Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Warum dein Leben leichter wird, wenn du nach innen gehst

 

In der vergangenen Woche konnte ich wieder sehr deutlich beobachten und erleben, wie schnell Menschen in Verzweiflung kommen, in Wut, teilweise auch in richtige Hassgefühle. Wie sie  anfangen, sich selbst zu verurteilen, kleinzumachen, an sich zu zweifeln. Gegen Menschen oder Situationen kämpfen, einfach, weil sie diese Erfahrung gerade nicht machen wollen, die da ist. Schauen wir dann gemeinsam genauer hin, kommt man immer wieder an denselben Punkt, nämlich dass das, was da gerade so weh tut und so schwer geworden ist, in sehr vielen Fällen gar nicht durch das entstanden ist, was tatsächlich passiert ist, sondern durch das, was der Verstand daraus gemacht hat.

Durch Gedanken,
Annahmen,
Vermutungen,
Vergleiche,
Spekulationen,
durch dieses ewige Überlegen, was der andere wohl gemeint haben könnte,
warum er so reagiert hat,
was jetzt wahrscheinlich passieren wird oder was das Ganze wieder über einen selbst aussagt. Ich könnte die Liste in die Unendlichkeit fortführen.

Tja, und ehe man sich versieht, ist aus irgendeiner, sogar ganz banalen Situation innerlich ein riesiges Drama geworden.

Und ja, ich weiß, ich gehe den Menschen, die ich begleite, damit manchmal ordentlich auf den Keks, weil ich immer wieder sage: Schau nach innen, bleib bei dir, geh nicht schon wieder mit deiner ganzen Aufmerksamkeit nach draußen. Doch genau da liegt für mich inzwischen so ein riesiger Unterschied.

Je länger ich das beobachte und je länger ich selbst so lebe, desto mehr habe ich wirklich das Gefühl, dass Menschen wie in zwei verschiedenen Welten leben.

Da ist auf der einen Seite diese sehr nach außen gerichtete Welt, was übrigens die meisten Menschen tun, in der ständig geschaut wird: Was machen die anderen, was denken die anderen, was ist gerade richtig, was ist falsch, was müsste ich tun, was sagen Experten, was funktioniert angeblich gerade? Dann kommt von irgendwo wieder eine neue Meinung, eine neue Methode, eine neue Idee, und zack, wird man innerlich schon wieder wie von einem Gummiband in die nächste Richtung gezogen.

Und ich glaube auch ganz ehrlich, dass ein Mensch, der fast ausschließlich in dieser äußeren Welt lebt, mit dem, was ich hier schreibe, erst einmal nullkommanull anfangen kann. Es gibt eben zu wenige, die das tun, sich nach innen ausrichten.

Ein nach außen gerichteter Mensch, wird sagen: Ja, schön, aber die Realität ist doch nun einmal da draußen, die Menschen sind so, die Situation ist so, die Welt ist so, also muss ich doch auch darauf reagieren, ich muss doch was tun.

Und ich bin inzwischen auch wirklich überzeugt, dass ein Mensch, der nicht von sich aus den Wunsch hat, nach innen zu gehen, sich selbst kennenzulernen und wirklich herauszufinden, was da in ihm geschieht, durch keine Argumente dieser Welt davon überzeugt werden kann.

Das ist auch gar nicht (mehr) meine Aufgabe.

Ich erspare mir das inzwischen, weil ich ganz einfach einsehen musste, dass dieser Wunsch aus dem Menschen selbst kommen muss. Du kannst niemandem erklären, dass er sich nach innen wenden soll, wenn er mit seinem ganzen Sein weiterhin nur nach außen möchte.

Und ja, ich muss auch ganz ehrlich sagen: Es sind nicht wahnsinnig viele Menschen, die das wirklich wollen. Sich selbst wirklich kennenzulernen.

Viele möchten, dass es ihnen besser geht, sie möchten weniger Angst haben, weniger Stress, bessere Beziehungen, mehr Geld oder ein leichteres Leben, aber das ist noch einmal etwas ganz anderes, als wirklich bereit zu sein, sich selbst kennenzulernen und nicht schon wieder irgendwo im Außen nach der nächsten Lösung zu suchen. Nur, im Außen gibt es nicht wirklich die Lösung. Es ist immer nur eine Symptombehandlung und nicht die Ursache.

Für mich beginnt es erst dort, wo ein Mensch wirklich verstanden hat, dass sein Leben nicht nur daraus besteht, im Außen etwas zu erreichen, zu verbessern oder zu bekommen, sondern dass da auch diese ganz eigene Bewegung nach innen ist.

Und ich würde sogar sagen, dass genau dort das liegt, was unsere eigene Energie, unsere Seele, unser Innerstes, wie auch immer du es nennen möchtest, von uns wirklich will.

Nicht noch weiter weg von uns – sondern näher zu uns.

Und wer diesen Ruf oder die Notwendigkeit nicht hört oder ihn im Moment einfach nicht hören möchte, den muss ich auch nicht überzeugen.

Dann ist das so. Vielleicht kommt dieser Moment einmal, vielleicht auch nicht. Ach, es gibt noch so viele Inkarnationen, wo es einem bewusst werden kann.

Aber wenn ein Mensch ihn einmal wirklich hört oder versteht, wo ihn das Leben gerade hinschubsen will, dann braucht es meistens auch nicht mehr viele Argumente.

Wenn du dein ganzes Leben lang gelernt hast, nach außen zu schauen, zu reagieren, zu bewerten, zu vergleichen, dich an anderen zu orientieren und aus dem, was draußen passiert, abzuleiten, wie es dir innen geht, dann klingt so ein Satz wie „geh nach innen“ wahrscheinlich erst einmal ziemlich schräg. Ja, ich weiß, und es kann dir so richtig auf den Zeiger gehen. Kenne ich selbst zu Genüge.

Was soll denn da innen sein?

Und genau deshalb bringt es für mich auch überhaupt nichts, jemanden davon überzeugen zu wollen.

Du kannst einem Menschen hundertmal erklären, dass es da noch einen anderen Raum in ihm gibt, in dem nicht jeder Gedanke sofort eine Wahrheit ist und nicht jedes Ereignis im Außen darüber entscheidet, wie es ihm geht, irgendwann muss er das selbst erleben. Da führt kein Weg daran vorbei. Es sind die Momente, in denen nix mehr im Außen geht, wo die Verzweiflung über das, was gerade da ist, mega groß ist.

Vielleicht braucht es manchmal tatsächlich einen Bruch, eine Erfahrung, einen Moment oder wie bei mir eine Krise, in der das bisherige Funktionieren eben nicht mehr funktioniert. Vielleicht aber auch ein kleines Wunder, damit ein Mensch überhaupt einmal stehenbleibt und merkt, dass das, was er bisher für die ganze Realität gehalten hat, vielleicht nur ein Teil davon ist. Und Wunder geschehen einfach zum Glück immer wieder.

Genauso ist es aber auch andersherum.

Wenn du diesen inneren Raum einmal kennengelernt hast und immer mehr daraus lebst, dann kannst du natürlich auch nicht mehr alles glauben, was dir das Außen vorsetzt, nur weil irgendein Mensch etwas behauptet, zehn andere es nachplappern oder irgendein Experte erklärt, dass das jetzt eben so ist. Ach ja, Statistiken habe ich vergessen, die berühren dich auch nicht mehr.

Du prüfst auf einmal ganz anders. Nicht, weil du grundsätzlich alles ablehnst, sondern weil du inzwischen etwas in dir entdeckt hast, woran du überhaupt prüfen kannst, ob etwas für dich stimmt oder eben nicht. Genau das sehe ich übrigens nicht nur bei Gefühlen oder Beziehungen, sondern in jedem Lebensbereich.

Nimm nur einmal das Thema Business.

Da haben viele Menschen mittlerweile überhaupt keine Vorstellung mehr davon, wie ein ganz normaler Geschäftsaufbau funktioniert, weil ihnen das Außen inzwischen etwas vollkommen anderes vorspielt.

Da wird suggeriert, du brauchst nur diesen einen Funnel, diese eine Strategie, diese eine Positionierung, dieses eine Programm oder diesen einen Menschen, der dir jetzt endlich sagt, wie es richtig geht, und dann kommen die Kunden am besten wie von selbst und ein paar Wochen später verdienst du fünfstellig im Monat. Und wenn das dann nicht funktioniert, bleibt man ja oft nicht einmal stehen und fragt sich: Was will ich überhaupt, was passt zu mir, was möchte ich wirklich aufbauen, wie möchte ich arbeiten, und bin ich auch bereit, diesem Aufbau die Zeit zu geben, die er eben braucht?

Nein, dann kommt schon der Nächste von außen und sagt: Du brauchst etwas ganz anderes, und schon zieht das Gummiband einen wieder in die nächste Richtung. Dann hierhin, dann dorthin, dann noch diese Strategie und dort noch ein neues Versprechen, und irgendwann weiß ein Mensch überhaupt nicht mehr, was von ihm selbst kommt und was er nur übernommen hat, weil es ihm irgendwo lange genug erzählt wurde. Warum wohl? Weil in sich instabil und so weit von sich weg.

Und genau deshalb ist dieses Nach-innen-Gehen für mich so wichtig.

Wobei ich damit überhaupt nicht meine, dass man jetzt den ganzen Tag in sich herumgrübelt, jeden Gedanken auseinandernimmt, seine Kindheit zum hundertsten Mal analysiert und immer noch einen neuen Grund dafür sucht, warum man so ist, wie man ist.

Für mich ist es eher das Gegenteil, weil dieses Nach-innen-Gehen für mich bedeutet, dass ich mit der Zeit immer weniger auf alles anspringe, was mein Verstand mir erzählt, und eben nicht mehr jedem Gedanken automatisch glaube, nur weil er gerade in meinem Kopf auftaucht.

Und ich halte das auch für etwas, was man wirklich immer wieder tun darf, weil es da für mich keinen Punkt gibt, an dem man sagt: So, jetzt habe ich meinen Weg nach innen beendet, jetzt bin ich fertig und jetzt bleibt das für immer so.

Es gibt da keine bestimmte Zeit, keinen festgelegten Weg und auch kein Ziel, das irgendwann erreicht ist.

Das Leben passiert einfach weiter, Menschen sagen Dinge, Situationen verändern sich, hier berührt es einen, dort triggert es einen, etwas läuft nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, und natürlich fängt der Verstand dann wieder an, daraus eine Geschichte zu bauen, weil genau das ja seine Aufgabe ist. Warum sollte er denn verstummen?

Dann macht man es einfach wieder und wieder. Nicht in dem Sinn, dass man sich zurückzieht oder das Leben plötzlich nicht mehr mitbekommt, sondern dass man wieder schaut: Was passiert denn gerade tatsächlich in mir, was davon ist wirklich da und was habe ich mir schon wieder dazugedacht?

Und das darf man immer wieder machen.

Immer wieder nach innen gehen, immer wieder zu sich zurückkommen, immer wieder ein bisschen weniger jedem Gedanken hinterherlaufen, und ich erlebe: Genau dadurch verändert sich mit der Zeit sehr viel mehr, als man am Anfang vielleicht überhaupt vermutet.

Das Leben wird ruhiger.

Man wird gelassener, man wird nicht mehr bei jeder Kleinigkeit innerlich hin- und hergeschleudert, man muss nicht mehr auf jede Meinung aufspringen. Vor allem entsteht mit der Zeit etwas, was ich für unglaublich wichtig halte, nämlich eine ganz andere Stabilität.

Und diese Stabilität entsteht für mich nicht dadurch, dass draußen endlich alles stimmt, sondern dadurch, dass ich mich selbst immer besser kenne.

Wenn ich weiß, wer ich bin, wenn ich mich selbst wahrnehmen kann, wenn ich weiß, was für mich stimmig ist und was nicht, dann bin ich natürlich sehr viel schwerer von jeder Meinung, jedem Trend, jedem Versprechen und jeder Stimmung im Außen aus meiner Mitte zu ziehen.

Und  so nebenbei: Für mich hat das überhaupt nichts mit Weltfremdheit zu tun.

Im Gegenteil, wir müssen nur einmal ganz nüchtern nach außen schauen.
Wenn dieses permanente Nach-außen-Gerichtetsein so wunderbar funktionieren würde, wenn dieses ständige Verbessern, Kämpfen, Bewerten, Missionieren, Vergleichen, Aufwiegeln und Aufregen wirklich dazu führen würde, dass die Welt besser wird, dann müsste sie ja inzwischen ein ziemlich friedlicher Ort sein. Dein Leben müsste doch inzwischen ein Hafen der Zufriedenheit sein, bei all deinem Kampf und dem Sammeln von Informationen?

Ist es aber nicht.

Und deshalb empfinde ich die Frage inzwischen als viel spannender: Was passiert, wenn ein Mensch nicht noch mehr versucht, das Außen zu verändern, sondern wenn er selbst ruhiger wird, wenn er gelassener wird, weniger reagiert und nicht mehr jeden inneren Impuls sofort nach draußen trägt?

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder beobachten, auch wenn ich den Menschen wirklich manchmal oder öfter auf den Nerv gehe mit meinem „Es passiert innen, es passiert innen, es passiert innen“, aber ich sehe auch, was passiert, wenn jemand sich darauf tatsächlich einlässt.

Wenn jemand aufhört, ständig im Außen nach der nächsten Erklärung oder nach der nächsten Lösung zu suchen, und stattdessen anfängt, sich selbst wirklich wahrzunehmen, dann verändert sich etwas.
Nicht unbedingt spektakulär, aber sehr deutlich.

Dann merkt dieser Mensch selbst, dass er ruhiger geworden ist, dass ihn Dinge nicht mehr so mitreißen, dass er anders entscheidet, dass er weniger Angst vor seinen eigenen Gefühlen hat und dass er nicht mehr ständig jemanden oder etwas im Außen braucht, damit es ihm wieder besser geht.

Wir unterschätzen vollkommen, was das auch mit der Welt um uns herum macht. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass jeder Mensch durch seine Art zu sein etwas in seine Umgebung hineinträgt.

Wenn du ruhiger bist, gehst du anders durch die Welt, du sprichst anders mit Menschen, du reagierst anders, du entscheidest anders und du kommst dadurch natürlich auch mit anderen Situationen und anderen Menschen in Kontakt, und damit verändert sich dann tatsächlich auch deine Welt.

Das finde ich ja gerade so faszinierend, weil ich mir heute sehr viel weniger Gedanken um die Welt mache als früher, und trotzdem hat sich meine Welt sehr verändert. Nicht, weil ich sie permanent verändern wollte, sondern weil ich mich verändert habe.

Dadurch erlebe ich vieles anders, ich entscheide anders, ich gehe anders mit Menschen um und manches bekommt überhaupt keinen Platz mehr in meinem Leben, weil ich nicht mehr automatisch auf alles anspringe.

Das ist genau der Punkt, den wir so oft übersehen.
Das Leben wird eben nicht nur durch das, was passiert, schwer, sondern auch dadurch, wie schwer wir selbst innerlich sind. Wir selbst hängen die Gewichte dran. Genauso kann es leichter werden, wenn wir selbst leichter werden.

Nicht oberflächlich, nicht gleichgültig und auch nicht so, dass uns alles egal ist, sondern leichter, weil wir nicht mehr jeden Gedanken, jede Meinung und jede Geschichte mit uns herumschleppen müssen und weil wir immer wieder zu uns zurückfinden können.

Und genau das sind auch die Bereiche, um die es in meinem Retreat immer wieder geht. 
Retreat im November

Nicht um noch mehr Wissen, nicht um noch mehr Informationen zu sammeln und auch nicht darum, dreieinhalb Tage lang noch mehr über sich selbst nachzudenken, davon haben die meisten von uns wirklich genug.

Sondern darum, mit sich selbst und mit der eigenen Innenwelt wieder wirklich in Kontakt zu kommen. Sich wahrzunehmen, sich kennenzulernen, zu spüren, was tatsächlich in einem geschieht, und immer mehr zu erfahren, dass da etwas in einem ist, was sehr viel ruhiger und stabiler ist als all diese Gedanken, die uns manchmal den ganzen Tag durch die Gegend ziehen.
Genau dort beginnt dieses andere Leben, von dem ich hier spreche. Nicht weit weg und auch nicht irgendeines Tages, wenn du endlich alles verstanden hast.

Sondern immer wieder genau da, wo du zu dir zurückkommst.

 

 

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen 

Und die pure Hingabe von 75.000 Menschen

75.000 Menschen, ein Stadion, und plötzlich leuchtet jeder Einzelne von ihnen. Was das mit Bewusstsein zu tun hat, und warum ausgerechnet eine Band aus Südkorea mich das gerade jetzt wieder so deutlich sehen lässt.

Manchmal frage ich mich ja wirklich, wo Bewusstsein anfängt. Also, ob es tatsächlich immer auf einem Meditationskissen anfangen muss, mit Räucherstäbchen, geschlossenen Augen und einem Gesichtsausdruck, als hätte man gerade das Geheimnis des Universums verstanden. Oder ob Bewusstsein nicht manchmal an ganz anderen Orten sichtbar wird, an Orten, an denen wir es überhaupt nicht vermuten würden. Zum Beispiel in einem Fußballstadion, mit 75.000 Menschen, Musik, Geschrei, Tränen, Tanz, und Tausenden Lichtern in den Händen, die alle zusammen ein ganzes Stadion in violettfarbenes Licht tauchen. Und mittendrin sieben junge Männer aus Südkorea.

Ganz ehrlich, ich hätte vor vielen Jahren vermutlich auch nicht gedacht, dass ich einmal einen Blogbeitrag über BTS schreiben würde. Damals waren das für mich erst einmal sieben junge Männer, die Musik machten, tanzten und bei meiner Tochter etwas auslösten, das ich erst noch gar nicht richtig einordnen konnte. Inzwischen bin ich selbst Fan von ihnen, und zwar nicht nur wegen ihrer Musik, sondern weil ich über all die Jahre immer mehr verstanden habe, was diese sieben Männer in Menschen berühren. Sie holen etwas ans Licht, das da immer schon war, durch ihre Natürlichkeit.

Meine Tochter war ungefähr 15 oder 16 Jahre alt, als sie BTS für sich entdeckt hat. Ich weiß noch, wie sie ihren Kopf aus ihrem Zimmer streckte und meinte: „Mama, ich muss dir etwas zeigen.“ Zusammen schauten wir das erste Video der Jungs.  Ganz ehrlich, ich konnte sie zuerst nicht einmal auseinanderhalten. Von da an war sie in diese Welt komplett eingetaucht. Und zuerst denkt man als Mutter ja vielleicht noch: Gut, sie ist eben Fan von dieser Band. Das kennen wir doch irgendwie alle. Wir hatten schließlich auch unsere Sänger, Schauspieler oder Bands, für die wir geschwärmt haben. Ich sage nur: Bravo und Co.

Aber bei ihr war es eben nicht nur dieses Schwärmen. Ich habe gesehen, wie sie aufgeblüht ist. Und das ist etwas, was man als Mutter sehr genau merkt. Du siehst ja, ob dein Kind einfach nur irgendeine Musik hört, oder ob etwas in ihm wirklich lebendig wird. Und das Entscheidende dabei: BTS hat diese Dankbarkeit, diese Offenheit, diese Freude nicht in sie hineingelegt. Das war schon da, doch durch bestimmte Lebensumstände war das alles etwas verschüttet worden. Die Band hatte durch ihr Wesen, die Videos und die Musik einen Raum eröffnet und nur den Scheinwerfer draufgehalten. Heute ist meine Tochter 26 Jahre alt, seit ungefähr zehn Jahren BTS-Fan, und wenn ich heute darauf zurückblicke, wird mir noch deutlicher, dass es in dieser ganzen Geschichte nie nur um Musik ging. Es ging darum, dass etwas in ihr angesprochen wurde, das bereits zu ihr gehörte.

Und genau das übersehen wir meistens, wenn Menschen sich für etwas begeistern. Wir sehen nur die äußere Form und glauben dann schon zu wissen, was dahintersteckt. Da liebt jemand eine Band, dann ist es halt Fan-Sein. Da liebt jemand Fußball, dann ist es eben Fußball. Aber wir sehen nicht, was in diesem Menschen dabei ans Licht kommt. Wir sehen nicht, was lebendig wird, und wir sehen oft auch nicht, dass Menschen manchmal über einen ganz einfachen äußeren Weg wieder an etwas in sich herankommen, das sie lange zurückgehalten haben oder das einfach zugedeckt war.

Was ich grundsätzlich faszinierend finde, ist, wie schwer sich viele Menschen mit echter Begeisterung tun. Traurigkeit geht inzwischen einigermaßen. Da darf man sagen, dass man verletzt ist oder gerade durch einen Prozess geht. Wut geht auch, wenn man sie schön begründet, am besten noch in einem Wutraum, wo es keiner mitbekommt. Aber Begeisterung, also so richtige Begeisterung, mit leuchtenden Augen, Tränen, Schreien, Singen, Tanzen, da wird es für viele schon schwierig. Begeisterung macht nämlich sichtbar, und oh Gott, was sagen denn dann die anderen? Du kannst dich nicht ernsthaft freuen und gleichzeitig kontrollieren, wie du dabei aussiehst. Das funktioniert einfach nicht. Und genau da beginnt für viele Menschen das Problem, weil sofort dieses innere Überprüfen losgeht. Bin ich zu laut, bin ich peinlich, bin ich zu alt dafür? Obergescheite empfinden so etwas auch als sinnfrei. Wir kontrollieren sogar unsere Freude, und damit eben auch unser Licht. Wir schalten es selbst herunter, aus Angst, es könnte jemandem zu viel sein.

Genau deshalb haben mich diese Konzerte in München so berührt, obwohl ich sie nur über TikTok verfolgt habe. Da kamen ungefähr 75.000 Menschen zusammen: junge Mädchen, erwachsene Frauen, Männer, Mütter, Söhne, Freundinnen, und sogar Frauen um die 70 und noch älter, die dort mitgesungen, getanzt und ihr Licht einfach angeschaltet haben. Sie standen dort nicht, weil sie sich einbildeten, einen dieser jungen Männer zu heiraten. Sie standen dort, weil sie diese Musik lieben, weil sie diese Energie fühlen, und weil etwas in ihnen darauf reagiert. Und warum um alles in der Welt sollte eine 70/80-jährige Frau weniger begeistert sein dürfen als eine 17-jährige? Wo steht denn geschrieben, dass Freude ein Ablaufdatum bekommt?

Das ist doch vollkommen bescheuert, und trotzdem leben viele Menschen genau so. Sie werden nicht einfach nur älter, sie werden vorsichtiger, angepasster, und sie verkleinern ihr Licht immer ein Stückchen mehr oder haben es schon ganz aus. Vielleicht ist nicht die 70-jährige Frau peinlich, die bei BTS tanzt. Vielleicht ist eher der Mensch arm dran, der mit 35 schon beschlossen hat, sich nicht mehr richtig zu freuen und es zu zeigen.

Was mich bei BTS immer wieder berührt, sind gar nicht nur die großen Bühnenmomente. Es sind hauptsächlich diese kleinen Situationen, bei denen genau dieses Licht am hellsten aufblitzt, nämlich immer dann, wenn einer sich nicht mehr zusammenreißt. V hat auf der Bühne einmal sein Armband verloren. Ein Sänger, der unbedingt professionell wirken möchte, würde einfach weitermachen, das Armband schnell wegstecken, damit bloß nicht auffällt, dass etwas Ungeplantes passiert ist. V hat es aufgehoben, ist zu seinem Bandkollegen Jimin gegangen, hat ihn angetippt und ihm praktisch gesagt: Mach mir bitte mein Armband wieder zu. Der fackelte nicht lange und hat es ihm zugemacht, obwohl er gleich dran war, seinen Part zu singen. Keine große Show, kein Vortrag über Nähe und vor allem kein Drama. Einer brauchte gerade Hilfe, der andere war da, und damit war die Sache erledigt. Genau in so einem Moment, wo einer zugibt: Ich schaffe das gerade nicht allein, wird ein Mensch sichtbarer und nicht kleiner.

Und dann war da Jungkook am Ende der jetzigen Europatournee. Er hat auf der Bühne beim letzten Konzert so geweint, dass er fast nicht mehr singen konnte. Nicht nur, weil ein Mann geweint hat – Menschen weinen nun einmal –, sondern weil er diese Tränen nicht sofort wegmachen musste. Er stand da, war einfach berührt, von den Fans, von der gemeinsamen Zeit, vom Abschied. Kein einziger hat sich gedacht: Mein Gott, jetzt steht der da rum und flennt, ganz im Gegenteil, genau diese Berührbarkeit schafft Nähe.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 50–100 Millionen Menschen eine so tiefe Verbindung zu BTS empfinden. Diese Männer wirken nicht wie unantastbare Figuren, sie zeigen Gefühle, Zärtlichkeit, Dankbarkeit, und dass sie füreinander da sind und sich brauchen. Und natürlich gibt es immer noch Menschen, die glauben, ein Mann wäre weniger stark, wenn er weint. Ganz ehrlich, was für ein Quatsch. Ein Mann verliert doch nicht seine Kraft, weil ihn etwas erreicht.

Meine Tochter und ihre Freundin hatten das Glück, beide Konzerte in München besuchen zu können, am zweiten Tag sogar kurzfristig noch mit neuen Tickets. Und ich war so glücklich für die beiden, einfach weil sie so glücklich waren. Ich finde, das ist auch eine Form von Liebe, über die viel zu wenig gesprochen wird. Nicht, dass ich genau das Gleiche lieben muss wie meine Tochter, und auch nicht, dass ich alles bis ins Letzte verstehen muss. Sondern dass ich sehe, etwas bringt diesen Menschen zum Leuchten, und dann freue ich mich mit. Ich muss nicht genau nachempfinden können, warum ein Lied  oder etwas anderes jemanden so tief berührt. Ich kann einfach sehen, was es mit diesem Menschen macht. Wird er lebendiger, offener, leidenschaftlicher, kommt er mehr bei sich an, dann ist alles gesagt.

Wir haben ja oft so ein sehr enges Bild davon, wie Bewusstsein oder Erwachen aussehen soll. Ruhig soll es sein, sanft, kontrolliert, ohne große Gefühle. Am besten sitzt jemand in hellen Kleidern da, lächelt milde und spricht ganz langsam über die Liebe. Aber vielleicht sieht Erwachen manchmal ganz anders aus. Vielleicht ist es laut. Vielleicht tanzt es, schreit es, oder weint so sehr, dass es kaum noch singen kann, hält einen Leuchtstab in der Hand oder steht mit 70 Jahren zwischen jungen Mädchen und hört endlich auf, sich zu fragen, ob das noch angemessen ist. Bewusstsein beginnt genau in dem Moment, in dem ein Mensch nicht mehr dauernd kontrolliert, wie er wirkt. Nicht kontrolllos, das ist etwas vollkommen anderes, sondern unverstellt. Einfach im Hier und Jetzt, vollkommen authentisch.

Und genau dafür stehen für mich diese Leuchtstäbe im Stadion. Jeder Mensch hält sein eigenes Licht in der Hand. Nicht das Licht der Nachbarin, nicht das Licht der Band, und auch nicht das Licht eines spirituellen Lehrers, sondern sein eigenes. Ein einzelnes Licht wirkt in so einem großen Stadion erst einmal klein, es macht nicht besonders viel her. Aber wenn 75.000 Menschen ihr Licht anschalten, wird das ganze Stadion hell. Das Dunkle verschwindet nicht, weil ein einziger Mensch besonders hell leuchtet. Es wird hell, weil jeder aufhört, sein eigenes Licht zurückzuhalten. Und keines dieser Lichter konkurriert mit dem anderen. Kein Leuchtstab sagt: „Meiner ist aber heller, meiner ist spiritueller, meiner ist weiter entwickelt.“ Jedes Licht ist einfach da, und zusammen entsteht etwas, das keiner allein erschaffen könnte.

Viele Menschen wünschen sich Verbindung, sie wollen gesehen werden, dazugehören, Nähe erleben, aber gleichzeitig zeigen sie sich nicht wirklich. Sie zeigen nur eine angepasste Version von sich, eine Version, die nicht zu laut, nicht zu emotional, nicht zu begeistert ist. Und dann wundern sie sich, warum sie sich trotz anderer Menschen einsam fühlen. Aber wie soll echte Verbindung entstehen, wenn du nur mit einer kontrollierten Version von dir anwesend bist? Verbindung entsteht, wenn du wirklich da bist, mit deinen Tränen, deiner Freude, deinem Strahlen, deiner Begeisterung. Genau das konnte man in diesem Stadion sehen. Für ein paar Stunden haben so viele Menschen aufgehört, sich selbst zu überwachen. Es waren vollkommen unterschiedliche Menschen, und trotzdem entstand zwischen ihnen etwas Gemeinsames, nicht weil alle gleich waren, sondern weil keiner sich in diesem Moment kleiner machen musste.

Beim nächsten Konzert werde ich deshalb nicht nur auf TikTok zuschauen. Ich werde mitgehen, weil Lebendigkeit kein Alter hat. Wahrscheinlich werde ich dort stehen, mit meinem eigenen Leuchtstab in der Hand, zwischen weinenden, singenden und strahlenden Menschen. Vielleicht kann ich nicht jedes koreanische Wort mitsingen, aber ich werde trotzdem verstehen, worum es geht.

Und vielleicht fragst du dich jetzt beim Lesen ja selbst: Welches Licht hältst du gerade zurück? Wo machst du dich kleiner, aus Angst, du könntest zu viel sein, zu laut, zu begeistert, zu echt? Darum geht es doch am Ende. Dass jeder Mensch sein eigenes Licht trägt, und dass etwas unglaublich Schönes entsteht, wenn wir endlich aufhören, es selbst auszumachen.



Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung –

– Wo ist der Unterschied?

Vor ungefähr fünf Jahren bin ich selbst zu einer Aufstellerin gegangen, die mit Filzmatten arbeitet. Hingegangen bin ich, weil ich eine bestimmte Energie gespürt habe, die ich einfach nicht durchstoßen konnte, primär in Bezug darauf, mich zu zeigen, und dadurch auch mit Geldverdienen. Ein ganz klassisches Business-Thema also, dachte ich zumindest.

Die Aufstellung selbst war nicht schlecht, und die Frau kam erstaunlich schnell an einen Punkt, der mit dem, weswegen ich da war, auf den ersten Blick nichts zu tun hatte, nämlich körperlichem Missbrauch in der Kindheit und einer ganzen Linie von Frauen, die immer wieder übergriffig behandelt wurden. Was ich gleich vornewegnehmen will, weil es mir wichtig ist: Das war jetzt kein Fehler oder etwas Falsches. Es ist vollkommen normal und passiert in der tiefen Arbeit ständig, dass man wegen einer Sache kommt, die sich an der Oberfläche zeigt, und dann bei einem ganz anderen Thema landet, das darunterliegt. Das ist auch üblich in meiner Begleitung. Es ist einfach der Sinn solcher Prozesse, und in meinem Fall war da sogar etwas Wahres dran, und genau daraus ist bei mir eine innere Angst, eine innere Scheu entstanden, die mich beruflich nicht weiterkommen ließ. Allein dieses Aufzeigen, glaube ich heute, hätte mir schon gereicht.

Aber dann fragte sie mich, wo ich denn hinmöchte, was mein Wunsch wäre. Ich sagte: versorgt sein. Sie hakte nach, ob ich das nicht konkreter machen könnte, und irgendwie ist mir dann herausgerutscht, dass ich mir schon zweimal in meinem Leben ein Haus mit meinen Ehemännern gekauft hatte (lustig, wie sich das anfühlt), und beide Male ist mir das alles wieder weggebrochen.

Ab da ging es plötzlich um Zahlen. Rasch stellte sie eine Rechnung auf: Ein Haus kostet eine Million, für den Erhalt und das Versorgtsein brauchst du noch zwei Millionen dazu, also machen wir jetzt, dass du drei Millionen recht schnell bekommst.

Ich habe bis heute weder ein Haus noch drei Millionen, und offen gestanden ist das auch gar nicht mein Ansinnen. Wenn es kommt, dann kommt es, und wenn nicht, dann geht es mir auch so, wie es ist, hervorragend. Wo es mich seitdem aber auch nicht mehr hingezogen hat, ist zurück zu dieser Aufstellerin. Was bei mir tatsächlich etwas bewirkt hat, war nicht das Zahlenspiel, sondern das ehrliche Hinschauen auf diese übergriffige Dynamik. Da hat sich wirklich etwas gezeigt, das echt war und mir gedient hätte, auch ganz ohne Millionen und ohne Haus. Nur die Verpackung danach, der schnelle nächste Schritt, die Rechnung, die auf einmal im Raum stand, das war es nicht, was mir wirklich gedient hat.

Und genau an diesem Punkt setzt bei mir inzwischen eine Allergie ein.

Menschen kommen ja meistens in einem sehr offenen Zustand zu uns, sie sind verletzlich, sie suchen Halt, Klarheit, manchmal einfach nur einen kleinen Spalt Licht, weil sie gerade nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. Und genau an dieser Stelle beginnt entweder echte Begleitung, oder es beginnt spirituelle Betäubung.

Mit spiritueller Betäubung meine ich nicht Hypnose als Methode, sondern eher dieses Einlullen mit großen Sätzen. Ich löse dir das – ich nehme dir das raus – ich befreie dich davon – das kommt gar nicht von dir, das ist eine alte Energie. Das klingt natürlich vorerst schön, sogar heilsam, und manchmal entspannt sich der Mensch auch kurz, weil er endlich nicht mehr selbst hinschauen muss.

Puh, wie praktisch. Dann war es also nicht meine Angst und nicht meine Vermeidung, nicht mein alter Schutz und nicht mein Nicht-wissen-wollen, sondern irgendeine Energie, ein Ahnenfeld, ein altes Versprechen, ein Fluch aus dem Mittelalter oder was auch immer gerade hübsch in die Geschichte passt.

Versteht mich bitte richtig: Ich sage nicht, dass es solche Felder nicht gibt, und ich sage auch nicht, dass Aufstellungen nichts zeigen können, sonst würde ich sie selbst nicht einsetzen und auch nicht immer wieder Menschen dorthin schicken, wo es passt. Und ich sage schon gar nicht, dass tiefe Arbeit nicht Dinge sichtbar machen kann, die man mit dem Kopf niemals gefunden hätte, natürlich kann das passieren, das habe ich ja selbst erlebt. Aber wenn der Mensch danach nur erleichtert ist, weil er seine Verantwortung an eine neue Erklärung abgegeben hat, dann ist nichts gelöst, dann wurde nur die Verpackung gewechselt. Vorher hieß es vielleicht, ich kann oder traue mich nicht, danach heißt es dann, die Energie lässt mich nicht. Na bravo, anscheinend ein Jackpot.

Und das ist mir nicht nur bei mir selbst begegnet, sondern immer wieder auch bei Menschen, die mir in meiner eigenen Arbeit begegnen. Da geht jemand wegen des Berufs zu einer Begleiterin, weil er sich einfach nichts traut, und schon heißt es, das sei eine dunkle Energie, die ihn blockiert, das sei gar nicht er selbst.

Und in so einem Fall sage ich dann auch klar: Das ist Bullshit. Natürlich gibt es solche Energien. Aber wer sie am Ende auflösen kann, das ist die eigene Entscheidung. Etwas zu tun, einen Schritt zu gehen, eine Entscheidung zu treffen.

Die Erleichterung danach fühlt sich trotzdem erst mal wunderbar an. Es geht einem viel besser, weil man endlich eine Erklärung hat, und man ist dankbar, dass man selbst nicht das Problem ist, sondern diese dunkle Energie. Und direkt im Anschluss wird dann schon der nächste Termin ausgemacht.

Und genau da haut es mir die Allergie raus, dann kommt gleich der nächste Schritt, noch ein Termin, noch eine Lösung, noch eine alte Blockade, noch ein Feld, noch ein Thema, noch ein bisschen Erlösung zum Nachbuchen. Und im Grunde sitzt da ein Mensch, der endlich lernen müsste, sich selbst wieder zu spüren, und denkt: Gut, dann brauche ich nichts zu tun, jetzt habe ich jemanden, der mich endlich richtig befreit. Nein, so läuft es nicht. April, April – auch wenn jetzt Juli ist.

Ich will ehrlich sein: Ich kenne diese Versuchung auch aus eigener Erfahrung, und zwar nicht aus der Rolle der Klientin, sondern aus meiner eigenen früheren Rolle als Begleiterin. Vor gut sechzehn Jahren, mit meinem damaligen Helfersyndrom, hätte ich vermutlich genauso reagiert wie diese Aufstellerin. Nicht bewusst, um Geld zu verdienen (ich konnte mich noch nie gut selbst verkaufen), das hätte ich mir damals nie eingestanden, aber ich hätte es mir verständlich erklären können. Schau, du hast da noch was, und da noch was, und da noch was. Es fühlt sich für alle Seiten gut an: für den Klienten, weil er entlastet ist, weil man dann ja was tut, und für einen selbst, weil man gebraucht und weiterhin gebucht wird. Das ist die eigentliche Falle, und sie betrifft nicht nur die anderen, sie betrifft jeden, der in dieser Rolle steht, wenn er nicht aufpasst.

Ein Mensch löst und heilt sich am Ende immer selbst, nicht weil er alles allein schaffen muss, und nicht weil Begleitung unwichtig wäre, sondern weil echte Begleitung den Menschen zurück zu sich führt und nicht in eine Abhängigkeit.

Eine gute Begleitung beruhigt dich nicht nur, sie hält dich auch aus, wenn du unruhig, wütend, genervt und was weiß ich alles wirst. Sie streichelt nicht jede Ausweichbewegung schön und sagt dir nicht nur, was dein Nervensystem gerade gerne hören will. Manchmal sagt sie auch: Schau hin und bleib da. Klar ist das unbequem, oft sogar sehr unbequem, aber es bringt dich nicht um, sondern macht dich Stück für Stück frei.

Und genau da beginnt für mich echte spirituelle Arbeit. Nicht dort, wo alles sofort leichter klingt, sondern dort, wo der Mensch wieder mit seinem Leben in Kontakt kommt, wie es gerade ist, nicht wie er es gerne hätte, nicht wie es ihm jemand schön erklärt hat, nicht wie es in einem spirituellen Post so butterweich formuliert wurde, dass man dabei fast einschläft.

Sondern ehrlich, direkt und ohne Beschönigungen.

Manchmal ist das Leben eben nicht schön, manchmal ist es ungerecht, manchmal weiß man nicht, warum etwas passiert, und es gibt keine hübsche Erklärung dafür. Dann ist der ehrlichste Satz einfach: Ich weiß es nicht. Genau diesen Satz halten viele nicht aus, also wird gedeutet, gerettet, gelöst, erklärt, energetisiert, und am Ende noch ein Folgetermin angeboten, natürlich nur, weil es jetzt wichtig ist, dranzubleiben.

Ich habe nichts gegen Begleitung, man höre und staune, aber ich habe etwas dagegen, wenn Menschen an ihrer offenen Stelle abgeholt werden und danach noch weniger bei sich selbst landen als vorher. Ich habe etwas dagegen, wenn jemand sagt, du musst lernen, auf dich zu hören, und im nächsten Atemzug schon weiß, wie viele Termine du dafür noch brauchst. Das ist für mich null Vertrauen, das ist ein geschickt verpackter Griff an die Kontrolle und ans eigene Geldsackerl.

Und ja, viele verlangen genau das. Sie wollen beruhigt werden, sie wollen hören, dass es nicht an ihnen liegt, sie wollen, dass jemand sagt: Ich löse das für dich. Weil das natürlich viel angenehmer ist, als zu spüren: Vielleicht darf ich jetzt wirklich Verantwortung übernehmen, vielleicht darf ich aufhören, meine Angst mit neuen Geschichten zu füttern, vielleicht darf ich akzeptieren, dass Veränderung nicht passiert, nur weil jemand über mir herumfuchtelt und dazu ein paar große Worte spricht.

Echte Spiritualität macht dich nicht kleiner, sie macht dich nicht abhängiger, sie macht dich nicht folgsamer, sie macht dich tatsächlich wacher. Und wacher werden ist nicht immer bequem, es ist sogar ziemlich unromantisch. Da kommt kein Engelchor, da kommt eher der Moment, in dem du merkst: Mist, ich bin immer noch ich. Und genau da beginnt es dann.

Nicht bei der nächsten großen Erlösung und nicht beim nächsten Guru-Satz, nicht bei der nächsten Erklärung, warum du angeblich bisher nicht kannst. Bei dir, bei deinem Körper und deiner Angst, bei deiner Wahrheit und deiner Bereitschaft, nicht sofort wieder eine schönere Geschichte darüberzulegen oder deine Muster abzuspulen.

Für mich ist das der Unterschied. Spirituelle Betäubung beruhigt dich, damit du nicht hinsehen musst. Echte Begleitung stärkt dich, damit du hinsehen kannst.

Und ja, das ist nicht einfach und wenig glamourös, eher unangenehm, aber deutlich ehrlicher und am Ende auch freier.

Ich habe darüber auch einen Podcast gemacht.



Heilung ist kein Wunschzettel

Heilung ist kein Wunschzettel

Heilung ist kein Wunschzettel

Neulich hatte ich wieder einen solchen Moment, in dem ich innerlich dachte: Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.

Ich höre mir die Sprachnachricht(en) einer Teilnehmerin an, die ich schon eine Weile begleite. Sie kam ursprünglich zu mir, weil ihr Körper, sie einfach nicht mehr konnte. Erschöpft, ohnmächtig und nicht verstehend, was da auf einmal in ihrem Leben los ist. Zermürbt von einem Vorgesetzten, der ihr das Leben schwer macht – man nennt es Bossing, was ich zuvor noch nie gehört hatte – und von einer Arbeitsstelle, auf der sie weder gesehen noch unterstützt wird. Tiefe, schmerzliche Ent-täuschung durch einen Kollegen

Und das Bitter-Schöne daran: Sie ist gut, sie ist eine starke Teamleiterin. Sie kann Menschen führen, sie hat Feingefühl, sie hat Können und Überblick. Aber, leider wird ihr Vorankommen und ihr Talent, durch den Vorgesetzten so was von ausgebremst.

Was ist ihre Situation nach ein paar Monaten?

Eine Kollegin aus einem anderen Haus braucht nur ihr Okay, dann kann sie wohl wechseln.

Sie nimmt es nicht an. Weil sie nicht weiß, was sie da erwartet; vielleicht ist es ja schlimmer usw.

Aber sie erzählt weiterhin, wie unglücklich sie ist. Hier passt etwas nicht, dort passt etwas nicht, die Arbeit erfüllt sie nicht mehr, manche Menschen in ihrem Umfeld tun ihr nicht gut – und es geht ihr, wie schon erwähnt, bereits länger nicht wirklich gut.

Während ich mir die Sprachnachricht anhöre, hatte ich plötzlich das Bild eines kleinen Mädchens vor Augen, das dem Christkind seine Wunschliste vorliest.

Der soll sich verändern. Der andere soll auf sie für ein Gespräch zukommen. Die Situation(en) sollen sich verändern. Das Leben soll sich endlich mal fügen.

Und ich saß da und wartete die ganze Zeit auf den Teil, in dem sie sagt, was sie selbst bereit ist zu bewegen.

Der kam nicht.


Versteh mich nicht falsch, ich verurteile das nicht. Bin ich doch selbst ewig in einer Ehe rumgehangen, bis ich mich getrennt habe, das ist zutiefst menschlich. Wer von uns hätte nicht gerne, dass sich die Dinge einfach fügen? Dass plötzlich alles leichter wird? Jemand schwingt einen Zauberstab und alles verändert sich. Leider passiert es in den allerwenigsten Situationen, denn wenn du dich so weit von dir selbst entfernt hast, dann holt dich das Leben auf unterschiedlichste Weise und durch Menschen zu dir zurück.

Das hat mit Heilung nämlich herzlich wenig zu tun.

Dann wird eines Tages aus dem Wunsch nach Veränderung etwas ganz anderes. Dann sitzen Menschen vor mir, denen es nachweislich nicht gut geht. Sie schlafen schlecht, sie stehen unter Druck, sie drehen sich seit Monaten – manchmal Jahren – um dieselben Themen. Situationen wiederholen sich, in denen sie sich immer wieder in gleichen Gefühlslagen wiederfinden. Und gleichzeitig halten sie an genau den Dingen fest, die dieses Leiden erzeugen.

Da wird es für mich natürlich äußerst spannend und faszinierend.

Nicht weil ich denke, dass die Menschen falsch, dumm oder  schwer von Begriff sind. Sondern weil ich immer wieder sehe, wie riesig die Sehnsucht nach einer Veränderung der Situation ist – und wie riesig gleichzeitig die Angst davor, sich selbst zu bewegen.


Ich bin selbst durch Feuer gegangen, in mir und im Außen ist vieles gestorben, was sterben musste. Ich habe Entscheidungen getroffen, die mich Nächte gekostet haben. Viele Abschiede, die unglaublich wehgetan haben. Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich auf der anderen Seite noch ich bin, vor allem: Wo komme ich denn an – wenn überhaupt?

Und deshalb sitze ich manchmal da und denke: Ja. Ich weiß, wie das ist, und ich weiß auch, was es braucht.

Es braucht die Bereitschaft, in den Prozess zu gehen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Wenn ich von Heilung spreche, meine ich damit nicht, dass plötzlich alles schön wird. Ich meine eine Bewegung, eine Richtung, keine Ankunft, sondern eine Linie auf einer Landkarte, keinen Endpunkt.

Heilung ist Ganzwerdung – keine Reparatur.

Sie bedeutet nicht, dass wir werden, wer wir sein sollten. Sie bedeutet, dass wir zurückfinden zu dem, was wir schon immer waren. Zu den Teilen, die wir irgendwann weggelegt haben, weil sie zu unbequem, zu laut, zu viel waren.

Ganzwerdung heißt nicht, dass alles schön wird. Sie heißt, dass nichts mehr ausgeschlossen wird.

Die Angst, Wut, Hilflosigkeit, Scham u. v. m. dürfen da sein.

Heilung ist kein Zustand des Funktionierens. Heilung ist ein Zustand des Ganzseins.


Was ich niemandem versprechen kann: Ich kann keine Kindheit zurückgeben, kann eine Scheidung nicht ungeschehen machen, kann einen Verlust nicht nehmen.

Die Vergangenheit verändert sich nicht im Geringsten.

Aber mein Gefühl für das Mögliche – das kann sich verändern.

Und da liegt der Unterschied zwischen jemandem, der heilt, und jemandem, der wartet.


Veränderung ist nicht gemütlich. Das sage ich nicht, um zu erschrecken, sondern weil es die Wahrheit ist – und Wahrheit ist für mich kein spirituelles Konzept. Sie ist der ehrliche Blick auf das, was gerade ist.

In echter Veränderung stecken so viel Unsicherheit, Risiko, unangenehme Gespräche. Abschiede von Menschen, von Überzeugungen, manchmal von einer Version von sich selbst, an der man lange festgehalten hat, weil man geglaubt hat: Ich bin nun mal so!

Das ist kein Fehler im ganzen System, das ist  einfach der Prozess.


Wir müssen auf diesem Weg nicht perfekt sein, müssen nicht alles wissen, müssen nicht einmal sicher sein.

Es braucht nur eines: die Bereitschaft, an dem Prozess teilzunehmen.

Meine Teilnehmerin – sie trägt alles in sich, was sie braucht, davon bin ich dermaßen überzeugt. Aber solange sie darauf wartet, dass sich die Welt um sie herum verändert, ohne sich selbst einen Millimeter zu bewegen, wird sie auf demselben Fleck stehen.

Heilung beginnt nicht mit einer Erkenntnis.

Sie beginnt mit einem Schritt – ins Ungewisse.



Wie ist das bei dir? Wartest du gerade auf etwas – oder bewegst du dich?

Innerer Druck

Innerer Druck

Innerer Druck, …

… wenn in dir etwas gegen das Leben kämpft

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, sie stehen unter Druck, dann meinen sie meistens erst einmal das, was im Außen sichtbar ist. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf, zu viele Baustellen, zu viel Verantwortung, die Freunde, Partnerschaft, einfach Beziehungen. Und natürlich spielt das alles mit rein, das möchte ich gar nicht kleinreden. Aber offen gesagt, ich schaue inzwischen auf einen ganz anderen Punkt, weil ich über die Jahre etwas verstanden habe, das mir früher selbst nicht klar war.

Innerer Druck entsteht oft nicht zuerst durch das, was im Außen passiert. Er entsteht in uns, weil wir in einen inneren Widerstand gehen gegen das, was gerade ist.

Und schau, genau da wird es spannend.

Da ist eine Situation, die dir nicht gefällt. Ein Mensch verhält sich ungerecht. Etwas entwickelt sich anders, als du es dir gewünscht hast. Du fühlst dich übergangen, nicht gesehen oder vielleicht sogar ausgeliefert. Und in dir kommt, oft blitzschnell, dieses innere Nein. So nach dem Motto: Das will ich nicht, das darf nicht sein, das ist unfair, das muss anders werden. Und ab diesem Moment sitzt nicht nur ein Gefühl in dir, sondern dein Verstand springt an wie ein aufgescheuchtes Huhn und fängt an, Geschichten zu erzählen.

Er beginnt Bilder zu malen, was alles passieren könnte. Er rechnet Zukunftsszenarien durch, als wäre er persönlich für dein Überleben zuständig, dabei ist ihm dein Überleben dermaßen egal. Da zieht er auf einmal Vergleiche aus seinem imaginären Hut, sucht Schuldige, kramt alte Erfahrungen raus und gießt literweise Öl ins Feuer. Und er projiziert deine Innenwelt auf die anderen.  Und ehe du dich versiehst, führst du innerlich Gespräche, die nie stattgefunden haben, verteidigst dich gegen Vorwürfe, die niemand ausgesprochen hat, und erschöpfst dich in einem Kampf, der bis jetzt nur in deinem Kopf läuft. Herzlichen Glückwunsch, unser System kann das wirklich beeindruckend gut, und am Ende glaubst du etwas, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen wurde.

Ich kenne das selbst sehr gut von früher.

Bei mir hat sich innerer Druck früher vor allem in körperlicher Unruhe und Schlafstörungen gezeigt. Dieses Wachliegen in der Nacht, während der Körper eigentlich müde ist, aber der Kopf noch drei Gerichtsverhandlungen führt, zwei Zukunftspläne schmiedet und nebenbei den Weltuntergang vorbereitet, das kenne ich. Vor allem in meiner Krisenzeit war da ganz viel Angst vor Ungewissheit. Wie wird es weitergehen? Was kommt noch? Schaffe ich das? Was ist, wenn … oder wenn nicht…? Und darunter lag, das konnte ich erst viel später wirklich erkennen, meine tiefste Urwunde: Existenzangst.

Und mit Existenz meine ich nicht nur Geld, obwohl Geld natürlich in unserer Welt sofort diesen Alarmknopf drückt. Es ging viel tiefer. Es ging um dieses uralte Gefühl von Unsicherheit, von Ausgeliefertsein, von Todesangst, die in meiner Kindheit real war und sich später im Erwachsenenleben auf andere Ebenen gelegt hat. Beziehungen, Geld, Halt, Sicherheit, all diese Dinge hängen dann plötzlich an dieser alten Wunde wie Weihnachtskugeln an einem Baum, nur leider nicht ganz so festlich.

Was ich aber verstanden habe, und das war für mich wirklich ein Wendepunkt, ist Folgendes.

Wir tragen Dinge oft viel länger in unserem System, als wir glauben. Und das Leben ist, so verrückt es klingt, ziemlich klug darin, uns nicht alles auf einmal hinzuknallen. Zuerst räumst du das Grobe raus. Das, was offen daliegt, und das, was du schnell sehen kannst. Das, was leichter greifbar ist. Aber dann, irgendwann, kommt dieser festgeklebte Rest in der Ecke. Wie in einer alten Schublade, die du auswischst. Das Grobe geht schnell, aber dieser hartnäckige Belag, der schon Jahre in der Ecke klebt, der braucht Scheuermilch und einen groben Schwamm. Und genauso ist es oft innerlich auch.

Bei mir kam so ein Moment noch einmal überraschend hoch, ausgelöst durch eine Situation, die im Außen gar nicht dramatisch war. Keine echte Bedrohung, keine Eskalation, nichts, aber mein Körper erinnerte sich. Schlagartig war die Angst da. Mein ganzes System reagierte wie mit Schüttelfrost. Ich habe gezittert, richtig gezittert, und im ersten Moment denkst du natürlich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?

Früher wäre ich davor weggelaufen. Wie? Mich abgelenkt, jemanden angerufen und sinnloses gequatscht, aufgeräumt oder Blumen umgetopft. Irgendwas halt, nur nicht in diesem beschissenen Gefühl bleiben.

Dieses Mal also nicht.

Ich habe geatmet – ich habe gezittert – ich habe alles da sein lassen. Und ich blieb, obwohl es sich wirklich wie die Hölle angefühlt hat und meine Hände gewackelt haben wie ein Kuhschwanz, alles hat gebebt. Und dann ist etwas passiert, das ich schwer erklären kann, wenn man es nie erlebt hat. Es gab wie einen Höhepunkt, wie eine Welle, die ihren höchsten Punkt erreicht, und von da an wurde es langsam weniger. Nicht plötzlich, nicht ratzfatz, aber spürbar. Mein Körper hat etwas entladen, das ich über Jahre noch in mir getragen habe.

Das ist dann keine Schwäche, das ist Verarbeitung oder, wie ich es heute gerne nenne: eine Runde sterben gehen.

Und vielleicht ist genau das etwas, was ich dir heute mitgeben kann. Nicht jeder innere Druck ist dein Feind und nicht jede Unruhe bedeutet, dass mit dir etwas nicht stimmt. Keine Angst, will weggemacht werden, dein System zeigt dir nur sehr deutlich, wo in dir noch etwas arbeitet, was gesehen, gefühlt und letztlich entlassen werden möchte.

Und natürlich, ich bin da auch kein sanft schwebender Mensch, der morgens lichtvoll summend durch den Tag gleitet wie Lavendeltee auf zwei Beinen. Das gibt es nicht, zumindest nicht bei mir. Ungerechtigkeit kann mich bis heute auf hundertachtzig bringen, auch wenn ich weiß: Im Grunde gibt es auch keine Ungerechtigkeit. Da merke ich gelegentlich den Impuls, jemanden, sagen wir mal freundlich formuliert, an die Wand tackern zu wollen. Aber der Unterschied ist: Ich verstehe heute schneller, was da in mir berührt wird. Und dieses Verstehen nimmt dem Ganzen die Macht.

Vielleicht fragst du dich das nächste Mal nicht sofort, wie du diesen Druck loswirst.

Vielleicht fragst du dich eher, was in dir gerade so laut Nein sagt. Was sich wehrt und vor allem jetzt gerade Angst hat. Was du festhalten willst oder was endlich gehen möchte.

Denn manchmal kämpfst du nicht gegen das Leben.

Manchmal kämpft in dir nur etwas Altes gegen das, was längst bereit ist, sich zu lösen.

Vielleicht ist das Mutigste, was du tun kannst, einfach dazubleiben. Einen Atemzug lang. Und zu schauen, was dann passiert.

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Hoffnung hilft nicht weiter

Es ist schon interessant, wie oft Menschen sagen, dass sie wollen, dass sich endlich etwas verändert. Dass es leichter werden soll, klarer, freier und authentischer. Dass sie rauswollen aus ihren alten Mustern, raus aus dem Kopf, raus aus dem, was sie seit Jahren mit sich rumschleppen. Und dann sitzen oder stehen sie genau an dem Punkt, wo sich wirklich etwas bewegen könnte, und machen innerlich wieder die Tür zu.

Nicht bewusst natürlich … das wäre ja fast zu einfach und offensichtlich.

Sie denken, reden, erklären, und hoffen weiter. Aber sie bleiben nicht da – nicht in dem, was gerade da ist. Nicht in dieser beschissenen Enge, nicht in dieser Hilflosigkeit, in Ungewissheit und nicht in diesem unangenehmen Gefühl, das eben nicht nett ist und auch nicht verlockend daherkommt wie irgendein kluger Spruch aus einem Kalender oder der Brigitte Zeitschrift. 

Doch genau da wird es spannend und kommt endlich Bewegung rein.

Viele wollen Veränderung, aber nicht das, was sie kostet

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder wunderbar sehen und erleben. Menschen wollen Veränderung, ja. Allerdings anders, als der Weg nun mal ist. Viele wollen sie so, dass sie sie bitte nicht wirklich fühlen müssen. Sie wollen, dass sich etwas löst, aber ohne durch diesen engen Gang zu gehen, in dem man eben gerade nichts kontrollieren kann. Wo man sich nicht mehr gewohnheitsmäßig erklären kann, was man schon alles verstanden hat. Wo man auch nicht mehr mit irgendwelchen schlauen Sätzen ausweichen kann. Sondern wo man einfach mal da ist, mitten in dem, was unangenehm ist.

Und das ist oft genau der Moment, wo die meisten abbiegen, um genau zu sein 99 %.

Nicht, weil sie zu blöd oder dumm wären, und auch nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil sie genau da merken: Holla die Waldfee, das ist mal ne ganz andere Nummer, weil jetzt wird es halt wirklich authentisch. Jetzt komme ich nicht mehr mit ein wenig Verstehen durch, oder ich komme nicht mehr damit durch, dass ich schön über mich reden kann. Jetzt müsste ich mich wirklich fühlen, und das ist halt was ganz anderes.

Hoffnung, das Ding in der Zukunft

Dann kommt Hoffnung ins Spiel. Klingt erstmal schön, lieb und fast heilig. „Ich hoffe, dass sich jetzt etwas verändert.“ „Ich hoffe, dass das Fühlen irgendwann etwas in Bewegung bringt.“

Ja, kann man alles sagen. Aber oft heißt das übersetzt einfach nur: Ich will, dass es anders wird, aber ich will gerade nicht ganz da rein.

Hoffnung kann schön sein, natürlich, sie verschafft uns Zeit und ist ein herrliches Versteck. Vor allem dann, weil sie dich davon abhält, wirklich bei dir zu bleiben. Im Jetzt. In dem, was gerade da ist. Nicht morgen, in einem Monat oder Jahr. Nicht wenn es leichter ist oder wenn du endlich so weit bist. Sondern jetzt, wo es eng ist, wo du dich am liebsten ablenken würdest, wo dein Verstand schon wieder mit fertigen Antworten um die Ecke kommt, als hätte er die letzten zwanzig Jahre nicht schon genug veranstaltet, gelabert oder wiederholt.

Vergleich ist keine Erkenntnis, sondern Flucht

Eine meiner Teilnehmerin sitzt nach einem Treffen mit Freundinnen – und während die eine noch schnell was für ihre Selbstständigkeit erledigt und die andere ihren Freund trifft, sitzt sie da und zählt. Was die alles haben und sie nicht hat. Die eine hat einen Freund, die andere ist selbstständig, die nächste hat eine Familie um sich. Und ich? Ich hab nichts davon. Mit mir stimmt prinzipiell was nicht.

Und dann kommt der nächste Gedanke: Vielleicht ein neues Hobby, mehr Sport ginge auch noch. Irgendetwas. Hauptsache, die Zeit ist voll. Hauptsache, sie fühlt dieses unangenehme Gefühl, was da jetzt da ist, und sie pisackt …

Ich hab sie gefragt: Was willst du da reinstopfen? Welchen Gefühlen willst du aus dem Weg gehen? Was willst du gerade nicht fühlen?

Weil darunter nicht einfach nur Neid ist, darunter sind Einsamkeit und nicht dazuzugehören. Das leise Überzeugtsein, dass mit ihr irgendwie grundsätzlich etwas nicht stimmt. Dass die anderen einfach mehr sind, mehr haben, mehr verdienen.

Nur – man will immer das, was man gerade nicht hat. Wie oft wünscht sich die Gebundene, einfach mal allein zu sein? Wie oft denkt die Selbstständige: Ach Gott, könnte ich einfach in die Arbeit gehen, automatisch meinen Lohn kriegen und Urlaubsgeld obendrauf? Das wäre doch was.

Solange der Blick draußen ist, muss man nicht bei sich sein. Solange man zählt, was die anderen haben, muss man nicht fühlen, was in einem selbst gerade da ist und gesehen werden will.

Du hast keine Blockaden, du steigst nur immer wieder aus

Ich glaube, das ist etwas, was viele nicht hören wollen. Du bist nicht blockiert, zumindest nicht so, wie du vielleicht denkst. Du bist nicht kaputt und bist auch nicht zu langsam. Und ganz ehrlich, dieses „Ich bin noch nicht so weit“ ist oft auch nur ein Satz, um sich nicht bewegen zu müssen. Nicht immer, aber sehr, sehr oft. Den Unterschied habe ich meiner Chiarezza-Gruppe und meinen Metamorphosen in einem Podcast in der Tiefe aufgezeigt.

Was ich leider viel öfter sehe, ist etwas anderes. Die meisten Menschen steigen genau an der Stelle aus, wo es losgehen würde. Dann, wo man nichts mehr schönreden kann und wo man eben nicht mehr bloß beobachten und ausweichen kann, sondern betroffen ist. Da, wo der Körper reagiert, wo Aufruhr ist, und wo man nicht mehr alles im Griff hat.

Genau dort, wo sich wirklich etwas verschieben könnte, wird wieder analysiert, erklärt, vertagt, gehofft, verglichen oder geschwiegen.

Und dann ist da noch etwas, das ich aus mir selbst kenne, was ich vor 20 Jahren auch so gelebt habe. Dieses „Ich mach das alleine“. Klingt nach Stärke, ist es allerdings definitiv nicht.

Ich habe das selbst gelebt. Alles alleine gemacht, weil niemand da war, den man hätte fragen können. Und wenn das Ergebnis dann trotzdem nicht gut genug war – Kritik, Vorwürfe, Gelächter –, trifft das nicht nur die Leistung. Das trifft die ganze Person. Weil man ja alles gegeben hat, was man hatte.

Was daraus wird? Man hört auf, sich zu zeigen. Man braucht niemanden mehr und man bleibt alleine – auch mit dem, was man selbst nicht sehen kann.

Besonders auffällig ist das übrigens bei Menschen, die selbst andere begleiten wollen: Therapeutinnen, Coaches, spirituelle Lehrerinnen. Die begleiten ihre Klienten durch ihre Themen – und nehmen sich selbst niemanden. Gehen selbst nicht dorthin, wo sie andere hinführen wollen, und wundern sich dann, warum zu wenig Menschen zu ihnen kommen. Warum ihre Bücher nicht gekauft werden. Warum es irgendwie nicht fließt.

Aber warum sollte es auch? Deine Frequenz zieht genau die Menschen an, die du selbst noch bist. Nicht die, die du gerne begleiten würdest. Wenn du selbst alles alleine machst, holst du dir genau die Menschen heran, die auch alles alleine machen wollen. Die sich auch nicht zeigen und die auch niemanden hinter ihre Show und Maske blicken lassen.

Und das Interessante daran ist: Es kann nicht ausgetrickst werden.

„Ich bin noch nicht so weit“ klingt nach Bescheidenheit, ist einfach Scham in Geschenkpapier. Die Scham, zuzugeben, dass man jemanden braucht. Es ist kein Vorwurf, allerdings auch keine Kleinigkeit.

Verstehen ist nicht dasselbe wie leben

Stell dir vor, ich zeige dir in einem Buch ein Foto von einem Kastanienbaum. Du siehst ihn und denkst, jetzt weißt du alles über den Baum. Ja, du weißt jetzt, wie er aussieht, wie die Blüten sind und die Rinde. Aber du weißt nicht, wie die Rinde sich unter deinen Fingern anfühlt – rau, lebendig, uneben. Du weißt nicht, wie der Baum riecht, wenn er blüht – dieser schwere, fast aufdringliche Duft, der in der Luft hängt. Du weißt nicht, wie weh dir die stachelige Hülle der Kastanie tut, wenn sie dir auf den Kopf fällt. Und du weißt nicht, wie sich eine reife Kastanie in der Hand anfühlt – glatt und kühl.

Das alles steht nicht im Buch. Das erfährst du erst, wenn du rausgehst und wirklich unter dem Baum stehst. Manches wirst du beim lesen erkannt haben, wenn du einen Kastanienbaum mit allem schon mehrfach erlebt hast, oder?

Genauso ist das mit dem, was wir über uns erkennen. Erkennen ist der Anfang. Aber Verkörperung – das ist etwas anderes und das passiert nicht im Kopf. Das passiert dadurch, dass du den Weg gehst. Immer wieder, bis es nicht mehr Wissen ist, sondern du.

Ich hab diese Woche eine Nachricht bekommen. Eine Teilnehmerin schreibt, wie sie ein Video von mir dreimal angefangen und dreimal wieder abgebrochen hat. Herzklopfen. Ablenkung. Bis sie irgendwann einfach dabeigeblieben ist – bis zum Ende, ohne Nebenbei. Kein großes Aha. Nur ein warmes Feld in der Brust. Und dann schreibt sie: Sie hat es jetzt integriert. Und ich freue mich über diesen Moment, wirklich. Aber integriert? Integriert ist, wenn du es mehrmals gelebt hast und dann nicht mehr nachdenkst. Wenn du einfach bleibst, bei jedem unangenehmen Gefühl, ohne Denken, Zweifel und die Frage: Wann ist es endlich leichter, anders usw. Ein warmes Feld in der Brust ist ein echter Schritt, aber es ist nicht dasselbe wie Beine, mit denen du gehst, ohne über deine Beine nachzudenken.

Veränderung passiert nicht da, wo du alles schon verstanden hast. Das Verstehen ist nett, wirklich. Ich bin die Letzte, die etwas gegen Bewusstsein hat, Überraschung. Aber nur weil du etwas verstanden hast, heißt das noch lange nicht, dass du es lebst. Und nur weil du über etwas sprechen kannst, heißt das noch lange nicht, dass du innerlich schon dort bist.

Das ist ja genau der Haken. Viele haben ein gutes Bewusstsein für ihre Muster, aber null Bereitschaft, in dem Moment dazubleiben, in dem der Körper Alarm macht. Und da trennt sich dann eben das nette Wissen von echter Bewegung – die Spreu vom Weizen.

Der eigentliche Wendepunkt ist meistens unspektakulär

Der Punkt, an dem sich wirklich etwas bewegt, ist meist ziemlich unspektakulär. Zumindest erlebe ich es so. Kein Feuerwerk, kein Engelchor, kein kosmisches Trompetensolo.
Es ist eher so ein stiller, unbequemer, manchmal ziemlich ernüchternder Moment, in dem du nicht wegläufst.

Indem du nicht gleich wieder in die Hoffnung springst, nicht gleich wiederholt in den Vergleich, nicht gleich wieder in die Erklärung. Sondern du bleibst.

Einfach bleibst.

Bei dir. Bei dem Gefühl, der Unsicherheit und  dem Teil in dir, der am liebsten die Flucht ergreifen würde und dabei vielleicht noch behauptet, das sei Reife, Vorsicht oder genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

Nein, es ist oft einfach nur der alte Ausstieg, die Flucht in neuer Verpackung, Ausrede usw.

Du wartest nicht auf Veränderung

Und vielleicht ist genau das der Satz, den viele nicht mögen, weil er so unverschämt einfach ist: Du wartest nicht auf Veränderung. Du wartest oft einfach darauf, dass sie passiert, ohne dass du selbst wirklich da durch musst. Na, berührt das etwas in dir?

Aber so läuft es eben nicht. Schau mal ehrlich hin. Zumindest läuft es im echten Leben nicht so. Nicht in echter innerer Bewegung und nicht da, wo wirklich etwas kippt. Denn das, was du vermeiden willst, ist genau die Tür und nicht das Problem, das sich zeigt. Es ist die Tür.

Und dann ist die eigentliche Frage auch nicht, ob Veränderung für dich möglich ist. Natürlich ist sie das, warum denn auch nicht? Die Frage ist eher, ob du diesmal dableibst, wenn es ernst und unangenehm wird. Ob du dich wieder verlässt, oder ob du wirklich einmal bei dir bleibst, auch wenn es gerade nichts zu feiern gibt.

Da beginnt meistens das, worauf so viele warten oder hoffen. Nicht später, wenn du perfekt bist, und nicht wenn du alles im Griff hast. Sondern genau da, wo du es dir am wenigsten vorgestellt hast.

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