Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Du glaubst, du entscheidest im Jetzt, und manchmal sitzt einfach nur etwas ziemlich Altes mit am Tisch.

Ich hatte diese Woche ein paar Gespräche, bei denen ich dachte: Ja, mein Gott, da ist es wieder, dieses ewige Im-Außen-Herumschrauben. Da wird gemacht, überlegt, verbessert, geredet, erklärt, noch einmal etwas verändert, viel Geld investiert in Marketing und trotzdem bewegt sich im Leben kaum etwas. Ich meine das gar nicht böse, weil wir das alle kennen. Wir hoffen nun mal gerne, dass sich innen etwas beruhigt, wenn außen endlich alles so ist, wie wir es brauchen. Der Partner soll sich anders verhalten, der Job soll weniger stressen, das Geld soll gefälligst mehr werden, die anderen sollen uns besser verstehen und natürlich wäre es schön, wenn das alles funktionieren würde. Tut es nur oft nicht. Du kannst nämlich einen anderen Partner haben und trotzdem dieselbe Angst mitnehmen. Du kannst mehr Geld verdienen und dich trotzdem nicht sicher fühlen. Den Job wechseln und nach einem halben Jahr sitzt du wieder mit demselben inneren Druck da und fragst dich, was denn jetzt schon wieder los ist.

Genau bei solchen Dingen ist die Vergangenheit interessant. Nicht, weil ich finde, dass wir ständig in ihr herumwühlen müssen. Ganz ehrlich, dafür wäre mir meine Lebenszeit auch zu schade. Aber ich glaube schon, dass wir begreifen müssen, wie sehr sie in uns weiterredet. Was wir gelernt haben, was wir erlebt haben, was wir über uns, über Beziehungen, über Sicherheit, über Liebe oder über Leistung geglaubt haben, das ist ja nicht einfach weg, nur weil es vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert ist. Es kann längst vorbei sein und trotzdem sitzt es heute noch mit am Tisch. Es mischt sich ein, wenn du Entscheidungen triffst, wenn du dich verliebst, wenn du Nein sagen willst, wenn du dich abgrenzen willst oder wenn du glaubst, etwas fühlt sich nicht stimmig an.

Genau bei diesem Satz merke ich inzwischen schon, wie meine Pupillen anfangen, sich innerlich Richtung Hinterkopf zu rollen. Dieses: Das fühlt sich für mich nicht stimmig an. Ich kann es inzwischen kaum noch hören. Nicht, weil es das nicht gibt. Natürlich kann etwas wirklich nicht stimmig sein. Aber manchmal ist es einfach ungewohnt und sonst gar nichts. Wenn du dein Leben lang angepasst warst, wird sich ein klares Nein nicht sofort großartig anfühlen. Du hast immer funktioniert,  dann fühlt sich Ausruhen nicht automatisch entspannt an. Vielleicht macht es dich sogar nervös. Du kontrollierst alles, dann wird Vertrauen erst einmal komplett falsch anfühlen. Nicht, weil es falsch ist, sondern weil dein System sagt: „Entschuldigung, was machen wir denn jetzt hier für einen Blödsinn, das kenne ich so nicht.“

Natürlich heißt das nicht, dass du dir jetzt jedes ungute Gefühl schönreden sollst. Mal ist etwas wirklich nicht stimmig, manchmal überschreitet jemand eine Grenze oder passt etwas einfach nicht. Aber ich finde, wir sollten inzwischen unterscheiden lernen zwischen einem echten inneren Nein und dem alten System, das nur Alarm schlägt, weil etwas neu ist. Sonst wird aus Bewusstseinsarbeit am Ende noch Selbstverarschung, und das wäre auch wieder schade.

Was mir dabei auch immer wieder auffällt, ist unser Verhältnis zu unserer eigenen Kraft. Gerade Menschen, die sich sehr lange zurückgenommen haben, die genau überlegen, was sie sagen dürfen, wie sie etwas sagen sollen und wie sie sich verhalten müssen, damit nur bloß niemand irritiert ist, versuchen dann manchmal sogar, sich genauso vorsichtig daraus zu befreien. Da wird dann ein alter Glaubenssatz erkannt und anschließend sehr liebevoll verabschiedet: „Dieser Glaubenssatz darf jetzt gehen.“ Ja, kann man so machen. Nur denke ich mir manchmal: Der sitzt da seit fünfzig Jahren, der wird vermutlich nicht ehrfürchtig seinen kleinen Koffer packen, nur weil du ihn besonders schön und achtsam darum gebeten hast. Der denkt sich eher: Süß, wir reden nächste Woche noch mal.

Ich will da überhaupt nichts abwerten. Nur sehe ich gerade in der spirituellen und esoterischen Szene immer wieder, wie vorsichtig Menschen mit ihrer eigenen Kraft geworden sind. Alles soll sanft sein, alles soll liebevoll sein und nach Möglichkeit darf nirgendwo auch nur ein Hauch von Wut, Wucht oder Wildheit auftauchen, weil das dann gleich wieder als nicht bewusst genug angesehen wird. Da fehlt nur noch, dass man seine Wut vorher räuchert und ihr ein Klangschalenkonzert anbietet. Dabei ist es manchmal genau diese Kraft, die ein Mensch überhaupt erst wieder kennenlernen müsste.

Wenn du dich dein Leben lang klein gemacht hast und ständig leise bist, dann führt der Weg da raus möglicherweise nicht darüber, dich noch sanfter klein und ruhiger zu machen.

Dann brauchst du vielleicht dieses innere Feuer, das sagt: Schluss jetzt. Ich mache das nicht mehr.

Und ja, ich erlebe, dass Menschen manchmal erschrecken, wenn sie hören, wie klar oder auch wie kräftig ich etwas sage. Ich habe damit kein Problem. Denn für mich bedeutet Bewusstsein nicht, dass wir zu immer leiseren, vorsichtigeren Wesen werden, die jedes Wort dreimal prüfen, bevor es den Mund verlassen darf. Sonst können wir uns gleich einen inneren Pressesprecher zulegen. Es bedeutet auch nicht, dass wir unsere Wut so lange spirituell bearbeiten, bis kein Funken Kraft mehr darin steckt.

Gerade an der Wut kann man wunderbar sehen, wie ein Mensch zu seiner Kraft steht. Darf da überhaupt Energie sein? Darf ich etwas wollen? Darf ich Nein sagen? Darf ich mich durchsetzen? Darf ich unbequem sein? Darf ich jemanden enttäuschen? Oder muss alles in mir sofort wieder weich, friedlich und schön werden, damit ich mich für einen guten Menschen halten kann?

Ich sage deshalb gerne: Trau dich, unverschämt zu sein.

Und ich meine damit nicht, dass du anderen Menschen respektlos vor die Füße trittst oder plötzlich glaubst, Rücksicht sei etwas für Anfänger. Ich meine etwas ganz anderes. Ich meine, dass du dich traust, diese ganze Scham ein Stück hinter dir zu lassen, die dir ständig erzählt, wie du sein darfst und wie nicht. Dass du dich ein bisschen kühner, wilder, weniger kontrolliert und nicht jedes Mal sofort zurückzuckst, sobald du merkst, dass jemand anderes deine neue Art vielleicht nicht so bequem findet.

Denn manche alten Muster lösen sich nicht nur dadurch, dass wir sie verstanden haben. Wir müssen etwas tun, was ihnen widerspricht. Wenn ich mich immer zurückgehalten habe, muss ich einmal (oder mehrmals) sprechen. Habe ich mich immer angepasst, muss ich riskieren, dass jemand mich nicht gut findet. Wenn ich meinen Willen immer heruntergeschluckt habe, muss ich erleben, dass ich etwas wirklich will und dabei nicht umfalle. Das klingt banal, ist es aber für viele überhaupt nicht. Für manche fühlt sich ein klares Nein innerlich ungefähr so an, als hätten sie gerade eine Kleinstadt evakuiert.

Das wird sich erst einmal überhaupt nicht friedlich anfühlen. Es kann sich sogar ziemlich heftig anfühlen, weil du über eine Grenze gehst, die du selbst vielleicht seit Jahrzehnten nicht überschritten hast.

Für mich hat das viel mit Heilung zu tun. Nicht dieses ewige „Ich lasse jetzt etwas los“, während ich genau dieselbe Person bleibe, die ich vorher war, sondern dass ich mich traue, über das hinauszugehen, was ich bisher für mich gehalten habe. Dass ich dieses Gefängnis aus Alltag, Gewohnheit und Selbstbild nicht noch schöner dekoriere, noch ein Räucherstäbchen in die Ecke stelle und sage: „Jetzt ist es aber gemütlich hier“, sondern die Tür öffne und rausgehe.

Da braucht es eben nicht nur Sanftheit, da braucht es Wucht.

Das sehe ich auch gerade bei dem Thema Beziehung. Ich habe ja in letzter Zeit einige Umfragen dazu gemacht und es ist schon auffällig, wie schnell wir wieder beim anderen landen. Was müsste der tun, was müsste der lassen, was fehlt, was macht er falsch, warum versteht er mich nicht. Und klar, natürlich gehört zu einer Beziehung auch, wie der andere mit mir umgeht. Es wäre ja völliger Quatsch zu behaupten, das sei alles egal. Aber wenn mein innerer Zustand davon abhängt, dass der andere sich endlich so verhält, dass ich mich sicher, geliebt oder gesehen fühle, dann habe ich halt ständig Stress. Dann sitzt der andere, auf gut Deutsch, an meinem Schalter und wenn er den nicht richtig bedient, geht es mir schlecht. Ungünstige Konstruktion, würde ich sagen.

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns alles selbst geben müssen und niemanden mehr brauchen. Einen solchen Schmarrn meine ich überhaupt nicht. Aber wenn ich tief in mir glaube, ich bin nicht genug, dann können mir zehn Menschen sagen, wie toll ich bin, und beim elften denke ich trotzdem wieder: Ja, aber meint der das wirklich? Wenn ich gelernt habe, dass Liebe immer mit Angst verbunden ist, dann kann ich auch in einer guten Beziehung anfangen, überall Gefahr zu sehen. Und wenn ich mein Leben lang Harmonie hergestellt habe, wird es sich für mich vielleicht schon wie eine Katastrophe anfühlen, wenn jemand einmal sauer auf mich ist. Der andere zieht kurz die Augenbraue hoch und innen läuft bereits der Katastrophenschutz an.

Da sind wir wieder bei dieser Vergangenheit. Die muss ich nicht wiederholt aufkochen, aber ich sollte schon merken, wenn sie mir heute noch Entscheidungen unterjubelt und ich dann glaube, das sei einfach meine Wahrheit.

Ich weiß, dass es in spirituellen Kreisen oft heißt: Alles ist jetzt, die Vergangenheit gibt es nicht mehr, komm einfach ins Sein. Ja, meinetwegen. Stimmt, auf einer Ebene ja. Aber ganz ehrlich, manche Menschen müssen da erst einmal hin. Die können nicht von jahrzehntelanger Angst, Anpassung, Schuld, Kontrolle oder innerem Druck direkt in irgendein reines Sein springen, nur weil jemand mit leuchtenden Augen sagt, sie müssten einfach loslassen. Manche brauchen nun mal eine Brücke. Und diese Brücke ist für mich oft Bewusstheit. Zu erkennen, was da in mir überhaupt abläuft, warum ich immer wieder an derselben Stelle lande und warum sich manches so verdammt echt anfühlt, obwohl es nur verdammt alt ist.

Und dann sind da natürlich noch die Gefühle. Da fand ich einen Gedanken aus einem Vortrag, den ich gehört habe, tatsächlich interessant. Nämlich, dass wir manchmal jahrelang in etwas stecken bleiben und dabei glauben, der andere würde davon etwas abbekommen. Tut er meistens nicht. Wenn ich jemanden hasse, wird der andere davon nicht automatisch unglücklich. Ich schon. Wenn ich immer wieder dieselbe Verletzung hochhole, dieselbe Geschichte erzähle und mir jedes Mal neu beweise, warum ich vollkommen recht habe, dann kann mich das bitter machen. Nicht, dass Wut, Trauer oder Angst schlecht wären. Um Gottes willen, die dürfen da sein, die müssen sogar gefühlt werden. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Gefühl durch mich durchgeht oder ob ich zehn Jahre darin wohne, die Vorhänge aufhänge und inzwischen sogar die Küche renoviert habe.

Das finde ich ohnehin einen bedeutungsvollen Punkt. Wir verwechseln oft berechtigt mit hilfreich. Ja, du kannst völlig berechtigt wütend sein. Du kannst völlig berechtigt verletzt sein. Du kannst völlig berechtigt enttäuscht sein. Die Frage ist nur, wie lange willst du das mit dir herumtragen? Denn du kannst recht haben und trotzdem unfrei sein. Und so nebenbei: Vom Recht haben allein wird leider niemand leichter oder wirklich glücklich.

Genau deshalb glaube ich, dass innere Arbeit nicht bedeutet, jeden alten Mist immer wieder auszugraben. Es bedeutet für mich eher, ehrlich hinzuschauen, wo etwas Altes heute noch mitredet. Wo ich glaube, ich entscheide frei, obwohl in Wahrheit uralte Muster am Steuer sitzen. Wo ich glaube, ich müsste noch mehr tun, obwohl ich längst genug getan habe. Wo ich immer noch versuche, im Außen etwas zu verändern, obwohl das, was mich festhält, ganz woanders sitzt.

Dann braucht es eben nicht noch ein Gespräch, noch eine Methode, noch einen Plan, noch eine Veränderung im Außen. Manchmal wäre die interessantere Frage: Was schleppe ich da immer noch mit mir herum, obwohl ich längst dachte, das hätte ich hinter mir gelassen?

Vielleicht noch eine zweite:

Wo müsste ich mich heute einmal ein kleines bisschen unverschämter trauen, ich selbst zu sein?

Die besten Trainingsplätze: Mein Retreat
meine Chiarezza-Gruppe und natürlich meine 1-1 Räume

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Wir wollen fühlen, aber bitte nicht zu lange und wenn, dann nur Schönes.

Menschen sagen oft, sie wollen mehr bei sich sein, sich selbst besser verstehen, und gleichzeitig läuft im Hintergrund ständig die Frage mit, was sie denn jetzt machen müssen, damit dieses Gefühl endlich weggeht, ihre Angst weniger wird, die Unruhe aufhört oder sie wieder in einen Zustand kommen, in dem alles angenehmer ist. 

Ich finde das immer sehr spannend, weil die meisten gar nicht wirklich wissen, was das bedeutet und welche „Nebenwirkungen“ es mit sich bringt.
Echtes Bei-dir-bleiben beginnt natürlich nicht, wenn du dich gut fühlst, sondern genau in dem Moment, in dem etwas da ist, was du lieber nicht hättest. Angst, Wut, Traurigkeit, Enge, Unsicherheit, Eifersucht, was auch immer. Und dann geht es erst einmal gar nicht darum, woher das kommt oder was du jetzt daraus lernen sollst, sondern darum, ob du überhaupt bereit bist, anzuerkennen, dass es gerade da ist.

Das klingt erst einmal simpel, ist es aber überhaupt nicht, weil wir uns an dieser Stelle schon unglaublich viel erzählen. Dass wir doch längst weiter sein müssten, dass wir dieses Thema doch schon bearbeitet haben, dass wir doch wissen, woher es kommt, dass es uns nicht mehr so triggern dürfte. Nur hilft dir das alles nichts, wenn du in diesem Moment trotzdem verletzt bist oder Angst hast. Dann bist du eben verletzt, dann hast du Angst, und genau das ist im Moment die Wahrheit. Die steht im Raum und alles andere hat keine Bedeutung, egal wie oft du die Dinge aufzählst – also, nur mit dem kannst du umgehen.

Für mich ist das der erste Teil davon, wobei ich das gar nicht als ersten Punkt meine, weil es keine Reihenfolge gibt. Es ist eher diese innere Bereitschaft, wirklich ehrlich mit dir zu sein und nichts kleiner zu machen, aber eben auch nichts größer. Einfach wahrnehmen, was da ist, ohne gleich daraus wieder eine Geschichte zu bauen.

Ehrlich mit dir sein, ohne gegen dich zu sein

Dann kommt etwas, was ich meinen Teilnehmern sehr oft sage, nämlich: Sei jetzt einfach lieb zu dir. Ich nehme da ganz bewusst nicht dieses große Wort „Liebe“, weil da schon wieder jeder etwas anderes darunter versteht und dann womöglich meint, er müsse jetzt seine Angst lieben oder seine Wut umarmen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht viel schlichter darum, dass du in einem Moment, in dem es dir ohnehin schon nicht gut geht, nicht auch noch gegen dich bist.

Wenn jemand, den du magst, vor dir sitzt und sagt, dass er gerade völlig verunsichert ist, würdest du ja wahrscheinlich auch nicht sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an, das hatten wir doch schon, du solltest langsam weiter sein.“ Bei uns selbst sind wir da allerdings erstaunlich schnell dabei. Da wird geurteilt, gedrängt, geschimpft und korrigiert, und letztlich haben wir dann nicht nur das Gefühl, das ohnehin schon da ist, sondern zusätzlich noch den Kampf mit uns selbst.

Deshalb sage ich lieber: „Jetzt sei einfach nett zu dir.“ Du musst das nicht schön finden, was du gerade fühlst, und du musst es auch nicht gutheißen. Du kannst aber aufhören, dir selbst das Leben noch schwerer zu machen, indem du dich dafür verurteilst.

Nicht sofort reagieren heißt nicht, dich zurückzuhalten

Was dann oft sichtbar wird, ist dieser unglaublich schnelle Reflex, auf das, was wir fühlen, sofort auf unterschiedlichste Art zu reagieren. Der eine schießt seine Wut sofort raus, der andere schluckt sie runter. Der eine erklärt sich, der andere zieht sich zurück, ein anderer ruft sofort jemanden an oder macht komplett zu. Genau gilt es, tiefer zu verstehen, weil Freiheit nicht bedeutet, dass du jetzt einfach nichts tust.

Wenn du ein Mensch bist, der sich ständig zurückhält, dann wäre es natürlich keine Freiheit, deine Wut wieder nicht zu zeigen und dir dann zu erzählen, du würdest gerade bewusst nicht reagieren. Dann machst du im Endeffekt genau das Gleiche wie immer, nur mit einem netten Bildchen darauf.

Es geht also nicht darum, einen Impuls zu unterdrücken, sondern darum, ihn überhaupt erst einmal mitzubekommen. Du merkst zum Beispiel: Da ist Wut, da zieht sich gerade alles in mir zusammen, ich möchte am liebsten sofort etwas sagen oder, je nachdem, wie ich gestrickt bin, am liebsten gar nichts sagen und mich zurückziehen. Und bevor ich automatisch in genau diese alte Reaktion gehe, bleibe ich erst einmal einen Moment bei dem, was da in mir passiert.

Dieser Raum dazwischen ist für mich Freiheit. Nicht, weil du dann nichts mehr tust, sondern weil du nicht mehr nur auf Autopilot handelst. Es kann gut sein, dass du danach sehr klar etwas sagst. Es kann genauso sein, dass du merkst: „Nein, ich muss darauf gar nicht reagieren.“ Entscheidend ist nicht, ob du etwas tust oder nicht, sondern ob du wieder nur deinem alten Muster folgst oder ob du überhaupt wahrgenommen hast, was in dir los ist.

Hingabe bedeutet, wirklich dazubleiben

Genau da kommt für mich die Hingabe hinein. Denn wenn du nicht sofort nach außen gehst, nicht gleich handelst, erklärst, schluckst, angreifst oder verschwindest, dann kannst du überhaupt erst einmal fühlen, was da wirklich in dir passiert. Hingabe heißt für mich genau das: dass du bereit bist, dich dem, was da ist, wirklich zu überlassen, ohne gleich daran herumzumachen.

Das kann Wut sein, Angst, Traurigkeit, Scham, Schmerz, was auch immer. Du musst es nicht verändern, du musst es nicht kleiner machen und du musst es auch nicht besonders gut können. Du lässt es erst einmal wirklich da sein und spürst es.

Das ist etwas ganz anderes, als sich zurückzuhalten. Zurückhaltung bedeutet oft, dass du das Gefühl gerade nicht wirklich zulässt, sondern es festhältst, kontrollierst oder deckelst. Hingabe ist das Gegenteil davon. Da hältst du nichts fest. Du lässt zu, dass die Erfahrung sich in dir zeigen darf, und erst daraus kann dann überhaupt etwas Neues entstehen, statt dass du wieder genau das machst, was du schon hundertmal (geschmeichelt ausgedrückt) gemacht hast.

Wenn ich all das zusammennehme, dann sind das letztlich vier innere Bewegungen, die für mich sehr eng zusammengehören. Du bist ehrlich mit dem, was gerade da ist, du gehst dabei nicht gegen dich, du musst nicht sofort reagieren, und du bist bereit, auch wirklich zu fühlen, was in dir passiert.

Ich würde daraus aber keine neue Methode machen, weil genau dann wieder das passiert, was wir sowieso ständig machen. Dann wird aus etwas Lebendigem eine neue Aufgabe, und plötzlich sitzt jemand da und überlegt, ob er heute schon wahrhaftig genug war, ob er nett genug zu sich war oder ob seine Hingabe noch ausbaufähig ist. Das wäre für mich wieder derselbe Wahnsinn in einer neuen Methoden-Verpackung.

Diese Dinge passieren nicht nacheinander und du musst sie auch nicht üben wie vier Lektionen. Sie zeigen sich mitten im Leben, genau dann, wenn etwas nicht so läuft, wie du es gern hättest. Genau dann, wenn dich jemand trifft, wenn du dich unsicher fühlst, wenn du merkst, dass du dich erklären willst, wenn du dich zurückziehst, wenn du kontrollieren möchtest oder wenn du einfach nicht weißt, was du gerade machen sollst.

Genau darum geht es auch in meinen Retreats. 

Nicht darum, dreieinhalb Tage lang Wissen zu sammeln und mit einem vollgeschriebenen Block nach Hause zu fahren. Deshalb gibt es bei mir auch keine Aufzeichnungen und keinen Block. Du kommst mit dem, was gerade in deinem Leben da ist, mit den Geschichten, die dich beschäftigen, mit den Dingen, die dich drücken oder die du besser verstehen möchtest, und dann schauen wir nicht nur darauf, was du erzählst, sondern auch darauf, was währenddessen in dir passiert.

Wo wirst du eng, wo gehst du raus, wo willst du dich erklären, wo willst du etwas richtig machen, wo reagierst du sofort, wo hältst du dich zurück, wo bist du schon wieder bei den anderen und gar nicht mehr bei dir.

Das zeigt sich nicht nur im Gespräch. Es zeigt sich beim gemeinsamen Tun genauso, beim Essen, im Wald, in einem Moment, den keiner geplant hat, oder genau dann, wenn etwas anders läuft, als du es gern hättest.

Deshalb ist für mich das ganze Retreat im Endeffekt genau diese Übung, vom ersten Moment bis zum letzten. Nicht in dem Sinn, dass du drei Tage lang etwas leisten oder richtig machen musst, sondern weil du immer wieder merken kannst, wie du gerade mit und bei dir bist oder im Außen hängst.

Sas lässt sich eben nicht aufschreiben und später noch einmal nachlesen. Das kannst du nur erleben.
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Ein Teil meiner Angebote

Ich lass das mal auf mich wirken

Ich lass das mal auf mich wirken

Ich lass’ das mal auf mich wirken

Ein Satz, der klug klingt – und meistens nur eine hübschere Art ist, nicht fühlen zu müssen.

 

„Das muss ich erst mal auf mich wirken lassen.“ Kennst du diesen Satz? Ich höre ihn ziemlich oft und meistens kommt er genau dann, wenn jemand etwas gehört hat, das ihn trifft, unangenehm ist oder nicht so recht in das bisherige Selbstbild passt.

Ich glaube inzwischen, dass dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ meistens gar nichts mit Wirkenlassen zu tun hat.
Was soll denn da wirken? Wenn du etwas hörst und in diesem Moment merkst, dass sich dein Bauch zusammenzieht, dein Brustkorb eng wird, dir heiß wird, du wütend wirst, traurig, beschämt oder unsicher, dann wirkt es doch längst. Da musst du nichts mehr wirken lassen, es ist schon da.

Genau in diesem Moment wäre die spannende Frage nicht: „Was denke ich jetzt darüber?“, sondern: „Was ist gerade in mir los?“
Du könntest einfach mal 30 Sekunden sitzen bleiben, atmen und das da sein lassen, was sowieso schon da ist, ohne sofort zu erklären, woher es kommt, warum du so reagierst oder was du jetzt daraus machen musst oder sollst. Was wir stattdessen meistens tun, ist denken. Wir gehen die Situation noch einmal durch, suchen Gründe, Zusammenhänge und Erklärungen, Rechtfertigungen, überlegen, ob der andere recht hat oder nicht, bauen uns im Kopf schon die nächste Antwort zusammen und nennen das dann „wirken lassen“. Klingt natürlich etwas feiner als: „Ich zerlege das jetzt zwei Stunden lang in meinem Kopf.“

Das Interessante daran ist ja, wie schnell das geht. Zwischen dem Satz, der dich trifft, und dem Ziehen im Bauch liegt praktisch keine Zeit, es passiert einfach. Aber zwischen diesem Ziehen und dem „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ liegen dann plötzlich Minuten, manchmal Tage, und noch länger geht auch. Da wird also eine ganze Menge Denkarbeit investiert, nur um bei dem, was schon längst da war, nicht bleiben zu müssen.

Noch schöner finde ich den Satz: „Lass das mal auf dich wirken.“ Ja, was genau soll der andere denn jetzt machen?
Sich hinsetzen und darauf warten, dass eine höhere Macht im Hintergrund die innere Renovierung übernimmt? Wenn überhaupt, finde ich Sätze wie „Schau dir das mal an“ oder „Reflektier mal, wann du das machst“, viel klarer. Denn dann weiß der Mensch wenigstens, worum es geht. Reflektieren heißt für mich, dass ich mein Verhalten anschaue, beobachte und überprüfe, wo ich genau das tue, was mir gerade jemand gesagt oder bewusst gemacht hat. Das ist etwas anderes als Fühlen, aber es ist wenigstens ehrlich beim Namen genannt.

Ich hatte vor ein paar Tagen genau solch eine Situation. Ich habe einen Menschen gefragt, ob er mir einen bestimmten Gefallen tun könnte. Dabei wurden seine Angst vor Verlust, sein übersteigertes Sicherheitsdenken und sein Mangelverhalten berührt – es ging um Vertrauen. Tja, da stellte sich sofort heraus, was er anderen vermittelt und was er selbst lebt. Dabei wurde ziemlich deutlich, dass er genau das Verhalten zeigt, über das er sich bei anderen aufregt und das er dann angeblich nicht versteht. Ich habe es direkt angesprochen, nicht Tage später, nicht in einer theoretischen Analyse, sondern in dem Moment, in dem es sichtbar war. Die Situation war da, seine Reaktion war da, sein Zögern war da. Da musste nichts mehr wirken.

Interessant wäre nur gewesen zu merken: Was passiert gerade in mir, wenn ich erkenne, dass ich selbst genau das mache? Kommt Angst, Unsicherheit, Scham, Ärger, Kränkung oder sofort der Drang, mich zu erklären? Genau dort beginnt für mich die Reflexion und vielleicht auch Bewusstwerdung, nicht beim nächsten klugen Gedanken oder Geschwätz darüber.

Ich erinnere mich auch an ein Paar, das einmal bei mir in einem Retreat war. Nach solchen Tagen erwähne ich immer wieder ganz bewusst, dass die Teilnehmer nicht sofort alles miteinander ausdiskutieren sollen, was tagsüber sichtbar geworden ist. Der Grund ist einfach: Wenn etwas tief geht, braucht es nicht sofort eine Diskussion darüber. Es geht immer darum, was auftaucht. Bei diesem Paar hatte ich tagsüber ein Verhalten des Mannes in der Beziehung ziemlich klar sichtbar gemacht. Am Abend saßen die beiden am Tisch und haben genau das gemacht, wovon ich abgeraten hatte. Er konnte den Druck seiner unangenehmen Gefühle nicht aushalten und erklärte seiner Lebensgefährtin ausführlich, warum er das so macht, woher das kommt, welche Ursachen dahinterliegen und weshalb sein Verhalten aus seiner Sicht nachvollziehbar ist. Er hat sich durch das ganze Thema hindurch erklärt und landete in einer kompletten Rechtfertigungstriade. Danach wusste er vermutlich noch genauer, warum er so ist. Nur gespürt hatte er immer noch nicht, was in ihm passiert, wenn ihm jemand dieses Verhalten zeigt.

Genau darin liegt für mich der Unterschied. Etwas zu verstehen bedeutet noch lange nicht, dass du es erfahren hast. Du kannst deine Kindheit erklären, deine Bindungsmuster kennen, deine Gene Keys auswendig aufsagen und auch noch wissen, in welchem Haus dein Saturn gerade herumturnt und dein Human Design rückwärts buchstabieren. Und trotzdem im entscheidenden Moment, wenn dich wirklich was trifft, direkt wieder im Kopf landen. Spirituelles Wissen kann nämlich auch ein sehr edles Schutzschild sein. Von außen sieht das dann bewusst aus, doch es ist nur eine hübschere Art, dich wegzudenken.
Sobald du in dem Moment, in dem dich etwas wirklich trifft, sofort wieder anfängst zu erklären, bist du wieder im Kopf. Das ist nicht falsch, der Verstand darf reflektieren und ich halte Reflektion sogar für wichtig. Nur sollten wir dann nicht so tun, als wäre Denken plötzlich Fühlen, und das nur, weil wir einen spirituell klingenden Satz darüberlegen.

Wenn etwas dich trifft, dann ist es bereits da, dann kannst du fühlen, was gerade in dir passiert. Danach kannst du reflektieren, was du daraus erkennst. Beides hat seinen Platz, nur es ist nicht dasselbe. Genau deshalb mag ich diese 30 Sekunden so sehr. Du musst da nichts lösen und auch keine große Erkenntnis produzieren. Du bleibst einfach einen kurzen Moment bei dem, was schon da ist, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung und ohne sofort wieder eine Geschichte daraus zu machen. Danach darf dein Kopf wieder arbeiten.

Wann hast du das letzte Mal „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ gesagt, obwohl du in dem Moment schon ganz genau wusstest, was in dir los war? Das ist keine Anklage, eher eine Einladung, mal genauer hinzuschauen, wo bei dir Fühlen aufhört und Denken anfängt.

Aber dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“  würde ich inzwischen viel öfter übersetzen mit: „Ich denke da jetzt erst mal drüber nach.“
Das ist völlig in Ordnung –  dann nenn es nur auch so.

Das Preisschild auf dem Teller

Das Preisschild auf dem Teller

Das Preisschild auf dem Teller …

… war nicht das Problem

Ich sage ja schon lange, dass ich bei manchen Menschen unglaublich gerne einmal eine Woche lang wohnen würde. Nicht, weil ich sie kontrollieren möchte oder weil ich wissen will, was sie morgens um sieben in ihrer Küche machen. Sondern, weil ich glaube, dass ich in so einer Woche wahrscheinlich mehr darüber erfahren würde, wie ihr Leben tatsächlich funktioniert, als in vielen Gesprächen.

Denn wenn wir etwas erzählen, dann erzählen wir ja nie nur das, was vorgefallen ist. Wir erzählen gleichzeitig schon unsere Sicht darauf, unsere Erklärung dazu, warum der andere schwierig war, warum wir selbst so reagieren mussten, warum etwas nicht anders ging und warum wir an einer Stelle auch gar keine andere Möglichkeit hatten. Meinen wir.

Das ist vollkommen normal, weil wir Menschen unser Leben eben nicht neutral erzählen. Wir erzählen immer durch unsere eigene Brille.

Im Alltag sehe ich dagegen diese winzigen Momente, und genau die finde ich wahnsinnig spannend. Da sehe ich, wie aus etwas, das erst einmal einfach nur da ist, innerhalb von Sekunden Spannung entsteht, wie jemand Schuld verteilt, wie jemand die Stimmung eines anderen übernimmt oder wie aus einer Kleinigkeit auf einmal eine komplette Beziehungsgeschichte wird.

Und genau von so einem Tag handelt mein Beitrag und was sich da alles zeigt. Ein riesiger Fundus.

Ich war auf einer Beerdigung und bin erst einmal zu spät gekommen, was natürlich schon einmal hervorragend angefangen hat. 😅

Einfach, weil ich mein neues Auto vollkommen unterschätzt habe. Die Anzeige sagte mir, dass ich noch ungefähr 90 Kilometer fahren kann, mein Navi sagte 45 Kilometer bis zum Ziel und damit war für mich die Sache klar: Das reicht locker.

Was ich irgendwie nicht bedacht hatte, war, dass mein neues Auto deutlich mehr PS hat als mein altes und offenbar auch entsprechend mehr Durst. Ungefähr so wie ein Wasserbüffel.

Während ich also zu diesem Naturfriedhof gefahren bin, der zusätzlich so schlecht ausgeschildert war, dass man fast glauben konnte, er möchte gar nicht gefunden werden, sank meine Tankanzeige schneller, als mir lieb war. Ich stand vor der Frage, ob ich jetzt zuerst tanken fahre und damit ziemlich sicher noch später ankomme oder ob ich direkt zum Friedhof fahre und danach möglicherweise dort stehe und nicht mehr wegkomme.

Telefonisch hatte ich schon Bescheid gegeben, dass bitte niemand auf mich warten soll, als ich angerufen wurde und mir gesagt wurde: „Wir warten auf dich, fahr einfach her, danach bringen wir dich zu einer Tankstelle.“

Also bin ich hingefahren, ungefähr fünf Minuten zu spät angekommen, ausgestiegen und habe mich sinngemäß mit den Worten vorgestellt: „Hallo, ich bin Claudia, die einfach zu spät kommt.“

Und damit war es für mich erledigt.

Ich habe mich nicht noch zwanzigmal entschuldigt und auch nicht angefangen, mich innerlich dafür fertigzumachen, zu geißeln oder den anderen erst einmal beweisen zu wollen, dass ich normalerweise ein zuverlässiger Mensch bin.

Ich war zu spät und Punkt. Das war einfach das, was in diesem Moment war.

Und genau da beginnt schon das Thema, über das ich heute schreiben möchte, denn ich sage etwas, bei dem wahrscheinlich sehr viele Menschen erst einmal aufschreien und mir das Gegenteil beweisen wollen:

In Wahrheit gibt es keine Probleme. Es gibt das, was ist, und dann gibt es das, was wir daraus machen.

Warum wir aus vielem ein Problem machen

Nach dieser Beerdigung konnte ich innerhalb weniger Stunden ziemlich aufmerksam beobachten, was ich damit meine.

Da war zum Beispiel ein Mensch, der sehr deutlich gezeigt hat, dass ihm einiges nicht passt, dass er mit bestimmten Dingen nicht einverstanden ist und manches seiner Meinung nach anders hätte laufen müssen. Das wurde nicht unbedingt in einem offenen Gespräch ausgesprochen, aber man musste nun auch kein besonders feinfühliger Mensch sein, um zu merken, was da los war.

Auf ganz normale Fragen kamen einsilbige oder ziemlich schroffe Antworten. Als zum Beispiel gesagt wurde: „Oh, du bekommst ja langsam auch graue Haare.“ Kam ein einsilbiges „Ja“, wie auch auf andere Fragen, bei dem Versuch eines Gespräches.

Natürlich ist das eine Botschaft. Und natürlich verändert ein Mensch, der sich so verhält, die Atmosphäre in einem Raum.
Ich möchte also gar nicht so tun, als müsste man nur besonders bewusst sein und dann würde man nichts mehr davon wahrnehmen. Das wäre ja Quatsch. Natürlich spürt man, wenn jemand auf Krawall gebürstet ist, wenn da Wut, Ablehnung, Rückzug oder Vorwurf im Raum stehen.

Die viel spannendere Frage ist für mich aber: Was mache ich jetzt mit dem, was ich wahrnehme?

Denn ich kann sehr wohl merken, dass jemand mit etwas nicht einverstanden ist und dieser Mensch das auch deutlich zeigen möchte, ohne daraus automatisch meine Aufgabe zu machen. Eine andere Frau erzählte mir zum Beispiel, wie sehr sie diese Stimmung im Auto vorher heruntergezogen hatte, weil auf Fragen kaum etwas zurückkam und die ganze Fahrt wohl ziemlich bedrückt war.

Und ich habe sie gefragt: Warum?

Nicht weil ich nicht verstanden hätte, dass sie die Stimmung wahrgenommen hat, sondern weil ich nicht verstanden habe, warum sie daraus ihre eigene Stimmung gemacht hat. Wenn jemand nicht reden möchte oder demonstrativ zeigt, dass ihm einiges nicht passt, dann kann ich das doch erst einmal stehen lassen. Dann kann ich mit den anderen reden, lachen oder mich über etwas unterhalten, ohne den Menschen auszuschließen und ohne gleichzeitig seine Stimmung übernehmen zu müssen.

Genau das tun wir zu 95 % nicht.

Wir beginnen sofort, zu überlegen, was mit dem anderen los ist, warum er so reagiert, was wir jetzt vielleicht sagen müssten, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob wir den Menschen aufmuntern sollten oder ob wir uns lieber etwas zurückhalten, damit es nicht noch schlimmer wird. Tja, und ehe wir uns versehen, hat der innere Zustand eines anderen Menschen plötzlich unseren eigenen übernommen.

Ich kenne das übrigens sehr gut von früher.
Mein Stiefvater konnte auf einem Geburtstag sitzen und eine derartige Fresse ziehen, dass nach einer Weile der ganze Raum leiser wurde. Vorher wurde gelacht und geredet, alle waren ausgelassen, und irgendwann hatten sich die Menschen unbewusst seiner Stimmung angepasst. Keiner traute sich mehr etwas. Er musste dafür gar nichts sagen: „Jetzt hört bitte alle auf zu lachen.“

Seine Ausstrahlung hat gereicht, und wir haben den Rest gemacht. Was für eine Macht.

Genau das ist für mich heute der Unterschied. Ich darf sehr wohl merken, dass jemand schlecht drauf ist, dass jemand sauer ist oder mir jemand mit seiner Art sogar ganz bewusst etwas zeigen möchte. Aber ich muss deshalb nicht meinen eigenen Zustand verlassen und aus der Stimmung eines anderen mein Problem machen, geschweige denn darauf einsteigen.

Später konnte ich dieselbe Dynamik noch einmal in einer völlig banalen Situation beobachten.

Es waren Teller gekauft worden, und auf diesen Tellern klebten noch Preisaufkleber. Mehr war erst einmal nicht passiert. Da lagen die abgespülten Teller zum Abtrocknen und der Herr des Hauses bemerkte zu seiner Frau: „Da kleben ja noch die Preisschilder drauf!“ 
Wie hätte es leicht gehen können? Er sieht das und macht sie einfach ab, um sie anschließend benutzen zu können.

Aber innerhalb kürzester Zeit entstand daraus etwas zwischen zwei Menschen, weil sofort die Frage kam, warum die Aufkleber noch dran sind, wer die Teller hingestellt hat und wer offenbar nicht daran gedacht hatte, diese Preisschilder wegzumachen.

Und da dachte ich: Der Aufkleber ist nicht das Problem. Der Aufkleber klebt einfach auf dem Teller. Das Problem entsteht erst durch das, was wir daraus machen.

Später dasselbe mit einem unordentlichen Kofferraum. Auch ein unordentlicher Kofferraum ist erst einmal nichts anderes als ein unordentlicher Kofferraum, und wenn er jemanden stört, kann man ihn aufräumen. Man kann aber natürlich auch sofort jemanden dafür verantwortlich machen, sich darüber aufregen, warum der andere das gemacht hat, warum etwas nicht so geblieben ist, wie man es gerne gehabt hätte, und plötzlich ist aus einem Kofferraum eine komplette Beziehungsgeschichte geworden.

Es gibt das, was ist, und dann gibt es unseren Widerstand

Ich finde das deshalb so spannend, weil wir ständig sagen, unser Leben sei schwierig.

Aber ist das Leben tatsächlich schwierig oder machen wir es an vielen Stellen schwierig, weil wir nicht gelernt haben, mit dem umzugehen, was gerade ist?

Damit meine ich überhaupt nicht, dass es keine Situationen gibt, die uns wehtun, uns erschüttern oder unser ganzes Leben verändern können. Natürlich gibt es Trauer, Verlust, Angst, Wut, Enttäuschung und Situationen, in denen wir erst einmal überhaupt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Aber selbst dann bleibt für mich diese eine Frage bestehen: Was ist gerade wirklich da und was füge ich noch zusätzlich hinzu?

Denn häufig kommt zu dem, was sowieso schon weh tut, noch unser Widerstand oder die Abtrennung. Wir denken, dass etwas nicht so sein dürfte, dass ein Mensch anders reagieren müsste, dass unser Leben anders aussehen sollte oder wir selbst anders sein müssten, damit endlich alles in Ordnung wäre.

Und genau an dieser Stelle entsteht oft das, was wir Problem nennen.

Wir haben nie wirklich gelernt, mit dem zu sein, was ist. Wir haben viel eher gelernt, sofort zu bewerten, einzuordnen und zu entscheiden, ob etwas richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, erwünscht oder unerwünscht ist, und wenn etwas unerwünscht ist, glauben wir meistens auch sofort, dass es weg muss.

Viele Menschen haben sogar gelernt, dass sie selbst das Problem sind. Vielleicht warst du als Kind zu laut, zu wild, zu empfindlich, zu ruhig oder einfach irgendwie anders, als die Erwachsenen um dich herum dich gerne gehabt hätten, damit du in ihren Tag  und ihr Leben hineinpasst. Vielleicht wurde dir, wie mir, direkt gesagt, dass du dich anders verhalten sollst, oder du hast einfach immer wieder gespürt, dass du so, wie du bist, nicht ganz richtig, nicht liebenswert bist.

Wenn ein Kind so etwas oft genug erlebt, beginnt es, nicht nur bestimmte Situationen als problematisch zu erleben, sondern sich selbst. Daraus entsteht dann ein Erwachsener, der ständig etwas korrigieren möchte: sich selbst, andere Menschen, Beziehungen, Stimmungen und am besten irgendwann das ganze Leben, auch das der anderen.

Vielleicht ist genau deshalb die Vorstellung, dass es ein Leben ohne Probleme geben könnte, für viele Menschen so absurd. Probleme sind für uns normal, wir reden darüber, lösen sie, analysieren sie, erwarten sie und manchmal fühlen wir uns fast ein bisschen komisch, wenn gerade keines da ist, weil Ruhe für viele Menschen ungewohnter ist als Drama. Dabei könnte man an so vielen Stellen etwas völlig anderes üben.

Nicht alles schönzureden und auch nicht so zu tun, als wäre einem plötzlich alles egal, sondern einen Moment lang aufzuhören, sofort etwas aus dem zu machen, was gerade passiert. Einfach einmal schauen, was tatsächlich da ist. Sitzt da ein Mensch, der ganz offensichtlich sauer ist und möchte, dass es auch jeder merkt, und dann darf das erst einmal so sein. Dann klebt da auf einem Teller ein Preisaufkleber, und der darf auch erst einmal da sein, bis jemand ihn abmacht. Vielleicht ist ein Kofferraum unordentlich, jemand ist enttäuscht von dir oder versteht dich falsch, und vielleicht merkst du sogar, dass eine Beziehung nicht mehr zu dir passt oder du in einer bestimmten Rolle nicht mehr weiterleben möchtest.

Das ist genau erst einmal die Wahrheit dieses Moments, und von dort aus kannst du schauen, was du damit tun möchtest. Das ist für mich etwas vollkommen anderes, als sofort ein Problem daraus zu machen.

Denn sobald ich nicht mehr glaube, jeden Menschen, jede Stimmung und jede Situation irgendwie regulieren zu müssen, bleibt unglaublich viel Energie bei mir. Dann darf jemand schlecht drauf sein, ohne dass ich innerlich mitgehen muss, und jemand darf mich falsch verstehen, ohne dass ich mich eine Stunde lang erklären muss. Es darf etwas anders laufen, als ich es geplant hatte, ohne dass daraus sofort Drama werden muss, und ich darf eine Entscheidung treffen, obwohl ich weiß, dass jemand anderes sie wahrscheinlich nicht besonders toll finden wird.

Genau das ist eine der größten Formen von innerer Freiheit. Nicht dass immer alles angenehm ist und auch nicht, dass plötzlich nichts mehr wehtut, sondern dass ich nicht mehr aus allem, was mir nicht gefällt, automatisch ein Problem verursache.

Wir machen uns unser Leben an vielen Stellen schwerer, als es sein müsste, einfach weil wir es so gelernt haben. Wir haben gelernt, zu reagieren, uns einzumischen, zu bewerten, uns verantwortlich zu fühlen und innerlich gegen das anzukämpfen, was in diesem Moment ohnehin schon da ist. Ein anderes Leben, beginnt allerdings genau dort, wo du das einmal bemerkst, nicht irgendwann bei einem riesigen Lebensthema. Sondern genau beim nächsten Menschen, der eine Fresse zieht, bei der nächsten Situation, die anders läuft als geplant, oder eben beim nächsten Preisschild auf einem Teller.

Das ist übrigens etwas, was du in meinen Räumen und ganz besonders auch in meinem Retreat wunderbar üben kannst: nicht Situationen immer sofort verändern, bewerten oder zu einem Problem machen zu müssen, sondern erst einmal bei dir zu bleiben und das da sein zu lassen, was gerade da ist. Denn je mehr du das wirklich erfährst und nicht nur verstehst, desto weniger muss das Leben sich ständig anders verhalten, damit es dir gut geht.

Und ausgerechnet diese ganz banalen Beobachtungen der letzten Tage haben mir übrigens noch einen ziemlich begeisterten Impuls für mein Herbstretreat gegeben. Ich möchte dort noch mehr echtes Leben mit hineinnehmen und dieses Mal ganz bewusst auch einen aktiven Teil gestalten. Denn ich merke immer wieder, dass sich unsere Konditionierungen im Tun viel deutlicher zeigen als dann, wenn wir zusammensitzen und wunderbar darüber sprechen können, was wir alles schon verstanden haben. 😅 Genau diese Momente möchte ich mit euch nutzen, um hinzuschauen, was tatsächlich passiert, wenn wir nicht nur über uns erzählen. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art einmal ganz anders kennenzulernen, findest du hier alle Informationen zu meinem Herbstretreat.

Retreat im Herbst

Ein Teil meiner Angebote

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Warum dein Leben leichter wird, wenn du nach innen gehst

 

In der vergangenen Woche konnte ich wieder sehr deutlich beobachten und erleben, wie schnell Menschen in Verzweiflung kommen, in Wut, teilweise auch in richtige Hassgefühle. Wie sie  anfangen, sich selbst zu verurteilen, kleinzumachen, an sich zu zweifeln. Gegen Menschen oder Situationen kämpfen, einfach, weil sie diese Erfahrung gerade nicht machen wollen, die da ist. Schauen wir dann gemeinsam genauer hin, kommt man immer wieder an denselben Punkt, nämlich dass das, was da gerade so weh tut und so schwer geworden ist, in sehr vielen Fällen gar nicht durch das entstanden ist, was tatsächlich passiert ist, sondern durch das, was der Verstand daraus gemacht hat.

Durch Gedanken,
Annahmen,
Vermutungen,
Vergleiche,
Spekulationen,
durch dieses ewige Überlegen, was der andere wohl gemeint haben könnte,
warum er so reagiert hat,
was jetzt wahrscheinlich passieren wird oder was das Ganze wieder über einen selbst aussagt. Ich könnte die Liste in die Unendlichkeit fortführen.

Tja, und ehe man sich versieht, ist aus irgendeiner, sogar ganz banalen Situation innerlich ein riesiges Drama geworden.

Und ja, ich weiß, ich gehe den Menschen, die ich begleite, damit manchmal ordentlich auf den Keks, weil ich immer wieder sage: Schau nach innen, bleib bei dir, geh nicht schon wieder mit deiner ganzen Aufmerksamkeit nach draußen. Doch genau da liegt für mich inzwischen so ein riesiger Unterschied.

Je länger ich das beobachte und je länger ich selbst so lebe, desto mehr habe ich wirklich das Gefühl, dass Menschen wie in zwei verschiedenen Welten leben.

Da ist auf der einen Seite diese sehr nach außen gerichtete Welt, was übrigens die meisten Menschen tun, in der ständig geschaut wird: Was machen die anderen, was denken die anderen, was ist gerade richtig, was ist falsch, was müsste ich tun, was sagen Experten, was funktioniert angeblich gerade? Dann kommt von irgendwo wieder eine neue Meinung, eine neue Methode, eine neue Idee, und zack, wird man innerlich schon wieder wie von einem Gummiband in die nächste Richtung gezogen.

Und ich glaube auch ganz ehrlich, dass ein Mensch, der fast ausschließlich in dieser äußeren Welt lebt, mit dem, was ich hier schreibe, erst einmal nullkommanull anfangen kann. Es gibt eben zu wenige, die das tun, sich nach innen ausrichten.

Ein nach außen gerichteter Mensch, wird sagen: Ja, schön, aber die Realität ist doch nun einmal da draußen, die Menschen sind so, die Situation ist so, die Welt ist so, also muss ich doch auch darauf reagieren, ich muss doch was tun.

Und ich bin inzwischen auch wirklich überzeugt, dass ein Mensch, der nicht von sich aus den Wunsch hat, nach innen zu gehen, sich selbst kennenzulernen und wirklich herauszufinden, was da in ihm geschieht, durch keine Argumente dieser Welt davon überzeugt werden kann.

Das ist auch gar nicht (mehr) meine Aufgabe.

Ich erspare mir das inzwischen, weil ich ganz einfach einsehen musste, dass dieser Wunsch aus dem Menschen selbst kommen muss. Du kannst niemandem erklären, dass er sich nach innen wenden soll, wenn er mit seinem ganzen Sein weiterhin nur nach außen möchte.

Und ja, ich muss auch ganz ehrlich sagen: Es sind nicht wahnsinnig viele Menschen, die das wirklich wollen. Sich selbst wirklich kennenzulernen.

Viele möchten, dass es ihnen besser geht, sie möchten weniger Angst haben, weniger Stress, bessere Beziehungen, mehr Geld oder ein leichteres Leben, aber das ist noch einmal etwas ganz anderes, als wirklich bereit zu sein, sich selbst kennenzulernen und nicht schon wieder irgendwo im Außen nach der nächsten Lösung zu suchen. Nur, im Außen gibt es nicht wirklich die Lösung. Es ist immer nur eine Symptombehandlung und nicht die Ursache.

Für mich beginnt es erst dort, wo ein Mensch wirklich verstanden hat, dass sein Leben nicht nur daraus besteht, im Außen etwas zu erreichen, zu verbessern oder zu bekommen, sondern dass da auch diese ganz eigene Bewegung nach innen ist.

Und ich würde sogar sagen, dass genau dort das liegt, was unsere eigene Energie, unsere Seele, unser Innerstes, wie auch immer du es nennen möchtest, von uns wirklich will.

Nicht noch weiter weg von uns – sondern näher zu uns.

Und wer diesen Ruf oder die Notwendigkeit nicht hört oder ihn im Moment einfach nicht hören möchte, den muss ich auch nicht überzeugen.

Dann ist das so. Vielleicht kommt dieser Moment einmal, vielleicht auch nicht. Ach, es gibt noch so viele Inkarnationen, wo es einem bewusst werden kann.

Aber wenn ein Mensch ihn einmal wirklich hört oder versteht, wo ihn das Leben gerade hinschubsen will, dann braucht es meistens auch nicht mehr viele Argumente.

Wenn du dein ganzes Leben lang gelernt hast, nach außen zu schauen, zu reagieren, zu bewerten, zu vergleichen, dich an anderen zu orientieren und aus dem, was draußen passiert, abzuleiten, wie es dir innen geht, dann klingt so ein Satz wie „geh nach innen“ wahrscheinlich erst einmal ziemlich schräg. Ja, ich weiß, und es kann dir so richtig auf den Zeiger gehen. Kenne ich selbst zu Genüge.

Was soll denn da innen sein?

Und genau deshalb bringt es für mich auch überhaupt nichts, jemanden davon überzeugen zu wollen.

Du kannst einem Menschen hundertmal erklären, dass es da noch einen anderen Raum in ihm gibt, in dem nicht jeder Gedanke sofort eine Wahrheit ist und nicht jedes Ereignis im Außen darüber entscheidet, wie es ihm geht, irgendwann muss er das selbst erleben. Da führt kein Weg daran vorbei. Es sind die Momente, in denen nix mehr im Außen geht, wo die Verzweiflung über das, was gerade da ist, mega groß ist.

Vielleicht braucht es manchmal tatsächlich einen Bruch, eine Erfahrung, einen Moment oder wie bei mir eine Krise, in der das bisherige Funktionieren eben nicht mehr funktioniert. Vielleicht aber auch ein kleines Wunder, damit ein Mensch überhaupt einmal stehenbleibt und merkt, dass das, was er bisher für die ganze Realität gehalten hat, vielleicht nur ein Teil davon ist. Und Wunder geschehen einfach zum Glück immer wieder.

Genauso ist es aber auch andersherum.

Wenn du diesen inneren Raum einmal kennengelernt hast und immer mehr daraus lebst, dann kannst du natürlich auch nicht mehr alles glauben, was dir das Außen vorsetzt, nur weil irgendein Mensch etwas behauptet, zehn andere es nachplappern oder irgendein Experte erklärt, dass das jetzt eben so ist. Ach ja, Statistiken habe ich vergessen, die berühren dich auch nicht mehr.

Du prüfst auf einmal ganz anders. Nicht, weil du grundsätzlich alles ablehnst, sondern weil du inzwischen etwas in dir entdeckt hast, woran du überhaupt prüfen kannst, ob etwas für dich stimmt oder eben nicht. Genau das sehe ich übrigens nicht nur bei Gefühlen oder Beziehungen, sondern in jedem Lebensbereich.

Nimm nur einmal das Thema Business.

Da haben viele Menschen mittlerweile überhaupt keine Vorstellung mehr davon, wie ein ganz normaler Geschäftsaufbau funktioniert, weil ihnen das Außen inzwischen etwas vollkommen anderes vorspielt.

Da wird suggeriert, du brauchst nur diesen einen Funnel, diese eine Strategie, diese eine Positionierung, dieses eine Programm oder diesen einen Menschen, der dir jetzt endlich sagt, wie es richtig geht, und dann kommen die Kunden am besten wie von selbst und ein paar Wochen später verdienst du fünfstellig im Monat. Und wenn das dann nicht funktioniert, bleibt man ja oft nicht einmal stehen und fragt sich: Was will ich überhaupt, was passt zu mir, was möchte ich wirklich aufbauen, wie möchte ich arbeiten, und bin ich auch bereit, diesem Aufbau die Zeit zu geben, die er eben braucht?

Nein, dann kommt schon der Nächste von außen und sagt: Du brauchst etwas ganz anderes, und schon zieht das Gummiband einen wieder in die nächste Richtung. Dann hierhin, dann dorthin, dann noch diese Strategie und dort noch ein neues Versprechen, und irgendwann weiß ein Mensch überhaupt nicht mehr, was von ihm selbst kommt und was er nur übernommen hat, weil es ihm irgendwo lange genug erzählt wurde. Warum wohl? Weil in sich instabil und so weit von sich weg.

Und genau deshalb ist dieses Nach-innen-Gehen für mich so wichtig.

Wobei ich damit überhaupt nicht meine, dass man jetzt den ganzen Tag in sich herumgrübelt, jeden Gedanken auseinandernimmt, seine Kindheit zum hundertsten Mal analysiert und immer noch einen neuen Grund dafür sucht, warum man so ist, wie man ist.

Für mich ist es eher das Gegenteil, weil dieses Nach-innen-Gehen für mich bedeutet, dass ich mit der Zeit immer weniger auf alles anspringe, was mein Verstand mir erzählt, und eben nicht mehr jedem Gedanken automatisch glaube, nur weil er gerade in meinem Kopf auftaucht.

Und ich halte das auch für etwas, was man wirklich immer wieder tun darf, weil es da für mich keinen Punkt gibt, an dem man sagt: So, jetzt habe ich meinen Weg nach innen beendet, jetzt bin ich fertig und jetzt bleibt das für immer so.

Es gibt da keine bestimmte Zeit, keinen festgelegten Weg und auch kein Ziel, das irgendwann erreicht ist.

Das Leben passiert einfach weiter, Menschen sagen Dinge, Situationen verändern sich, hier berührt es einen, dort triggert es einen, etwas läuft nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, und natürlich fängt der Verstand dann wieder an, daraus eine Geschichte zu bauen, weil genau das ja seine Aufgabe ist. Warum sollte er denn verstummen?

Dann macht man es einfach wieder und wieder. Nicht in dem Sinn, dass man sich zurückzieht oder das Leben plötzlich nicht mehr mitbekommt, sondern dass man wieder schaut: Was passiert denn gerade tatsächlich in mir, was davon ist wirklich da und was habe ich mir schon wieder dazugedacht?

Und das darf man immer wieder machen.

Immer wieder nach innen gehen, immer wieder zu sich zurückkommen, immer wieder ein bisschen weniger jedem Gedanken hinterherlaufen, und ich erlebe: Genau dadurch verändert sich mit der Zeit sehr viel mehr, als man am Anfang vielleicht überhaupt vermutet.

Das Leben wird ruhiger.

Man wird gelassener, man wird nicht mehr bei jeder Kleinigkeit innerlich hin- und hergeschleudert, man muss nicht mehr auf jede Meinung aufspringen. Vor allem entsteht mit der Zeit etwas, was ich für unglaublich wichtig halte, nämlich eine ganz andere Stabilität.

Und diese Stabilität entsteht für mich nicht dadurch, dass draußen endlich alles stimmt, sondern dadurch, dass ich mich selbst immer besser kenne.

Wenn ich weiß, wer ich bin, wenn ich mich selbst wahrnehmen kann, wenn ich weiß, was für mich stimmig ist und was nicht, dann bin ich natürlich sehr viel schwerer von jeder Meinung, jedem Trend, jedem Versprechen und jeder Stimmung im Außen aus meiner Mitte zu ziehen.

Und  so nebenbei: Für mich hat das überhaupt nichts mit Weltfremdheit zu tun.

Im Gegenteil, wir müssen nur einmal ganz nüchtern nach außen schauen.
Wenn dieses permanente Nach-außen-Gerichtetsein so wunderbar funktionieren würde, wenn dieses ständige Verbessern, Kämpfen, Bewerten, Missionieren, Vergleichen, Aufwiegeln und Aufregen wirklich dazu führen würde, dass die Welt besser wird, dann müsste sie ja inzwischen ein ziemlich friedlicher Ort sein. Dein Leben müsste doch inzwischen ein Hafen der Zufriedenheit sein, bei all deinem Kampf und dem Sammeln von Informationen?

Ist es aber nicht.

Und deshalb empfinde ich die Frage inzwischen als viel spannender: Was passiert, wenn ein Mensch nicht noch mehr versucht, das Außen zu verändern, sondern wenn er selbst ruhiger wird, wenn er gelassener wird, weniger reagiert und nicht mehr jeden inneren Impuls sofort nach draußen trägt?

Ich kann das in meinen Begleitungen immer wieder beobachten, auch wenn ich den Menschen wirklich manchmal oder öfter auf den Nerv gehe mit meinem „Es passiert innen, es passiert innen, es passiert innen“, aber ich sehe auch, was passiert, wenn jemand sich darauf tatsächlich einlässt.

Wenn jemand aufhört, ständig im Außen nach der nächsten Erklärung oder nach der nächsten Lösung zu suchen, und stattdessen anfängt, sich selbst wirklich wahrzunehmen, dann verändert sich etwas.
Nicht unbedingt spektakulär, aber sehr deutlich.

Dann merkt dieser Mensch selbst, dass er ruhiger geworden ist, dass ihn Dinge nicht mehr so mitreißen, dass er anders entscheidet, dass er weniger Angst vor seinen eigenen Gefühlen hat und dass er nicht mehr ständig jemanden oder etwas im Außen braucht, damit es ihm wieder besser geht.

Wir unterschätzen vollkommen, was das auch mit der Welt um uns herum macht. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass jeder Mensch durch seine Art zu sein etwas in seine Umgebung hineinträgt.

Wenn du ruhiger bist, gehst du anders durch die Welt, du sprichst anders mit Menschen, du reagierst anders, du entscheidest anders und du kommst dadurch natürlich auch mit anderen Situationen und anderen Menschen in Kontakt, und damit verändert sich dann tatsächlich auch deine Welt.

Das finde ich ja gerade so faszinierend, weil ich mir heute sehr viel weniger Gedanken um die Welt mache als früher, und trotzdem hat sich meine Welt sehr verändert. Nicht, weil ich sie permanent verändern wollte, sondern weil ich mich verändert habe.

Dadurch erlebe ich vieles anders, ich entscheide anders, ich gehe anders mit Menschen um und manches bekommt überhaupt keinen Platz mehr in meinem Leben, weil ich nicht mehr automatisch auf alles anspringe.

Das ist genau der Punkt, den wir so oft übersehen.
Das Leben wird eben nicht nur durch das, was passiert, schwer, sondern auch dadurch, wie schwer wir selbst innerlich sind. Wir selbst hängen die Gewichte dran. Genauso kann es leichter werden, wenn wir selbst leichter werden.

Nicht oberflächlich, nicht gleichgültig und auch nicht so, dass uns alles egal ist, sondern leichter, weil wir nicht mehr jeden Gedanken, jede Meinung und jede Geschichte mit uns herumschleppen müssen und weil wir immer wieder zu uns zurückfinden können.

Und genau das sind auch die Bereiche, um die es in meinem Retreat immer wieder geht. 
Retreat im November

Nicht um noch mehr Wissen, nicht um noch mehr Informationen zu sammeln und auch nicht darum, dreieinhalb Tage lang noch mehr über sich selbst nachzudenken, davon haben die meisten von uns wirklich genug.

Sondern darum, mit sich selbst und mit der eigenen Innenwelt wieder wirklich in Kontakt zu kommen. Sich wahrzunehmen, sich kennenzulernen, zu spüren, was tatsächlich in einem geschieht, und immer mehr zu erfahren, dass da etwas in einem ist, was sehr viel ruhiger und stabiler ist als all diese Gedanken, die uns manchmal den ganzen Tag durch die Gegend ziehen.
Genau dort beginnt dieses andere Leben, von dem ich hier spreche. Nicht weit weg und auch nicht irgendeines Tages, wenn du endlich alles verstanden hast.

Sondern immer wieder genau da, wo du zu dir zurückkommst.