Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Wenn Nähe fehlt, obwohl jemand da ist

Es gibt Wahrheiten, die spüren wir oft schon lange, bevor wir bereit sind, sie wirklich an uns heranzulassen. Nicht, weil wir blind oder dumm durchs Leben laufen oder uns selbst belügen wollen, sondern weil wir tief in uns ahnen, dass Ehrlichkeit Konsequenzen hat. Und genau davor drücken wir uns oft am längsten. Denn in dem Moment, in dem du dir eingestehst, dass du in deiner Beziehung einsam bist, obwohl da ein Mensch an deiner Seite ist, kannst du nicht einfach weitermachen wie bisher. Dann steht plötzlich ein Elefant im Raum, den du nicht mehr übersehen kannst, und das macht Angst. Weil es Gespräche nach sich zieht, Entscheidungen, vielleicht einen Aufbruch, von dem du heute noch gar nicht weißt, ob du ihn überhaupt gehen kannst.

Wenn ich heute zurückblicke, dann merke ich, dass ich vieles längst gespürt habe, bevor ich bereit war, es wirklich zu sehen. Ich war über Jahre beschäftigt, habe funktioniert, organisiert, getragen und mein Leben stark um meine Familie herum gebaut. Meine Kinder standen im Mittelpunkt, meine Arbeit habe ich oft so gelegt, dass sie zu meinem Alltag als Mutter passte, und ganz ehrlich: Solange immer etwas zu tun ist, solange jemand etwas von dir braucht, kannst du wunderbar an dir selbst vorbeileben, ohne es überhaupt zu merken.

Wenn Stille plötzlich unangenehm ehrlich wird

Dann kam eine Zeit, in der meine Kinder größer wurden. Meine beiden Söhne waren bereits ausgezogen, meine Töchter brauchten mich nicht mehr in dieser praktischen, alltäglichen Form, wie es viele Jahre selbstverständlich gewesen war. Keine Fahrdienste mehr, keine Förderstunden, kein ständiges Organisieren zwischen Schule, Alltag und Beruf. Und plötzlich war da Raum, so plötzlich, nicht nur im Kalender, sondern in mir.

Ich saß an manchen Nachmittagen in unserem Haus, das nach außen betrachtet wunderschön war, ein Zuhause, das ich mit viel Liebe gestaltet hatte, und trotzdem fühlte es sich innerlich längst nicht mehr wie Freiheit an. Eher wie etwas, das mich festhielt. Wir hatten sogar Unterstützung im Haushalt, was bedeutete, ich konnte mich nicht einmal mehr hinter Putzen, Wäschebergen, die gebügelt werden mussten, oder all dem täglichen Kleinkram verstecken, mit dem man sich sonst so wunderbar beschäftigt hält.

Da saß ich und dann war da plötzlich nur noch Stille und Ruhe.

Und in dieser Stille wurde mir etwas bewusst, das ich lange nicht fühlen wollte. Ich saß nicht nur am Tisch, ich saß mitten in meinem Leben und merkte: Ich bin einsam, nein, nicht allein. Sondern einsam, mitten in einer Beziehung.

Nicht hysterisch oder dramatisch, nichts Lautes, nicht mit Tränen und großem Trara. Sehr leise und nüchtern. Aber gerade deshalb so klar. Und es war dieses stille Wissen, dass ich innerlich schon lange, ja, sehr lange allein unterwegs war, obwohl ich nicht allein lebte. Dass da zwar ein Mann an meiner Seite war, aber keine wirkliche Begegnung (mehr), kein tiefes Miteinander, kein inneres Zuhause, kein Gefühl von echter Verbundenheit.

Shit – der Moment, in dem du nicht mehr wegsehen kannst

Einige Zeit später kam mein jüngerer Sohn (der schon erwachsen war) auf mich zu und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde. Er sagte: „Mum, entweder trennst du dich oder du suchst dir einen Liebhaber.“ Und dann fügte er noch hinzu, dass ich dieses Haus nicht wegen der Kinder halten müsse, weil keines von ihnen an diesem Haus hing.

Bämm – das saß.

Nicht, weil mein Sohn mir einen Ratschlag fürs Liebesleben geben wollte, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, wie sichtbar mein innerer Zustand längst im Außen geworden war. Meine Kinder hatten längst gespürt, was ich mir selbst noch nicht ganz eingestehen wollte. Dass ich nicht lebte, sondern eher verwaltete, funktionierte, und innerlich immer stiller geworden war.

Irgendwann habe ich mit meinem Mann geredet. Habe ihm gesagt, wie ich mir Beziehung vorstelle, was ich brauche, was ich mir wünsche. Und er hat mir sehr ruhig geantwortet: „Dann bin ich nicht der richtige Partner für dich.“ Es war einfach eine Wahrheit, die plötzlich im Raum stand und auf die es keine Antwort mehr brauchte, außer meiner eigenen Konsequenz. Die hat dann noch eine Weile auf sich warten lassen, aber die Richtung war von diesem Moment an klar.

Und ja, natürlich gab es da auch den Gedanken: Vielleicht bräuchte ich einfach einen anderen Mann, mehr Aufmerksamkeit, mehr Leidenschaft, mehr Lebendigkeit. Ich habe das sogar wirklich ausprobiert. Und habe sehr schnell gemerkt, dass ich dafür einfach nicht gemacht bin – nicht, weil ich zu brav wäre (ne, ne) oder zu ängstlich, sondern weil ich ein durch und durch Beziehungsmensch bin. Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann ganz. 

Und genau da wurde mir klar: Es geht nicht darum, irgendeinen Ersatz zu finden, sondern darum, ehrlich zu erkennen, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben nicht bleiben werde.

Wie wir uns selbst Stück für Stück verlieren

Wenn ich heute auf meine Beziehungen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur zwei Männer an meiner Seite. Ich sehe vorrangig eine Frau, die tief in sich überzeugt war, einen Mann zum Leben zu brauchen. Nicht bewusst als Gedanke, vielmehr ein stilles inneres Programm, das aus dem Hintergrund alles gesteuert hat.

Und aus genau dieser Haltung heraus war ich bereit, viel mehr zu geben, als gesund gewesen wäre. Ich habe getragen, aufgebaut, unterstützt, Mut gemacht und, wenn ich ehrlich bin, beide Männer in vielem auch größer gemacht. Ich war Rückenwind, Kraftspenderin, Motivatorin und manchmal fast schon Lebensmotor. Meine Güte, lange hielt ich das für Liebe oder für etwas Selbstverständliches.

Heute sehe ich, dass darunter oft auch Angst lag. Angst, nicht genug zu sein. Angst, verlassen zu werden. Angst, allein nicht bestehen zu können. Also passt man sich an, schluckt Dinge herunter, verkleinert sich, trägt mehr, als man tragen sollte, und verliert Stück für Stück die Verbindung zu sich selbst.

Vielleicht ist genau das die tiefste Einsamkeit: nicht, dass kein Mensch da ist, sondern dass du dich selbst auf dem Weg verlassen hast.

Veränderung ist eine Stimme, die spricht, wenn sie sonst schweigt. Veränderung ist ein Nein, das du endlich sagst, auch wenn du dich danach kurz wie der weltweit schlechteste Mensch fühlst. Bist du aber nicht.

Das Leben ärgert einen nicht, wenn es einen anschiebt oder drängt, damit Klarheit gelebt wird. So nach dem Motto: Hör auf, nur darüber nachzudenken, dass du dich veränderst, jetzt verkörpere es. Andiamo!

Der Nächste kommt nur mit einem anderen Knopf

Und dann glauben wir oft, beim nächsten Menschen werde alles anders. Wir sagen Sätze wie: „So wie mit diesem Menschen war es noch nie. Das fühlt sich völlig anders an.“ Und ja, oberflächlich stimmt das sogar: Der eine ist laut, der andere still, die eine ist warmherzig, der andere verschlossen. Die Verpackung ist neu.

Was oft nicht neu ist, ist der Knopf in uns, der früher oder später wieder gedrückt wird.

Vielleicht ist es wieder dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden. Vielleicht wieder Verlustangst, Anpassung, Kontrolle oder emotionale Einsamkeit. Der andere hat diesen Schmerz meist nicht erschaffen, er hat nur etwas berührt, das längst in uns angelegt war und endlich gesehen werden möchte.

Und genau das ist die unbequeme Wahrheit über Beziehungen: dass das Leben uns nicht nur Menschen schickt, die zu unseren Wünschen passen, sondern oft Menschen, an denen wir wachsen sollen, dürfen oder müssen.

Und dann gibt es die Frauen, die das alles längst wissen und trotzdem nicht gehen. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil die Angst größer ist als der Schmerz des Bleibens. Angst vor dem Geld, vor der Abhängigkeit, vor dem Alleinsein, vor der Frage, ob da draußen überhaupt noch jemand für sie wäre. Ich begleite viele dieser Frauen, und was ich beobachte, ist, dass die, die warten, auf mehr Geld, auf den richtigen Moment, auf irgendetwas, das sich von außen verändern soll, mit der Zeit nicht leichter werden, sondern schwerer. Nicht weil sie schwach wären, ganz im Gegenteil. Sondern weil eine Frau, die ihre eigene Wahrheit kennt und sie trotzdem nicht leben darf, sich mit der Zeit selbst nicht mehr erkennt.

Liebe beginnt vielleicht woanders

Heute glaube ich nicht mehr, dass ein anderer Mensch uns vollständig machen kann. Kein Partner kann dauerhaft die Leere in uns füllen, unsere alten Wunden heilen oder uns das Gefühl geben, endlich angekommen zu sein, wenn wir uns selbst innerlich längst verlassen haben.

Vielleicht beginnt Liebe viel früher. Dort, wo wir aufhören, den anderen für unser inneres Überleben zuständig zu machen. Dort, wo wir wieder anfangen, uns selbst ernst zu nehmen, uns selbst zu fühlen und uns selbst nicht länger zu verraten.

Und vielleicht begegnen wir dann einem Menschen nicht mehr aus Mangel, nicht aus Angst und nicht aus innerer Leere, sondern aus etwas ganz anderem heraus.

Aus Wahrhaftigkeit.

Und aus einem Herzen, das gelernt hat, zuerst bei sich selbst zuhause zu sein.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest – in meinen Büchern „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ und „Wenn du erwachst und es erst später bemerkst“ erzähle ich davon ausführlicher. Nein, kein weiterer Ratgeber, sondern vielmehr eine Einladung zum Hinschauen.

Ein Teil meiner Angebote

Innerer Druck

Innerer Druck

Innerer Druck, …

… wenn in dir etwas gegen das Leben kämpft

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, sie stehen unter Druck, dann meinen sie meistens erst einmal das, was im Außen sichtbar ist. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf, zu viele Baustellen, zu viel Verantwortung, die Freunde, Partnerschaft, einfach Beziehungen. Und natürlich spielt das alles mit rein, das möchte ich gar nicht kleinreden. Aber offen gesagt, ich schaue inzwischen auf einen ganz anderen Punkt, weil ich über die Jahre etwas verstanden habe, das mir früher selbst nicht klar war.

Innerer Druck entsteht oft nicht zuerst durch das, was im Außen passiert. Er entsteht in uns, weil wir in einen inneren Widerstand gehen gegen das, was gerade ist.

Und schau, genau da wird es spannend.

Da ist eine Situation, die dir nicht gefällt. Ein Mensch verhält sich ungerecht. Etwas entwickelt sich anders, als du es dir gewünscht hast. Du fühlst dich übergangen, nicht gesehen oder vielleicht sogar ausgeliefert. Und in dir kommt, oft blitzschnell, dieses innere Nein. So nach dem Motto: Das will ich nicht, das darf nicht sein, das ist unfair, das muss anders werden. Und ab diesem Moment sitzt nicht nur ein Gefühl in dir, sondern dein Verstand springt an wie ein aufgescheuchtes Huhn und fängt an, Geschichten zu erzählen.

Er beginnt Bilder zu malen, was alles passieren könnte. Er rechnet Zukunftsszenarien durch, als wäre er persönlich für dein Überleben zuständig, dabei ist ihm dein Überleben dermaßen egal. Da zieht er auf einmal Vergleiche aus seinem imaginären Hut, sucht Schuldige, kramt alte Erfahrungen raus und gießt literweise Öl ins Feuer. Und er projiziert deine Innenwelt auf die anderen.  Und ehe du dich versiehst, führst du innerlich Gespräche, die nie stattgefunden haben, verteidigst dich gegen Vorwürfe, die niemand ausgesprochen hat, und erschöpfst dich in einem Kampf, der bis jetzt nur in deinem Kopf läuft. Herzlichen Glückwunsch, unser System kann das wirklich beeindruckend gut, und am Ende glaubst du etwas, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen wurde.

Ich kenne das selbst sehr gut von früher.

Bei mir hat sich innerer Druck früher vor allem in körperlicher Unruhe und Schlafstörungen gezeigt. Dieses Wachliegen in der Nacht, während der Körper eigentlich müde ist, aber der Kopf noch drei Gerichtsverhandlungen führt, zwei Zukunftspläne schmiedet und nebenbei den Weltuntergang vorbereitet, das kenne ich. Vor allem in meiner Krisenzeit war da ganz viel Angst vor Ungewissheit. Wie wird es weitergehen? Was kommt noch? Schaffe ich das? Was ist, wenn … oder wenn nicht…? Und darunter lag, das konnte ich erst viel später wirklich erkennen, meine tiefste Urwunde: Existenzangst.

Und mit Existenz meine ich nicht nur Geld, obwohl Geld natürlich in unserer Welt sofort diesen Alarmknopf drückt. Es ging viel tiefer. Es ging um dieses uralte Gefühl von Unsicherheit, von Ausgeliefertsein, von Todesangst, die in meiner Kindheit real war und sich später im Erwachsenenleben auf andere Ebenen gelegt hat. Beziehungen, Geld, Halt, Sicherheit, all diese Dinge hängen dann plötzlich an dieser alten Wunde wie Weihnachtskugeln an einem Baum, nur leider nicht ganz so festlich.

Was ich aber verstanden habe, und das war für mich wirklich ein Wendepunkt, ist Folgendes.

Wir tragen Dinge oft viel länger in unserem System, als wir glauben. Und das Leben ist, so verrückt es klingt, ziemlich klug darin, uns nicht alles auf einmal hinzuknallen. Zuerst räumst du das Grobe raus. Das, was offen daliegt, und das, was du schnell sehen kannst. Das, was leichter greifbar ist. Aber dann, irgendwann, kommt dieser festgeklebte Rest in der Ecke. Wie in einer alten Schublade, die du auswischst. Das Grobe geht schnell, aber dieser hartnäckige Belag, der schon Jahre in der Ecke klebt, der braucht Scheuermilch und einen groben Schwamm. Und genauso ist es oft innerlich auch.

Bei mir kam so ein Moment noch einmal überraschend hoch, ausgelöst durch eine Situation, die im Außen gar nicht dramatisch war. Keine echte Bedrohung, keine Eskalation, nichts, aber mein Körper erinnerte sich. Schlagartig war die Angst da. Mein ganzes System reagierte wie mit Schüttelfrost. Ich habe gezittert, richtig gezittert, und im ersten Moment denkst du natürlich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?

Früher wäre ich davor weggelaufen. Wie? Mich abgelenkt, jemanden angerufen und sinnloses gequatscht, aufgeräumt oder Blumen umgetopft. Irgendwas halt, nur nicht in diesem beschissenen Gefühl bleiben.

Dieses Mal also nicht.

Ich habe geatmet – ich habe gezittert – ich habe alles da sein lassen. Und ich blieb, obwohl es sich wirklich wie die Hölle angefühlt hat und meine Hände gewackelt haben wie ein Kuhschwanz, alles hat gebebt. Und dann ist etwas passiert, das ich schwer erklären kann, wenn man es nie erlebt hat. Es gab wie einen Höhepunkt, wie eine Welle, die ihren höchsten Punkt erreicht, und von da an wurde es langsam weniger. Nicht plötzlich, nicht ratzfatz, aber spürbar. Mein Körper hat etwas entladen, das ich über Jahre noch in mir getragen habe.

Das ist dann keine Schwäche, das ist Verarbeitung oder, wie ich es heute gerne nenne: eine Runde sterben gehen.

Und vielleicht ist genau das etwas, was ich dir heute mitgeben kann. Nicht jeder innere Druck ist dein Feind und nicht jede Unruhe bedeutet, dass mit dir etwas nicht stimmt. Keine Angst, will weggemacht werden, dein System zeigt dir nur sehr deutlich, wo in dir noch etwas arbeitet, was gesehen, gefühlt und letztlich entlassen werden möchte.

Und natürlich, ich bin da auch kein sanft schwebender Mensch, der morgens lichtvoll summend durch den Tag gleitet wie Lavendeltee auf zwei Beinen. Das gibt es nicht, zumindest nicht bei mir. Ungerechtigkeit kann mich bis heute auf hundertachtzig bringen, auch wenn ich weiß: Im Grunde gibt es auch keine Ungerechtigkeit. Da merke ich gelegentlich den Impuls, jemanden, sagen wir mal freundlich formuliert, an die Wand tackern zu wollen. Aber der Unterschied ist: Ich verstehe heute schneller, was da in mir berührt wird. Und dieses Verstehen nimmt dem Ganzen die Macht.

Vielleicht fragst du dich das nächste Mal nicht sofort, wie du diesen Druck loswirst.

Vielleicht fragst du dich eher, was in dir gerade so laut Nein sagt. Was sich wehrt und vor allem jetzt gerade Angst hat. Was du festhalten willst oder was endlich gehen möchte.

Denn manchmal kämpfst du nicht gegen das Leben.

Manchmal kämpft in dir nur etwas Altes gegen das, was längst bereit ist, sich zu lösen.

Vielleicht ist das Mutigste, was du tun kannst, einfach dazubleiben. Einen Atemzug lang. Und zu schauen, was dann passiert.

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Hoffnung hilft nicht weiter

Es ist schon interessant, wie oft Menschen sagen, dass sie wollen, dass sich endlich etwas verändert. Dass es leichter werden soll, klarer, freier und authentischer. Dass sie rauswollen aus ihren alten Mustern, raus aus dem Kopf, raus aus dem, was sie seit Jahren mit sich rumschleppen. Und dann sitzen oder stehen sie genau an dem Punkt, wo sich wirklich etwas bewegen könnte, und machen innerlich wieder die Tür zu.

Nicht bewusst natürlich … das wäre ja fast zu einfach und offensichtlich.

Sie denken, reden, erklären, und hoffen weiter. Aber sie bleiben nicht da – nicht in dem, was gerade da ist. Nicht in dieser beschissenen Enge, nicht in dieser Hilflosigkeit, in Ungewissheit und nicht in diesem unangenehmen Gefühl, das eben nicht nett ist und auch nicht verlockend daherkommt wie irgendein kluger Spruch aus einem Kalender oder der Brigitte Zeitschrift. 

Doch genau da wird es spannend und kommt endlich Bewegung rein.

Viele wollen Veränderung, aber nicht das, was sie kostet

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder wunderbar sehen und erleben. Menschen wollen Veränderung, ja. Allerdings anders, als der Weg nun mal ist. Viele wollen sie so, dass sie sie bitte nicht wirklich fühlen müssen. Sie wollen, dass sich etwas löst, aber ohne durch diesen engen Gang zu gehen, in dem man eben gerade nichts kontrollieren kann. Wo man sich nicht mehr gewohnheitsmäßig erklären kann, was man schon alles verstanden hat. Wo man auch nicht mehr mit irgendwelchen schlauen Sätzen ausweichen kann. Sondern wo man einfach mal da ist, mitten in dem, was unangenehm ist.

Und das ist oft genau der Moment, wo die meisten abbiegen, um genau zu sein 99 %.

Nicht, weil sie zu blöd oder dumm wären, und auch nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil sie genau da merken: Holla die Waldfee, das ist mal ne ganz andere Nummer, weil jetzt wird es halt wirklich authentisch. Jetzt komme ich nicht mehr mit ein wenig Verstehen durch, oder ich komme nicht mehr damit durch, dass ich schön über mich reden kann. Jetzt müsste ich mich wirklich fühlen, und das ist halt was ganz anderes.

Hoffnung, das Ding in der Zukunft

Dann kommt Hoffnung ins Spiel. Klingt erstmal schön, lieb und fast heilig. „Ich hoffe, dass sich jetzt etwas verändert.“ „Ich hoffe, dass das Fühlen irgendwann etwas in Bewegung bringt.“

Ja, kann man alles sagen. Aber oft heißt das übersetzt einfach nur: Ich will, dass es anders wird, aber ich will gerade nicht ganz da rein.

Hoffnung kann schön sein, natürlich, sie verschafft uns Zeit und ist ein herrliches Versteck. Vor allem dann, weil sie dich davon abhält, wirklich bei dir zu bleiben. Im Jetzt. In dem, was gerade da ist. Nicht morgen, in einem Monat oder Jahr. Nicht wenn es leichter ist oder wenn du endlich so weit bist. Sondern jetzt, wo es eng ist, wo du dich am liebsten ablenken würdest, wo dein Verstand schon wieder mit fertigen Antworten um die Ecke kommt, als hätte er die letzten zwanzig Jahre nicht schon genug veranstaltet, gelabert oder wiederholt.

Vergleich ist keine Erkenntnis, sondern Flucht

Eine meiner Teilnehmerin sitzt nach einem Treffen mit Freundinnen – und während die eine noch schnell was für ihre Selbstständigkeit erledigt und die andere ihren Freund trifft, sitzt sie da und zählt. Was die alles haben und sie nicht hat. Die eine hat einen Freund, die andere ist selbstständig, die nächste hat eine Familie um sich. Und ich? Ich hab nichts davon. Mit mir stimmt prinzipiell was nicht.

Und dann kommt der nächste Gedanke: Vielleicht ein neues Hobby, mehr Sport ginge auch noch. Irgendetwas. Hauptsache, die Zeit ist voll. Hauptsache, sie fühlt dieses unangenehme Gefühl, was da jetzt da ist, und sie pisackt …

Ich hab sie gefragt: Was willst du da reinstopfen? Welchen Gefühlen willst du aus dem Weg gehen? Was willst du gerade nicht fühlen?

Weil darunter nicht einfach nur Neid ist, darunter sind Einsamkeit und nicht dazuzugehören. Das leise Überzeugtsein, dass mit ihr irgendwie grundsätzlich etwas nicht stimmt. Dass die anderen einfach mehr sind, mehr haben, mehr verdienen.

Nur – man will immer das, was man gerade nicht hat. Wie oft wünscht sich die Gebundene, einfach mal allein zu sein? Wie oft denkt die Selbstständige: Ach Gott, könnte ich einfach in die Arbeit gehen, automatisch meinen Lohn kriegen und Urlaubsgeld obendrauf? Das wäre doch was.

Solange der Blick draußen ist, muss man nicht bei sich sein. Solange man zählt, was die anderen haben, muss man nicht fühlen, was in einem selbst gerade da ist und gesehen werden will.

Du hast keine Blockaden, du steigst nur immer wieder aus

Ich glaube, das ist etwas, was viele nicht hören wollen. Du bist nicht blockiert, zumindest nicht so, wie du vielleicht denkst. Du bist nicht kaputt und bist auch nicht zu langsam. Und ganz ehrlich, dieses „Ich bin noch nicht so weit“ ist oft auch nur ein Satz, um sich nicht bewegen zu müssen. Nicht immer, aber sehr, sehr oft. Den Unterschied habe ich meiner Chiarezza-Gruppe und meinen Metamorphosen in einem Podcast in der Tiefe aufgezeigt.

Was ich leider viel öfter sehe, ist etwas anderes. Die meisten Menschen steigen genau an der Stelle aus, wo es losgehen würde. Dann, wo man nichts mehr schönreden kann und wo man eben nicht mehr bloß beobachten und ausweichen kann, sondern betroffen ist. Da, wo der Körper reagiert, wo Aufruhr ist, und wo man nicht mehr alles im Griff hat.

Genau dort, wo sich wirklich etwas verschieben könnte, wird wieder analysiert, erklärt, vertagt, gehofft, verglichen oder geschwiegen.

Und dann ist da noch etwas, das ich aus mir selbst kenne, was ich vor 20 Jahren auch so gelebt habe. Dieses „Ich mach das alleine“. Klingt nach Stärke, ist es allerdings definitiv nicht.

Ich habe das selbst gelebt. Alles alleine gemacht, weil niemand da war, den man hätte fragen können. Und wenn das Ergebnis dann trotzdem nicht gut genug war – Kritik, Vorwürfe, Gelächter –, trifft das nicht nur die Leistung. Das trifft die ganze Person. Weil man ja alles gegeben hat, was man hatte.

Was daraus wird? Man hört auf, sich zu zeigen. Man braucht niemanden mehr und man bleibt alleine – auch mit dem, was man selbst nicht sehen kann.

Besonders auffällig ist das übrigens bei Menschen, die selbst andere begleiten wollen: Therapeutinnen, Coaches, spirituelle Lehrerinnen. Die begleiten ihre Klienten durch ihre Themen – und nehmen sich selbst niemanden. Gehen selbst nicht dorthin, wo sie andere hinführen wollen, und wundern sich dann, warum zu wenig Menschen zu ihnen kommen. Warum ihre Bücher nicht gekauft werden. Warum es irgendwie nicht fließt.

Aber warum sollte es auch? Deine Frequenz zieht genau die Menschen an, die du selbst noch bist. Nicht die, die du gerne begleiten würdest. Wenn du selbst alles alleine machst, holst du dir genau die Menschen heran, die auch alles alleine machen wollen. Die sich auch nicht zeigen und die auch niemanden hinter ihre Show und Maske blicken lassen.

Und das Interessante daran ist: Es kann nicht ausgetrickst werden.

„Ich bin noch nicht so weit“ klingt nach Bescheidenheit, ist einfach Scham in Geschenkpapier. Die Scham, zuzugeben, dass man jemanden braucht. Es ist kein Vorwurf, allerdings auch keine Kleinigkeit.

Verstehen ist nicht dasselbe wie leben

Stell dir vor, ich zeige dir in einem Buch ein Foto von einem Kastanienbaum. Du siehst ihn und denkst, jetzt weißt du alles über den Baum. Ja, du weißt jetzt, wie er aussieht, wie die Blüten sind und die Rinde. Aber du weißt nicht, wie die Rinde sich unter deinen Fingern anfühlt – rau, lebendig, uneben. Du weißt nicht, wie der Baum riecht, wenn er blüht – dieser schwere, fast aufdringliche Duft, der in der Luft hängt. Du weißt nicht, wie weh dir die stachelige Hülle der Kastanie tut, wenn sie dir auf den Kopf fällt. Und du weißt nicht, wie sich eine reife Kastanie in der Hand anfühlt – glatt und kühl.

Das alles steht nicht im Buch. Das erfährst du erst, wenn du rausgehst und wirklich unter dem Baum stehst. Manches wirst du beim lesen erkannt haben, wenn du einen Kastanienbaum mit allem schon mehrfach erlebt hast, oder?

Genauso ist das mit dem, was wir über uns erkennen. Erkennen ist der Anfang. Aber Verkörperung – das ist etwas anderes und das passiert nicht im Kopf. Das passiert dadurch, dass du den Weg gehst. Immer wieder, bis es nicht mehr Wissen ist, sondern du.

Ich hab diese Woche eine Nachricht bekommen. Eine Teilnehmerin schreibt, wie sie ein Video von mir dreimal angefangen und dreimal wieder abgebrochen hat. Herzklopfen. Ablenkung. Bis sie irgendwann einfach dabeigeblieben ist – bis zum Ende, ohne Nebenbei. Kein großes Aha. Nur ein warmes Feld in der Brust. Und dann schreibt sie: Sie hat es jetzt integriert. Und ich freue mich über diesen Moment, wirklich. Aber integriert? Integriert ist, wenn du es mehrmals gelebt hast und dann nicht mehr nachdenkst. Wenn du einfach bleibst, bei jedem unangenehmen Gefühl, ohne Denken, Zweifel und die Frage: Wann ist es endlich leichter, anders usw. Ein warmes Feld in der Brust ist ein echter Schritt, aber es ist nicht dasselbe wie Beine, mit denen du gehst, ohne über deine Beine nachzudenken.

Veränderung passiert nicht da, wo du alles schon verstanden hast. Das Verstehen ist nett, wirklich. Ich bin die Letzte, die etwas gegen Bewusstsein hat, Überraschung. Aber nur weil du etwas verstanden hast, heißt das noch lange nicht, dass du es lebst. Und nur weil du über etwas sprechen kannst, heißt das noch lange nicht, dass du innerlich schon dort bist.

Das ist ja genau der Haken. Viele haben ein gutes Bewusstsein für ihre Muster, aber null Bereitschaft, in dem Moment dazubleiben, in dem der Körper Alarm macht. Und da trennt sich dann eben das nette Wissen von echter Bewegung – die Spreu vom Weizen.

Der eigentliche Wendepunkt ist meistens unspektakulär

Der Punkt, an dem sich wirklich etwas bewegt, ist meist ziemlich unspektakulär. Zumindest erlebe ich es so. Kein Feuerwerk, kein Engelchor, kein kosmisches Trompetensolo.
Es ist eher so ein stiller, unbequemer, manchmal ziemlich ernüchternder Moment, in dem du nicht wegläufst.

Indem du nicht gleich wieder in die Hoffnung springst, nicht gleich wiederholt in den Vergleich, nicht gleich wieder in die Erklärung. Sondern du bleibst.

Einfach bleibst.

Bei dir. Bei dem Gefühl, der Unsicherheit und  dem Teil in dir, der am liebsten die Flucht ergreifen würde und dabei vielleicht noch behauptet, das sei Reife, Vorsicht oder genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

Nein, es ist oft einfach nur der alte Ausstieg, die Flucht in neuer Verpackung, Ausrede usw.

Du wartest nicht auf Veränderung

Und vielleicht ist genau das der Satz, den viele nicht mögen, weil er so unverschämt einfach ist: Du wartest nicht auf Veränderung. Du wartest oft einfach darauf, dass sie passiert, ohne dass du selbst wirklich da durch musst. Na, berührt das etwas in dir?

Aber so läuft es eben nicht. Schau mal ehrlich hin. Zumindest läuft es im echten Leben nicht so. Nicht in echter innerer Bewegung und nicht da, wo wirklich etwas kippt. Denn das, was du vermeiden willst, ist genau die Tür und nicht das Problem, das sich zeigt. Es ist die Tür.

Und dann ist die eigentliche Frage auch nicht, ob Veränderung für dich möglich ist. Natürlich ist sie das, warum denn auch nicht? Die Frage ist eher, ob du diesmal dableibst, wenn es ernst und unangenehm wird. Ob du dich wieder verlässt, oder ob du wirklich einmal bei dir bleibst, auch wenn es gerade nichts zu feiern gibt.

Da beginnt meistens das, worauf so viele warten oder hoffen. Nicht später, wenn du perfekt bist, und nicht wenn du alles im Griff hast. Sondern genau da, wo du es dir am wenigsten vorgestellt hast.

Ein Teil meiner Angebote

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst … 

… und du merkst es nicht einmal.

Da ist wirklich was dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch, oder anders ausgedrückt: Alles wird sichtbar.

In letzter Zeit fällt mir etwas immer wieder auf. Bei den Menschen, in Gesprächen, im Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos. Nicht verurteilend – einfach nur fassungslos. Weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, wie geschickt wir das machen. Wie meisterhaft, so leicht, so selbstverständlich. Und warum erkenne ich es so schnell und gut? Na? Weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute plumpse ich stellenweise ebenfalls noch hinein.

Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben Chiarezza – Gruppe . Ich musste. Es war das einzige, was dieser Fassungslosigkeit gerecht wurde. Und während ich geschrieben habe, war mir klar: Das reicht nicht, es braucht bei dieser Epidemie einen Blogbeitrag, unbedingt. Weil es zu wichtig ist, um es mit Humor abzuhaken und nur im kleinen Kreis zu lassen.

Denn worum geht es? Um die (vielleicht) unbequemste Erkenntnis überhaupt. Und nein, nicht die, dass andere Menschen schwierig sind. Nicht die, dass das Leben manchmal ungerecht ist, sondern diese: Du verarschst dich selbst, regelmäßig und absolut meisterhaft und mit einer Kreativität, die dir in anderen Bereichen enorm fehlt.

Das Tückische daran ist nicht, dass du lügst. Es ist so, dass du es so gut machst, dass du es selbst nicht einmal merkst oder zumindest so tust, als würdest du es nicht merken. Denn irgendwo weißt du es immer, doch du kannst es so wunderbar rechtfertigen und deine Erklärungen sind für dich so schlüssig. Und das ist der springende Punkt.

Die Kunst des kreativen Ausweichens

Nehmen wir als Beispiel, du hast deine Miete nicht bezahlt und es steht dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin an. Das Gespräch muss stattfinden, du weißt es. Und dann kommt (dem Himmel sei Dank) eine Einladung zum Mittagessen und natürlich nimmst du sie an. Warum auch nicht?

Und nach dem Mittagessen bist du so müde, dass das Gespräch heute einfach nicht mehr geht, weil du unbedingt schlafen musst. Du verschiebst es … wieder.

Jetzt kommt die entscheidende Frage: Hat dich das Mittagessen müde gemacht? Oder hast du dich müde machen lassen, weil die Müdigkeit der perfekte Ausweg war?

Das kreative Ausweichen funktioniert so geschmeidig, weil es sich nie wie Ausweichen anfühlt. Es fühlt sich nach vernünftigen Entscheidungen an und nach absolut legitimen Gründen. Nach Umständen, die nun mal so sind. Was kannst du denn jetzt dafür, dass dein Körper müde wird? Du musst dir dabei nichts vorwerfen – du warst ja beim Mittagessen! Du warst ja müde! Es war ja wirklich nicht der richtige Moment! Sonst hätte das Universum ja nicht diese Essenseinladung geschickt, oder?

Der Geist ist unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, uns vor dem zu schützen, was uns unangenehm ist. Und das wäre ja auch in Ordnung – wenn wir wenigstens ehrlich wären. Aber genau das sind wir nicht. Wir nennen es nicht Ausweichen, wir nennen es Timing, Mittagessen, Müde, Energie, Vernunft, ach ja, und Universum.

Das ist die erste Form der Selbstverarschung: Wir bauen uns unsere Fluchtwege so elegant, dass wir sie selbst nicht als Fluchtwege erkennen wollen.

Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun

Es gibt noch eine zweite, etwas schmerzhaftere Ebene, und die hat mit dem Bild zu tun, das wir von uns selbst haben.

Nehmen wir dieses Beispiel: Jemand möchte andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten. Zeigt ihnen, wie sie Klarheit gewinnen, Ziele verfolgen, und Verantwortung übernehmen. Und gleichzeitig ruft dieselbe Person bei einem Amt nicht an – kümmert sich nicht um wichtige Erledigungen.

Das ist keine Kritik, es sind einfach Beobachtung. Und es ist zutiefst menschlich.

Wir tragen alle ein Bild von uns in uns, das ein bisschen weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das wäre auch kein Problem (sage ich immer wieder meinen Menschen, die ich begleite), denn dieses Bild kann uns ja auch ziehen, uns inspirieren, uns in Bewegung halten.

Das Problem entsteht vielmehr, wenn der Abstand zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu groß wird und wir ihn nicht mehr ehrlich anschauen.

Wenn ich anderen zeigen will, wie sie Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen ausweiche, dann ist das keine böse Absicht. Aber es ist ein gewaltiger blinder Fleck. Und blinde Flecken haben die unangenehme Eigenschaft, dass wir sie genau deshalb nicht sehen, weil wir sie nicht sehen wollen oder sie so selbstverständlich geworden sind. 

Das Selbstbild schützt uns und es sagt uns: Du bist auf dem Weg. Du weißt, worum es geht. Du bist schon so weit. Du warst heute fleißig. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist es auch einfach eine sehr bequeme Geschichte.

Die Frage, die hilft – auch wenn sie wehtut und auch sehr unangenehm ist – ist diese: Was würde jemand, der mich einen Monat lang beobachtet, über mich berichten? Nicht über das, was ich sage. Über das, was ich tue.

Ich hab das mal einem Klienten auf andere Art formuliert. Ich hab gesagt: Ich würd bei dir gern eine Woche einziehen. Einfach so deinen/euren Alltag erleben, weil ich so deutlich spüre, dass da eine Diskrepanz ist, zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wird, und dem, was hinter den Türen wirklich gelebt wird.

Er hat gelacht, aber er wusste ganz genau, was ich meinte. 

Leihgabe Wahrheit

Und dann gibt es noch eine dritte Form. Eine, die besonders interessant ist, weil sie sich als Gemeinschaft tarnt und wirklich jeder von uns kennt.

Du hast etwas zu sagen, jemandem, dem du schon lange etwas sagen wolltest. Du findest etwas nicht in Ordnung, du hast eine Wahrnehmung, du möchtest eine Grenze setzen, du legst los und dann sagst du: „Das sehen übrigens Lisa, Helga und Fritz genauso.“

Warum?

Weil deine eigene Stimme sich allein zu klein anfühlt, weil du dir nicht sicher bist, ob deine Wahrnehmung stimmt. Weil du die Verantwortung für das, was du sagst, nicht ganz allein tragen willst. Also leihst du dir Stimmen, du machst ganz praktisch aus deiner Wahrheit eine Mehrheitsmeinung.

Das fühlt sich sicherer an, aber es ist eine Form der Selbstverleugnung. Denn du versteckst dich hinter anderen, anstatt zu sagen: Ich. Ich finde das nicht in Ordnung. Ich sehe das so. Ich stehe dazu.

Das Paradoxe daran: Gerade in dem Moment, in dem du anfängst, dich hinter anderen zu verstecken, verlierst du das, was du erreichen wolltest – gehört zu werden. Ernst genommen zu werden und etwas anzubringen, was dir wirklich wichtig ist. Denn wer spricht, wenn Lisa, Helga und Fritz sprechen? Nicht du.

Die geliehene Wahrheit ist bequem, aber deine Stimme bleibt auf der Strecke.

Was haben jetzt alle drei gemeinsam?

Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild, die geliehene Wahrheit – sie haben eine gemeinsame Wurzel.

Vielleicht weißt du es ja bereits oder hast eine Ahnung?

Das ist nämlich das Entscheidende. Selbstverarschung funktioniert nicht im Dunkeln, es funktioniert genau dort, wo ein Teil von dir die Wahrheit schon kennt und ein anderer Teil sehr beschäftigt damit ist, sie nicht zu laut werden zu lassen.

Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Menschsein. Wir alle tun das. Die Frage ist nur: Wie lange? Wie oft? Und zu welchem Preis?

Denn das Ausweichen kostet. Es kostet so viel Energie, weil das Aufrechterhalten einer Geschichte immer mehr Kraft braucht als die Wahrheit. Es kostet Vertrauen – in dich selbst, in andere und das Vertrauen, das andere zu dir (bisher) hatten. Es kostet Beziehungen, manchmal und es kostet dich das Gefühl, wirklich bei dir zu sein.

Selbsterkenntnis, die wirklich wehtut – und deshalb heilt

Echte Selbsterkenntnis ist nicht das wohlwollende Nicken beim Lesen eines spirituellen Buches. Es ist der Moment, in dem du merkst: Ich hab es gerade wieder gemacht. Ich hab mich gerade wieder verarscht, aber sowas von.

Und dieser Moment ist unangenehm, und er soll es auch sein. Nicht, weil Schmerz gut ist, sondern weil dieser Moment der einzige ist, in dem echte Veränderung beginnen kann. Ansonsten geht es immer wieder in die Wiederholung rein.

Es geht nicht darum, sich zu verurteilen, denn Selbstkritik, die dich in den Keller zieht, ist genauso wenig hilfreich wie das Ausweichen selbst. Es geht um ehrliches Hinschauen, um das kurze, klare „Ah, da ist es wieder“ oder „Ja, habe ich gemacht“.

Und dann – und das ist der wichtigste Schritt, auch, wenn du dabei „stirbst“, die Entscheidung, was du damit machst.

Rufst du jetzt den Vermieter an? Sagst du das nächste Mal „Ich finde das nicht in Ordnung“ – ohne Lisa, Helga und Fritz? Schaust du dir ehrlich an, was zwischen deinem Selbstbild und deiner gelebten Realität liegt?

Das ist wirkliche Selbsterkenntnis und nicht dein Hin- und Her-Denken. Nicht weil sie dich besiegt, sondern weil sie dich zu dir bringt, und das ist das Unbequemste, was es gibt.

Ein Teil meiner Angebote

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren

Warum Menschen sich über andere regulieren …

… wenn sie sich selbst nicht halten können.

Selbstregulation in Beziehungen ist ein Thema, über das kaum jemand ehrlich redet. Dabei passiert es dauernd und wie selbstverständlich.
Es gibt Dinge, die sehen erst mal nach Fürsorge aus und sind in Wahrheit etwas ganz anderes. Nicht immer, aber oft genug, dass es sich lohnt, da mal genauer hinzuschauen. Dieses ständige Nachfragen zum Beispiel, dieses sofortige Einmischen, das dauernde Spüren, dass „da etwas ist“. Dieses Helfenwollen, Kümmern, Deuten, Erklären und  Draufspringen. Das wird ja schnell als aufmerksam, mitfühlend oder besonders feinfühlig verkauft, und manchmal ist es das auch. Aber meistens eben nicht, und ja, es kann dich jetzt dann triggern, denn oft ist es einfach nur ein Mensch, der sich selbst gerade nicht gut halten kann und deshalb unbewusst beim anderen andockt.

Das klingt erst mal nicht schmeichelhaft, ich weiß. Aber es ist trotzdem wahr und vielleicht gerade deshalb so wichtig.

Was Regulation über andere eigentlich bedeutet

Denn viele Menschen regulieren sich nicht in sich selbst, sie regulieren sich über den anderen. Über deren Stimmung, deren Reaktion, deren Probleme, deren Blick, deren Befinden, deren Rückmeldung. Wer einem da gegenüber ist, wird dann nicht wirklich gesehen, sondern benutzt. Nicht aus einer Absicht, einfach unbewusst, aber eben trotzdem benutzt. Als Fläche, als Ventil, als Beruhigung, als kleine Zwischenlösung – such dir einfach was aus. – gegen das, was man in sich selbst gerade nicht gut aushält.

Und genau da wird es spannend, weil das in Beziehungen, in Freundschaften, in Familien, in Gruppen und auch in Begleitungen dauernd passiert. Nur reden die wenigsten ehrlich darüber, weil die Verpackung so nett aussieht. Hilfe klingt halt schöner als Überforderung, Sorge klingt edler als Angst und Anteilnahme klingt charmanter als Kontrollverlust.

Und doch liegt oft genau das darunter.

Wenn ein Mensch sich selber nicht gut spüren, halten oder regulieren kann, dann wird schnell der andere interessant. Nicht aus echter Tiefe und wirklichem Interesse heraus, sondern aus innerer Unruhe. Da ist Spannung im Nervensystem, da ist Unsicherheit, da ist Leere, da ist Angst, da ist dieses diffuse innere Ziehen, das man nicht benennen kann, und statt einfach mal still damit da zu sein, geht man raus aus sich und rein in den anderen. Dann wird gefragt, kommentiert, gewarnt, geholfen, interpretiert, erklärt oder auch geschniegelt mitgeteilt, was man alles schon gemacht hat. Hauptsache, die Energie muss nicht im eigenen Körper bleiben. Es muss dieses unangenehme Gefühl nicht gefühlt werden.

Das ist für mich natürlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Nicht alles, was wie Kontakt aussieht, ist wirklich Kontakt, geschweige denn eine wirkliche Verbindung.

Es ist einfach Regulation über den anderen.

Wenn Kümmern in Wahrheit Unruhe ist

Das sieht dann ganz unterschiedlich aus und genau deshalb wird es so oft übersehen, geschweige denn überhaupt erkannt.

Die eine Person springt sofort an, wenn sie meint, bei jemandem „etwas zu spüren“. Da reicht ein Blick, eine kleine Veränderung im Ton, eine stille Minute, und schon ist sie innerlich unterwegs. Dann wird nachgehakt, nachgefragt, vermutet, gedeutet, angeboten, geholfen. Von außen sieht das erst mal warm aus, vielleicht sogar liebevoll. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man oft: Da ist gar keine ruhige Präsenz, da ist vielmehr Druck, da ist ganz viel innere Bewegung und ein inneres Nicht-aushalten-Können. Als würde der andere zum Projekt werden, nur damit man sich selbst kurz klarer, nützlicher oder sicherer fühlt. Eher letzteres.

Ich kenne so eine Form aus meinen 1:1-Begleitungen. Eine Frau beobachtet jemanden an der Arbeitsstelle, die etwas im Stress zu sein scheint, und in ihr geht sofort ihr eigener Film los. Oh, die Arme, da stimmt bestimmt was nicht, die braucht sicher Zuspruch. Da muss ich hin, da muss ich jetzt etwas Nettes sagen, ich sollte ihr helfen. Da wird etwas unterstellt, ohne dass man es wirklich weiß, aus diesem alten Reflex heraus, dass man sich selbst NICHT reguliert, sondern sich beim anderen einmischt. Da wird dann oft Mitgefühl behauptet, dabei ist es eher die Unfähigkeit, die eigene innere Spannung einfach mal auszuhalten, ohne etwas machen zu müssen.

Das ist ein gewaltiger Unterschied, auch wenn er unbequem ist.

Echte Wahrnehmung hat etwas Ruhiges, die drängt nicht und fummelt nicht dauernd im Feld des anderen herum. Nein, die muss/wird nicht sofort handeln. Sie kann stehen lassen, kann offen lassen, kann auch mal nicht wissen. Wer dagegen aus innerer Unruhe reagiert, hält genau diese offenen Räume schlecht aus, da muss dann schnell etwas passieren. Da wird vielmehr die Energie sofort nach außen getragen. Und zack, schon wird aus dem anderen unbewusst ein Mittel zur eigenen Stabilisierung.

Nicht jeder Mensch will dir wirklich begegnen. Manche möchten sich über dich nur kurz selbst stabilisieren.

Ich finde, dieser Satz sitzt. Warum? Weil er so viel erklärt.

Es erklärt auch, warum manche Menschen im Kontakt nicht einfach da sein können: Sie kommen gar nicht wirklich an, sind sofort damit beschäftigt, sich im Kontakt irgendwie zu sichern. Das kann über Helfen laufen, über Sorgen, über Wissen, über Kontrolle, über Reden, über Leistung. Die Form ist unterschiedlich, die Bewegung darunter allerdings sehr oft ähnlich.

Angst die sich als Fürsorge verkleidet

Ich habe dafür noch ein anderes Beispiel, was mir gerade einfällt, das das sehr deutlich zeigt. Da waren ein Mann und seine Frau in einem Raum. Die Frau hatte eine intensive gesundheitliche Geschichte hinter sich, die Fenster waren offen, ganz normal, weil es sommerlich heiß war. Er kam rein und ging emotional sofort hoch. Nicht ruhig, nicht klar, nicht in einer stillen Fürsorge, sondern richtig aufgeregt. Die Fenster müssten sofort zu, seine Frau bekäme sonst einen Zug, dann bekäme sie Kopfschmerzen und überhaupt. Das war nicht einfach nur ein Mann, der an seine Frau denkt, sondern ein Mensch, der ein so angespanntes Nervensystem hat, das völlig auf Alarmbereitschaft war und diese Überforderung sofort in den Raum geschoben hat. Vordergründig ging es um die Frau. In Wahrheit ging es mindestens genauso sehr um seine eigene Angst, die er in dem Moment nicht halten konnte.

Und genau da kippen die Dinge, da wird aus Fürsorge Kontrolle und aus innerer Angst äußerer Druck. Da wird der ganze Raum mitreguliert, weil der eigene Innenraum nicht reguliert werden kann. Spannend, oder?

Das erleben viele Menschen in Beziehungen, ohne es zu durchschauen. Der eine wird hektisch, laut, kontrollierend, panisch, und alle denken: Ach, der sorgt sich halt. Nein. Vielleicht ist da schon ein wenig Sorge da, aber gleichzeitig reguliert er sich auch über die Situation und über die anderen Menschen. Er braucht, dass außen etwas passiert, damit innen etwas runterkommt.

Das ist keine Kleinigkeit, das ist für ich ein riesiger  Unterschied.

Wenn ich meine Angst zum Problem des anderen mache

Und dann konnte ich noch eine Form beobachten, die besonders häufig in engen Beziehungen vorkommt und die man von außen kaum erkennt, weil sie so plausibel klingt und auch so erscheint.

Jemand gerät in seine eigene Existenzangst. Vielleicht läuft es gerade nicht rund, die Kunden bleiben aus, das Konto macht Sorgen, die Zukunft fühlt sich ungesichert an, es kann auch ohne irgendeinen ersichtlichen Grund geschehen. Das hat meistens mit energetischen Einflüssen zu tun und ist trotzdem sehr unangenehm. Aber statt bei dieser Angst zu bleiben, statt zu spüren, wo sie sitzt und was sie eigentlich braucht, geht der Blick nach außen. Zum Partner. Der gerade weniger arbeitet, evtl. entspannter wirkt oder einfach nicht so viel leistet wie man selbst.

Und dann passiert es: Die eigene Angst wird zum Problem des anderen gemacht. Der muss jetzt mal gefälligst mehr tun, er sollte sich mehr anstrengen. Außerdem ist er/sie schuld daran, dass es nicht besser wird. Doch jetzt kommt der Witz: Dabei hat der Partner mit der Angst im Grunde gar nichts zu tun, denn die Angst war vorher schon da. Sie sitzt im eigenen Nervensystem, nicht im Verhalten des anderen.

Beim Hinschauen zeigt sich: Da ist eine tiefe, alte Existenzangst, die nichts mit dem Gegenüber zu tun hat. Aber solange man sie auf den anderen projiziert, muss man sie nicht wirklich anschauen, und solange der andere das Problem ist, muss ich nicht fühlen, was in mir ist.

Das ist auch Regulation über den anderen, dieses Mal nicht über Einmischung oder Alarm, sondern über Projektion. Ich verlagere meinen inneren Zustand nach außen, mache ihn am anderen fest und verlange dann, dass der andere sich ändert, damit ich mich besser fühle.

Das Grausame daran: Der andere spürt den Druck, weiß aber oft nicht, warum er/sie sich plötzlich falsch fühlt. Was macht das Gegenüber dann, in dem Spiel? Sie oder er beginnt, sich zu erklären, zu rechtfertigen, mehr zu tun, um die Spannung zu lösen. Und die Spannung löst sich trotzdem nicht, weil sie nie in ihm war.

Leistung bettelt um Anerkennung

Es geht noch weiter, es gibt noch eine Form, die auf den ersten Blick viel harmloser wirkt. Zwei Menschen treffen sich und der eine muss in den ersten zwei Sätzen sofort mitteilen, wie fleißig er/sie war, dass er alles geschafft hat, welche Termine er hatte, was ausgearbeitet, vorbereitet, erledigt oder schon auf den Weg gebracht wurde. Oberflächlich hört sich das erstmal einfach nur nach Mitteilungsfreude an oder nach Begeisterung. Vielleicht auch nach einem gesprächigen Wesen, was natürlich auch sein kann. Aber, wenn sich das jedes Mal so zeigt, ist es etwas anderes, dann ist es Regulation über Leistung und Gesehenwerden.

Da steht dann innerlich oft nicht nur: Ich möchte dir etwas erzählen, sondern eher: Sieh mich. Sieh bitte, dass ich fleißig bin. Erkenne bitte, dass ich nicht faul bin. Sieh bitte, dass ich etwas tue, dass ich etwas wert bin, dass ich nicht nutzlos bin.

Bevor echte Begegnung überhaupt entstehen kann, wird schnell die Leistung vorgeschoben, wie ein Ausweis. Als müsste man sich Kontakt erst verdienen. Ja,  als müsste man sich absichern, bevor es wirklich persönlich wird.

Und wenn jemand sogar sagt, dass er das schon als Kind gemacht hat, seiner Mutter hinterhergelaufen ist, um zu erzählen, was er alles gemacht hat, wie fleißig er war, was er schon erledigt hat, dann sieht man doch glasklar, woher der Wind weht. Da geht es nicht einfach um Redseligkeit, es geht um ein altes Muster. Um Selbstwert und um die Hoffnung, über Rückmeldung, Anerkennung und Gesehenwerden ein inneres Zitteren, eine Unruhe auszugleichen.

Auch das ist Regulation über den anderen. Nicht über Sorge dieses Mal, nicht über Alarm, sondern über Leistung. Über Botschaften wie: Schau, ich bin gut, ich bin fleißig, schau, ich bin doch etwas wert.

Schweigen wird zum Druckmittel

Es gibt noch eine weitere Form – und die wird am häufigsten übersehen, weil sie so still ist und gern  als eine Unart gesehen wird, die ein Mensch halt so hat. Manche Menschen regulieren sich nicht durch Einmischen oder Alarm oder Leistung, sondern regulieren sich durch auffälliges Zurückziehen und durch Verstummen. Durch ein Schweigen, das nicht einfach nur ruhig ist, sondern das spürbar etwas will.

Da ist dann plötzlich die Tür zu, da kommt keine Antwort, keine Reaktion mehr. Da wird einsilbig geantwortet, wo sonst Lebendigkeit war. Und wer das kennt, weiß, was dann passiert: Man fängt an zu suchen. Was habe ich falsch gemacht oder gesagt? Stimmt irgendetwas nicht und habe ich etwas übersehen? Man dreht sich um den anderen, versucht zu erspüren, was los ist, läuft ihm innerlich hinterher.

Und das ist genau das, was das Nervensystem des anderen braucht, auch wieder nicht bewusst. Aber das Nervensystem weiß, was es tut, denn sobald ich mich zurückziehe, wird der andere aktiv. Sobald der andere aktiv wird, komme ich wieder runter, und das Schweigen ist keine Pause, es ist meine Art der Kontrolle.
Auch das ist Regulation über den anderen. Über Abwesenheit statt Präsenz, es läuft eher über Lücken schaffen, statt über Einmischung. Aber die Bewegung darunter ist dieselbe. Ich halte mich selbst gerade nicht aus, also muss der andere sich um mich drehen.

Woher kommt das jetzt alles?

Das Tragische und gleichzeitig Menschliche daran ist, dass all diese Formen von Regulation oft gar nicht böse gemeint sind. Wirklich nicht, von keinem. Ich finde es so wichtig, das zu sagen, damit wir nicht gleich wieder in diese billige Schublade kippen, wo der eine der Gute und der andere der Nervige oder Böse ist. So einfach ist es ja nie. Oft sind das Menschen, die früh gelernt haben, sich über andere zu organisieren, weil sie gar nicht anders konnten. Weil sie als Kinder Stimmungen lesen mussten, brauchten sie die Leistung, um Bindung zu spüren. Weil sie einfach Angst hatten, wenn sie nicht reagierten. Sie waren früh zuständig für etwas oder irgendwen. Andere haben erlebt, dass Ruhe gefährlich sein kann, Leere unangenehm und Nichtstun verboten.

Dann wird aus einem Überlebensmuster eines Tages ein Persönlichkeitsanteil und alle nennen es dann eben sensibel, engagiert, fürsorglich, fleißig, zuverlässig, hilfsbereit oder besonders wach. Dabei ist es oft einfach nur ein Nervensystem, das noch nicht gelernt hat, in sich selbst zu landen und zu ruhen.

Gell, ich meine das nicht urteilend oder abwertend. Ganz im Gegenteil. Ich finde es sogar entlastend, wenn man das mal so klar sieht, denn dann muss man nicht mehr alles moralisch aufladen. Dann wird verständlich, warum jemand so ist, und gleichzeitig heißt Verstehen natürlich nicht, dass es deshalb angenehm ist oder man sich das ständig gefallen lassen muss.

Denn für das Gegenüber ist diese Form von Regulation oft anstrengend, sehr anstrengend sogar.

Wenn jemand sich dauernd bei dir reguliert, wirst du irgendwann müde. Dann fühlst du dich beobachtet, bearbeitet, benutzt, gedrängt, vollgekippt oder zugeredet. Dann bist du gar kein Mensch mehr, sondern ein Gegenstand für die innere Sortierung des anderen. Das kann aussehen wie Kümmern, wie Fragen, wie Mitteilungen, wie Alarm, wie Dauerkontakt, wie Besserwissen oder wie „Ich muss dir noch kurz sagen …“, aber im Kern ist es oft einfach das Gleiche. Der andere kommt nicht bei sich an und versucht deshalb, sich über dich zu ordnen.

Und das ist auch der Grund, warum sich manche Beziehungen so zäh anfühlen, weil sich da nicht wirklich zwei Menschen begegnen, sondern zwei unregulierte Zustände aneinanderreiben. Der eine will Aufmerksamkeit, der andere Ruhe. Der eine will helfen, der andere Luft. Der eine will erzählen, dass er fleißig ist, der andere wollte eigentlich nur spazieren gehen. Der eine will kontrollieren, damit seine Angst runtergeht, der andere möchte einfach nicht angeschrien werden, nur weil ein Fenster offen ist. Und dann schmeißen wir alles in einen Topf und nennen das Kommunikationsprobleme. Meistens ist es aber gar kein Kommunikationsproblem, sondern einfach mangelnde Selbstregulation.

Was bedeutet Selbstregulation wirklich

Selbstregulation ist übrigens nicht, geschniegelt auf dem Meditationskissen zu hocken und den Eindruck zu machen, man sei ab sofort über alles erhaben. So ein Quatsch. Selbstregulation ist etwas viel Nüchterneres, nicht wirklich etwas Spektakuläres. Es heißt im Grunde nur, dass du lernst, das, was in dir hochkommt, erst mal bei dir zu bemerken, statt es sofort über andere zu entsorgen.

Du merkst, dass du unruhig wirst. Gut.
Du merkst, dass du sofort helfen willst. Okay.
Du merkst, dass du dich absichern willst, indem du erzählst, was du alles gemacht hast. Auch gut.
Du merkst, dass in dir der Alarm anschlägt und du am liebsten gleich die ganze Umgebung kontrollieren willst. Auch gut.
Du merkst, dass du in Existenzangst gerätst und plötzlich der Partner das Problem ist. Ebenfalls gut.
Du merkst, dass du dich am liebsten still zurückziehen würdest, damit der andere endlich reagiert. Auch das: ist gut.

Also, alles nichts Wildes und zu Verurteilendes. Es ist, wie es ist.

Aber dann kommt der entscheidende Punkt.
Nicht sofort losrennen.
Nicht gleich den anderen bearbeiten.
Nicht jeden Impuls für heilig erklären.

Sondern kurz innehalten und ehrlich schauen: Was passiert hier gerade eigentlich in mir?

Ist da Angst? Ist da Leere? Ist da Ohnmacht? Ist da der alte Wunsch, gebraucht zu werden? Ist da der Reflex, über Leistung Anerkennung zu holen? Ist da Unsicherheit? Ist da einfach nur die Schwierigkeit, still mit mir selbst zu sein?

Das ist der Moment, in dem Bewusstsein beginnt. Nicht da, wo du alles richtig machst. Sondern da, wo du dich in der Bewegung erkennst, bevor du sie automatisch nach außen wirfst. Zack – nimm sie.

Und klaro, natürlich ist das nicht bequem. Vieles von dem, was da sichtbar wird, kratzt am Selbstbild.
Ganz ehrlich, wer sieht schon gern, dass sein Kümmern vielleicht gar nicht so selbstlos ist? Oder sein Drang zu helfen oft eher mit eigener Unruhe zu tun hat. Dass dieses viele Erzählen nicht einfach Offenheit ist, sondern eine alte Form von Selbstabsicherung. Oder dass das ganze „Ich muss da jetzt sofort was tun“ mit Kontrolle zu tun hat und nicht mit Liebe. Die Existenzangst, die man auf den Partner projiziert, wohnt in Wahrheit schon lange im eigenen Körper. Oder dass das Schweigen kein Rückzug war, sondern ein Griff, ein richtig fester sogar.

Aber genau da wird es halt wirklich ehrlich und ohne Ehrlichkeit ändert sich halt auch nix und man ist weiterhin komplett unfrei.

Was steht auf dem Spiel?

Ich glaube sogar ganz sicher, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der diese Dinge immer sichtbarer werden. Zumindest erlebe ich es in meinen 1:1 – Begleitungen sehr extrem, weil die alten Rollen nicht mehr so funktionieren. Weil Menschen feiner spüren, wenn sie benutzt werden, auch wenn es nett verpackt ist. Weil viele keine Lust mehr haben, der Regulierungsplatz für die ungelösten Zustände anderer zu sein, und natürlich, weil echte Nähe eben nicht dadurch entsteht, dass man dauernd aufeinander herumwerkelt, sondern dadurch, dass jeder ein bisschen mehr bei sich selbst ankommt.

Darum geht es für mich und nicht darum, Menschen bloßzustellen, wie mancher das gerne nennt, weil sie/er bei sich nicht wirklich hinschauen will. Nicht darum, jeden Impuls misstrauisch zu beäugen. Sondern darum, sauberer, wahrer, klarer und Erwachsener.

Denn solange ich andere brauche, um mich nicht spüren zu müssen, benutze ich sie. Vielleicht freundlich und unbewusst, sogar mit den besten Absichten. Aber eben trotzdem.

Und erst in dem Moment, in dem ich beginne, mich selbst zu halten, wird Beziehung wirklich frei.

Dann muss ich nicht mehr sofort nachfragen, nur weil in mir etwas nervös wird, muss ich nicht mehr helfen, nur um mich sinnvoll zu fühlen oder muss nicht mehr mit Leistung wedeln, damit ich Wert spüre. Dann muss ich den Raum nicht mehr kontrollieren, weil meine Angst gerade keinen Platz in mir hat. Meine Angst muss ich dann nicht mehr auf den anderen werfen und hoffen, dass er sie für mich löst oder trägt und ich muss nicht mehr schweigen und warten, dass der andere kommt.

Dann kann ich atmen. Dann kann der andere atmen. Dann entsteht etwas, das nicht geschniegelt, nicht spirituell geschniegelt, nicht pädagogisch geschniegelt ist, sondern einfach authentisch.

Präsenz. Ja, da haben wir sie wieder – die Präsenz.

Ein Teil meiner Angebote

Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wirklich?

Es gibt einen Satz, den hier in Deutschland fast jeder kennt. Du ganz sicher auch. Er steht ganz am Anfang unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein großer und bedeutender Satz. Einer von diesen Sätzen, die man schnell zitiert, wenn es um Menschlichkeit, Rechte oder Gerechtigkeit geht. Und irgendwie nicken dann alle zustimmend. Aber wenn wir ehrlich sind, stellt sich sofort eine unbequeme Frage.

Was ist Würde eigentlich? Ich meine jetzt nicht philosophisch und nicht aus einem Lexikon. Sondern ganz persönlich, für dich.

Bevor du jetzt weiterliest, nimm dir ruhig einen Moment. Vielleicht sogar einen Stift, und schreib dir mal ein paar Gedanken auf: Woran erkennst du Würde? Was ist für dich Würde? Wie fühlt sie sich an? Und wann hast du sie bei dir selbst schon einmal gespürt? Zwei, drei oder vier Gedanken reichen völlig. Okay, weiter geht es dann. Lies weiter und schau einfach, ob wir von etwas Ähnlichem sprechen.

Als dieses Wort plötzlich im Raum stand

Vor ein paar Jahren habe ich ein Frauenseminar in Augsburg gehalten, und wenn du dabei warst, kannst du dich sicher erinnern. Mitten im Gespräch mit der geistigen Welt, tauchte plötzlich dieses Wort auf: Würde. Es kam einfach so, wurde einfach so in die Mitte der Frauen platziert.

Ich weiß noch genau, wie die Frauen danach geschaut haben. Nicht ablehnend, aber ein wenig ratlos. Würde – ja, das klingt wichtig … groß sogar. Aber gleichzeitig auch irgendwie weit weg vom Alltag und einige wussten wenig damit anzufangen.

Würde ist nichts Abstraktes

Dabei begegnet uns Würde jeden Tag. Hättest du das gedacht? Besser gesagt: Wir merken jeden Tag, wenn sie fehlt. Wenn jemand übergangen wird, wenn  jemand nur noch nach Leistung beurteilt wird oder jemand sich selbst so lange zurücknimmt, bis von ihm kaum noch etwas übrig ist.

Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch Würde sehr treffend, dass Würde dort verloren geht, wo Menschen zum Objekt werden – wo sie nur noch funktionieren sollen, wo sie Erwartungen erfüllen müssen, um anerkannt zu werden. Zeig mir mal, wo das in unserer Welt nicht stattfindet. 

Und wenn ich ehrlich bin: Ich sehe das gerade bei Frauen ständig. Sie halten aus, sie passen sich an. Egal ob jung oder alt, sie sagen Ja, obwohl innerlich längst ein Nein da ist. Einfach, weil sie Harmonie wollen, weil sie dazugehören möchten, weil sie gelernt haben, dass es einfacher ist, sich selbst ein „bisschen“ zurückzunehmen. Ist ja nicht so schlimm.

Der Moment, in dem du dich selbst verlässt

Wir brauchen keine Situationen wie Corona, um an Würde zu denken oder sie wichtig zu nehmen. Würde zeigt sich in den noch so kleinen Momenten. In dem Moment, in dem du etwas mitmachst, obwohl es sich nicht richtig anfühlt. Wenn du schweigst, obwohl du etwas sagen müsstest. Viele merken gar nicht, dass genau dort etwas verloren geht. Es passiert tatsächlich nicht laut, eher ganz leise. Denk mal an deine eigenen Momente.

Und plötzlich fühlt sich das Leben dann schwer an, obwohl äußerlich vielleicht alles funktioniert.

Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.

Es gibt einen Satz, den ich einmal gehört  oder gelesen habe und der mir sofort hängen geblieben ist: Alles hat seinen Preis. Oder seine Würde.

Dieser Satz ist unbequem, oder wie fühlt er sich für dich an? Denn er zwingt uns zu einer ehrlichen Frage: Was in meinem Leben hat einen Preis? Und was gehört zu meiner Würde?

Denn wenn wir ehrlich sind, verkaufen wir im Alltag ständig Dinge: unsere Zeit, unsere Arbeitskraft, unsere Ideen und, wenn es ganz schief läuft, auch unsere Werte. Das ist für viele vollkommen normal, von denen hörst du dann: So funktioniert unsere Welt. Aber Würde gehört nicht in diese Kategorie. Würde ist der Punkt, an dem du merkst: Bis hierher und nicht weiter. Das mache ich nicht mehr, und nein, nicht für Geld, nicht für Anerkennung, nicht für Harmonie und nicht für Sicherheit.

Und genau dort beginnt etwas sehr Spannendes, und Interessantes – etwas, das ich immer wieder beobachte, in meiner Arbeit und im echten Leben.

Wenn ein Mensch seine Würde wirklich spürt, wird er schwer manipulierbar. Und das meine ich ganz konkret und vollkommen ernst. Er lässt sich nicht mehr über Angst steuern, nicht über Druck, und auch nicht über das Versprechen, endlich dazuzugehören. Wer weiß, wer er ist und was er nicht bereit ist zu verkaufen, den erreichen die üblichen Hebel einfach nicht mehr. Das gilt für Beziehungen, für den Arbeitsplatz – und offen gesagt auch für die täglichen kleinen Manipulationen, die uns Werbung, Social Media und manchmal auch nahestehende Menschen zumuten.

Und dann fiel noch ein zweites Wort: Anmut

In besagtem Seminar tauchte noch ein anderes Wort auf, das viele fast noch mehr irritiert hat: Anmut. Die meisten verbinden damit sofort etwas Äußerliches. Eleganz, Schönheit, vielleicht eine Frau, die sich besonders graziös bewegt. 

Aber das ist es nicht. Ach, was liebe ich so „alte“ Worte. Anmut entsteht nicht durch gutes Benehmen oder durch Kontrolle. Sie entsteht im Grunde, wenn innerlich etwas in dir ruhig wird. Wenn du nicht mehr kämpfen und dich nicht mehr beweisen musst. Wenn du Nein sagen kannst, ohne hart oder trotzig zu werden. Anmut ist keine Rolle – sie ist eine innere Haltung.

Wenn Würde und Anmut zusammenkommen

Würde gibt dir Rückgrat und Anmut gibt dir Sanftheit. Das eine ohne das andere wird schnell krumm und schief. Nur Würde kann in manchen Fällen hart wirken. Nur Anmut kann angepasst wirken. Aber wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas sehr Kraftvolles.

Dann stehst du für dich ein, ohne laut, trotzig oder wütend werden zu müssen. Du bleibst klar, ohne zu kämpfen. Und du musst und wirst dich nicht mehr erklären, damit andere dich verstehen.

Und wie bekommt man sie zurück?

Das ist vielleicht die ehrlichste Frage, die ich in diesem Kontext kenne. Wie bekommst du deine Würde zurück? Denn viele Menschen spüren sehr genau, dass da etwas verloren gegangen ist, und wissen trotzdem nicht, wie sie wieder daran anknüpfen sollen. Sie kennen das Wort, sie kennen das Gefühl, das fehlt. Aber das Wissen allein bringt sie halt nicht zurück.

Würde kommt nicht zurück durch große Entscheidungen. Sie kommt zurück durch kleine Momente, in denen du dich nicht mehr verlässt. Durch das Nein, das du diesmal wirklich sagst. Durch die Meinung, die du diesmal nicht schluckst, durch das Schweigen, das du diesmal brichst – oder das Sprechen, das du diesmal lässt, weil es dich klein macht.

Das ist kein linearer Prozess und kein einmaliger Akt. Es ist eher eine Richtung, die du immer wieder neu wählst. Und mit jeder kleinen Wahl wächst das Fundament.

Vielleicht beginnt Würde genau hier

Vielleicht ist die wichtigste Frage gar nicht, was Würde theoretisch bedeutet. Sie beginnt sie viel einfacher – mit der Frage: Wo verlasse ich mich selbst?

Wo sage ich Ja, obwohl alles in mir Nein sagt? Wo mache ich mich kleiner, damit es für andere bequemer ist? Wo schweige ich, obwohl meine Wahrheit längst da ist?

Würde beginnt oft genau in dem Moment, in dem du das bemerkst. Still, klar und einfach mit dem Gefühl: Bis hierher. Und nicht weiter.

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