kontrolle verschwindet und dann andere Menschen den Preis dafür zahlen.

Dann wird aus einem inneren Problem schnell ein Beziehungsthema, wo keines ist.

Was ich unter Stärke verstehe

Für mich zeigt sich Stärke nicht darin, dass jemand immer alles im Griff hat. Ich empfinde es als viel stärker, wenn ein Mensch in einer unangenehmen Situation bleiben kann, ohne sofort zu flüchten, zu kontrollieren oder den anderen passend machen zu müssen.

Wenn ein Mann sagen kann, dass er gerade unsicher ist oder Angst hat, ohne gleichzeitig zu erwarten, dass die Frau dieses Gefühl für ihn wieder wegmacht, dann wirkt das auf mich sehr erwachsen.

Das bedeutet für mich nicht, dass Männer jetzt möglichst weich durchs Leben laufen oder ständig über ihre Gefühle sprechen müssen. Das hätten wir gleich wieder das nächste Rollenbild.

Mich interessiert viel mehr, ob jemand sich selbst aushält, auch dann, wenn er gerade nicht souverän wirkt. Wenn das möglich ist, braucht es viel weniger Kontrolle, und die Beziehung wird automatisch freier, weil nicht ständig einer versuchen muss, die Situation oder den anderen in eine bestimmte Richtung zu drücken.

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

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