Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren …

… wenn sie sich selbst nicht halten können.

Selbstregulation in Beziehungen ist ein Thema, über das kaum jemand wirklich ehrlich redet. Dabei passiert es dauernd und oft so selbstverständlich, dass wir es gar nicht bemerken.

Es gibt Dinge, die erst einmal nach Fürsorge und Mitteilen aussehen und trotzdem noch etwas anderes enthalten können. Dieses ständige Nachfragen zum Beispiel, das sofortige Einmischen, das dauernde Spüren, dass „da etwas ist“, dieses Helfenwollen, Kümmern, Deuten, Erklären und Draufspringen. Das wird schnell als aufmerksam, mitfühlend oder besonders feinfühlig beschrieben, und natürlich kann es genau das sein.

Es kann aber genauso passieren, dass ein Mensch die eigene innere Unruhe schlecht aushält und deshalb beim anderen andockt. Dann geht es gar nicht nur darum, wie es dem Gegenüber geht, sondern auch darum, dass im eigenen System etwas wieder ruhiger werden soll.

Das klingt nicht besonders schmeichelhaft, ich weiß. Trotzdem lohnt es sich, dass wir uns das mal genauer anschauen.

Was Regulation über andere bedeutet

Viele Menschen regulieren sich nicht ausschließlich in sich selbst, sondern stark über ihr Gegenüber. Über dessen Stimmung, Reaktion, Probleme, Blick oder Rückmeldung. Der andere bekommt dann eine Aufgabe, ohne dass beide jemals darüber gesprochen hätten.

Er soll beruhigen, bestätigen, reagieren, zuhören, dankbar sein, Hilfe annehmen oder wenigstens zeigen, dass das eigene Eingreifen sinnvoll war.

Das passiert meistens nicht bewusst. Niemand sitzt morgens beim Kaffee und beschließt: „Heute benutze ich mal meine Mitmenschen zur Stabilisierung meines Nervensystems.“ So läuft das natürlich nicht.

Trotzdem kann genau das entstehen.

Wenn ich meine eigene Unruhe nicht gut aushalte, wird der andere schnell interessant. Dann frage ich nach, kommentiere, warne, erkläre, helfe oder erzähle ausführlich, was ich alles schon gemacht habe. Oft in Wiederholungsschleifen. Hauptsache, dieses unangenehme Gefühl bleibt nicht einfach bei mir liegen.

Für mich ist das ein wichtiger Unterschied, weil nicht alles, was nach Kontakt aussieht, automatisch eine wirkliche Verbindung ist.

Sondern Regulation über den anderen.

Kümmern ist oft in Wahrheit Unruhe

Ich kenne so eine Situation aus meinen 1:1‑Begleitungen. Eine Frau beobachtet jemanden an ihrer Arbeitsstelle und hat den Eindruck, dass diese Person etwas gestresst wirkt. Sofort geht in ihr der eigene Film los: „Oh, die Arme, da stimmt bestimmt etwas nicht, die braucht sicher Zuspruch, ich sollte hingehen und etwas Nettes sagen.“

Nur weiß sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, ob die andere Frau Zuspruch möchte, ob tatsächlich etwas los ist oder ob sie einfach gerade konzentriert arbeitet und ihre Ruhe haben will.

Das Spannende passiert bei derjenigen, die beobachtet. Sie hält diese offene Situation kaum aus. Sie muss etwas tun, damit ihre eigene Spannung nachlässt.

Genau das meine ich.

Ruhige Wahrnehmung kann stehen lassen, kann etwas bemerken und trotzdem nicht sofort hineinfummeln. Wenn mich dagegen meine eigene Unruhe antreibt, muss möglichst schnell etwas passieren, weil ich dieses offene „Ich weiß es nicht“ nur schwer aushalte.

Der andere wird dann leicht zum Projekt, obwohl er möglicherweise überhaupt keines sein möchte.

Angst die sich als Fürsorge verkleidet

Ein anderes Beispiel hat sich mir ebenfalls sehr eingeprägt.

Ein Mann kam in einen Raum, in dem seine Frau saß. Sie hatte eine intensive gesundheitliche Geschichte hinter sich, und weil es sommerlich heiß war, waren die Fenster geöffnet.

Er sah die offenen Fenster und ging sofort emotional hoch. Die Fenster müssten zu, seine Frau bekäme sonst einen Zug, dann Kopfschmerzen und überhaupt.

Natürlich kann darin Sorge um seine Frau stecken. Gleichzeitig war aber deutlich spürbar, wie viel eigene Angst mit im Raum stand. Er brauchte, dass außen sofort etwas verändert wurde, damit es in ihm selbst wieder ruhiger werden konnte.

Genau dort kann Fürsorge anfangen, kontrollierend zu werden. Nicht, weil jemand bewusst Macht ausüben möchte, sondern weil die eigene Angst so laut geworden ist, dass plötzlich der ganze Raum darauf reagieren soll.

Für das Gegenüber kann das ziemlich anstrengend sein, weil es auf einmal nicht mehr nur um das offene Fenster geht, sondern um etwas viel Größeres, das im anderen stattfindet.

Dieses ständige Regulieren kostet übrigens unglaublich viel Kraft. Wie sich so ein innerer Druck aufbaut und was wir dabei oft selbst noch draufpacken, habe ich in „Innerer Druck“ beschrieben.

Meine Angst wird plötzlich dein Problem

Eine weitere Form sehe ich besonders häufig in engen Beziehungen.

Jemand gerät in Existenzangst. Vielleicht laufen die Geschäfte gerade schlechter, Kunden bleiben aus, das Konto macht Sorgen oder die Zukunft fühlt sich unsicher an. Manchmal lässt sich ziemlich genau sagen, woher die Angst kommt, dann taucht sie einfach auf und ist sehr real.

Dann geht der Blick schnell zum Partner.

Der arbeitet vielleicht weniger, wirkt entspannter oder geht anders mit Geld und Unsicherheit um. Schon entsteht daraus die Erklärung: Wenn du mehr tun würdest, müsste ich keine Angst haben. Wenn du dich mehr anstrengen würdest, wäre alles besser.

Damit wird der eigene Zustand plötzlich zum Problem des anderen.

Natürlich kann ein Partner durch sein Verhalten tatsächlich zu finanziellen Schwierigkeiten beitragen. Darum geht es mir nicht. Interessant wird es dort, wo die Angst vorher schon da war und der andere nun dafür zuständig gemacht wird, sie wegzubekommen.

Dann beginnt der Partner oft, sich zu erklären, mehr zu leisten oder sich zu rechtfertigen, in der Hoffnung, dass die Spannung endlich nachlässt. Nur funktioniert das häufig nicht, weil die Angst nicht dort entstanden ist.

So kann eine Beziehung langsam zu einem Ort werden, an dem einer versucht, seinen inneren Zustand durch das Verhalten des anderen zu regulieren.

Das ist auch Regulation über den anderen, dieses Mal nicht über Einmischung oder Alarm, sondern über Projektion. Ich verlagere meinen inneren Zustand nach außen, mache ihn am anderen fest und verlange dann, dass der andere sich ändert, damit ich mich besser fühle.

Das Unschöne daran: Der andere spürt den Druck, weiß aber oft nicht, warum er/sie sich plötzlich falsch fühlt. Was macht das Gegenüber dann, in dem Spiel? Sie oder er beginnt, sich zu erklären, zu rechtfertigen, mehr zu tun, um die Spannung zu lösen. Und die Spannung löst sich trotzdem nicht, weil sie nie in ihm war.

Leistung bettelt um Anerkennung

Es gibt noch eine Variante, die auf den ersten Blick wesentlich harmloser wirkt.

Zwei Menschen treffen sich, und einer erzählt in den ersten Minuten ausführlich, wie viel er schon erledigt hat, welche Termine er hatte, was vorbereitet, geschafft, ausgearbeitet oder auf den Weg gebracht wurde.

Das kann natürlich schlicht Mitteilungsfreude sein. Manche Menschen erzählen nun mal gern und viel.

Wenn es aber jedes Mal so läuft, kann noch etwas anderes dahinterstecken. Dann wird Leistung wie ein kleiner Ausweis vorgezeigt: Schau, ich war fleißig. Sieh bitte, dass ich etwas tue. Erkenne, dass ich nicht faul bin und ich meinen Platz verdient habe.

Besonders deutlich wird das, wenn jemand erzählt, dass er schon als Kind der Mutter hinterhergelaufen ist, um ihr mitzuteilen, was er alles geschafft und erledigt hat. Da wird die Verbindung zur Anerkennung ziemlich sichtbar.

Bevor überhaupt eine echte Begegnung entsteht, muss erst Leistung auf den Tisch. So als müsste man sich Kontakt verdienen oder vorsichtshalber schon einmal beweisen, dass man etwas wert ist.

Mit Leistung zu wedeln, kann dann eine sehr alte Art sein, sich über die Reaktion des anderen wieder sicherer zu fühlen.

Schweigen wird zum Druckmittel

Eine weitere Form wird leicht übersehen, weil sie so still daherkommt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Manche Menschen werden nicht laut, helfen nicht ungefragt und reden auch niemanden nieder. Sie ziehen sich zurück.

Plötzlich kommt kaum noch eine Antwort, die Tür ist zu, der Ton verändert sich oder jemand, der vorher lebendig war, wird einsilbig.

Wer so etwas kennt, weiß, was schnell passiert. Du fängst an zu suchen: Was habe ich gesagt? Habe ich etwas falsch gemacht? Was ist denn jetzt los? Soll ich nachfragen? Soll ich lieber warten?

Schon dreht sich deine Aufmerksamkeit komplett um den anderen.

Natürlich braucht jeder Mensch Rückzug und nicht jedes Schweigen ist manipulativ oder kontrollierend. Es gibt Situationen, in denen jemand wirklich Ruhe benötigt und gerade nicht reden kann.

Hinschauen würde ich, wenn Rückzug regelmäßig dazu führt, dass der andere hinterherläuft, und genau diese Reaktion unbewusst gebraucht wird.

Dann kann Schweigen eine Möglichkeit werden, wieder Einfluss auf die Situation zu bekommen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Spannend, oder?

Woher kommt das jetzt alles?

Ich halte es für wichtig, bei all diesen Beispielen nicht sofort in Gut und Böse einzuteilen.

Viele dieser Muster entstehen früh. Manche Kinder lernen, Stimmungen genau zu beobachten, weil sie wissen müssen, ob zu Hause gerade Ruhe ist oder Ärger droht. Andere bekommen besonders viel Anerkennung über Leistung oder merken, dass sie gebraucht werden, wenn sie sich kümmern. Wieder andere erleben, dass Rückzug Aufmerksamkeit bringt.

Was damals hilfreich war, kann später so selbstverständlich geworden sein, dass man es für einen Teil der eigenen Persönlichkeit hält.

Dann heißt es: Ich bin halt fürsorglich. Ich bin einfach wahnsinnig sensibel. Ich bin sehr fleißig. Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Kann alles stimmen.

Trotzdem darf man sich fragen, ob unter manchen dieser Eigenschaften auch ein alter Reflex steckt, der irgendwann einmal wichtig war und heute noch automatisch anspringt.

Das finde ich eher entlastend als verurteilend. Wenn ich verstehe, woher etwas kommt, muss ich daraus kein moralisches Drama machen. Verstehen bedeutet allerdings auch nicht, dass das Gegenüber alles aushalten muss. Denn wenn jemand sich ständig über dich reguliert, wird es anstrengend.

Dann fühlst du dich beobachtet, bearbeitet, gedrängt, zugeredet oder verantwortlich für einen Zustand, den du gar nicht verursacht hast. Du wolltest vielleicht einfach nur spazieren gehen und sitzt plötzlich mitten in der inneren Sortierstation eines anderen Menschen.

Da kann einem gewaltig die Lust auf Begegnung vergehen.

Vieles davon entsteht nicht erst in der aktuellen Situation. Wie sehr alte Erfahrungen heute noch mitreden können, habe ich in „Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet“  genauer beschrieben.

Ein Teil meiner Angebote