Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Wenn Nähe fehlt, obwohl jemand da ist

Es gibt Wahrheiten, die spüren wir oft schon lange, bevor wir bereit sind, sie wirklich an uns heranzulassen. Nicht, weil wir blind oder dumm durchs Leben laufen oder uns selbst belügen wollen, sondern weil wir tief in uns ahnen, dass Ehrlichkeit Konsequenzen hat. Und genau davor drücken wir uns oft am längsten. Denn in dem Moment, in dem du dir eingestehst, dass du in deiner Beziehung einsam bist, obwohl da ein Mensch an deiner Seite ist, kannst du nicht einfach weitermachen wie bisher. Dann steht plötzlich ein Elefant im Raum, den du nicht mehr übersehen kannst, und das macht Angst. Weil es Gespräche nach sich zieht, Entscheidungen, vielleicht einen Aufbruch, von dem du heute noch gar nicht weißt, ob du ihn überhaupt gehen kannst.

Wenn ich heute zurückblicke, dann merke ich, dass ich vieles längst gespürt habe, bevor ich bereit war, es wirklich zu sehen. Ich war über Jahre beschäftigt, habe funktioniert, organisiert, getragen und mein Leben stark um meine Familie herum gebaut. Meine Kinder standen im Mittelpunkt, meine Arbeit habe ich oft so gelegt, dass sie zu meinem Alltag als Mutter passte, und ganz ehrlich: Solange immer etwas zu tun ist, solange jemand etwas von dir braucht, kannst du wunderbar an dir selbst vorbeileben, ohne es überhaupt zu merken.

Wenn Stille plötzlich unangenehm ehrlich wird

Dann kam eine Zeit, in der meine Kinder größer wurden. Meine beiden Söhne waren bereits ausgezogen, meine Töchter brauchten mich nicht mehr in dieser praktischen, alltäglichen Form, wie es viele Jahre selbstverständlich gewesen war. Keine Fahrdienste mehr, keine Förderstunden, kein ständiges Organisieren zwischen Schule, Alltag und Beruf. Und plötzlich war da Raum, so plötzlich, nicht nur im Kalender, sondern in mir.

Ich saß an manchen Nachmittagen in unserem Haus, das nach außen betrachtet wunderschön war, ein Zuhause, das ich mit viel Liebe gestaltet hatte, und trotzdem fühlte es sich innerlich längst nicht mehr wie Freiheit an. Eher wie etwas, das mich festhielt. Wir hatten sogar Unterstützung im Haushalt, was bedeutete, ich konnte mich nicht einmal mehr hinter Putzen, Wäschebergen, die gebügelt werden mussten, oder all dem täglichen Kleinkram verstecken, mit dem man sich sonst so wunderbar beschäftigt hält.

Da saß ich und dann war da plötzlich nur noch Stille und Ruhe.

Und in dieser Stille wurde mir etwas bewusst, das ich lange nicht fühlen wollte. Ich saß nicht nur am Tisch, ich saß mitten in meinem Leben und merkte: Ich bin einsam, nein, nicht allein. Sondern einsam, mitten in einer Beziehung.

Nicht hysterisch oder dramatisch, nichts Lautes, nicht mit Tränen und großem Trara. Sehr leise und nüchtern. Aber gerade deshalb so klar. Und es war dieses stille Wissen, dass ich innerlich schon lange, ja, sehr lange allein unterwegs war, obwohl ich nicht allein lebte. Dass da zwar ein Mann an meiner Seite war, aber keine wirkliche Begegnung (mehr), kein tiefes Miteinander, kein inneres Zuhause, kein Gefühl von echter Verbundenheit.

Shit – der Moment, in dem du nicht mehr wegsehen kannst

Einige Zeit später kam mein jüngerer Sohn (der schon erwachsen war) auf mich zu und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde. Er sagte: „Mum, entweder trennst du dich oder du suchst dir einen Liebhaber.“ Und dann fügte er noch hinzu, dass ich dieses Haus nicht wegen der Kinder halten müsse, weil keines von ihnen an diesem Haus hing.

Bämm – das saß.

Nicht, weil mein Sohn mir einen Ratschlag fürs Liebesleben geben wollte, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, wie sichtbar mein innerer Zustand längst im Außen geworden war. Meine Kinder hatten längst gespürt, was ich mir selbst noch nicht ganz eingestehen wollte. Dass ich nicht lebte, sondern eher verwaltete, funktionierte, und innerlich immer stiller geworden war.

Irgendwann habe ich mit meinem Mann geredet. Habe ihm gesagt, wie ich mir Beziehung vorstelle, was ich brauche, was ich mir wünsche. Und er hat mir sehr ruhig geantwortet: „Dann bin ich nicht der richtige Partner für dich.“ Es war einfach eine Wahrheit, die plötzlich im Raum stand und auf die es keine Antwort mehr brauchte, außer meiner eigenen Konsequenz. Die hat dann noch eine Weile auf sich warten lassen, aber die Richtung war von diesem Moment an klar.

Und ja, natürlich gab es da auch den Gedanken: Vielleicht bräuchte ich einfach einen anderen Mann, mehr Aufmerksamkeit, mehr Leidenschaft, mehr Lebendigkeit. Ich habe das sogar wirklich ausprobiert. Und habe sehr schnell gemerkt, dass ich dafür einfach nicht gemacht bin – nicht, weil ich zu brav wäre (ne, ne) oder zu ängstlich, sondern weil ich ein durch und durch Beziehungsmensch bin. Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann ganz. 

Und genau da wurde mir klar: Es geht nicht darum, irgendeinen Ersatz zu finden, sondern darum, ehrlich zu erkennen, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben nicht bleiben werde.

Wie wir uns selbst Stück für Stück verlieren

Wenn ich heute auf meine Beziehungen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur zwei Männer an meiner Seite. Ich sehe vorrangig eine Frau, die tief in sich überzeugt war, einen Mann zum Leben zu brauchen. Nicht bewusst als Gedanke, vielmehr ein stilles inneres Programm, das aus dem Hintergrund alles gesteuert hat.

Und aus genau dieser Haltung heraus war ich bereit, viel mehr zu geben, als gesund gewesen wäre. Ich habe getragen, aufgebaut, unterstützt, Mut gemacht und, wenn ich ehrlich bin, beide Männer in vielem auch größer gemacht. Ich war Rückenwind, Kraftspenderin, Motivatorin und manchmal fast schon Lebensmotor. Meine Güte, lange hielt ich das für Liebe oder für etwas Selbstverständliches.

Heute sehe ich, dass darunter oft auch Angst lag. Angst, nicht genug zu sein. Angst, verlassen zu werden. Angst, allein nicht bestehen zu können. Also passt man sich an, schluckt Dinge herunter, verkleinert sich, trägt mehr, als man tragen sollte, und verliert Stück für Stück die Verbindung zu sich selbst.

Vielleicht ist genau das die tiefste Einsamkeit: nicht, dass kein Mensch da ist, sondern dass du dich selbst auf dem Weg verlassen hast.

Veränderung ist eine Stimme, die spricht, wenn sie sonst schweigt. Veränderung ist ein Nein, das du endlich sagst, auch wenn du dich danach kurz wie der weltweit schlechteste Mensch fühlst. Bist du aber nicht.

Das Leben ärgert einen nicht, wenn es einen anschiebt oder drängt, damit Klarheit gelebt wird. So nach dem Motto: Hör auf, nur darüber nachzudenken, dass du dich veränderst, jetzt verkörpere es. Andiamo!

Der Nächste kommt nur mit einem anderen Knopf

Und dann glauben wir oft, beim nächsten Menschen werde alles anders. Wir sagen Sätze wie: „So wie mit diesem Menschen war es noch nie. Das fühlt sich völlig anders an.“ Und ja, oberflächlich stimmt das sogar: Der eine ist laut, der andere still, die eine ist warmherzig, der andere verschlossen. Die Verpackung ist neu.

Was oft nicht neu ist, ist der Knopf in uns, der früher oder später wieder gedrückt wird.

Vielleicht ist es wieder dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden. Vielleicht wieder Verlustangst, Anpassung, Kontrolle oder emotionale Einsamkeit. Der andere hat diesen Schmerz meist nicht erschaffen, er hat nur etwas berührt, das längst in uns angelegt war und endlich gesehen werden möchte.

Und genau das ist die unbequeme Wahrheit über Beziehungen: dass das Leben uns nicht nur Menschen schickt, die zu unseren Wünschen passen, sondern oft Menschen, an denen wir wachsen sollen, dürfen oder müssen.

Und dann gibt es die Frauen, die das alles längst wissen und trotzdem nicht gehen. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil die Angst größer ist als der Schmerz des Bleibens. Angst vor dem Geld, vor der Abhängigkeit, vor dem Alleinsein, vor der Frage, ob da draußen überhaupt noch jemand für sie wäre. Ich begleite viele dieser Frauen, und was ich beobachte, ist, dass die, die warten, auf mehr Geld, auf den richtigen Moment, auf irgendetwas, das sich von außen verändern soll, mit der Zeit nicht leichter werden, sondern schwerer. Nicht weil sie schwach wären, ganz im Gegenteil. Sondern weil eine Frau, die ihre eigene Wahrheit kennt und sie trotzdem nicht leben darf, sich mit der Zeit selbst nicht mehr erkennt.

Liebe beginnt vielleicht woanders

Heute glaube ich nicht mehr, dass ein anderer Mensch uns vollständig machen kann. Kein Partner kann dauerhaft die Leere in uns füllen, unsere alten Wunden heilen oder uns das Gefühl geben, endlich angekommen zu sein, wenn wir uns selbst innerlich längst verlassen haben.

Vielleicht beginnt Liebe viel früher. Dort, wo wir aufhören, den anderen für unser inneres Überleben zuständig zu machen. Dort, wo wir wieder anfangen, uns selbst ernst zu nehmen, uns selbst zu fühlen und uns selbst nicht länger zu verraten.

Und vielleicht begegnen wir dann einem Menschen nicht mehr aus Mangel, nicht aus Angst und nicht aus innerer Leere, sondern aus etwas ganz anderem heraus.

Aus Wahrhaftigkeit.

Und aus einem Herzen, das gelernt hat, zuerst bei sich selbst zuhause zu sein.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest – in meinen Büchern „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ und „Wenn du erwachst und es erst später bemerkst“ erzähle ich davon ausführlicher. Nein, kein weiterer Ratgeber, sondern vielmehr eine Einladung zum Hinschauen.

Ein Teil meiner Angebote

Innerer Druck

Innerer Druck

Innerer Druck, …

… wenn in dir etwas gegen das Leben kämpft

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, sie stehen unter Druck, dann meinen sie meistens erst einmal das, was im Außen sichtbar ist. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf, zu viele Baustellen, zu viel Verantwortung, die Freunde, Partnerschaft, einfach Beziehungen. Und natürlich spielt das alles mit rein, das möchte ich gar nicht kleinreden. Aber offen gesagt, ich schaue inzwischen auf einen ganz anderen Punkt, weil ich über die Jahre etwas verstanden habe, das mir früher selbst nicht klar war.

Innerer Druck entsteht oft nicht zuerst durch das, was im Außen passiert. Er entsteht in uns, weil wir in einen inneren Widerstand gehen gegen das, was gerade ist.

Und schau, genau da wird es spannend.

Da ist eine Situation, die dir nicht gefällt. Ein Mensch verhält sich ungerecht. Etwas entwickelt sich anders, als du es dir gewünscht hast. Du fühlst dich übergangen, nicht gesehen oder vielleicht sogar ausgeliefert. Und in dir kommt, oft blitzschnell, dieses innere Nein. So nach dem Motto: Das will ich nicht, das darf nicht sein, das ist unfair, das muss anders werden. Und ab diesem Moment sitzt nicht nur ein Gefühl in dir, sondern dein Verstand springt an wie ein aufgescheuchtes Huhn und fängt an, Geschichten zu erzählen.

Er beginnt Bilder zu malen, was alles passieren könnte. Er rechnet Zukunftsszenarien durch, als wäre er persönlich für dein Überleben zuständig, dabei ist ihm dein Überleben dermaßen egal. Da zieht er auf einmal Vergleiche aus seinem imaginären Hut, sucht Schuldige, kramt alte Erfahrungen raus und gießt literweise Öl ins Feuer. Und er projiziert deine Innenwelt auf die anderen.  Und ehe du dich versiehst, führst du innerlich Gespräche, die nie stattgefunden haben, verteidigst dich gegen Vorwürfe, die niemand ausgesprochen hat, und erschöpfst dich in einem Kampf, der bis jetzt nur in deinem Kopf läuft. Herzlichen Glückwunsch, unser System kann das wirklich beeindruckend gut, und am Ende glaubst du etwas, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen wurde.

Ich kenne das selbst sehr gut von früher.

Bei mir hat sich innerer Druck früher vor allem in körperlicher Unruhe und Schlafstörungen gezeigt. Dieses Wachliegen in der Nacht, während der Körper eigentlich müde ist, aber der Kopf noch drei Gerichtsverhandlungen führt, zwei Zukunftspläne schmiedet und nebenbei den Weltuntergang vorbereitet, das kenne ich. Vor allem in meiner Krisenzeit war da ganz viel Angst vor Ungewissheit. Wie wird es weitergehen? Was kommt noch? Schaffe ich das? Was ist, wenn … oder wenn nicht…? Und darunter lag, das konnte ich erst viel später wirklich erkennen, meine tiefste Urwunde: Existenzangst.

Und mit Existenz meine ich nicht nur Geld, obwohl Geld natürlich in unserer Welt sofort diesen Alarmknopf drückt. Es ging viel tiefer. Es ging um dieses uralte Gefühl von Unsicherheit, von Ausgeliefertsein, von Todesangst, die in meiner Kindheit real war und sich später im Erwachsenenleben auf andere Ebenen gelegt hat. Beziehungen, Geld, Halt, Sicherheit, all diese Dinge hängen dann plötzlich an dieser alten Wunde wie Weihnachtskugeln an einem Baum, nur leider nicht ganz so festlich.

Was ich aber verstanden habe, und das war für mich wirklich ein Wendepunkt, ist Folgendes.

Wir tragen Dinge oft viel länger in unserem System, als wir glauben. Und das Leben ist, so verrückt es klingt, ziemlich klug darin, uns nicht alles auf einmal hinzuknallen. Zuerst räumst du das Grobe raus. Das, was offen daliegt, und das, was du schnell sehen kannst. Das, was leichter greifbar ist. Aber dann, irgendwann, kommt dieser festgeklebte Rest in der Ecke. Wie in einer alten Schublade, die du auswischst. Das Grobe geht schnell, aber dieser hartnäckige Belag, der schon Jahre in der Ecke klebt, der braucht Scheuermilch und einen groben Schwamm. Und genauso ist es oft innerlich auch.

Bei mir kam so ein Moment noch einmal überraschend hoch, ausgelöst durch eine Situation, die im Außen gar nicht dramatisch war. Keine echte Bedrohung, keine Eskalation, nichts, aber mein Körper erinnerte sich. Schlagartig war die Angst da. Mein ganzes System reagierte wie mit Schüttelfrost. Ich habe gezittert, richtig gezittert, und im ersten Moment denkst du natürlich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?

Früher wäre ich davor weggelaufen. Wie? Mich abgelenkt, jemanden angerufen und sinnloses gequatscht, aufgeräumt oder Blumen umgetopft. Irgendwas halt, nur nicht in diesem beschissenen Gefühl bleiben.

Dieses Mal also nicht.

Ich habe geatmet – ich habe gezittert – ich habe alles da sein lassen. Und ich blieb, obwohl es sich wirklich wie die Hölle angefühlt hat und meine Hände gewackelt haben wie ein Kuhschwanz, alles hat gebebt. Und dann ist etwas passiert, das ich schwer erklären kann, wenn man es nie erlebt hat. Es gab wie einen Höhepunkt, wie eine Welle, die ihren höchsten Punkt erreicht, und von da an wurde es langsam weniger. Nicht plötzlich, nicht ratzfatz, aber spürbar. Mein Körper hat etwas entladen, das ich über Jahre noch in mir getragen habe.

Das ist dann keine Schwäche, das ist Verarbeitung oder, wie ich es heute gerne nenne: eine Runde sterben gehen.

Und vielleicht ist genau das etwas, was ich dir heute mitgeben kann. Nicht jeder innere Druck ist dein Feind und nicht jede Unruhe bedeutet, dass mit dir etwas nicht stimmt. Keine Angst, will weggemacht werden, dein System zeigt dir nur sehr deutlich, wo in dir noch etwas arbeitet, was gesehen, gefühlt und letztlich entlassen werden möchte.

Und natürlich, ich bin da auch kein sanft schwebender Mensch, der morgens lichtvoll summend durch den Tag gleitet wie Lavendeltee auf zwei Beinen. Das gibt es nicht, zumindest nicht bei mir. Ungerechtigkeit kann mich bis heute auf hundertachtzig bringen, auch wenn ich weiß: Im Grunde gibt es auch keine Ungerechtigkeit. Da merke ich gelegentlich den Impuls, jemanden, sagen wir mal freundlich formuliert, an die Wand tackern zu wollen. Aber der Unterschied ist: Ich verstehe heute schneller, was da in mir berührt wird. Und dieses Verstehen nimmt dem Ganzen die Macht.

Vielleicht fragst du dich das nächste Mal nicht sofort, wie du diesen Druck loswirst.

Vielleicht fragst du dich eher, was in dir gerade so laut Nein sagt. Was sich wehrt und vor allem jetzt gerade Angst hat. Was du festhalten willst oder was endlich gehen möchte.

Denn manchmal kämpfst du nicht gegen das Leben.

Manchmal kämpft in dir nur etwas Altes gegen das, was längst bereit ist, sich zu lösen.

Vielleicht ist das Mutigste, was du tun kannst, einfach dazubleiben. Einen Atemzug lang. Und zu schauen, was dann passiert.

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst … 

… und du merkst es nicht einmal.

Da ist wirklich was dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch, oder anders ausgedrückt: Alles wird sichtbar.

In letzter Zeit fällt mir etwas immer wieder auf. Bei den Menschen, in Gesprächen, im Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos. Nicht verurteilend – einfach nur fassungslos. Weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, wie geschickt wir das machen. Wie meisterhaft, so leicht, so selbstverständlich. Und warum erkenne ich es so schnell und gut? Na? Weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute plumpse ich stellenweise ebenfalls noch hinein.

Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben Chiarezza – Gruppe . Ich musste. Es war das einzige, was dieser Fassungslosigkeit gerecht wurde. Und während ich geschrieben habe, war mir klar: Das reicht nicht, es braucht bei dieser Epidemie einen Blogbeitrag, unbedingt. Weil es zu wichtig ist, um es mit Humor abzuhaken und nur im kleinen Kreis zu lassen.

Denn worum geht es? Um die (vielleicht) unbequemste Erkenntnis überhaupt. Und nein, nicht die, dass andere Menschen schwierig sind. Nicht die, dass das Leben manchmal ungerecht ist, sondern diese: Du verarschst dich selbst, regelmäßig und absolut meisterhaft und mit einer Kreativität, die dir in anderen Bereichen enorm fehlt.

Das Tückische daran ist nicht, dass du lügst. Es ist so, dass du es so gut machst, dass du es selbst nicht einmal merkst oder zumindest so tust, als würdest du es nicht merken. Denn irgendwo weißt du es immer, doch du kannst es so wunderbar rechtfertigen und deine Erklärungen sind für dich so schlüssig. Und das ist der springende Punkt.

Die Kunst des kreativen Ausweichens

Nehmen wir als Beispiel, du hast deine Miete nicht bezahlt und es steht dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin an. Das Gespräch muss stattfinden, du weißt es. Und dann kommt (dem Himmel sei Dank) eine Einladung zum Mittagessen und natürlich nimmst du sie an. Warum auch nicht?

Und nach dem Mittagessen bist du so müde, dass das Gespräch heute einfach nicht mehr geht, weil du unbedingt schlafen musst. Du verschiebst es … wieder.

Jetzt kommt die entscheidende Frage: Hat dich das Mittagessen müde gemacht? Oder hast du dich müde machen lassen, weil die Müdigkeit der perfekte Ausweg war?

Das kreative Ausweichen funktioniert so geschmeidig, weil es sich nie wie Ausweichen anfühlt. Es fühlt sich nach vernünftigen Entscheidungen an und nach absolut legitimen Gründen. Nach Umständen, die nun mal so sind. Was kannst du denn jetzt dafür, dass dein Körper müde wird? Du musst dir dabei nichts vorwerfen – du warst ja beim Mittagessen! Du warst ja müde! Es war ja wirklich nicht der richtige Moment! Sonst hätte das Universum ja nicht diese Essenseinladung geschickt, oder?

Der Geist ist unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, uns vor dem zu schützen, was uns unangenehm ist. Und das wäre ja auch in Ordnung – wenn wir wenigstens ehrlich wären. Aber genau das sind wir nicht. Wir nennen es nicht Ausweichen, wir nennen es Timing, Mittagessen, Müde, Energie, Vernunft, ach ja, und Universum.

Das ist die erste Form der Selbstverarschung: Wir bauen uns unsere Fluchtwege so elegant, dass wir sie selbst nicht als Fluchtwege erkennen wollen.

Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun

Es gibt noch eine zweite, etwas schmerzhaftere Ebene, und die hat mit dem Bild zu tun, das wir von uns selbst haben.

Nehmen wir dieses Beispiel: Jemand möchte andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten. Zeigt ihnen, wie sie Klarheit gewinnen, Ziele verfolgen, und Verantwortung übernehmen. Und gleichzeitig ruft dieselbe Person bei einem Amt nicht an – kümmert sich nicht um wichtige Erledigungen.

Das ist keine Kritik, es sind einfach Beobachtung. Und es ist zutiefst menschlich.

Wir tragen alle ein Bild von uns in uns, das ein bisschen weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das wäre auch kein Problem (sage ich immer wieder meinen Menschen, die ich begleite), denn dieses Bild kann uns ja auch ziehen, uns inspirieren, uns in Bewegung halten.

Das Problem entsteht vielmehr, wenn der Abstand zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu groß wird und wir ihn nicht mehr ehrlich anschauen.

Wenn ich anderen zeigen will, wie sie Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen ausweiche, dann ist das keine böse Absicht. Aber es ist ein gewaltiger blinder Fleck. Und blinde Flecken haben die unangenehme Eigenschaft, dass wir sie genau deshalb nicht sehen, weil wir sie nicht sehen wollen oder sie so selbstverständlich geworden sind. 

Das Selbstbild schützt uns und es sagt uns: Du bist auf dem Weg. Du weißt, worum es geht. Du bist schon so weit. Du warst heute fleißig. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist es auch einfach eine sehr bequeme Geschichte.

Die Frage, die hilft – auch wenn sie wehtut und auch sehr unangenehm ist – ist diese: Was würde jemand, der mich einen Monat lang beobachtet, über mich berichten? Nicht über das, was ich sage. Über das, was ich tue.

Ich hab das mal einem Klienten auf andere Art formuliert. Ich hab gesagt: Ich würd bei dir gern eine Woche einziehen. Einfach so deinen/euren Alltag erleben, weil ich so deutlich spüre, dass da eine Diskrepanz ist, zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wird, und dem, was hinter den Türen wirklich gelebt wird.

Er hat gelacht, aber er wusste ganz genau, was ich meinte. 

Leihgabe Wahrheit

Und dann gibt es noch eine dritte Form. Eine, die besonders interessant ist, weil sie sich als Gemeinschaft tarnt und wirklich jeder von uns kennt.

Du hast etwas zu sagen, jemandem, dem du schon lange etwas sagen wolltest. Du findest etwas nicht in Ordnung, du hast eine Wahrnehmung, du möchtest eine Grenze setzen, du legst los und dann sagst du: „Das sehen übrigens Lisa, Helga und Fritz genauso.“

Warum?

Weil deine eigene Stimme sich allein zu klein anfühlt, weil du dir nicht sicher bist, ob deine Wahrnehmung stimmt. Weil du die Verantwortung für das, was du sagst, nicht ganz allein tragen willst. Also leihst du dir Stimmen, du machst ganz praktisch aus deiner Wahrheit eine Mehrheitsmeinung.

Das fühlt sich sicherer an, aber es ist eine Form der Selbstverleugnung. Denn du versteckst dich hinter anderen, anstatt zu sagen: Ich. Ich finde das nicht in Ordnung. Ich sehe das so. Ich stehe dazu.

Das Paradoxe daran: Gerade in dem Moment, in dem du anfängst, dich hinter anderen zu verstecken, verlierst du das, was du erreichen wolltest – gehört zu werden. Ernst genommen zu werden und etwas anzubringen, was dir wirklich wichtig ist. Denn wer spricht, wenn Lisa, Helga und Fritz sprechen? Nicht du.

Die geliehene Wahrheit ist bequem, aber deine Stimme bleibt auf der Strecke.

Was haben jetzt alle drei gemeinsam?

Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild, die geliehene Wahrheit – sie haben eine gemeinsame Wurzel.

Vielleicht weißt du es ja bereits oder hast eine Ahnung?

Das ist nämlich das Entscheidende. Selbstverarschung funktioniert nicht im Dunkeln, es funktioniert genau dort, wo ein Teil von dir die Wahrheit schon kennt und ein anderer Teil sehr beschäftigt damit ist, sie nicht zu laut werden zu lassen.

Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Menschsein. Wir alle tun das. Die Frage ist nur: Wie lange? Wie oft? Und zu welchem Preis?

Denn das Ausweichen kostet. Es kostet so viel Energie, weil das Aufrechterhalten einer Geschichte immer mehr Kraft braucht als die Wahrheit. Es kostet Vertrauen – in dich selbst, in andere und das Vertrauen, das andere zu dir (bisher) hatten. Es kostet Beziehungen, manchmal und es kostet dich das Gefühl, wirklich bei dir zu sein.

Selbsterkenntnis, die wirklich wehtut – und deshalb heilt

Echte Selbsterkenntnis ist nicht das wohlwollende Nicken beim Lesen eines spirituellen Buches. Es ist der Moment, in dem du merkst: Ich hab es gerade wieder gemacht. Ich hab mich gerade wieder verarscht, aber sowas von.

Und dieser Moment ist unangenehm, und er soll es auch sein. Nicht, weil Schmerz gut ist, sondern weil dieser Moment der einzige ist, in dem echte Veränderung beginnen kann. Ansonsten geht es immer wieder in die Wiederholung rein.

Es geht nicht darum, sich zu verurteilen, denn Selbstkritik, die dich in den Keller zieht, ist genauso wenig hilfreich wie das Ausweichen selbst. Es geht um ehrliches Hinschauen, um das kurze, klare „Ah, da ist es wieder“ oder „Ja, habe ich gemacht“.

Und dann – und das ist der wichtigste Schritt, auch, wenn du dabei „stirbst“, die Entscheidung, was du damit machst.

Rufst du jetzt den Vermieter an? Sagst du das nächste Mal „Ich finde das nicht in Ordnung“ – ohne Lisa, Helga und Fritz? Schaust du dir ehrlich an, was zwischen deinem Selbstbild und deiner gelebten Realität liegt?

Das ist wirkliche Selbsterkenntnis und nicht dein Hin- und Her-Denken. Nicht weil sie dich besiegt, sondern weil sie dich zu dir bringt, und das ist das Unbequemste, was es gibt.

Ein Teil meiner Angebote

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren …

… wenn sie sich selbst nicht halten können.

Selbstregulation in Beziehungen ist ein Thema, über das kaum jemand ehrlich redet. Dabei passiert es dauernd und wie selbstverständlich.
Es gibt Dinge, die sehen erst mal nach Fürsorge aus und sind in Wahrheit etwas ganz anderes. Nicht immer, aber oft genug, dass es sich lohnt, da mal genauer hinzuschauen. Dieses ständige Nachfragen zum Beispiel, dieses sofortige Einmischen, das dauernde Spüren, dass „da etwas ist“. Dieses Helfenwollen, Kümmern, Deuten, Erklären und  Draufspringen. Das wird ja schnell als aufmerksam, mitfühlend oder besonders feinfühlig verkauft, und manchmal ist es das auch. Aber meistens eben nicht, und ja, es kann dich jetzt dann triggern, denn oft ist es einfach nur ein Mensch, der sich selbst gerade nicht gut halten kann und deshalb unbewusst beim anderen andockt.

Das klingt erst mal nicht schmeichelhaft, ich weiß. Aber es ist trotzdem wahr und vielleicht gerade deshalb so wichtig.

Was Regulation über andere eigentlich bedeutet

Denn viele Menschen regulieren sich nicht in sich selbst, sie regulieren sich über den anderen. Über deren Stimmung, deren Reaktion, deren Probleme, deren Blick, deren Befinden, deren Rückmeldung. Wer einem da gegenüber ist, wird dann nicht wirklich gesehen, sondern benutzt. Nicht aus einer Absicht, einfach unbewusst, aber eben trotzdem benutzt. Als Fläche, als Ventil, als Beruhigung, als kleine Zwischenlösung – such dir einfach was aus. – gegen das, was man in sich selbst gerade nicht gut aushält.

Und genau da wird es spannend, weil das in Beziehungen, in Freundschaften, in Familien, in Gruppen und auch in Begleitungen dauernd passiert. Nur reden die wenigsten ehrlich darüber, weil die Verpackung so nett aussieht. Hilfe klingt halt schöner als Überforderung, Sorge klingt edler als Angst und Anteilnahme klingt charmanter als Kontrollverlust.

Und doch liegt oft genau das darunter.

Wenn ein Mensch sich selber nicht gut spüren, halten oder regulieren kann, dann wird schnell der andere interessant. Nicht aus echter Tiefe und wirklichem Interesse heraus, sondern aus innerer Unruhe. Da ist Spannung im Nervensystem, da ist Unsicherheit, da ist Leere, da ist Angst, da ist dieses diffuse innere Ziehen, das man nicht benennen kann, und statt einfach mal still damit da zu sein, geht man raus aus sich und rein in den anderen. Dann wird gefragt, kommentiert, gewarnt, geholfen, interpretiert, erklärt oder auch geschniegelt mitgeteilt, was man alles schon gemacht hat. Hauptsache, die Energie muss nicht im eigenen Körper bleiben. Es muss dieses unangenehme Gefühl nicht gefühlt werden.

Das ist für mich natürlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Nicht alles, was wie Kontakt aussieht, ist wirklich Kontakt, geschweige denn eine wirkliche Verbindung.

Es ist einfach Regulation über den anderen.

Wenn Kümmern in Wahrheit Unruhe ist

Das sieht dann ganz unterschiedlich aus und genau deshalb wird es so oft übersehen, geschweige denn überhaupt erkannt.

Die eine Person springt sofort an, wenn sie meint, bei jemandem „etwas zu spüren“. Da reicht ein Blick, eine kleine Veränderung im Ton, eine stille Minute, und schon ist sie innerlich unterwegs. Dann wird nachgehakt, nachgefragt, vermutet, gedeutet, angeboten, geholfen. Von außen sieht das erst mal warm aus, vielleicht sogar liebevoll. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man oft: Da ist gar keine ruhige Präsenz, da ist vielmehr Druck, da ist ganz viel innere Bewegung und ein inneres Nicht-aushalten-Können. Als würde der andere zum Projekt werden, nur damit man sich selbst kurz klarer, nützlicher oder sicherer fühlt. Eher letzteres.

Ich kenne so eine Form aus meinen 1:1-Begleitungen. Eine Frau beobachtet jemanden an der Arbeitsstelle, die etwas im Stress zu sein scheint, und in ihr geht sofort ihr eigener Film los. Oh, die Arme, da stimmt bestimmt was nicht, die braucht sicher Zuspruch. Da muss ich hin, da muss ich jetzt etwas Nettes sagen, ich sollte ihr helfen. Da wird etwas unterstellt, ohne dass man es wirklich weiß, aus diesem alten Reflex heraus, dass man sich selbst NICHT reguliert, sondern sich beim anderen einmischt. Da wird dann oft Mitgefühl behauptet, dabei ist es eher die Unfähigkeit, die eigene innere Spannung einfach mal auszuhalten, ohne etwas machen zu müssen.

Das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn er unbequem ist.

Echte Wahrnehmung hat etwas Ruhiges, die drängt nicht und fummelt nicht dauernd im Feld des anderen herum. Nein, die muss/wird nicht sofort handeln. Sie kann stehen lassen, kann offen lassen, kann auch mal nicht wissen. Wer dagegen aus innerer Unruhe reagiert, hält genau diese offenen Räume schlecht aus, da muss dann schnell etwas passieren. Da wird vielmehr die Energie sofort nach außen getragen. Und zack, schon wird aus dem anderen unbewusst ein Mittel zur eigenen Stabilisierung.

Nicht jeder Mensch will dir wirklich begegnen. Manche möchten sich über dich nur kurz selbst stabilisieren.

Ich finde, dieser Satz sitzt. Warum? Weil er so viel erklärt.

Es erklärt auch, warum manche Menschen im Kontakt nicht einfach da sein können: Sie kommen gar nicht wirklich an, sind sofort damit beschäftigt, sich im Kontakt irgendwie zu sichern. Das kann über Helfen laufen, über Sorgen, über Wissen, über Kontrolle, über Reden, über Leistung. Die Form ist unterschiedlich, die Bewegung darunter allerdings sehr oft ähnlich.

Angst die sich als Fürsorge verkleidet

Ich habe dafür noch ein anderes Beispiel, was mir gerade einfällt, das das sehr deutlich zeigt. Da waren ein Mann und seine Frau in einem Raum. Die Frau hatte eine intensive gesundheitliche Geschichte hinter sich, die Fenster waren offen, ganz normal, weil es sommerlich heiß war. Er kam rein und ging emotional sofort hoch. Nicht ruhig, nicht klar, nicht in einer stillen Fürsorge, sondern richtig aufgeregt. Die Fenster müssten sofort zu, seine Frau bekäme sonst einen Zug, dann bekäme sie Kopfschmerzen und überhaupt. Das war nicht einfach nur ein Mann, der an seine Frau denkt, sondern ein Mensch, der ein so angespanntes Nervensystem hat, das völlig auf Alarmbereitschaft war und diese Überforderung sofort in den Raum geschoben hat. Vordergründig ging es um die Frau. In Wahrheit ging es mindestens genauso sehr um seine eigene Angst, die er in dem Moment nicht halten konnte.

Und genau da kippen die Dinge, da wird aus Fürsorge Kontrolle und aus innerer Angst äußerer Druck. Da wird der ganze Raum mitreguliert, weil der eigene Innenraum nicht reguliert werden kann. Spannend, oder?

Das erleben viele Menschen in Beziehungen, ohne es zu durchschauen. Der eine wird hektisch, laut, kontrollierend, panisch, und alle denken: Ach, der sorgt sich halt. Nein. Vielleicht ist da schon ein wenig Sorge da, aber gleichzeitig reguliert er sich auch über die Situation und über die anderen Menschen. Er braucht, dass außen etwas passiert, damit innen etwas runterkommt.

Das ist keine Kleinigkeit, das ist für ich ein riesiger  Unterschied.

Wenn ich meine Angst zum Problem des anderen mache

Und dann konnte ich noch eine Form beobachten, die besonders häufig in engen Beziehungen vorkommt und die man von außen kaum erkennt, weil sie so plausibel klingt und auch so erscheint.

Jemand gerät in seine eigene Existenzangst. Vielleicht läuft es gerade nicht rund, die Kunden bleiben aus, das Konto macht Sorgen, die Zukunft fühlt sich ungesichert an, es kann auch ohne irgendeinen ersichtlichen Grund geschehen. Das hat meistens mit energetischen Einflüssen zu tun und ist trotzdem sehr unangenehm. Aber statt bei dieser Angst zu bleiben, statt zu spüren, wo sie sitzt und was sie eigentlich braucht, geht der Blick nach außen. Zum Partner. Der gerade weniger arbeitet, evtl. entspannter wirkt oder einfach nicht so viel leistet wie man selbst.

Und dann passiert es: Die eigene Angst wird zum Problem des anderen gemacht. Der muss jetzt mal gefälligst mehr tun, er sollte sich mehr anstrengen. Außerdem ist er/sie schuld daran, dass es nicht besser wird. Doch jetzt kommt der Witz: Dabei hat der Partner mit der Angst im Grunde gar nichts zu tun, denn die Angst war vorher schon da. Sie sitzt im eigenen Nervensystem, nicht im Verhalten des anderen.

Beim Hinschauen zeigt sich: Da ist eine tiefe, alte Existenzangst, die nichts mit dem Gegenüber zu tun hat. Aber solange man sie auf den anderen projiziert, muss man sie nicht wirklich anschauen, und solange der andere das Problem ist, muss ich nicht fühlen, was in mir ist.

Das ist auch Regulation über den anderen, dieses Mal nicht über Einmischung oder Alarm, sondern über Projektion. Ich verlagere meinen inneren Zustand nach außen, mache ihn am anderen fest und verlange dann, dass der andere sich ändert, damit ich mich besser fühle.

Das Grausame daran: Der andere spürt den Druck, weiß aber oft nicht, warum er/sie sich plötzlich falsch fühlt. Was macht das Gegenüber dann, in dem Spiel? Sie oder er beginnt, sich zu erklären, zu rechtfertigen, mehr zu tun, um die Spannung zu lösen. Und die Spannung löst sich trotzdem nicht, weil sie nie in ihm war.

Leistung bettelt um Anerkennung

Es geht noch weiter, es gibt noch eine Form, die auf den ersten Blick viel harmloser wirkt. Zwei Menschen treffen sich und der eine muss in den ersten zwei Sätzen sofort mitteilen, wie fleißig er/sie war, dass er alles geschafft hat, welche Termine er hatte, was ausgearbeitet, vorbereitet, erledigt oder schon auf den Weg gebracht wurde. Oberflächlich hört sich das erstmal einfach nur nach Mitteilungsfreude an oder nach Begeisterung. Vielleicht auch nach einem gesprächigen Wesen, was natürlich auch sein kann. Aber, wenn sich das jedes Mal so zeigt, ist es etwas anderes, dann ist es Regulation über Leistung und Gesehenwerden.

Da steht dann innerlich oft nicht nur: Ich möchte dir etwas erzählen, sondern eher: Sieh mich. Sieh bitte, dass ich fleißig bin. Erkenne bitte, dass ich nicht faul bin. Sieh bitte, dass ich etwas tue, dass ich etwas wert bin, dass ich nicht nutzlos bin.

Bevor echte Begegnung überhaupt entstehen kann, wird schnell die Leistung vorgeschoben, wie ein Ausweis. Als müsste man sich Kontakt erst verdienen. Ja,  als müsste man sich absichern, bevor es wirklich persönlich wird.

Und wenn jemand sogar sagt, dass er das schon als Kind gemacht hat, seiner Mutter hinterhergelaufen ist, um zu erzählen, was er alles gemacht hat, wie fleißig er war, was er schon erledigt hat, dann sieht man doch glasklar, woher der Wind weht. Da geht es nicht einfach um Redseligkeit, es geht um ein altes Muster. Um Selbstwert und um die Hoffnung, über Rückmeldung, Anerkennung und Gesehenwerden ein inneres Zitteren, eine Unruhe auszugleichen.

Auch das ist Regulation über den anderen. Nicht über Sorge dieses Mal, nicht über Alarm, sondern über Leistung. Über Botschaften wie: Schau, ich bin gut, ich bin fleißig, schau, ich bin doch etwas wert.

Schweigen wird zum Druckmittel

Es gibt noch eine weitere Form – und die wird am häufigsten übersehen, weil sie so still ist und gern  als eine Unart gesehen wird, die ein Mensch halt so hat. Manche Menschen regulieren sich nicht durch Einmischen oder Alarm oder Leistung, sondern regulieren sich durch auffälliges Zurückziehen und durch Verstummen. Durch ein Schweigen, das nicht einfach nur ruhig ist, sondern das spürbar etwas will.

Da ist dann plötzlich die Tür zu, da kommt keine Antwort, keine Reaktion mehr. Da wird einsilbig geantwortet, wo sonst Lebendigkeit war. Und wer das kennt, weiß, was dann passiert: Man fängt an zu suchen. Was habe ich falsch gemacht oder gesagt? Stimmt irgendetwas nicht und habe ich etwas übersehen? Man dreht sich um den anderen, versucht zu erspüren, was los ist, läuft ihm innerlich hinterher.

Und das ist genau das, was das Nervensystem des anderen braucht, auch wieder nicht bewusst. Aber das Nervensystem weiß, was es tut, denn sobald ich mich zurückziehe, wird der andere aktiv. Sobald der andere aktiv wird, komme ich wieder runter, und das Schweigen ist keine Pause, es ist meine Art der Kontrolle.
Auch das ist Regulation über den anderen. Über Abwesenheit statt Präsenz, es läuft eher über Lücken schaffen, statt über Einmischung. Aber die Bewegung darunter ist dieselbe. Ich halte mich selbst gerade nicht aus, also muss der andere sich um mich drehen.

Woher kommt das jetzt alles?

Das Tragische und gleichzeitig Menschliche daran ist, dass all diese Formen von Regulation oft gar nicht böse gemeint sind. Wirklich nicht, von keinem. Ich finde es so wichtig, das zu sagen, damit wir nicht gleich wieder in diese billige Schublade kippen, wo der eine der Gute und der andere der Nervige oder Böse ist. So einfach ist es ja nie. Oft sind das Menschen, die früh gelernt haben, sich über andere zu organisieren, weil sie gar nicht anders konnten. Weil sie als Kinder Stimmungen lesen mussten, brauchten sie die Leistung, um Bindung zu spüren. Weil sie einfach Angst hatten, wenn sie nicht reagierten. Sie waren früh zuständig für etwas oder irgendwen. Andere haben erlebt, dass Ruhe gefährlich sein kann, Leere unangenehm und Nichtstun verboten.

Dann wird aus einem Überlebensmuster eines Tages ein Persönlichkeitsanteil und alle nennen es dann eben sensibel, engagiert, fürsorglich, fleißig, zuverlässig, hilfsbereit oder besonders wach. Dabei ist es oft einfach nur ein Nervensystem, das noch nicht gelernt hat, in sich selbst zu landen und zu ruhen.

Gell, ich meine das nicht urteilend oder abwertend. Ganz im Gegenteil. Ich finde es sogar entlastend, wenn man das mal so klar sieht, denn dann muss man nicht mehr alles moralisch aufladen. Dann wird verständlich, warum jemand so ist, und gleichzeitig heißt Verstehen natürlich nicht, dass es deshalb angenehm ist oder man sich das ständig gefallen lassen muss.

Denn für das Gegenüber ist diese Form von Regulation oft anstrengend, sehr anstrengend sogar.

Wenn jemand sich dauernd bei dir reguliert, wirst du irgendwann müde. Dann fühlst du dich beobachtet, bearbeitet, benutzt, gedrängt, vollgekippt oder zugeredet. Dann bist du gar kein Mensch mehr, sondern ein Gegenstand für die innere Sortierung des anderen. Das kann aussehen wie Kümmern, wie Fragen, wie Mitteilungen, wie Alarm, wie Dauerkontakt, wie Besserwissen oder wie „Ich muss dir noch kurz sagen …“, aber im Kern ist es oft einfach das Gleiche. Der andere kommt nicht bei sich an und versucht deshalb, sich über dich zu ordnen.

Und das ist auch der Grund, warum sich manche Beziehungen so zäh anfühlen, weil sich da nicht wirklich zwei Menschen begegnen, sondern zwei unregulierte Zustände aneinanderreiben. Der eine will Aufmerksamkeit, der andere Ruhe. Der eine will helfen, der andere Luft. Der eine will erzählen, dass er fleißig ist, der andere wollte eigentlich nur spazieren gehen. Der eine will kontrollieren, damit seine Angst runtergeht, der andere möchte einfach nicht angeschrien werden, nur weil ein Fenster offen ist. Und dann schmeißen wir alles in einen Topf und nennen das Kommunikationsprobleme. Meistens ist es aber gar kein Kommunikationsproblem, sondern einfach mangelnde Selbstregulation.

Was bedeutet Selbstregulation wirklich

Selbstregulation ist übrigens nicht, geschniegelt auf dem Meditationskissen zu hocken und den Eindruck zu machen, man sei ab sofort über alles erhaben. So ein Quatsch. Selbstregulation ist etwas viel Nüchterneres, nicht wirklich etwas Spektakuläres. Es heißt im Grunde nur, dass du lernst, das, was in dir hochkommt, erst mal bei dir zu bemerken, statt es sofort über andere zu entsorgen.

Du merkst, dass du unruhig wirst. Gut.
Du merkst, dass du sofort helfen willst. Okay.
Du merkst, dass du dich absichern willst, indem du erzählst, was du alles gemacht hast. Auch gut.
Du merkst, dass in dir der Alarm anschlägt und du am liebsten gleich die ganze Umgebung kontrollieren willst. Auch gut.
Du merkst, dass du in Existenzangst gerätst und plötzlich der Partner das Problem ist. Ebenfalls gut.
Du merkst, dass du dich am liebsten still zurückziehen würdest, damit der andere endlich reagiert. Auch das: ist gut.

Also, alles nichts Wildes und zu Verurteilendes. Es ist, wie es ist.

Aber dann kommt der entscheidende Punkt.
Nicht sofort losrennen.
Nicht gleich den anderen bearbeiten.
Nicht jeden Impuls für heilig erklären.

Sondern kurz innehalten und ehrlich schauen: Was passiert hier gerade eigentlich in mir?

Ist da Angst? Ist da Leere? Ist da Ohnmacht? Ist da der alte Wunsch, gebraucht zu werden? Ist da der Reflex, über Leistung Anerkennung zu holen? Ist da Unsicherheit? Ist da einfach nur die Schwierigkeit, still mit mir selbst zu sein?

Das ist der Moment, in dem Bewusstsein beginnt. Nicht da, wo du alles richtig machst. Sondern da, wo du dich in der Bewegung erkennst, bevor du sie automatisch nach außen wirfst. Zack – nimm sie.

Und klaro, natürlich ist das nicht bequem. Vieles von dem, was da sichtbar wird, kratzt am Selbstbild.
Ganz ehrlich, wer sieht schon gern, dass sein Kümmern vielleicht gar nicht so selbstlos ist? Oder sein Drang zu helfen oft eher mit eigener Unruhe zu tun hat. Dass dieses viele Erzählen nicht einfach Offenheit ist, sondern eine alte Form von Selbstabsicherung. Oder dass das ganze „Ich muss da jetzt sofort was tun“ mit Kontrolle zu tun hat und nicht mit Liebe. Die Existenzangst, die man auf den Partner projiziert, wohnt in Wahrheit schon lange im eigenen Körper. Oder dass das Schweigen kein Rückzug war, sondern ein Griff, ein richtig fester sogar.

Aber genau da wird es halt wirklich ehrlich und ohne Ehrlichkeit ändert sich halt auch nix und man ist weiterhin komplett unfrei.

Was steht auf dem Spiel?

Ich glaube sogar ganz sicher, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der diese Dinge immer sichtbarer werden. Zumindest erlebe ich es in meinen 1:1 – Begleitungen sehr extrem, weil die alten Rollen nicht mehr so funktionieren. Weil Menschen feiner spüren, wenn sie benutzt werden, auch wenn es nett verpackt ist. Weil viele keine Lust mehr haben, der Regulierungsplatz für die ungelösten Zustände anderer zu sein, und natürlich, weil echte Nähe eben nicht dadurch entsteht, dass man dauernd aufeinander herumwerkelt, sondern dadurch, dass jeder ein bisschen mehr bei sich selbst ankommt.

Darum geht es für mich und nicht darum, Menschen bloßzustellen, wie mancher das gerne nennt, weil sie/er bei sich nicht wirklich hinschauen will. Nicht darum, jeden Impuls misstrauisch zu beäugen. Sondern darum, sauberer, wahrer, klarer und Erwachsener.

Denn solange ich andere brauche, um mich nicht spüren zu müssen, benutze ich sie. Vielleicht freundlich und unbewusst, sogar mit den besten Absichten. Aber eben trotzdem.

Und erst in dem Moment, in dem ich beginne, mich selbst zu halten, wird Beziehung wirklich frei.

Dann muss ich nicht mehr sofort nachfragen, nur weil in mir etwas nervös wird, muss ich nicht mehr helfen, nur um mich sinnvoll zu fühlen oder muss nicht mehr mit Leistung wedeln, damit ich Wert spüre. Dann muss ich den Raum nicht mehr kontrollieren, weil meine Angst gerade keinen Platz in mir hat. Meine Angst muss ich dann nicht mehr auf den anderen werfen und hoffen, dass er sie für mich löst oder trägt und ich muss nicht mehr schweigen und warten, dass der andere kommt.

Dann kann ich atmen. Dann kann der andere atmen. Dann entsteht etwas, das nicht geschniegelt, nicht spirituell geschniegelt, nicht pädagogisch geschniegelt ist, sondern einfach authentisch.

Präsenz. Ja, da haben wir sie wieder – die Präsenz.

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Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Nein, das ist kein Aufruf zur Rebellion gegen Männer, nur gegen das alte Drehbuch, in dem Frauen dekorativ am Rand stehen.

Ich sehe viele Männer, die glauben, stark zu sein. Weil sie viel arbeiten, Entscheidungen treffen, sich nichts anmerken lassen. Und ja, nach außen sieht das beeindruckend aus. Aber innen? Da läuft ein anderes Programm. Stärke heißt nicht Kontrolle und Kontrolle ist keine Stärke.

Ich habe Männer erlebt, die so sehr alles im Griff haben wollten, dass sie sich selbst nicht mehr gespürt haben. Die dann sagen: „Ich brauch keine Hilfe“ und innerlich schreit es: „Ich hab keine Ahnung, wie das hier gehen soll.“

Es ist verrückt, wie oft Kontrolle mit Sicherheit verwechselt wird. Ein Mann, der alles steuert, hält seine Welt so klein, dass ja nichts wackelt. Bloß keine freie Frau, die ehrlich spricht, die nicht darauf wartet, dass er den Ton angibt oder sein hoheitsvolles „Ja“ als Erlaubnis gibt. Sobald diese Frau kommt oder endlich wach wird, wird’s eng. Da kommt dann keine Liebe zum Vorschein, da kommt das Ego. Er prüft, testet, bestimmt oder zieht sich zurück. Nicht, weil sie zu stark ist, sondern weil er merkt, dass er keine Ahnung hat, wer er selbst ist.

Und weißt du, was deine Kontrolle wirklich kostet? Die Fähigkeit zu empfangen

Viele Männer können geben: Geld, Sicherheit, Lösungen. Aber nehmen? Wirkliche Nähe entstehen zu lassen, gesehen werden in ihrer Verletzlichkeit? Das geht nicht.

Und nein, ich meine nicht Sex.

Viele Männer glauben, sie lassen Nähe zu, wenn sie Sex haben. Aber Sex kann auch Flucht sein. Flucht vor dem echten Gefühl, vor dem wirklichen Gesehenwerden. Sex, bei dem etwas geleistet wird, bei dem es um Eroberung geht, um Bestätigung, das ist keine Intimität. Das ist Kontrolle mit der Täuschung durch Masken von Nähe.

Echte Zärtlichkeit? Das ist, wenn nichts erreicht werden muss. Wenn ein Mann einfach da sein kann, ohne zu wollen, ohne zu nehmen, ohne zu beweisen. Wenn er sich berühren lässt, ohne dass es irgendwohin führen muss, wenn er weich sein kann, ohne dass daraus ein Anspruch entsteht.

Ich hab in all den Jahren, in Beziehungen, in Begleitungen, in Gesprächen, noch keinen Mann getroffen, der diesen Unterschied wirklich kannte. Aber woher auch? Wer hätte es ihnen zeigen sollen?

Wer alles kontrolliert, kann nichts empfangen. Und wer nichts empfangen kann, bleibt allein. Auch in seiner Beziehung.

Ich habe das schon so oft beobachtet. Sie sagen: „Ich will eine selbstständige Frau.“ Was sie meinen: „Ich will eine Frau, die eigenständig wirkt, aber bitte so, dass ich mich trotzdem gebraucht fühle.“ Und wenn sie dann wirklich eine treffen (oder die an der Seite endlich aufwacht), die sich selbst trägt, die ihn nicht rettet, die ihre Entscheidungen selbst trifft, nicht beruhigt, nicht anruft, wenn er schweigt, dann spürt er, was wahre Unabhängigkeit in ihm auslöst. Panik und eine Nutzlosigkeit.

Weil dahinter die Angst vor der eigenen Tiefe lauert

Viele Männer haben nie gelernt, dass da unten nicht nur Schwäche ist, dass da auch Kraft liegt. Echte Kraft. Die, die nicht kontrolliert, sondern trägt. Die nicht steuert, sondern bleibt, in sich beobachtet, spürt und sich entspannt. Sie haben Angst vor dem, was hochkommt, wenn die Maske fällt. Dabei ist genau das der Ort, an dem wirkliche Beziehung überhaupt erst möglich wird.

Viele Männer sind nicht schwach, sie sind schlicht nie emotional erwachsen geworden. Weil niemand ihnen gezeigt hat, dass Fühlen kein Versagen ist,  dass Weichsein nicht verloren, sondern authentisch ist. Sie haben gelernt: „Ein richtiger Mann hat alles unter Kontrolle“ und genau da beginnen das Traurige und die Dramen.

Denn Kontrolle ist wie ein billiger Kleber: Er hält kurz, aber klebt alles fest, was in Bewegung kommen will. Treibt im Grunde eher vielmehr auseinander.

Und sie verwechseln Führung mit Dominanz

Wahre Führung braucht keine Unterwerfung und fordert sie auch nicht. Sie lädt ein, schafft Raum, gibt Richtung, aber sie zwängt nicht ein. Ein Mann, der wirklich führen kann, hat keine Angst vor einer Frau, die ihm auf Augenhöhe begegnet. Er muss sie nicht kleiner machen, um sich größer zu fühlen. Führung ist kein Machtspiel, Dominanz schon eher.

Ein Mann sagte mal zu mir, als wir über seine neue Flamme redeten: „Ich bewundere starke Frauen.“ Drei Wochen später sprach er über dieselbe Frau mit dem Satz: „Mit der kannst  du einfach nicht diskutieren.“ Ich musste in mich hineinlachen. Es war so durchschaubar. Stärke, Selbstwirksamkeit, Vertrauen usw. faszinieren, solange sie nicht spiegeln, was man selbst nicht hat.

Das ist keine Antwort. Das ist Reaktion

Wenn eine Frau einfach ist, wie sie ist – reagiert das Ego, mit Rückzug, Tests, Abwertung, Manipulation und einer Haltung von: Ich sage, wie es gemacht wird. Doch das kommt aus der Verletzung, nicht aus dem Inneren. Eine echte Antwort wäre: „Das ist grad echt nicht einfach für mich. Aber ich will verstehen, was du meinst.“ Viele Männer reagieren, statt zu antworten. Und genau da entscheidet sich, ob eine Beziehung beginnt oder endet.

Viele Männer wollen Frieden, aber keinen Spiegel, Nähe, aber keine Wahrheit. Und das ist kein Männerbashing, ehrlich nicht. Ich hab’ ein Herz für Männer. Ich sehe, wie schwer es ist, sich in einer Welt zu orientieren, die gleichzeitig Sanftheit und Stärke verlangt. Wie viele gelernt haben, dass Liebe etwas ist, das man „verdient“, statt etwas, das man lebt.

Und manchmal tut’s echt weh, das zu sehen. Weil ich spüre, wie viel echte Größe in ihnen steckt. Wie viel Gefühl, Humor, Tiefe. Aber sie verpacken es hinter Ironie, Arbeit, Perfektion, Funktionieren oder diesen endlosen Monologen über „Prinzipien“.

Weißt du, was wirklich männlich ist?

Behaupte ich jetzt mal richtig frech als Frau.

Nicht, alles im Griff zu haben. Sondern stehenzubleiben, wenn’s wackelt. Nicht weglaufen, wenn eine Frau dich anschaut, ohne Angst, ohne Bedürftigkeit. Und auch das: verletzlich sein, ohne ein Drama draus zu machen. Zu sagen: „Ich weiß es nicht. Ich hab jetzt richtig Schiss. Ich bin unsicher und unbeholfen“ und dabei nicht erwarten, dass die Frau es jetzt lösen muss. Einfach da sein mit dem, was gerade ist. Das ist Stärke oder es wird Stärke.

Da fängt Beziehung an und da hört das Spiel auf. Und da wird aus Kontrolle echte Stärke.

Und das Gute ist: Es ist nie zu spät.

Jeder Mann, der bereit ist, hinzuschauen, kann diesen Weg gehen. Kontrolle loszulassen, sich hinzugeben, ist keine Schwäche. Es ist der mutigste Schritt überhaupt. Weil es bedeutet, sich selbst zu begegnen, ohne Maske, ohne Schutzpanzer, ohne die Illusion, alles im Griff haben zu müssen.

Und genau da beginnt wirkliche Partnerschaft, ein echtes Miteinander.

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

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Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität, …

… sondern wenn sie alles ist, was du hast.

Geht es dir auch stellenweise so: Da denkst du, du hättest ein Thema längst durchdrungen – und dann zeigt dir das Leben, dass da noch eine ganz andere Ebene drunterliegt? So ging es mir in den letzten Wochen mit dem Thema Identität. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und reflektiert, nix theoretisch, sondern weil ich es gerade hautnah mitbekomme – bei jemandem, der mir sehr nahe steht. Und es hat mich überrascht, wie radikal eine solche Identitätskrise sein kann. Wie sie nicht nur die Person selbst betrifft, sondern alle um sie herum. Wie sie Beziehungen zerlegt, ohne dass der eigentliche Ursprung jemals benannt wird. Identitätskrisen sind keine abstrakten psychologischen Konzepte. Sie zerstören ganz real Beziehungen, Leben, Verbindungen – und die Betroffenen merken oft gar nicht, was da gerade passiert.

Das Problem ist nicht, dass du eine Identität hast. Das Problem ist, wenn sie alles ist, was du hast.

Es beginnt (wie immer) viel früher: mit einem falschen Fundament

Manche Menschen bauen ihr ganzes Selbstverständnis auf einer einzigen Säule auf. Wie ist das denn bei dir? Vielleicht bist du das auch. Der Job, bei dem du dich beweisen musst. Die Rolle als „die Starke“, als „der Gute“, als „die, die alles im Griff hat“. Das Bild, das andere von dir haben sollen. Anfangs fühlt sich das stabil an. Es gibt Sicherheit, Anerkennung, eine klare Struktur. Und irgendwann merkst du leise, dass diese eine Säule dich nicht mehr nährt. Dass dieser Job, diese Rolle, dieses Bild dich innerlich eng macht. Dass du funktionierst, aber innerlich immer leerer wirst. Und trotzdem bleibst du dabei. Aus Vernunft, aus Angst, aus Gewohnheit oder weil du gerade keine andere Perspektive und Idee hast.

Wie entstehen solche brüchigen Identitäten?

Meistens beginnt es in der Kindheit. Scheidungskinder lernen früh, dass Beziehungen zerbrechen, dass Nähe gefährlich ist, dass man sich besser nicht zu sehr anlehnt. Sie entwickeln eine Identität, die auf Unabhängigkeit, auf Kontrolle, auf „Ich brauche niemanden“  oder „Ich mach’ lieber alles alleine“ aufbaut. Und irgendwann steht da ein erwachsener Mensch, der echte Nähe nicht mehr aushalten kann, weil sie sich wie Kontrollverlust anfühlt und zur Bedrohung wird.

Manchmal entsteht es durch ein falsches Selbstbild. Ich kannte mal jemanden, der fest davon überzeugt war, er sei der liebevolle, achtsame Mensch schlechthin. Er sprach viel über Werte, über Respekt, über Integrität. Gleichzeitig hatte er kein Problem damit, Frauen zu umgarnen, Bettgeschichten anzufangen und sie dann fallen zu lassen, wenn seitens der Frauen Gefühle auftauchten. Seine Identität war: „Ich bin der Gute.“ Sein Verhalten zeigte etwas anderes. Aber die Diskrepanz konnte er erst viel später sehen. Denn wenn das Selbstbild die einzige Konstante ist, darf es nicht wackeln, selbst wenn die Realität längst etwas anderes erzählt.

Und manchmal entsteht es durch eine Entscheidung, die man einfach falsch getroffen hat. Ein Job, der anfangs Sinn ergeben hat, der Anerkennung brachte, Struktur, vielleicht sogar Stolz. Und dann merkst du, dass er dich innerlich eng macht. Dass du dort nicht mehr wachsen kannst, aber du gehst weiter hin. Jeden Tag, weil du dich über diesen Job definierst und weil dein Selbstwert daran hängt. Weil du nicht weißt, wer du ohne diese Rolle bist.

Unzufriedenheit bleibt selten da, wo sie entsteht

Das Problem ist nur: Diese Unzufriedenheit bleibt nicht dort, wo sie entsteht. Wenn du jeden Tag an einem Ort bist, der dich innerlich eng und unzufrieden macht, nimmst du diese Spannung mit. Eltern kommen von einem Scheiß-Arbeitstag heim und fahren die Kinder an – nicht weil die Kinder etwas falsch gemacht haben, sondern weil der Druck irgendwo raus muss. Der Hund zieht an der Leine, ist nervös, reagiert empfindlich, weil er die Anspannung seines Menschen längst spürt. Und irgendwann fühlt sich das ganze Leben mühsam an. Nur der eigentliche Ursprung bleibt unangetastet.

Der Kriegsschauplatz verlagert sich

An diesem Punkt passiert etwas sehr Typisches. Du änderst nicht das, was dich unzufrieden macht, sondern du verlagerst es. Die Beziehung wird empfindlich, der Partner nervt, Kleinigkeiten werden plötzlich riesig. Dann tauchen diese Sätze auf: Mit uns stimmt etwas nicht. Unsere Beziehung läuft nicht mehr. Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr. Du triggerst mich nur noch. Ich brauche Abstand.

Das klingt reflektiert, fast erwachsen. In Wahrheit ist es oft eine Verschiebung – weg von der eigentlichen Ursache, hin zu dem Menschen, der einem die eigene Unzufriedenheit am deutlichsten spiegelt. Nicht weil der Partner selbst unzufrieden ist, sondern im Gegenteil: weil er zufrieden ist. Mit seinem Job, mit der Beziehung, mit seinem Leben. Und genau diese Zufriedenheit des anderen wird unerträglich, wenn du selbst innerlich leer bist. Der Kontrast ist zu groß. Und statt hinzuschauen, wo deine eigene Unzufriedenheit wirklich herkommt, wird der Partner zum Problem erklärt.

Trigger sind Hinweise und kein Angriff

Der Partner triggert nicht, weil er etwas falsch macht. Er triggert, weil dein inneres Fass längst voll ist. Und ja, ich kann noch unbequemer werden: Er triggert, weil er dir genau das zeigt, wo du hinschauen solltest. Nähe zerstört nichts, sie legt frei. Wenn du innerlich stimmig bist, kannst du viel aushalten. Wenn du es nicht bist, reicht ein falscher Tonfall. Der Partner ist dann nicht das Problem, sondern der Verstärker.

Wenn Abstand plötzlich wie die Lösung klingt

Spätestens hier fühlt sich Abstand oft wie die Rettung an, und ja, Abstand ist nicht grundsätzlich falsch. Manchmal braucht es Raum, um wieder Luft zu bekommen. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Abstand aus Klarheit und Abstand als eleganter Rückzug vor Verantwortung.

Wenn jemand sagt: „Ich bin da, ich gehe mit dir da durch“, und die Antwort ist: „Das muss ich allein machen“, dann klingt das stark. Ist es aber oft leider nicht. Es ist der Beginn, sich in eine Wiederholungsschleife zu begeben. Spätestens beim nächsten Kandidaten/Partner.

Heilung braucht Verbindung, keine Isolation

Viele Menschen haben früh gelernt, alles allein zu tragen: Gefühle, Entscheidungen, Krisen. Das hat sicher zu anderen Zeiten geholfen, heute verhindert es Beziehung. Denn das, was zwischen zwei Menschen entstanden ist, kann nicht von einem allein gelöst werden. Nähe heißt nicht, dass jemand dein Leben für dich regelt. Nähe heißt, dass du dich nicht verstecken musst, während du es selbst regelst.

Wenn die Identität zu viel tragen muss

Und damit sind wir beim Kern. Wenn dein ganzer Halt an einer Rolle hängt, an einem Job, an einer Funktion, an einem Selbstbild, dann wackelt alles, sobald dieser eine Bereich nicht mehr trägt. Nicht, weil du wirklich schwach bist, sondern weil dein Fundament zu schmal, zu eng oder brüchig ist.

Wenn du dann neben jemandem stehst, der mehrere Standbeine hat, der weiß, wer er ist, unabhängig von seinem Job, unabhängig von Anerkennung, unabhängig von der Meinung anderer, dann wirkt das wie ein Spiegel für das eigene wackelige Innen. Und dann wird nicht die eigene Unsicherheit zum Thema, sondern der andere: Du bist zu viel/zu wenig, du strahlst zu viel und vor allem: Du verstehst mich nicht. 

Beziehung ist nicht duzi-duzi

Beziehung beginnt nicht da, wo alles schön ist, rund, harmonisch. Beziehung beginnt da, wo du aufhörst, dich zu verstecken. In den engsten Beziehungen werden unsere Kindheitswunden am deutlichsten sichtbar, und nicht weil der andere sie macht, sondern weil Nähe sie freilegt. Das ist unbequem, manchmal ernüchternd. Aber es ist auch die günstigste Therapie, die du bekommen kannst, weil es für dich nirgendwo ehrlicher wird. 

Vielleicht ist es keine Beziehungskrise nach außen

Nicht jede Krise will, dass du gehst. Manche wollen, dass du hinschaust. Wo hältst du an etwas fest, das dich nicht mehr nährt? Wo verwechselst du Funktion mit Identität? Wo hast du dein Leben zu eng gebaut? Solange das ungeklärt bleibt, verlagert sich der Kriegsschauplatz immer wieder.

Vielleicht ist es keine Beziehungskrise nach außen.
Vielleicht ist es eine Beziehungskrise zu dir selbst.
Eine Identitätskrise. Eine Identität, die zu viel tragen musste.

Und wenn du das erkennst, ändert sich etwas. Nicht leichter, da möchte ich dir nichts vormachen, aber sehr viel authentischer. Dann fällt so viel Kontrolle und innerlich unbewusster Stress weg und du bist bei dir und nicht bei dem ständigen Suchen im Außen.

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