Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst
Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst …
… und du merkst es nicht einmal.
Da ist wirklich was dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch, oder anders ausgedrückt: Alles wird sichtbar.
In letzter Zeit fällt mir etwas immer wieder auf. Bei den Menschen, in Gesprächen, im Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos. Nicht verurteilend – einfach nur fassungslos. Weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, wie geschickt wir das machen. Wie meisterhaft, so leicht, so selbstverständlich. Und warum erkenne ich es so schnell und gut? Na? Weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute plumpse ich stellenweise ebenfalls noch hinein.
Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben Chiarezza – Gruppe . Ich musste. Es war das einzige, was dieser Fassungslosigkeit gerecht wurde. Und während ich geschrieben habe, war mir klar: Das reicht nicht, es braucht bei dieser Epidemie einen Blogbeitrag, unbedingt. Weil es zu wichtig ist, um es mit Humor abzuhaken und nur im kleinen Kreis zu lassen.
Denn worum geht es? Um die (vielleicht) unbequemste Erkenntnis überhaupt. Und nein, nicht die, dass andere Menschen schwierig sind. Nicht die, dass das Leben manchmal ungerecht ist, sondern diese: Du verarschst dich selbst, regelmäßig und absolut meisterhaft und mit einer Kreativität, die dir in anderen Bereichen enorm fehlt.
Das Tückische daran ist nicht, dass du lügst. Es ist so, dass du es so gut machst, dass du es selbst nicht einmal merkst oder zumindest so tust, als würdest du es nicht merken. Denn irgendwo weißt du es immer, doch du kannst es so wunderbar rechtfertigen und deine Erklärungen sind für dich so schlüssig. Und das ist der springende Punkt.
Die Kunst des kreativen Ausweichens
Nehmen wir als Beispiel, du hast deine Miete nicht bezahlt und es steht dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin an. Das Gespräch muss stattfinden, du weißt es. Und dann kommt (dem Himmel sei Dank) eine Einladung zum Mittagessen und natürlich nimmst du sie an. Warum auch nicht?
Und nach dem Mittagessen bist du so müde, dass das Gespräch heute einfach nicht mehr geht, weil du unbedingt schlafen musst. Du verschiebst es … wieder.
Jetzt kommt die entscheidende Frage: Hat dich das Mittagessen müde gemacht? Oder hast du dich müde machen lassen, weil die Müdigkeit der perfekte Ausweg war?
Das kreative Ausweichen funktioniert so geschmeidig, weil es sich nie wie Ausweichen anfühlt. Es fühlt sich nach vernünftigen Entscheidungen an und nach absolut legitimen Gründen. Nach Umständen, die nun mal so sind. Was kannst du denn jetzt dafür, dass dein Körper müde wird? Du musst dir dabei nichts vorwerfen – du warst ja beim Mittagessen! Du warst ja müde! Es war ja wirklich nicht der richtige Moment! Sonst hätte das Universum ja nicht diese Essenseinladung geschickt, oder?
Der Geist ist unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, uns vor dem zu schützen, was uns unangenehm ist. Und das wäre ja auch in Ordnung – wenn wir wenigstens ehrlich wären. Aber genau das sind wir nicht. Wir nennen es nicht Ausweichen, wir nennen es Timing, Mittagessen, Müde, Energie, Vernunft, ach ja, und Universum.
Das ist die erste Form der Selbstverarschung: Wir bauen uns unsere Fluchtwege so elegant, dass wir sie selbst nicht als Fluchtwege erkennen wollen.
Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun
Es gibt noch eine zweite, etwas schmerzhaftere Ebene, und die hat mit dem Bild zu tun, das wir von uns selbst haben.
Nehmen wir dieses Beispiel: Jemand möchte andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten. Zeigt ihnen, wie sie Klarheit gewinnen, Ziele verfolgen, und Verantwortung übernehmen. Und gleichzeitig ruft dieselbe Person bei einem Amt nicht an – kümmert sich nicht um wichtige Erledigungen.
Das ist keine Kritik, es sind einfach Beobachtung. Und es ist zutiefst menschlich.
Wir tragen alle ein Bild von uns in uns, das ein bisschen weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das wäre auch kein Problem (sage ich immer wieder meinen Menschen, die ich begleite), denn dieses Bild kann uns ja auch ziehen, uns inspirieren, uns in Bewegung halten.
Das Problem entsteht vielmehr, wenn der Abstand zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu groß wird und wir ihn nicht mehr ehrlich anschauen.
Wenn ich anderen zeigen will, wie sie Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen ausweiche, dann ist das keine böse Absicht. Aber es ist ein gewaltiger blinder Fleck. Und blinde Flecken haben die unangenehme Eigenschaft, dass wir sie genau deshalb nicht sehen, weil wir sie nicht sehen wollen oder sie so selbstverständlich geworden sind.
Das Selbstbild schützt uns und es sagt uns: Du bist auf dem Weg. Du weißt, worum es geht. Du bist schon so weit. Du warst heute fleißig. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist es auch einfach eine sehr bequeme Geschichte.
Die Frage, die hilft – auch wenn sie wehtut und auch sehr unangenehm ist – ist diese: Was würde jemand, der mich einen Monat lang beobachtet, über mich berichten? Nicht über das, was ich sage. Über das, was ich tue.
Ich hab das mal einem Klienten auf andere Art formuliert. Ich hab gesagt: Ich würd bei dir gern eine Woche einziehen. Einfach so deinen/euren Alltag erleben, weil ich so deutlich spüre, dass da eine Diskrepanz ist, zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wird, und dem, was hinter den Türen wirklich gelebt wird.
Er hat gelacht, aber er wusste ganz genau, was ich meinte.
Leihgabe Wahrheit
Und dann gibt es noch eine dritte Form. Eine, die besonders interessant ist, weil sie sich als Gemeinschaft tarnt und wirklich jeder von uns kennt.
Du hast etwas zu sagen, jemandem, dem du schon lange etwas sagen wolltest. Du findest etwas nicht in Ordnung, du hast eine Wahrnehmung, du möchtest eine Grenze setzen, du legst los und dann sagst du: „Das sehen übrigens Lisa, Helga und Fritz genauso.“
Warum?
Weil deine eigene Stimme sich allein zu klein anfühlt, weil du dir nicht sicher bist, ob deine Wahrnehmung stimmt. Weil du die Verantwortung für das, was du sagst, nicht ganz allein tragen willst. Also leihst du dir Stimmen, du machst ganz praktisch aus deiner Wahrheit eine Mehrheitsmeinung.
Das fühlt sich sicherer an, aber es ist eine Form der Selbstverleugnung. Denn du versteckst dich hinter anderen, anstatt zu sagen: Ich. Ich finde das nicht in Ordnung. Ich sehe das so. Ich stehe dazu.
Das Paradoxe daran: Gerade in dem Moment, in dem du anfängst, dich hinter anderen zu verstecken, verlierst du das, was du erreichen wolltest – gehört zu werden. Ernst genommen zu werden und etwas anzubringen, was dir wirklich wichtig ist. Denn wer spricht, wenn Lisa, Helga und Fritz sprechen? Nicht du.
Die geliehene Wahrheit ist bequem, aber deine Stimme bleibt auf der Strecke.
Was haben jetzt alle drei gemeinsam?
Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild, die geliehene Wahrheit – sie haben eine gemeinsame Wurzel.
Vielleicht weißt du es ja bereits oder hast eine Ahnung?
Das ist nämlich das Entscheidende. Selbstverarschung funktioniert nicht im Dunkeln, es funktioniert genau dort, wo ein Teil von dir die Wahrheit schon kennt und ein anderer Teil sehr beschäftigt damit ist, sie nicht zu laut werden zu lassen.
Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Menschsein. Wir alle tun das. Die Frage ist nur: Wie lange? Wie oft? Und zu welchem Preis?
Denn das Ausweichen kostet. Es kostet so viel Energie, weil das Aufrechterhalten einer Geschichte immer mehr Kraft braucht als die Wahrheit. Es kostet Vertrauen – in dich selbst, in andere und das Vertrauen, das andere zu dir (bisher) hatten. Es kostet Beziehungen, manchmal und es kostet dich das Gefühl, wirklich bei dir zu sein.
Selbsterkenntnis, die wirklich wehtut – und deshalb heilt
Echte Selbsterkenntnis ist nicht das wohlwollende Nicken beim Lesen eines spirituellen Buches. Es ist der Moment, in dem du merkst: Ich hab es gerade wieder gemacht. Ich hab mich gerade wieder verarscht, aber sowas von.
Und dieser Moment ist unangenehm, und er soll es auch sein. Nicht, weil Schmerz gut ist, sondern weil dieser Moment der einzige ist, in dem echte Veränderung beginnen kann. Ansonsten geht es immer wieder in die Wiederholung rein.
Es geht nicht darum, sich zu verurteilen, denn Selbstkritik, die dich in den Keller zieht, ist genauso wenig hilfreich wie das Ausweichen selbst. Es geht um ehrliches Hinschauen, um das kurze, klare „Ah, da ist es wieder“ oder „Ja, habe ich gemacht“.
Und dann – und das ist der wichtigste Schritt, auch, wenn du dabei „stirbst“, die Entscheidung, was du damit machst.
Rufst du jetzt den Vermieter an? Sagst du das nächste Mal „Ich finde das nicht in Ordnung“ – ohne Lisa, Helga und Fritz? Schaust du dir ehrlich an, was zwischen deinem Selbstbild und deiner gelebten Realität liegt?
Das ist wirkliche Selbsterkenntnis und nicht dein Hin- und Her-Denken. Nicht weil sie dich besiegt, sondern weil sie dich zu dir bringt, und das ist das Unbequemste, was es gibt.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst