Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Hoffnung hilft nicht weiter

Es ist schon interessant, wie oft Menschen sagen, dass sie wollen, dass sich endlich etwas verändert. Dass es leichter werden soll, klarer, freier und authentischer. Dass sie rauswollen aus ihren alten Mustern, raus aus dem Kopf, raus aus dem, was sie seit Jahren mit sich rumschleppen. Und dann sitzen oder stehen sie genau an dem Punkt, wo sich wirklich etwas bewegen könnte, und machen innerlich wieder die Tür zu.

Nicht bewusst natürlich … das wäre ja fast zu einfach und offensichtlich.

Sie denken, reden, erklären, und hoffen weiter. Aber sie bleiben nicht da – nicht in dem, was gerade da ist. Nicht in dieser beschissenen Enge, nicht in dieser Hilflosigkeit, in Ungewissheit und nicht in diesem unangenehmen Gefühl, das eben nicht nett ist und auch nicht verlockend daherkommt wie irgendein kluger Spruch aus einem Kalender oder der Brigitte Zeitschrift. 

Doch genau da wird es spannend und kommt endlich Bewegung rein.

Viele wollen Veränderung, aber nicht das, was sie kostet

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder wunderbar sehen und erleben. Menschen wollen Veränderung, ja. Allerdings anders, als der Weg nun mal ist. Viele wollen sie so, dass sie sie bitte nicht wirklich fühlen müssen. Sie wollen, dass sich etwas löst, aber ohne durch diesen engen Gang zu gehen, in dem man eben gerade nichts kontrollieren kann. Wo man sich nicht mehr gewohnheitsmäßig erklären kann, was man schon alles verstanden hat. Wo man auch nicht mehr mit irgendwelchen schlauen Sätzen ausweichen kann. Sondern wo man einfach mal da ist, mitten in dem, was unangenehm ist.

Und das ist oft genau der Moment, wo die meisten abbiegen, um genau zu sein 99 %.

Nicht, weil sie zu blöd oder dumm wären, und auch nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil sie genau da merken: Holla die Waldfee, das ist mal ne ganz andere Nummer, weil jetzt wird es halt wirklich authentisch. Jetzt komme ich nicht mehr mit ein wenig Verstehen durch, oder ich komme nicht mehr damit durch, dass ich schön über mich reden kann. Jetzt müsste ich mich wirklich fühlen, und das ist halt was ganz anderes.

Hoffnung, das Ding in der Zukunft

Dann kommt Hoffnung ins Spiel. Klingt erstmal schön, lieb und fast heilig. „Ich hoffe, dass sich jetzt etwas verändert.“ „Ich hoffe, dass das Fühlen irgendwann etwas in Bewegung bringt.“

Ja, kann man alles sagen. Aber oft heißt das übersetzt einfach nur: Ich will, dass es anders wird, aber ich will gerade nicht ganz da rein.

Hoffnung kann schön sein, natürlich, sie verschafft uns Zeit und ist ein herrliches Versteck. Vor allem dann, weil sie dich davon abhält, wirklich bei dir zu bleiben. Im Jetzt. In dem, was gerade da ist. Nicht morgen, in einem Monat oder Jahr. Nicht wenn es leichter ist oder wenn du endlich so weit bist. Sondern jetzt, wo es eng ist, wo du dich am liebsten ablenken würdest, wo dein Verstand schon wieder mit fertigen Antworten um die Ecke kommt, als hätte er die letzten zwanzig Jahre nicht schon genug veranstaltet, gelabert oder wiederholt.

Vergleich ist keine Erkenntnis, sondern Flucht

Eine meiner Teilnehmerin sitzt nach einem Treffen mit Freundinnen – und während die eine noch schnell was für ihre Selbstständigkeit erledigt und die andere ihren Freund trifft, sitzt sie da und zählt. Was die alles haben und sie nicht hat. Die eine hat einen Freund, die andere ist selbstständig, die nächste hat eine Familie um sich. Und ich? Ich hab nichts davon. Mit mir stimmt prinzipiell was nicht.

Und dann kommt der nächste Gedanke: Vielleicht ein neues Hobby, mehr Sport ginge auch noch. Irgendetwas. Hauptsache, die Zeit ist voll. Hauptsache, sie fühlt dieses unangenehme Gefühl, was da jetzt da ist, und sie pisackt …

Ich hab sie gefragt: Was willst du da reinstopfen? Welchen Gefühlen willst du aus dem Weg gehen? Was willst du gerade nicht fühlen?

Weil darunter nicht einfach nur Neid ist, darunter sind Einsamkeit und nicht dazuzugehören. Das leise Überzeugtsein, dass mit ihr irgendwie grundsätzlich etwas nicht stimmt. Dass die anderen einfach mehr sind, mehr haben, mehr verdienen.

Nur – man will immer das, was man gerade nicht hat. Wie oft wünscht sich die Gebundene, einfach mal allein zu sein? Wie oft denkt die Selbstständige: Ach Gott, könnte ich einfach in die Arbeit gehen, automatisch meinen Lohn kriegen und Urlaubsgeld obendrauf? Das wäre doch was.

Solange der Blick draußen ist, muss man nicht bei sich sein. Solange man zählt, was die anderen haben, muss man nicht fühlen, was in einem selbst gerade da ist und gesehen werden will.

Du hast keine Blockaden, du steigst nur immer wieder aus

Ich glaube, das ist etwas, was viele nicht hören wollen. Du bist nicht blockiert, zumindest nicht so, wie du vielleicht denkst. Du bist nicht kaputt und bist auch nicht zu langsam. Und ganz ehrlich, dieses „Ich bin noch nicht so weit“ ist oft auch nur ein Satz, um sich nicht bewegen zu müssen. Nicht immer, aber sehr, sehr oft. Den Unterschied habe ich meiner Chiarezza-Gruppe und meinen Metamorphosen in einem Podcast in der Tiefe aufgezeigt.

Was ich leider viel öfter sehe, ist etwas anderes. Die meisten Menschen steigen genau an der Stelle aus, wo es losgehen würde. Dann, wo man nichts mehr schönreden kann und wo man eben nicht mehr bloß beobachten und ausweichen kann, sondern betroffen ist. Da, wo der Körper reagiert, wo Aufruhr ist, und wo man nicht mehr alles im Griff hat.

Genau dort, wo sich wirklich etwas verschieben könnte, wird wieder analysiert, erklärt, vertagt, gehofft, verglichen oder geschwiegen.

Und dann ist da noch etwas, das ich aus mir selbst kenne, was ich vor 20 Jahren auch so gelebt habe. Dieses „Ich mach das alleine“. Klingt nach Stärke, ist es allerdings definitiv nicht.

Ich habe das selbst gelebt. Alles alleine gemacht, weil niemand da war, den man hätte fragen können. Und wenn das Ergebnis dann trotzdem nicht gut genug war – Kritik, Vorwürfe, Gelächter –, trifft das nicht nur die Leistung. Das trifft die ganze Person. Weil man ja alles gegeben hat, was man hatte.

Was daraus wird? Man hört auf, sich zu zeigen. Man braucht niemanden mehr und man bleibt alleine – auch mit dem, was man selbst nicht sehen kann.

Besonders auffällig ist das übrigens bei Menschen, die selbst andere begleiten wollen: Therapeutinnen, Coaches, spirituelle Lehrerinnen. Die begleiten ihre Klienten durch ihre Themen – und nehmen sich selbst niemanden. Gehen selbst nicht dorthin, wo sie andere hinführen wollen, und wundern sich dann, warum zu wenig Menschen zu ihnen kommen. Warum ihre Bücher nicht gekauft werden. Warum es irgendwie nicht fließt.

Aber warum sollte es auch? Deine Frequenz zieht genau die Menschen an, die du selbst noch bist. Nicht die, die du gerne begleiten würdest. Wenn du selbst alles alleine machst, holst du dir genau die Menschen heran, die auch alles alleine machen wollen. Die sich auch nicht zeigen und die auch niemanden hinter ihre Show und Maske blicken lassen.

Und das Interessante daran ist: Es kann nicht ausgetrickst werden.

„Ich bin noch nicht so weit“ klingt nach Bescheidenheit, ist einfach Scham in Geschenkpapier. Die Scham, zuzugeben, dass man jemanden braucht. Es ist kein Vorwurf, allerdings auch keine Kleinigkeit.

Verstehen ist nicht dasselbe wie leben

Stell dir vor, ich zeige dir in einem Buch ein Foto von einem Kastanienbaum. Du siehst ihn und denkst, jetzt weißt du alles über den Baum. Ja, du weißt jetzt, wie er aussieht, wie die Blüten sind und die Rinde. Aber du weißt nicht, wie die Rinde sich unter deinen Fingern anfühlt – rau, lebendig, uneben. Du weißt nicht, wie der Baum riecht, wenn er blüht – dieser schwere, fast aufdringliche Duft, der in der Luft hängt. Du weißt nicht, wie weh dir die stachelige Hülle der Kastanie tut, wenn sie dir auf den Kopf fällt. Und du weißt nicht, wie sich eine reife Kastanie in der Hand anfühlt – glatt und kühl.

Das alles steht nicht im Buch. Das erfährst du erst, wenn du rausgehst und wirklich unter dem Baum stehst. Manches wirst du beim lesen erkannt haben, wenn du einen Kastanienbaum mit allem schon mehrfach erlebt hast, oder?

Genauso ist das mit dem, was wir über uns erkennen. Erkennen ist der Anfang. Aber Verkörperung – das ist etwas anderes und das passiert nicht im Kopf. Das passiert dadurch, dass du den Weg gehst. Immer wieder, bis es nicht mehr Wissen ist, sondern du.

Ich hab diese Woche eine Nachricht bekommen. Eine Teilnehmerin schreibt, wie sie ein Video von mir dreimal angefangen und dreimal wieder abgebrochen hat. Herzklopfen. Ablenkung. Bis sie irgendwann einfach dabeigeblieben ist – bis zum Ende, ohne Nebenbei. Kein großes Aha. Nur ein warmes Feld in der Brust. Und dann schreibt sie: Sie hat es jetzt integriert. Und ich freue mich über diesen Moment, wirklich. Aber integriert? Integriert ist, wenn du es mehrmals gelebt hast und dann nicht mehr nachdenkst. Wenn du einfach bleibst, bei jedem unangenehmen Gefühl, ohne Denken, Zweifel und die Frage: Wann ist es endlich leichter, anders usw. Ein warmes Feld in der Brust ist ein echter Schritt, aber es ist nicht dasselbe wie Beine, mit denen du gehst, ohne über deine Beine nachzudenken.

Veränderung passiert nicht da, wo du alles schon verstanden hast. Das Verstehen ist nett, wirklich. Ich bin die Letzte, die etwas gegen Bewusstsein hat, Überraschung. Aber nur weil du etwas verstanden hast, heißt das noch lange nicht, dass du es lebst. Und nur weil du über etwas sprechen kannst, heißt das noch lange nicht, dass du innerlich schon dort bist.

Das ist ja genau der Haken. Viele haben ein gutes Bewusstsein für ihre Muster, aber null Bereitschaft, in dem Moment dazubleiben, in dem der Körper Alarm macht. Und da trennt sich dann eben das nette Wissen von echter Bewegung – die Spreu vom Weizen.

Der eigentliche Wendepunkt ist meistens unspektakulär

Der Punkt, an dem sich wirklich etwas bewegt, ist meist ziemlich unspektakulär. Zumindest erlebe ich es so. Kein Feuerwerk, kein Engelchor, kein kosmisches Trompetensolo.
Es ist eher so ein stiller, unbequemer, manchmal ziemlich ernüchternder Moment, in dem du nicht wegläufst.

Indem du nicht gleich wieder in die Hoffnung springst, nicht gleich wiederholt in den Vergleich, nicht gleich wieder in die Erklärung. Sondern du bleibst.

Einfach bleibst.

Bei dir. Bei dem Gefühl, der Unsicherheit und  dem Teil in dir, der am liebsten die Flucht ergreifen würde und dabei vielleicht noch behauptet, das sei Reife, Vorsicht oder genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

Nein, es ist oft einfach nur der alte Ausstieg, die Flucht in neuer Verpackung, Ausrede usw.

Du wartest nicht auf Veränderung

Und vielleicht ist genau das der Satz, den viele nicht mögen, weil er so unverschämt einfach ist: Du wartest nicht auf Veränderung. Du wartest oft einfach darauf, dass sie passiert, ohne dass du selbst wirklich da durch musst. Na, berührt das etwas in dir?

Aber so läuft es eben nicht. Schau mal ehrlich hin. Zumindest läuft es im echten Leben nicht so. Nicht in echter innerer Bewegung und nicht da, wo wirklich etwas kippt. Denn das, was du vermeiden willst, ist genau die Tür und nicht das Problem, das sich zeigt. Es ist die Tür.

Und dann ist die eigentliche Frage auch nicht, ob Veränderung für dich möglich ist. Natürlich ist sie das, warum denn auch nicht? Die Frage ist eher, ob du diesmal dableibst, wenn es ernst und unangenehm wird. Ob du dich wieder verlässt, oder ob du wirklich einmal bei dir bleibst, auch wenn es gerade nichts zu feiern gibt.

Da beginnt meistens das, worauf so viele warten oder hoffen. Nicht später, wenn du perfekt bist, und nicht wenn du alles im Griff hast. Sondern genau da, wo du es dir am wenigsten vorgestellt hast.

Ein Teil meiner Angebote

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst … 

… und du merkst es nicht einmal.

Da ist wirklich was dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch, oder anders ausgedrückt: Alles wird sichtbar.

In letzter Zeit fällt mir etwas immer wieder auf. Bei den Menschen, in Gesprächen, im Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos. Nicht verurteilend – einfach nur fassungslos. Weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, wie geschickt wir das machen. Wie meisterhaft, so leicht, so selbstverständlich. Und warum erkenne ich es so schnell und gut? Na? Weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute plumpse ich stellenweise ebenfalls noch hinein.

Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben Chiarezza – Gruppe . Ich musste. Es war das einzige, was dieser Fassungslosigkeit gerecht wurde. Und während ich geschrieben habe, war mir klar: Das reicht nicht, es braucht bei dieser Epidemie einen Blogbeitrag, unbedingt. Weil es zu wichtig ist, um es mit Humor abzuhaken und nur im kleinen Kreis zu lassen.

Denn worum geht es? Um die (vielleicht) unbequemste Erkenntnis überhaupt. Und nein, nicht die, dass andere Menschen schwierig sind. Nicht die, dass das Leben manchmal ungerecht ist, sondern diese: Du verarschst dich selbst, regelmäßig und absolut meisterhaft und mit einer Kreativität, die dir in anderen Bereichen enorm fehlt.

Das Tückische daran ist nicht, dass du lügst. Es ist so, dass du es so gut machst, dass du es selbst nicht einmal merkst oder zumindest so tust, als würdest du es nicht merken. Denn irgendwo weißt du es immer, doch du kannst es so wunderbar rechtfertigen und deine Erklärungen sind für dich so schlüssig. Und das ist der springende Punkt.

Die Kunst des kreativen Ausweichens

Nehmen wir als Beispiel, du hast deine Miete nicht bezahlt und es steht dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin an. Das Gespräch muss stattfinden, du weißt es. Und dann kommt (dem Himmel sei Dank) eine Einladung zum Mittagessen und natürlich nimmst du sie an. Warum auch nicht?

Und nach dem Mittagessen bist du so müde, dass das Gespräch heute einfach nicht mehr geht, weil du unbedingt schlafen musst. Du verschiebst es … wieder.

Jetzt kommt die entscheidende Frage: Hat dich das Mittagessen müde gemacht? Oder hast du dich müde machen lassen, weil die Müdigkeit der perfekte Ausweg war?

Das kreative Ausweichen funktioniert so geschmeidig, weil es sich nie wie Ausweichen anfühlt. Es fühlt sich nach vernünftigen Entscheidungen an und nach absolut legitimen Gründen. Nach Umständen, die nun mal so sind. Was kannst du denn jetzt dafür, dass dein Körper müde wird? Du musst dir dabei nichts vorwerfen – du warst ja beim Mittagessen! Du warst ja müde! Es war ja wirklich nicht der richtige Moment! Sonst hätte das Universum ja nicht diese Essenseinladung geschickt, oder?

Der Geist ist unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, uns vor dem zu schützen, was uns unangenehm ist. Und das wäre ja auch in Ordnung – wenn wir wenigstens ehrlich wären. Aber genau das sind wir nicht. Wir nennen es nicht Ausweichen, wir nennen es Timing, Mittagessen, Müde, Energie, Vernunft, ach ja, und Universum.

Das ist die erste Form der Selbstverarschung: Wir bauen uns unsere Fluchtwege so elegant, dass wir sie selbst nicht als Fluchtwege erkennen wollen.

Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun

Es gibt noch eine zweite, etwas schmerzhaftere Ebene, und die hat mit dem Bild zu tun, das wir von uns selbst haben.

Nehmen wir dieses Beispiel: Jemand möchte andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten. Zeigt ihnen, wie sie Klarheit gewinnen, Ziele verfolgen, und Verantwortung übernehmen. Und gleichzeitig ruft dieselbe Person bei einem Amt nicht an – kümmert sich nicht um wichtige Erledigungen.

Das ist keine Kritik, es sind einfach Beobachtung. Und es ist zutiefst menschlich.

Wir tragen alle ein Bild von uns in uns, das ein bisschen weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das wäre auch kein Problem (sage ich immer wieder meinen Menschen, die ich begleite), denn dieses Bild kann uns ja auch ziehen, uns inspirieren, uns in Bewegung halten.

Das Problem entsteht vielmehr, wenn der Abstand zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu groß wird und wir ihn nicht mehr ehrlich anschauen.

Wenn ich anderen zeigen will, wie sie Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen ausweiche, dann ist das keine böse Absicht. Aber es ist ein gewaltiger blinder Fleck. Und blinde Flecken haben die unangenehme Eigenschaft, dass wir sie genau deshalb nicht sehen, weil wir sie nicht sehen wollen oder sie so selbstverständlich geworden sind. 

Das Selbstbild schützt uns und es sagt uns: Du bist auf dem Weg. Du weißt, worum es geht. Du bist schon so weit. Du warst heute fleißig. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist es auch einfach eine sehr bequeme Geschichte.

Die Frage, die hilft – auch wenn sie wehtut und auch sehr unangenehm ist – ist diese: Was würde jemand, der mich einen Monat lang beobachtet, über mich berichten? Nicht über das, was ich sage. Über das, was ich tue.

Ich hab das mal einem Klienten auf andere Art formuliert. Ich hab gesagt: Ich würd bei dir gern eine Woche einziehen. Einfach so deinen/euren Alltag erleben, weil ich so deutlich spüre, dass da eine Diskrepanz ist, zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wird, und dem, was hinter den Türen wirklich gelebt wird.

Er hat gelacht, aber er wusste ganz genau, was ich meinte. 

Leihgabe Wahrheit

Und dann gibt es noch eine dritte Form. Eine, die besonders interessant ist, weil sie sich als Gemeinschaft tarnt und wirklich jeder von uns kennt.

Du hast etwas zu sagen, jemandem, dem du schon lange etwas sagen wolltest. Du findest etwas nicht in Ordnung, du hast eine Wahrnehmung, du möchtest eine Grenze setzen, du legst los und dann sagst du: „Das sehen übrigens Lisa, Helga und Fritz genauso.“

Warum?

Weil deine eigene Stimme sich allein zu klein anfühlt, weil du dir nicht sicher bist, ob deine Wahrnehmung stimmt. Weil du die Verantwortung für das, was du sagst, nicht ganz allein tragen willst. Also leihst du dir Stimmen, du machst ganz praktisch aus deiner Wahrheit eine Mehrheitsmeinung.

Das fühlt sich sicherer an, aber es ist eine Form der Selbstverleugnung. Denn du versteckst dich hinter anderen, anstatt zu sagen: Ich. Ich finde das nicht in Ordnung. Ich sehe das so. Ich stehe dazu.

Das Paradoxe daran: Gerade in dem Moment, in dem du anfängst, dich hinter anderen zu verstecken, verlierst du das, was du erreichen wolltest – gehört zu werden. Ernst genommen zu werden und etwas anzubringen, was dir wirklich wichtig ist. Denn wer spricht, wenn Lisa, Helga und Fritz sprechen? Nicht du.

Die geliehene Wahrheit ist bequem, aber deine Stimme bleibt auf der Strecke.

Was haben jetzt alle drei gemeinsam?

Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild, die geliehene Wahrheit – sie haben eine gemeinsame Wurzel.

Vielleicht weißt du es ja bereits oder hast eine Ahnung?

Das ist nämlich das Entscheidende. Selbstverarschung funktioniert nicht im Dunkeln, es funktioniert genau dort, wo ein Teil von dir die Wahrheit schon kennt und ein anderer Teil sehr beschäftigt damit ist, sie nicht zu laut werden zu lassen.

Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Menschsein. Wir alle tun das. Die Frage ist nur: Wie lange? Wie oft? Und zu welchem Preis?

Denn das Ausweichen kostet. Es kostet so viel Energie, weil das Aufrechterhalten einer Geschichte immer mehr Kraft braucht als die Wahrheit. Es kostet Vertrauen – in dich selbst, in andere und das Vertrauen, das andere zu dir (bisher) hatten. Es kostet Beziehungen, manchmal und es kostet dich das Gefühl, wirklich bei dir zu sein.

Selbsterkenntnis, die wirklich wehtut – und deshalb heilt

Echte Selbsterkenntnis ist nicht das wohlwollende Nicken beim Lesen eines spirituellen Buches. Es ist der Moment, in dem du merkst: Ich hab es gerade wieder gemacht. Ich hab mich gerade wieder verarscht, aber sowas von.

Und dieser Moment ist unangenehm, und er soll es auch sein. Nicht, weil Schmerz gut ist, sondern weil dieser Moment der einzige ist, in dem echte Veränderung beginnen kann. Ansonsten geht es immer wieder in die Wiederholung rein.

Es geht nicht darum, sich zu verurteilen, denn Selbstkritik, die dich in den Keller zieht, ist genauso wenig hilfreich wie das Ausweichen selbst. Es geht um ehrliches Hinschauen, um das kurze, klare „Ah, da ist es wieder“ oder „Ja, habe ich gemacht“.

Und dann – und das ist der wichtigste Schritt, auch, wenn du dabei „stirbst“, die Entscheidung, was du damit machst.

Rufst du jetzt den Vermieter an? Sagst du das nächste Mal „Ich finde das nicht in Ordnung“ – ohne Lisa, Helga und Fritz? Schaust du dir ehrlich an, was zwischen deinem Selbstbild und deiner gelebten Realität liegt?

Das ist wirkliche Selbsterkenntnis und nicht dein Hin- und Her-Denken. Nicht weil sie dich besiegt, sondern weil sie dich zu dir bringt, und das ist das Unbequemste, was es gibt.

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