Heilung ist kein Wunschzettel

Heilung ist kein Wunschzettel

Heilung ist kein Wunschzettel

Neulich hatte ich wieder einen solchen Moment, in dem ich innerlich dachte: Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.

Ich höre mir die Sprachnachricht(en) einer Teilnehmerin an, die ich schon eine Weile begleite. Sie kam ursprünglich zu mir, weil ihr Körper, sie einfach nicht mehr konnte. Erschöpft, ohnmächtig und nicht verstehend, was da auf einmal in ihrem Leben los ist. Zermürbt von einem Vorgesetzten, der ihr das Leben schwer macht – man nennt es Bossing, was ich zuvor noch nie gehört hatte – und von einer Arbeitsstelle, auf der sie weder gesehen noch unterstützt wird. Tiefe, schmerzliche Ent-täuschung durch einen Kollegen

Und das Bitter-Schöne daran: Sie ist gut, sie ist eine starke Teamleiterin. Sie kann Menschen führen, sie hat Feingefühl, sie hat Können und Überblick. Aber, leider wird ihr Vorankommen und ihr Talent, durch den Vorgesetzten so was von ausgebremst.

Was ist ihre Situation nach ein paar Monaten?

Eine Kollegin aus einem anderen Haus braucht nur ihr Okay, dann kann sie wohl wechseln.

Sie nimmt es nicht an. Weil sie nicht weiß, was sie da erwartet; vielleicht ist es ja schlimmer usw.

Aber sie erzählt weiterhin, wie unglücklich sie ist. Hier passt etwas nicht, dort passt etwas nicht, die Arbeit erfüllt sie nicht mehr, manche Menschen in ihrem Umfeld tun ihr nicht gut – und es geht ihr, wie schon erwähnt, bereits länger nicht wirklich gut.

Während ich mir die Sprachnachricht anhöre, hatte ich plötzlich das Bild eines kleinen Mädchens vor Augen, das dem Christkind seine Wunschliste vorliest.

Der soll sich verändern. Der andere soll auf sie für ein Gespräch zukommen. Die Situation(en) sollen sich verändern. Das Leben soll sich endlich mal fügen.

Und ich saß da und wartete die ganze Zeit auf den Teil, in dem sie sagt, was sie selbst bereit ist zu bewegen.

Der kam nicht.


Versteh mich nicht falsch, ich verurteile das nicht. Bin ich doch selbst ewig in einer Ehe rumgehangen, bis ich mich getrennt habe, das ist zutiefst menschlich. Wer von uns hätte nicht gerne, dass sich die Dinge einfach fügen? Dass plötzlich alles leichter wird? Jemand schwingt einen Zauberstab und alles verändert sich. Leider passiert es in den allerwenigsten Situationen, denn wenn du dich so weit von dir selbst entfernt hast, dann holt dich das Leben auf unterschiedlichste Weise und durch Menschen zu dir zurück.

Das hat mit Heilung nämlich herzlich wenig zu tun.

Dann wird eines Tages aus dem Wunsch nach Veränderung etwas ganz anderes. Dann sitzen Menschen vor mir, denen es nachweislich nicht gut geht. Sie schlafen schlecht, sie stehen unter Druck, sie drehen sich seit Monaten – manchmal Jahren – um dieselben Themen. Situationen wiederholen sich, in denen sie sich immer wieder in gleichen Gefühlslagen wiederfinden. Und gleichzeitig halten sie an genau den Dingen fest, die dieses Leiden erzeugen.

Da wird es für mich natürlich äußerst spannend und faszinierend.

Nicht weil ich denke, dass die Menschen falsch, dumm oder  schwer von Begriff sind. Sondern weil ich immer wieder sehe, wie riesig die Sehnsucht nach einer Veränderung der Situation ist – und wie riesig gleichzeitig die Angst davor, sich selbst zu bewegen.


Ich bin selbst durch Feuer gegangen, in mir und im Außen ist vieles gestorben, was sterben musste. Ich habe Entscheidungen getroffen, die mich Nächte gekostet haben. Viele Abschiede, die unglaublich wehgetan haben. Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich auf der anderen Seite noch ich bin, vor allem: Wo komme ich denn an – wenn überhaupt?

Und deshalb sitze ich manchmal da und denke: Ja. Ich weiß, wie das ist, und ich weiß auch, was es braucht.

Es braucht die Bereitschaft, in den Prozess zu gehen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Wenn ich von Heilung spreche, meine ich damit nicht, dass plötzlich alles schön wird. Ich meine eine Bewegung, eine Richtung, keine Ankunft, sondern eine Linie auf einer Landkarte, keinen Endpunkt.

Heilung ist Ganzwerdung – keine Reparatur.

Sie bedeutet nicht, dass wir werden, wer wir sein sollten. Sie bedeutet, dass wir zurückfinden zu dem, was wir schon immer waren. Zu den Teilen, die wir irgendwann weggelegt haben, weil sie zu unbequem, zu laut, zu viel waren.

Ganzwerdung heißt nicht, dass alles schön wird. Sie heißt, dass nichts mehr ausgeschlossen wird.

Die Angst, Wut, Hilflosigkeit, Scham u. v. m. dürfen da sein.

Heilung ist kein Zustand des Funktionierens. Heilung ist ein Zustand des Ganzseins.


Was ich niemandem versprechen kann: Ich kann keine Kindheit zurückgeben, kann eine Scheidung nicht ungeschehen machen, kann einen Verlust nicht nehmen.

Die Vergangenheit verändert sich nicht im Geringsten.

Aber mein Gefühl für das Mögliche – das kann sich verändern.

Und da liegt der Unterschied zwischen jemandem, der heilt, und jemandem, der wartet.


Veränderung ist nicht gemütlich. Das sage ich nicht, um zu erschrecken, sondern weil es die Wahrheit ist – und Wahrheit ist für mich kein spirituelles Konzept. Sie ist der ehrliche Blick auf das, was gerade ist.

In echter Veränderung stecken so viel Unsicherheit, Risiko, unangenehme Gespräche. Abschiede von Menschen, von Überzeugungen, manchmal von einer Version von sich selbst, an der man lange festgehalten hat, weil man geglaubt hat: Ich bin nun mal so!

Das ist kein Fehler im ganzen System, das ist  einfach der Prozess.


Wir müssen auf diesem Weg nicht perfekt sein, müssen nicht alles wissen, müssen nicht einmal sicher sein.

Es braucht nur eines: die Bereitschaft, an dem Prozess teilzunehmen.

Meine Teilnehmerin – sie trägt alles in sich, was sie braucht, davon bin ich dermaßen überzeugt. Aber solange sie darauf wartet, dass sich die Welt um sie herum verändert, ohne sich selbst einen Millimeter zu bewegen, wird sie auf demselben Fleck stehen.

Heilung beginnt nicht mit einer Erkenntnis.

Sie beginnt mit einem Schritt – ins Ungewisse.



Wie ist das bei dir? Wartest du gerade auf etwas – oder bewegst du dich?

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Wenn Nähe fehlt, obwohl jemand da ist

Es gibt Wahrheiten, die spüren wir oft schon lange, bevor wir bereit sind, sie wirklich an uns heranzulassen. Nicht, weil wir blind oder dumm durchs Leben laufen oder uns selbst belügen wollen, sondern weil wir tief in uns ahnen, dass Ehrlichkeit Konsequenzen hat. Und genau davor drücken wir uns oft am längsten. Denn in dem Moment, in dem du dir eingestehst, dass du in deiner Beziehung einsam bist, obwohl da ein Mensch an deiner Seite ist, kannst du nicht einfach weitermachen wie bisher. Dann steht plötzlich ein Elefant im Raum, den du nicht mehr übersehen kannst, und das macht Angst. Weil es Gespräche nach sich zieht, Entscheidungen, vielleicht einen Aufbruch, von dem du heute noch gar nicht weißt, ob du ihn überhaupt gehen kannst.

Wenn ich heute zurückblicke, dann merke ich, dass ich vieles längst gespürt habe, bevor ich bereit war, es wirklich zu sehen. Ich war über Jahre beschäftigt, habe funktioniert, organisiert, getragen und mein Leben stark um meine Familie herum gebaut. Meine Kinder standen im Mittelpunkt, meine Arbeit habe ich oft so gelegt, dass sie zu meinem Alltag als Mutter passte, und ganz ehrlich: Solange immer etwas zu tun ist, solange jemand etwas von dir braucht, kannst du wunderbar an dir selbst vorbeileben, ohne es überhaupt zu merken.

Wenn Stille plötzlich unangenehm ehrlich wird

Dann kam eine Zeit, in der meine Kinder größer wurden. Meine beiden Söhne waren bereits ausgezogen, meine Töchter brauchten mich nicht mehr in dieser praktischen, alltäglichen Form, wie es viele Jahre selbstverständlich gewesen war. Keine Fahrdienste mehr, keine Förderstunden, kein ständiges Organisieren zwischen Schule, Alltag und Beruf. Und plötzlich war da Raum, so plötzlich, nicht nur im Kalender, sondern in mir.

Ich saß an manchen Nachmittagen in unserem Haus, das nach außen betrachtet wunderschön war, ein Zuhause, das ich mit viel Liebe gestaltet hatte, und trotzdem fühlte es sich innerlich längst nicht mehr wie Freiheit an. Eher wie etwas, das mich festhielt. Wir hatten sogar Unterstützung im Haushalt, was bedeutete, ich konnte mich nicht einmal mehr hinter Putzen, Wäschebergen, die gebügelt werden mussten, oder all dem täglichen Kleinkram verstecken, mit dem man sich sonst so wunderbar beschäftigt hält.

Da saß ich und dann war da plötzlich nur noch Stille und Ruhe.

Und in dieser Stille wurde mir etwas bewusst, das ich lange nicht fühlen wollte. Ich saß nicht nur am Tisch, ich saß mitten in meinem Leben und merkte: Ich bin einsam, nein, nicht allein. Sondern einsam, mitten in einer Beziehung.

Nicht hysterisch oder dramatisch, nichts Lautes, nicht mit Tränen und großem Trara. Sehr leise und nüchtern. Aber gerade deshalb so klar. Und es war dieses stille Wissen, dass ich innerlich schon lange, ja, sehr lange allein unterwegs war, obwohl ich nicht allein lebte. Dass da zwar ein Mann an meiner Seite war, aber keine wirkliche Begegnung (mehr), kein tiefes Miteinander, kein inneres Zuhause, kein Gefühl von echter Verbundenheit.

Shit – der Moment, in dem du nicht mehr wegsehen kannst

Einige Zeit später kam mein jüngerer Sohn (der schon erwachsen war) auf mich zu und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde. Er sagte: „Mum, entweder trennst du dich oder du suchst dir einen Liebhaber.“ Und dann fügte er noch hinzu, dass ich dieses Haus nicht wegen der Kinder halten müsse, weil keines von ihnen an diesem Haus hing.

Bämm – das saß.

Nicht, weil mein Sohn mir einen Ratschlag fürs Liebesleben geben wollte, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, wie sichtbar mein innerer Zustand längst im Außen geworden war. Meine Kinder hatten längst gespürt, was ich mir selbst noch nicht ganz eingestehen wollte. Dass ich nicht lebte, sondern eher verwaltete, funktionierte, und innerlich immer stiller geworden war.

Irgendwann habe ich mit meinem Mann geredet. Habe ihm gesagt, wie ich mir Beziehung vorstelle, was ich brauche, was ich mir wünsche. Und er hat mir sehr ruhig geantwortet: „Dann bin ich nicht der richtige Partner für dich.“ Es war einfach eine Wahrheit, die plötzlich im Raum stand und auf die es keine Antwort mehr brauchte, außer meiner eigenen Konsequenz. Die hat dann noch eine Weile auf sich warten lassen, aber die Richtung war von diesem Moment an klar.

Und ja, natürlich gab es da auch den Gedanken: Vielleicht bräuchte ich einfach einen anderen Mann, mehr Aufmerksamkeit, mehr Leidenschaft, mehr Lebendigkeit. Ich habe das sogar wirklich ausprobiert. Und habe sehr schnell gemerkt, dass ich dafür einfach nicht gemacht bin – nicht, weil ich zu brav wäre (ne, ne) oder zu ängstlich, sondern weil ich ein durch und durch Beziehungsmensch bin. Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann ganz. 

Und genau da wurde mir klar: Es geht nicht darum, irgendeinen Ersatz zu finden, sondern darum, ehrlich zu erkennen, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben nicht bleiben werde.

Wie wir uns selbst Stück für Stück verlieren

Wenn ich heute auf meine Beziehungen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur zwei Männer an meiner Seite. Ich sehe vorrangig eine Frau, die tief in sich überzeugt war, einen Mann zum Leben zu brauchen. Nicht bewusst als Gedanke, vielmehr ein stilles inneres Programm, das aus dem Hintergrund alles gesteuert hat.

Und aus genau dieser Haltung heraus war ich bereit, viel mehr zu geben, als gesund gewesen wäre. Ich habe getragen, aufgebaut, unterstützt, Mut gemacht und, wenn ich ehrlich bin, beide Männer in vielem auch größer gemacht. Ich war Rückenwind, Kraftspenderin, Motivatorin und manchmal fast schon Lebensmotor. Meine Güte, lange hielt ich das für Liebe oder für etwas Selbstverständliches.

Heute sehe ich, dass darunter oft auch Angst lag. Angst, nicht genug zu sein. Angst, verlassen zu werden. Angst, allein nicht bestehen zu können. Also passt man sich an, schluckt Dinge herunter, verkleinert sich, trägt mehr, als man tragen sollte, und verliert Stück für Stück die Verbindung zu sich selbst.

Vielleicht ist genau das die tiefste Einsamkeit: nicht, dass kein Mensch da ist, sondern dass du dich selbst auf dem Weg verlassen hast.

Veränderung ist eine Stimme, die spricht, wenn sie sonst schweigt. Veränderung ist ein Nein, das du endlich sagst, auch wenn du dich danach kurz wie der weltweit schlechteste Mensch fühlst. Bist du aber nicht.

Das Leben ärgert einen nicht, wenn es einen anschiebt oder drängt, damit Klarheit gelebt wird. So nach dem Motto: Hör auf, nur darüber nachzudenken, dass du dich veränderst, jetzt verkörpere es. Andiamo!

Der Nächste kommt nur mit einem anderen Knopf

Und dann glauben wir oft, beim nächsten Menschen werde alles anders. Wir sagen Sätze wie: „So wie mit diesem Menschen war es noch nie. Das fühlt sich völlig anders an.“ Und ja, oberflächlich stimmt das sogar: Der eine ist laut, der andere still, die eine ist warmherzig, der andere verschlossen. Die Verpackung ist neu.

Was oft nicht neu ist, ist der Knopf in uns, der früher oder später wieder gedrückt wird.

Vielleicht ist es wieder dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden. Vielleicht wieder Verlustangst, Anpassung, Kontrolle oder emotionale Einsamkeit. Der andere hat diesen Schmerz meist nicht erschaffen, er hat nur etwas berührt, das längst in uns angelegt war und endlich gesehen werden möchte.

Und genau das ist die unbequeme Wahrheit über Beziehungen: dass das Leben uns nicht nur Menschen schickt, die zu unseren Wünschen passen, sondern oft Menschen, an denen wir wachsen sollen, dürfen oder müssen.

Und dann gibt es die Frauen, die das alles längst wissen und trotzdem nicht gehen. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil die Angst größer ist als der Schmerz des Bleibens. Angst vor dem Geld, vor der Abhängigkeit, vor dem Alleinsein, vor der Frage, ob da draußen überhaupt noch jemand für sie wäre. Ich begleite viele dieser Frauen, und was ich beobachte, ist, dass die, die warten, auf mehr Geld, auf den richtigen Moment, auf irgendetwas, das sich von außen verändern soll, mit der Zeit nicht leichter werden, sondern schwerer. Nicht weil sie schwach wären, ganz im Gegenteil. Sondern weil eine Frau, die ihre eigene Wahrheit kennt und sie trotzdem nicht leben darf, sich mit der Zeit selbst nicht mehr erkennt.

Liebe beginnt vielleicht woanders

Heute glaube ich nicht mehr, dass ein anderer Mensch uns vollständig machen kann. Kein Partner kann dauerhaft die Leere in uns füllen, unsere alten Wunden heilen oder uns das Gefühl geben, endlich angekommen zu sein, wenn wir uns selbst innerlich längst verlassen haben.

Vielleicht beginnt Liebe viel früher. Dort, wo wir aufhören, den anderen für unser inneres Überleben zuständig zu machen. Dort, wo wir wieder anfangen, uns selbst ernst zu nehmen, uns selbst zu fühlen und uns selbst nicht länger zu verraten.

Und vielleicht begegnen wir dann einem Menschen nicht mehr aus Mangel, nicht aus Angst und nicht aus innerer Leere, sondern aus etwas ganz anderem heraus.

Aus Wahrhaftigkeit.

Und aus einem Herzen, das gelernt hat, zuerst bei sich selbst zuhause zu sein.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest – in meinen Büchern „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ und „Wenn du erwachst und es erst später bemerkst“ erzähle ich davon ausführlicher. Nein, kein weiterer Ratgeber, sondern vielmehr eine Einladung zum Hinschauen.

Ein Teil meiner Angebote

Innerer Druck

Innerer Druck

Innerer Druck, …

… wenn in dir etwas gegen das Leben kämpft

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, sie stehen unter Druck, dann meinen sie meistens erst einmal das, was im Außen sichtbar ist. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf, zu viele Baustellen, zu viel Verantwortung, die Freunde, Partnerschaft, einfach Beziehungen. Und natürlich spielt das alles mit rein, das möchte ich gar nicht kleinreden. Aber offen gesagt, ich schaue inzwischen auf einen ganz anderen Punkt, weil ich über die Jahre etwas verstanden habe, das mir früher selbst nicht klar war.

Innerer Druck entsteht oft nicht zuerst durch das, was im Außen passiert. Er entsteht in uns, weil wir in einen inneren Widerstand gehen gegen das, was gerade ist.

Und schau, genau da wird es spannend.

Da ist eine Situation, die dir nicht gefällt. Ein Mensch verhält sich ungerecht. Etwas entwickelt sich anders, als du es dir gewünscht hast. Du fühlst dich übergangen, nicht gesehen oder vielleicht sogar ausgeliefert. Und in dir kommt, oft blitzschnell, dieses innere Nein. So nach dem Motto: Das will ich nicht, das darf nicht sein, das ist unfair, das muss anders werden. Und ab diesem Moment sitzt nicht nur ein Gefühl in dir, sondern dein Verstand springt an wie ein aufgescheuchtes Huhn und fängt an, Geschichten zu erzählen.

Er beginnt Bilder zu malen, was alles passieren könnte. Er rechnet Zukunftsszenarien durch, als wäre er persönlich für dein Überleben zuständig, dabei ist ihm dein Überleben dermaßen egal. Da zieht er auf einmal Vergleiche aus seinem imaginären Hut, sucht Schuldige, kramt alte Erfahrungen raus und gießt literweise Öl ins Feuer. Und er projiziert deine Innenwelt auf die anderen.  Und ehe du dich versiehst, führst du innerlich Gespräche, die nie stattgefunden haben, verteidigst dich gegen Vorwürfe, die niemand ausgesprochen hat, und erschöpfst dich in einem Kampf, der bis jetzt nur in deinem Kopf läuft. Herzlichen Glückwunsch, unser System kann das wirklich beeindruckend gut, und am Ende glaubst du etwas, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen wurde.

Ich kenne das selbst sehr gut von früher.

Bei mir hat sich innerer Druck früher vor allem in körperlicher Unruhe und Schlafstörungen gezeigt. Dieses Wachliegen in der Nacht, während der Körper eigentlich müde ist, aber der Kopf noch drei Gerichtsverhandlungen führt, zwei Zukunftspläne schmiedet und nebenbei den Weltuntergang vorbereitet, das kenne ich. Vor allem in meiner Krisenzeit war da ganz viel Angst vor Ungewissheit. Wie wird es weitergehen? Was kommt noch? Schaffe ich das? Was ist, wenn … oder wenn nicht…? Und darunter lag, das konnte ich erst viel später wirklich erkennen, meine tiefste Urwunde: Existenzangst.

Und mit Existenz meine ich nicht nur Geld, obwohl Geld natürlich in unserer Welt sofort diesen Alarmknopf drückt. Es ging viel tiefer. Es ging um dieses uralte Gefühl von Unsicherheit, von Ausgeliefertsein, von Todesangst, die in meiner Kindheit real war und sich später im Erwachsenenleben auf andere Ebenen gelegt hat. Beziehungen, Geld, Halt, Sicherheit, all diese Dinge hängen dann plötzlich an dieser alten Wunde wie Weihnachtskugeln an einem Baum, nur leider nicht ganz so festlich.

Was ich aber verstanden habe, und das war für mich wirklich ein Wendepunkt, ist Folgendes.

Wir tragen Dinge oft viel länger in unserem System, als wir glauben. Und das Leben ist, so verrückt es klingt, ziemlich klug darin, uns nicht alles auf einmal hinzuknallen. Zuerst räumst du das Grobe raus. Das, was offen daliegt, und das, was du schnell sehen kannst. Das, was leichter greifbar ist. Aber dann, irgendwann, kommt dieser festgeklebte Rest in der Ecke. Wie in einer alten Schublade, die du auswischst. Das Grobe geht schnell, aber dieser hartnäckige Belag, der schon Jahre in der Ecke klebt, der braucht Scheuermilch und einen groben Schwamm. Und genauso ist es oft innerlich auch.

Bei mir kam so ein Moment noch einmal überraschend hoch, ausgelöst durch eine Situation, die im Außen gar nicht dramatisch war. Keine echte Bedrohung, keine Eskalation, nichts, aber mein Körper erinnerte sich. Schlagartig war die Angst da. Mein ganzes System reagierte wie mit Schüttelfrost. Ich habe gezittert, richtig gezittert, und im ersten Moment denkst du natürlich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?

Früher wäre ich davor weggelaufen. Wie? Mich abgelenkt, jemanden angerufen und sinnloses gequatscht, aufgeräumt oder Blumen umgetopft. Irgendwas halt, nur nicht in diesem beschissenen Gefühl bleiben.

Dieses Mal also nicht.

Ich habe geatmet – ich habe gezittert – ich habe alles da sein lassen. Und ich blieb, obwohl es sich wirklich wie die Hölle angefühlt hat und meine Hände gewackelt haben wie ein Kuhschwanz, alles hat gebebt. Und dann ist etwas passiert, das ich schwer erklären kann, wenn man es nie erlebt hat. Es gab wie einen Höhepunkt, wie eine Welle, die ihren höchsten Punkt erreicht, und von da an wurde es langsam weniger. Nicht plötzlich, nicht ratzfatz, aber spürbar. Mein Körper hat etwas entladen, das ich über Jahre noch in mir getragen habe.

Das ist dann keine Schwäche, das ist Verarbeitung oder, wie ich es heute gerne nenne: eine Runde sterben gehen.

Und vielleicht ist genau das etwas, was ich dir heute mitgeben kann. Nicht jeder innere Druck ist dein Feind und nicht jede Unruhe bedeutet, dass mit dir etwas nicht stimmt. Keine Angst, will weggemacht werden, dein System zeigt dir nur sehr deutlich, wo in dir noch etwas arbeitet, was gesehen, gefühlt und letztlich entlassen werden möchte.

Und natürlich, ich bin da auch kein sanft schwebender Mensch, der morgens lichtvoll summend durch den Tag gleitet wie Lavendeltee auf zwei Beinen. Das gibt es nicht, zumindest nicht bei mir. Ungerechtigkeit kann mich bis heute auf hundertachtzig bringen, auch wenn ich weiß: Im Grunde gibt es auch keine Ungerechtigkeit. Da merke ich gelegentlich den Impuls, jemanden, sagen wir mal freundlich formuliert, an die Wand tackern zu wollen. Aber der Unterschied ist: Ich verstehe heute schneller, was da in mir berührt wird. Und dieses Verstehen nimmt dem Ganzen die Macht.

Vielleicht fragst du dich das nächste Mal nicht sofort, wie du diesen Druck loswirst.

Vielleicht fragst du dich eher, was in dir gerade so laut Nein sagt. Was sich wehrt und vor allem jetzt gerade Angst hat. Was du festhalten willst oder was endlich gehen möchte.

Denn manchmal kämpfst du nicht gegen das Leben.

Manchmal kämpft in dir nur etwas Altes gegen das, was längst bereit ist, sich zu lösen.

Vielleicht ist das Mutigste, was du tun kannst, einfach dazubleiben. Einen Atemzug lang. Und zu schauen, was dann passiert.

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Du willst Veränderung, aber bitte ohne dich selbst?

Hoffnung hilft nicht weiter

Es ist schon interessant, wie oft Menschen sagen, dass sie wollen, dass sich endlich etwas verändert. Dass es leichter werden soll, klarer, freier und authentischer. Dass sie rauswollen aus ihren alten Mustern, raus aus dem Kopf, raus aus dem, was sie seit Jahren mit sich rumschleppen. Und dann sitzen oder stehen sie genau an dem Punkt, wo sich wirklich etwas bewegen könnte, und machen innerlich wieder die Tür zu.

Nicht bewusst natürlich … das wäre ja fast zu einfach und offensichtlich.

Sie denken, reden, erklären, und hoffen weiter. Aber sie bleiben nicht da – nicht in dem, was gerade da ist. Nicht in dieser beschissenen Enge, nicht in dieser Hilflosigkeit, in Ungewissheit und nicht in diesem unangenehmen Gefühl, das eben nicht nett ist und auch nicht verlockend daherkommt wie irgendein kluger Spruch aus einem Kalender oder der Brigitte Zeitschrift. 

Doch genau da wird es spannend und kommt endlich Bewegung rein.

Viele wollen Veränderung, aber nicht das, was sie kostet

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder wunderbar sehen und erleben. Menschen wollen Veränderung, ja. Allerdings anders, als der Weg nun mal ist. Viele wollen sie so, dass sie sie bitte nicht wirklich fühlen müssen. Sie wollen, dass sich etwas löst, aber ohne durch diesen engen Gang zu gehen, in dem man eben gerade nichts kontrollieren kann. Wo man sich nicht mehr gewohnheitsmäßig erklären kann, was man schon alles verstanden hat. Wo man auch nicht mehr mit irgendwelchen schlauen Sätzen ausweichen kann. Sondern wo man einfach mal da ist, mitten in dem, was unangenehm ist.

Und das ist oft genau der Moment, wo die meisten abbiegen, um genau zu sein 99 %.

Nicht, weil sie zu blöd oder dumm wären, und auch nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil sie genau da merken: Holla die Waldfee, das ist mal ne ganz andere Nummer, weil jetzt wird es halt wirklich authentisch. Jetzt komme ich nicht mehr mit ein wenig Verstehen durch, oder ich komme nicht mehr damit durch, dass ich schön über mich reden kann. Jetzt müsste ich mich wirklich fühlen, und das ist halt was ganz anderes.

Hoffnung, das Ding in der Zukunft

Dann kommt Hoffnung ins Spiel. Klingt erstmal schön, lieb und fast heilig. „Ich hoffe, dass sich jetzt etwas verändert.“ „Ich hoffe, dass das Fühlen irgendwann etwas in Bewegung bringt.“

Ja, kann man alles sagen. Aber oft heißt das übersetzt einfach nur: Ich will, dass es anders wird, aber ich will gerade nicht ganz da rein.

Hoffnung kann schön sein, natürlich, sie verschafft uns Zeit und ist ein herrliches Versteck. Vor allem dann, weil sie dich davon abhält, wirklich bei dir zu bleiben. Im Jetzt. In dem, was gerade da ist. Nicht morgen, in einem Monat oder Jahr. Nicht wenn es leichter ist oder wenn du endlich so weit bist. Sondern jetzt, wo es eng ist, wo du dich am liebsten ablenken würdest, wo dein Verstand schon wieder mit fertigen Antworten um die Ecke kommt, als hätte er die letzten zwanzig Jahre nicht schon genug veranstaltet, gelabert oder wiederholt.

Vergleich ist keine Erkenntnis, sondern Flucht

Eine meiner Teilnehmerin sitzt nach einem Treffen mit Freundinnen – und während die eine noch schnell was für ihre Selbstständigkeit erledigt und die andere ihren Freund trifft, sitzt sie da und zählt. Was die alles haben und sie nicht hat. Die eine hat einen Freund, die andere ist selbstständig, die nächste hat eine Familie um sich. Und ich? Ich hab nichts davon. Mit mir stimmt prinzipiell was nicht.

Und dann kommt der nächste Gedanke: Vielleicht ein neues Hobby, mehr Sport ginge auch noch. Irgendetwas. Hauptsache, die Zeit ist voll. Hauptsache, sie fühlt dieses unangenehme Gefühl, was da jetzt da ist, und sie pisackt …

Ich hab sie gefragt: Was willst du da reinstopfen? Welchen Gefühlen willst du aus dem Weg gehen? Was willst du gerade nicht fühlen?

Weil darunter nicht einfach nur Neid ist, darunter sind Einsamkeit und nicht dazuzugehören. Das leise Überzeugtsein, dass mit ihr irgendwie grundsätzlich etwas nicht stimmt. Dass die anderen einfach mehr sind, mehr haben, mehr verdienen.

Nur – man will immer das, was man gerade nicht hat. Wie oft wünscht sich die Gebundene, einfach mal allein zu sein? Wie oft denkt die Selbstständige: Ach Gott, könnte ich einfach in die Arbeit gehen, automatisch meinen Lohn kriegen und Urlaubsgeld obendrauf? Das wäre doch was.

Solange der Blick draußen ist, muss man nicht bei sich sein. Solange man zählt, was die anderen haben, muss man nicht fühlen, was in einem selbst gerade da ist und gesehen werden will.

Du hast keine Blockaden, du steigst nur immer wieder aus

Ich glaube, das ist etwas, was viele nicht hören wollen. Du bist nicht blockiert, zumindest nicht so, wie du vielleicht denkst. Du bist nicht kaputt und bist auch nicht zu langsam. Und ganz ehrlich, dieses „Ich bin noch nicht so weit“ ist oft auch nur ein Satz, um sich nicht bewegen zu müssen. Nicht immer, aber sehr, sehr oft. Den Unterschied habe ich meiner Chiarezza-Gruppe und meinen Metamorphosen in einem Podcast in der Tiefe aufgezeigt.

Was ich leider viel öfter sehe, ist etwas anderes. Die meisten Menschen steigen genau an der Stelle aus, wo es losgehen würde. Dann, wo man nichts mehr schönreden kann und wo man eben nicht mehr bloß beobachten und ausweichen kann, sondern betroffen ist. Da, wo der Körper reagiert, wo Aufruhr ist, und wo man nicht mehr alles im Griff hat.

Genau dort, wo sich wirklich etwas verschieben könnte, wird wieder analysiert, erklärt, vertagt, gehofft, verglichen oder geschwiegen.

Und dann ist da noch etwas, das ich aus mir selbst kenne, was ich vor 20 Jahren auch so gelebt habe. Dieses „Ich mach das alleine“. Klingt nach Stärke, ist es allerdings definitiv nicht.

Ich habe das selbst gelebt. Alles alleine gemacht, weil niemand da war, den man hätte fragen können. Und wenn das Ergebnis dann trotzdem nicht gut genug war – Kritik, Vorwürfe, Gelächter –, trifft das nicht nur die Leistung. Das trifft die ganze Person. Weil man ja alles gegeben hat, was man hatte.

Was daraus wird? Man hört auf, sich zu zeigen. Man braucht niemanden mehr und man bleibt alleine – auch mit dem, was man selbst nicht sehen kann.

Besonders auffällig ist das übrigens bei Menschen, die selbst andere begleiten wollen: Therapeutinnen, Coaches, spirituelle Lehrerinnen. Die begleiten ihre Klienten durch ihre Themen – und nehmen sich selbst niemanden. Gehen selbst nicht dorthin, wo sie andere hinführen wollen, und wundern sich dann, warum zu wenig Menschen zu ihnen kommen. Warum ihre Bücher nicht gekauft werden. Warum es irgendwie nicht fließt.

Aber warum sollte es auch? Deine Frequenz zieht genau die Menschen an, die du selbst noch bist. Nicht die, die du gerne begleiten würdest. Wenn du selbst alles alleine machst, holst du dir genau die Menschen heran, die auch alles alleine machen wollen. Die sich auch nicht zeigen und die auch niemanden hinter ihre Show und Maske blicken lassen.

Und das Interessante daran ist: Es kann nicht ausgetrickst werden.

„Ich bin noch nicht so weit“ klingt nach Bescheidenheit, ist einfach Scham in Geschenkpapier. Die Scham, zuzugeben, dass man jemanden braucht. Es ist kein Vorwurf, allerdings auch keine Kleinigkeit.

Verstehen ist nicht dasselbe wie leben

Stell dir vor, ich zeige dir in einem Buch ein Foto von einem Kastanienbaum. Du siehst ihn und denkst, jetzt weißt du alles über den Baum. Ja, du weißt jetzt, wie er aussieht, wie die Blüten sind und die Rinde. Aber du weißt nicht, wie die Rinde sich unter deinen Fingern anfühlt – rau, lebendig, uneben. Du weißt nicht, wie der Baum riecht, wenn er blüht – dieser schwere, fast aufdringliche Duft, der in der Luft hängt. Du weißt nicht, wie weh dir die stachelige Hülle der Kastanie tut, wenn sie dir auf den Kopf fällt. Und du weißt nicht, wie sich eine reife Kastanie in der Hand anfühlt – glatt und kühl.

Das alles steht nicht im Buch. Das erfährst du erst, wenn du rausgehst und wirklich unter dem Baum stehst. Manches wirst du beim lesen erkannt haben, wenn du einen Kastanienbaum mit allem schon mehrfach erlebt hast, oder?

Genauso ist das mit dem, was wir über uns erkennen. Erkennen ist der Anfang. Aber Verkörperung – das ist etwas anderes und das passiert nicht im Kopf. Das passiert dadurch, dass du den Weg gehst. Immer wieder, bis es nicht mehr Wissen ist, sondern du.

Ich hab diese Woche eine Nachricht bekommen. Eine Teilnehmerin schreibt, wie sie ein Video von mir dreimal angefangen und dreimal wieder abgebrochen hat. Herzklopfen. Ablenkung. Bis sie irgendwann einfach dabeigeblieben ist – bis zum Ende, ohne Nebenbei. Kein großes Aha. Nur ein warmes Feld in der Brust. Und dann schreibt sie: Sie hat es jetzt integriert. Und ich freue mich über diesen Moment, wirklich. Aber integriert? Integriert ist, wenn du es mehrmals gelebt hast und dann nicht mehr nachdenkst. Wenn du einfach bleibst, bei jedem unangenehmen Gefühl, ohne Denken, Zweifel und die Frage: Wann ist es endlich leichter, anders usw. Ein warmes Feld in der Brust ist ein echter Schritt, aber es ist nicht dasselbe wie Beine, mit denen du gehst, ohne über deine Beine nachzudenken.

Veränderung passiert nicht da, wo du alles schon verstanden hast. Das Verstehen ist nett, wirklich. Ich bin die Letzte, die etwas gegen Bewusstsein hat, Überraschung. Aber nur weil du etwas verstanden hast, heißt das noch lange nicht, dass du es lebst. Und nur weil du über etwas sprechen kannst, heißt das noch lange nicht, dass du innerlich schon dort bist.

Das ist ja genau der Haken. Viele haben ein gutes Bewusstsein für ihre Muster, aber null Bereitschaft, in dem Moment dazubleiben, in dem der Körper Alarm macht. Und da trennt sich dann eben das nette Wissen von echter Bewegung – die Spreu vom Weizen.

Der eigentliche Wendepunkt ist meistens unspektakulär

Der Punkt, an dem sich wirklich etwas bewegt, ist meist ziemlich unspektakulär. Zumindest erlebe ich es so. Kein Feuerwerk, kein Engelchor, kein kosmisches Trompetensolo.
Es ist eher so ein stiller, unbequemer, manchmal ziemlich ernüchternder Moment, in dem du nicht wegläufst.

Indem du nicht gleich wieder in die Hoffnung springst, nicht gleich wiederholt in den Vergleich, nicht gleich wieder in die Erklärung. Sondern du bleibst.

Einfach bleibst.

Bei dir. Bei dem Gefühl, der Unsicherheit und  dem Teil in dir, der am liebsten die Flucht ergreifen würde und dabei vielleicht noch behauptet, das sei Reife, Vorsicht oder genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

Nein, es ist oft einfach nur der alte Ausstieg, die Flucht in neuer Verpackung, Ausrede usw.

Du wartest nicht auf Veränderung

Und vielleicht ist genau das der Satz, den viele nicht mögen, weil er so unverschämt einfach ist: Du wartest nicht auf Veränderung. Du wartest oft einfach darauf, dass sie passiert, ohne dass du selbst wirklich da durch musst. Na, berührt das etwas in dir?

Aber so läuft es eben nicht. Schau mal ehrlich hin. Zumindest läuft es im echten Leben nicht so. Nicht in echter innerer Bewegung und nicht da, wo wirklich etwas kippt. Denn das, was du vermeiden willst, ist genau die Tür und nicht das Problem, das sich zeigt. Es ist die Tür.

Und dann ist die eigentliche Frage auch nicht, ob Veränderung für dich möglich ist. Natürlich ist sie das, warum denn auch nicht? Die Frage ist eher, ob du diesmal dableibst, wenn es ernst und unangenehm wird. Ob du dich wieder verlässt, oder ob du wirklich einmal bei dir bleibst, auch wenn es gerade nichts zu feiern gibt.

Da beginnt meistens das, worauf so viele warten oder hoffen. Nicht später, wenn du perfekt bist, und nicht wenn du alles im Griff hast. Sondern genau da, wo du es dir am wenigsten vorgestellt hast.

Ein Teil meiner Angebote

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst

Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst … 

… und du merkst es nicht einmal.

Da ist wirklich was dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch, oder anders ausgedrückt: Alles wird sichtbar.

In letzter Zeit fällt mir etwas immer wieder auf. Bei den Menschen, in Gesprächen, im Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos. Nicht verurteilend – einfach nur fassungslos. Weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, wie geschickt wir das machen. Wie meisterhaft, so leicht, so selbstverständlich. Und warum erkenne ich es so schnell und gut? Na? Weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute plumpse ich stellenweise ebenfalls noch hinein.

Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben Chiarezza – Gruppe . Ich musste. Es war das einzige, was dieser Fassungslosigkeit gerecht wurde. Und während ich geschrieben habe, war mir klar: Das reicht nicht, es braucht bei dieser Epidemie einen Blogbeitrag, unbedingt. Weil es zu wichtig ist, um es mit Humor abzuhaken und nur im kleinen Kreis zu lassen.

Denn worum geht es? Um die (vielleicht) unbequemste Erkenntnis überhaupt. Und nein, nicht die, dass andere Menschen schwierig sind. Nicht die, dass das Leben manchmal ungerecht ist, sondern diese: Du verarschst dich selbst, regelmäßig und absolut meisterhaft und mit einer Kreativität, die dir in anderen Bereichen enorm fehlt.

Das Tückische daran ist nicht, dass du lügst. Es ist so, dass du es so gut machst, dass du es selbst nicht einmal merkst oder zumindest so tust, als würdest du es nicht merken. Denn irgendwo weißt du es immer, doch du kannst es so wunderbar rechtfertigen und deine Erklärungen sind für dich so schlüssig. Und das ist der springende Punkt.

Die Kunst des kreativen Ausweichens

Nehmen wir als Beispiel, du hast deine Miete nicht bezahlt und es steht dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin an. Das Gespräch muss stattfinden, du weißt es. Und dann kommt (dem Himmel sei Dank) eine Einladung zum Mittagessen und natürlich nimmst du sie an. Warum auch nicht?

Und nach dem Mittagessen bist du so müde, dass das Gespräch heute einfach nicht mehr geht, weil du unbedingt schlafen musst. Du verschiebst es … wieder.

Jetzt kommt die entscheidende Frage: Hat dich das Mittagessen müde gemacht? Oder hast du dich müde machen lassen, weil die Müdigkeit der perfekte Ausweg war?

Das kreative Ausweichen funktioniert so geschmeidig, weil es sich nie wie Ausweichen anfühlt. Es fühlt sich nach vernünftigen Entscheidungen an und nach absolut legitimen Gründen. Nach Umständen, die nun mal so sind. Was kannst du denn jetzt dafür, dass dein Körper müde wird? Du musst dir dabei nichts vorwerfen – du warst ja beim Mittagessen! Du warst ja müde! Es war ja wirklich nicht der richtige Moment! Sonst hätte das Universum ja nicht diese Essenseinladung geschickt, oder?

Der Geist ist unglaublich erfinderisch, wenn es darum geht, uns vor dem zu schützen, was uns unangenehm ist. Und das wäre ja auch in Ordnung – wenn wir wenigstens ehrlich wären. Aber genau das sind wir nicht. Wir nennen es nicht Ausweichen, wir nennen es Timing, Mittagessen, Müde, Energie, Vernunft, ach ja, und Universum.

Das ist die erste Form der Selbstverarschung: Wir bauen uns unsere Fluchtwege so elegant, dass wir sie selbst nicht als Fluchtwege erkennen wollen.

Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun

Es gibt noch eine zweite, etwas schmerzhaftere Ebene, und die hat mit dem Bild zu tun, das wir von uns selbst haben.

Nehmen wir dieses Beispiel: Jemand möchte andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten. Zeigt ihnen, wie sie Klarheit gewinnen, Ziele verfolgen, und Verantwortung übernehmen. Und gleichzeitig ruft dieselbe Person bei einem Amt nicht an – kümmert sich nicht um wichtige Erledigungen.

Das ist keine Kritik, es sind einfach Beobachtung. Und es ist zutiefst menschlich.

Wir tragen alle ein Bild von uns in uns, das ein bisschen weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das wäre auch kein Problem (sage ich immer wieder meinen Menschen, die ich begleite), denn dieses Bild kann uns ja auch ziehen, uns inspirieren, uns in Bewegung halten.

Das Problem entsteht vielmehr, wenn der Abstand zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu groß wird und wir ihn nicht mehr ehrlich anschauen.

Wenn ich anderen zeigen will, wie sie Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen ausweiche, dann ist das keine böse Absicht. Aber es ist ein gewaltiger blinder Fleck. Und blinde Flecken haben die unangenehme Eigenschaft, dass wir sie genau deshalb nicht sehen, weil wir sie nicht sehen wollen oder sie so selbstverständlich geworden sind. 

Das Selbstbild schützt uns und es sagt uns: Du bist auf dem Weg. Du weißt, worum es geht. Du bist schon so weit. Du warst heute fleißig. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist es auch einfach eine sehr bequeme Geschichte.

Die Frage, die hilft – auch wenn sie wehtut und auch sehr unangenehm ist – ist diese: Was würde jemand, der mich einen Monat lang beobachtet, über mich berichten? Nicht über das, was ich sage. Über das, was ich tue.

Ich hab das mal einem Klienten auf andere Art formuliert. Ich hab gesagt: Ich würd bei dir gern eine Woche einziehen. Einfach so deinen/euren Alltag erleben, weil ich so deutlich spüre, dass da eine Diskrepanz ist, zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wird, und dem, was hinter den Türen wirklich gelebt wird.

Er hat gelacht, aber er wusste ganz genau, was ich meinte. 

Leihgabe Wahrheit

Und dann gibt es noch eine dritte Form. Eine, die besonders interessant ist, weil sie sich als Gemeinschaft tarnt und wirklich jeder von uns kennt.

Du hast etwas zu sagen, jemandem, dem du schon lange etwas sagen wolltest. Du findest etwas nicht in Ordnung, du hast eine Wahrnehmung, du möchtest eine Grenze setzen, du legst los und dann sagst du: „Das sehen übrigens Lisa, Helga und Fritz genauso.“

Warum?

Weil deine eigene Stimme sich allein zu klein anfühlt, weil du dir nicht sicher bist, ob deine Wahrnehmung stimmt. Weil du die Verantwortung für das, was du sagst, nicht ganz allein tragen willst. Also leihst du dir Stimmen, du machst ganz praktisch aus deiner Wahrheit eine Mehrheitsmeinung.

Das fühlt sich sicherer an, aber es ist eine Form der Selbstverleugnung. Denn du versteckst dich hinter anderen, anstatt zu sagen: Ich. Ich finde das nicht in Ordnung. Ich sehe das so. Ich stehe dazu.

Das Paradoxe daran: Gerade in dem Moment, in dem du anfängst, dich hinter anderen zu verstecken, verlierst du das, was du erreichen wolltest – gehört zu werden. Ernst genommen zu werden und etwas anzubringen, was dir wirklich wichtig ist. Denn wer spricht, wenn Lisa, Helga und Fritz sprechen? Nicht du.

Die geliehene Wahrheit ist bequem, aber deine Stimme bleibt auf der Strecke.

Was haben jetzt alle drei gemeinsam?

Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild, die geliehene Wahrheit – sie haben eine gemeinsame Wurzel.

Vielleicht weißt du es ja bereits oder hast eine Ahnung?

Das ist nämlich das Entscheidende. Selbstverarschung funktioniert nicht im Dunkeln, es funktioniert genau dort, wo ein Teil von dir die Wahrheit schon kennt und ein anderer Teil sehr beschäftigt damit ist, sie nicht zu laut werden zu lassen.

Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Menschsein. Wir alle tun das. Die Frage ist nur: Wie lange? Wie oft? Und zu welchem Preis?

Denn das Ausweichen kostet. Es kostet so viel Energie, weil das Aufrechterhalten einer Geschichte immer mehr Kraft braucht als die Wahrheit. Es kostet Vertrauen – in dich selbst, in andere und das Vertrauen, das andere zu dir (bisher) hatten. Es kostet Beziehungen, manchmal und es kostet dich das Gefühl, wirklich bei dir zu sein.

Selbsterkenntnis, die wirklich wehtut – und deshalb heilt

Echte Selbsterkenntnis ist nicht das wohlwollende Nicken beim Lesen eines spirituellen Buches. Es ist der Moment, in dem du merkst: Ich hab es gerade wieder gemacht. Ich hab mich gerade wieder verarscht, aber sowas von.

Und dieser Moment ist unangenehm, und er soll es auch sein. Nicht, weil Schmerz gut ist, sondern weil dieser Moment der einzige ist, in dem echte Veränderung beginnen kann. Ansonsten geht es immer wieder in die Wiederholung rein.

Es geht nicht darum, sich zu verurteilen, denn Selbstkritik, die dich in den Keller zieht, ist genauso wenig hilfreich wie das Ausweichen selbst. Es geht um ehrliches Hinschauen, um das kurze, klare „Ah, da ist es wieder“ oder „Ja, habe ich gemacht“.

Und dann – und das ist der wichtigste Schritt, auch, wenn du dabei „stirbst“, die Entscheidung, was du damit machst.

Rufst du jetzt den Vermieter an? Sagst du das nächste Mal „Ich finde das nicht in Ordnung“ – ohne Lisa, Helga und Fritz? Schaust du dir ehrlich an, was zwischen deinem Selbstbild und deiner gelebten Realität liegt?

Das ist wirkliche Selbsterkenntnis und nicht dein Hin- und Her-Denken. Nicht weil sie dich besiegt, sondern weil sie dich zu dir bringt, und das ist das Unbequemste, was es gibt.

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