Die halbe Wahrheit – das Unsichtbare davor

Die halbe Wahrheit – das Unsichtbare davor

Die halbe Wahrheit – das Unsichtbare davor

Die halbe Geschichte schützt dein Ego. Die ganze Geschichte heilt.

Es passiert ständig, dass Menschen eine Geschichte erzählen und genau an der Stelle anfangen, an der sie selbst am besten dastehen. Dann heißt es: „Meine Freundin hat einfach den Kontakt abgebrochen“, „Mein Kollege ist völlig ausgerastet“, „Meine Tochter ist so kalt geworden“ oder „Meine Partnerin hat mich verlassen.“ Und natürlich klingt das erstmal hart, weil man nur diesen einen Ausschnitt hört.

Was dabei oft fehlt, ist alles, was vorher war. Die vielen kleinen Situationen, die Gespräche, die übergangen wurden, die Abwertungen, das Desinteresse, Grenzüberschreitungen oder einfach dieses ständige Gefühl, mit dem eigenen Empfinden nicht wirklich vorzukommen. Genau das verschwindet schnell aus der Erzählung, weil die Geschichte dann natürlich nicht mehr ganz so bequem ist.

Wir kennen nie die ganze Geschichte eines anderen Menschen. Aber ich empfinde es als wichtig, bei solchen Erzählungen nicht nur auf den letzten Satz zu schauen, sondern sich auch zu fragen, was davor passiert ist.

Denn selten beginnt eine Distanzierung an dem Tag, an dem sie ausgesprochen wird. Oft liegt davor schon eine lange Strecke, die nach außen keiner gesehen hat. Genau deshalb kann eine Geschichte völlig anders wirken, sobald dieses Davor mit auf den Tisch kommt.

Wenn die Reaktion plötzlich zum ganzen Problem erklärt wird

Was wir Menschen ziemlich gut können, ist, den Moment herauszugreifen, in dem wir verletzt wurden, und alles davor ein Stück unscharf werden zu lassen. Dann wird aus einer langen Entwicklung ein einziger Satz: „Sie hat mich einfach fallen lassen.“

Dieses „einfach“ ist schon sehr interessant.

Es macht aus etwas Komplexem eine sehr übersichtliche Geschichte, in der ziemlich schnell feststeht, wer was getan hat. Nur erzählt solch eine Version eben oft mehr darüber, wie wir das Geschehen heute sehen wollen, als darüber, wie es tatsächlich gelaufen ist.

Wenn du verstehen möchtest, warum eine Beziehung, eine Freundschaft oder ein anderer Kontakt an einem bestimmten Punkt gekippt ist, reicht es deshalb nicht, nur auf den letzten Moment zu schauen. Viel aufschlussreicher ist oft die Frage, wie miteinander gesprochen wurde, was immer wieder nicht gehört wurde und ob sich über längere Zeit etwas aufgebaut hat.

Da wird die Sache schon weniger bequem, weil du plötzlich selbst mit in der Geschichte oder Situation stehst und nicht mehr nur der andere.

Die Frage, die kaum einer gern stellt

Die Frage lautet nicht sofort: Was habe ich falsch gemacht?

Für mich spielt viel mehr eine Rolle: Was habe ich schon früher wahrgenommen und trotzdem übergangen? Wo habe ich geschwiegen, obwohl mich etwas gestört hat? Wo habe ich etwas erwartet, dass der andere doch merken müsste, was ich brauche, obwohl ich es nie gesagt habe? Und an welcher Stelle habe ich weitergemacht, obwohl ich längst gemerkt habe, dass sich etwas zwischen uns verändert?

Damit verschiebt sich der Blick schon gewaltig.

Dann geht es nicht mehr nur darum, warum der andere gegangen ist, sondern auch darum, warum du selbst so lange geblieben bist. Nicht nur darum, warum jemand laut geworden ist, sondern auch darum, was sich vorher schon aufgestaut hatte.

Solche Fragen machen die Geschichte nicht automatisch schöner oder angenehmer, allerdings vollständiger.

Und manchmal merkst du dann dabei, dass du dir über Jahre eine Version erzählt hast, die sehr gut dafür geeignet war, nicht genauer hinschauen zu müssen.

Die ganze Geschichte ist selten so spektakulär wie die halbe

Wir erzählen uns Geschichten oft so, dass sie für uns Sinn ergeben und wir mit ihnen leben können. Dabei bleibt manches auf der Strecke, vor allem das, was nicht so gut zu der Rolle passt, in der wir uns selbst sehen.

Wenn du später noch einmal auf eine Beziehung, einen Streit oder einen Kontaktabbruch schaust, musst du deshalb nicht sofort alles neu beurteilen. Es reicht schon, wenn du offen dafür bist, dass deine Erinnerung nur deine Sicht auf das Ganze ist und der andere dieselbe Geschichte möglicherweise völlig anders erzählen würde.

Allein dieses Wissen macht den Blick weiter und nimmt ein Stück von dieser Gewissheit raus, mit der wir manchmal behaupten, ganz genau zu wissen, wie etwas gewesen ist. Das finde ich am Ende viel hilfreicher, als sich jahrelang an einer Version festzuhalten, nur weil sie sich besser aushalten lässt.

Wenn dich dieser Artikel zum Nachdenken gebracht hat, dann wirst du in meinem neuen Buch noch tiefer fündig: ‚Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst‘ – eine ehrliche Auseinandersetzung mit den verborgenen Wahrheiten in Beziehungen.

Wenn Normalität krank macht

Wenn Normalität krank macht

Wenn Normalität krank macht

Warum Normopathie nichts mit Lebendigkeit zu tun hat

Bämm, es gibt Wörter, bei denen du sofort merkst, dass sie etwas treffen, und bei mir war das der Begriff Normopathie. Aufmerksam geworden bin ich darauf durch den Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der sich damit beschäftigt hat, wie gesellschaftliche Zustände so selbstverständlich werden können, dass kaum noch jemand fragt, ob sie uns überhaupt guttun.

Was mich daran so angesprochen hat, war gar nicht dieser große theoretische Überbau, sondern eher die Frage, wie schnell wir etwas für normal halten, nur weil es viele machen. Du gehst jeden Morgen in einen Beruf, der dich längst nur noch nervt, aber weil alle sagen, du kannst doch froh sein, so einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, bleibst du eben. Du sitzt in einer Beziehung, in der seit Jahren nichts mehr wirklich lebendig ist, und trotzdem hörst du ständig: Nach so vielen Jahren wirft man doch nicht einfach alles weg. Oder du funktionierst in einer Rolle, die dir längst zu eng geworden ist, weil dein Umfeld dich genau so kennt und du keine Lust auf das Theater hast, das entstehen könnte, wenn du plötzlich anders wirst.

So etwas kann sehr lange unauffällig laufen, weil von außen ja alles normal aussieht. Genau das finde ich so spannend an diesem Thema. Nicht das Anderssein an sich ist automatisch gesund und Anpassung auch nicht automatisch krank. Die Frage ist eher, ob du noch merkst, wann du dich selbst ständig übergehst, nur damit du in ein Bild passt, das längst gar nicht mehr deins ist.

Und wenn du diese Frage schon lange nicht mehr gestellt hast, dann kann ein Wort wie Normopathie ziemlich unangenehm werden. Plötzlich guckst du nämlich auf Dinge, die du bisher einfach unter „So ist das halt“ abgeheftet hast.

Ein Chor, ein Anruf – und pinkrote Haare

Mein ältester Sohn Benjamin war damals 13 Jahre alt und sang bei den Augsburger Domsingknaben, und war eine der ersten Stimmen. Seine Stimme wurde gebraucht, gerade bei den wichtigen Auftritten, und so kam es, dass der Chor vor dem Bundeskanzler singen sollte.

Kurz vorher hatte Benjamin allerdings beschlossen, dass er rot-pinke Haare möchte. Die Friseurin wollte sie ihm nicht färben, also habe ich es kurzerhand selbst gemacht. Ich fand das überhaupt nicht dramatisch, Benjamin offenbar auch nicht, aber der Chorleiter sah das deutlich anders.

Wenige Tage später klingelte mein Telefon und ich hatte einen ziemlich aufgebrachten Chorleiter dran, der mir erklärte, dass mein Sohn auf keinen Fall mit diesen Haaren vor dem Bundeskanzler auftreten könne. Dann kam ein Satz, über den ich heute noch lachen muss. Wenn er 49 Jungs sagt, sie sollen nach Westen laufen, dann laufen die alle brav nach Westen, nur einer läuft immer in die andere Richtung, Benjamin.

Meine Antwort war sinngemäß: Das ist ja wohl das Beste, was Sie mir über meinen Sohn erzählen können.

Denn für mich war das keine Katastrophe, sondern eher ein ziemlich klares Zeichen dafür, dass Benjamin begann, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Natürlich wusste ich, dass seine Stimme für den Chor wichtig war, und natürlich war dieser Auftritt bedeutend. Nur bedeutete das für mich nicht automatisch, dass ich über seinen Kopf hinweg entscheiden musste, wie er auszusehen hat.

Anpassung oder Eigenständigkeit?

Bei den rot-pinken Haaren blieb es natürlich nicht. Der Chorleiter machte ziemlich klar, dass Benjamin die Haare bis zu einem bestimmten Termin wieder umfärben müsste, sonst wäre er aus dem Kammerchor raus. Ab da ging es für mich nicht mehr um eine Haarfarbe, sondern darum, wie viel Entscheidung bei Benjamin selbst liegen durfte.

Ich habe ihm die Situation erklärt und gesagt, dass er zwei Möglichkeiten hat: Er färbt die Haare um und singt beim Auftritt vor dem Bundeskanzler mit, oder er lässt sie so und muss damit rechnen, aus dem Chor zu fliegen. Ich wollte diese Entscheidung nicht über seinen Kopf hinweg treffen, denn wenn ich ihm die Haare eigenhändig rot-pink färbe und beim ersten Gegenwind sage: „Komm, wir machen sie schnell wieder brav“, wäre das auch eine ziemlich schräge Botschaft gewesen.

Benjamin war da sehr klar und sagte: „Dann gehe ich ganz raus.“ Genau das hat er gemacht. Mein zweiter Sohn, der gerade erst bei den Domsingknaben angefangen hatte, ist ebenfalls ausgestiegen, wobei ich bei ihm bis heute vermute, dass der große Bruder da schon ordentlich Zugkraft hatte.

Für mich war damals wichtig, dass Benjamin die Konsequenz seiner Entscheidung kannte und sie trotzdem selbst treffen durfte. Ich wollte ihm nicht beibringen, dass Eigenständigkeit nur so lange in Ordnung ist, wie sie niemanden stört. Denn genau da wird es spannend: Solange ein Kind seinen eigenen Kopf hat und das Ergebnis trotzdem hübsch ins Bild passt, finden es alle toll. Sobald dieser eigene Kopf Arbeit macht, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Die Stimmen der anderen

Fast spannender als die Reaktion des Chorleiters fand ich damals, was von anderen Eltern kam. Mehrere sagten zu mir: „Claudia, das kannst du doch nicht machen. Das ist doch so bedeutungsvoll, bei den Domsingknaben zu sein.“

Nur kam bei mir sofort die Frage hoch: Bedeutungsvoll für wen?

Für meinen Sohn offensichtlich nicht so sehr, dass er dafür seine Entscheidung zurücknehmen wollte. Für viele Erwachsene dagegen schon, weil die Domsingknaben natürlich auch für etwas stehen, für Ansehen, Besonderheit und dieses Gefühl, dass das Kind bei etwas dabei ist, was nicht jeder macht.

Ich glaube, genau da vermischen wir Eltern ziemlich viel. Was wir selbst beeindruckend finden, muss für unser Kind noch lange nicht denselben Stellenwert haben. Natürlich dürfen wir Kinder führen, ihnen Dinge zumuten und auch mal sagen: Da gehst du jetzt durch. Aber es macht einen Unterschied, ob ich das tue, weil es dem Kind wirklich dient, oder weil ich möchte, dass es in ein Bild passt, auf das ich selbst stolz bin.

Bei Benjamin war die Sache für mich ziemlich klar. Er wusste, was die Konsequenz seiner Entscheidung war, und er wollte trotzdem raus. Jahre später hat er mir nie vermittelt, dass ihm dadurch etwas Wesentliches gefehlt hätte.

Genau deshalb bin ich bis heute froh, dass ich ihn damals nicht zurück in die gewünschte Form gedrückt habe. Denn Kinder merken schnell, ob ihre Eigenständigkeit wirklich willkommen ist oder nur so lange, wie sie hübsch ins Fotoalbum passt.

Wenn Anpassung zum Selbstverlust wird

Normopathie zeigt sich ja nicht nur in solchen auffälligen Geschichten wie bei Benjamin. Viel öfter läuft sie ganz unspektakulär mit. In der Schule hält ein Kind lieber den Mund, weil es gemerkt hat, dass seine Meinung ständig aneckt. Im Beruf wird aus einer klaren Haltung eine weichgespülte Präsentation, weil bloß keiner im Raum nervös werden soll. In Familien wird Harmonie so hoch gehängt, dass am Ende keiner mehr sagt, was wirklich los ist.

Das passiert meistens nicht mit böser Absicht. Menschen möchten dazugehören, sicher sein, nicht unangenehm auffallen und schon gar nicht riskieren, aus einer Gruppe herauszufallen. Genau deshalb ist Anpassung auch so verführerisch, weil sie kurzfristig vieles leichter macht.

Nur wenn du das über Jahre machst, bezahlst du dafür.

Dann gewöhnst du dir an, deinem eigenen Empfinden immer weniger zu trauen. Du hörst stärker darauf, was als vernünftig, passend oder normal gilt, und merkst gar nicht mehr, wie oft du dich dabei selbst übergehst.

Der Satz „Alle machen das so“ war für mich noch nie besonders überzeugend. Fünfzig Menschen können gemeinsam in die falsche Richtung laufen und es bleibt trotzdem die falsche Richtung.

Genau deshalb ist mir diese Geschichte mit den 49 Jungs bis heute so präsent geblieben. Nicht, weil Benjamin automatisch recht hatte, weil er anders war, sondern weil er bereit war, selbst zu entscheiden und auch mit der Konsequenz zu leben. Das ist für mich der entscheidende Unterschied. Ich finde es bis heute sehr cool von meinem Sohn.

Die Frage, die übrig bleibt

Für mich läuft dieses ganze Thema am Ende auf eine ziemlich einfache Frage hinaus: Will ich das wirklich, oder mache ich es nur, weil es von mir erwartet wird?

Ja, da wird es schon wieder unbequem. Gerade dann nicht, wenn du merkst, dass du einen Weg schon sehr lange gehst, obwohl er gar nicht mehr deiner ist. Da lohnt sich Ehrlichkeit, weil du sonst weiter funktionierst und dich gleichzeitig wunderst, warum du innerlich immer müder wirst.

Die Geschichte mit Benjamin ist mir deshalb bis heute so präsent. Nicht weil Anderssein automatisch richtig ist und Anpassung automatisch falsch, sondern weil er damals sehr klar wusste, was er wollte, und bereit war, die Konsequenz dafür zu tragen. Genau das wünsche ich mir auch für Erwachsene öfter.

Denn nur weil alle nach Westen laufen, musst du nicht hinterherrennen, wenn du längst merkst, dass dein Weg in eine andere Richtung geht. Du darfst schon prüfen, ob das, was du gerade lebst, wirklich noch zu dir passt.

Und wenn die Antwort „Nein“ ist, dann ist das zumindest mal ein ziemlich guter Anfang.

Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Warum manche Menschen Veränderung buchen, aber nur Bestätigung wollen

Ich hatte vor einiger Zeit eine Teilnehmerin, die mich am Anfang unglaublich idealisiert hat. Da kamen Sätze, bei denen ich innerlich schon dachte: Oha, das ist jetzt aber eine ziemlich hohe Sockelleiste, auf die du mich da stellst.

Am Anfang fühlt sich so etwas natürlich nett an. Wer hört nicht gerne, dass er toll, besonders oder genau der richtige Mensch für etwas ist? Nur habe ich mit der Zeit gemerkt, dass diese starke Bewunderung gar nicht so harmlos war, wie sie zunächst wirkte.

Denn in dem Moment, in dem ich angefangen habe, Grenzen zu setzen oder nicht mehr das gesagt habe, was sie hören wollte, hat sich die Stimmung komplett gedreht. Aus Bewunderung wurde Enttäuschung, aus Nähe Distanz und aus der Frau, die mich vorher fast auf Händen getragen hätte, jemand, der plötzlich kaum noch etwas Gutes an mir finden konnte.

Das war für mich sehr lehrreich, weil ich gemerkt habe, wie schnell Menschen jemanden hochheben, solange er ins eigene Bild passt. Sobald dieser Mensch aber nicht mehr liefert, was man erwartet, fällt er eben genauso schnell wieder runter.

Da geht es dann gar nicht so sehr um die Person selbst, sondern um die Rolle, die sie erfüllen sollte.

Und genau das hat für mich mit Bewusstseinsarbeit sehr viel zu tun. Solange alles angenehm ist, solange du dich verstanden fühlst und solange niemand an eine Stelle kommt, die weh tut, kann man sich sehr bewusst vorkommen. Erst wenn es reibt, zeigt sich, was wirklich passiert.

Was passiert, wenn Grenzen auftauchen

Grenzen sind oft der Moment, an dem sich zeigt, wie tragfähig eine Beziehung wirklich ist. Solange alles passt und du mitgehst, ist es leicht, Nähe zu fühlen. Interessant wird es erst, wenn du Nein sagst, widersprichst oder eben nicht das gibst, was der andere gerade von dir erwartet.

Gerade in Begleitung ist das wichtig, weil ich nicht dafür da bin, jemandem alles abzunicken. Wenn ich nur bestätige, was ohnehin schon geglaubt wird, brauche ich keine Bewusstseinsarbeit zu machen. Dann kann ich auch einen Rosenquarz auf den Tisch legen und freundlich nicken.

Eine Grenze kann natürlich unbequem sein. Sie kann Enttäuschung auslösen, Wut, Rückzug oder das Gefühl, nicht mehr verstanden zu werden. Aber genau daran merkst du auch, ob jemand bereit ist, bei sich zu schauen, oder sofort wieder im Außen landet.

Für mich gehört das dazu. Wenn ich einen Menschen ernst nehme, dann sage ich nicht nur das, was gut klingt. Ich sage auch, wenn ich merke, dass etwas kippt, dass Verantwortung abgegeben wird oder eine Grenze nötig ist.

Sonst wird Begleitung zur Bestätigungsschleife und die hilft am Ende keinem.

Bewusstseinsarbeit ist nicht dazu da, dich zu bestätigen

Wenn ich mit einem Menschen arbeite, dann geht es für mich nicht darum, ihm möglichst oft zu sagen, dass er recht hat. Das wäre auf Dauer zwar angenehm, aber auch ziemlich nutzlos. Dafür hat sich ja derjenige nicht angemeldet, dann kann man es gleich lassen.

Es gibt Momente, da braucht jemand Bestärkung. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen es wichtiger ist, etwas anzusprechen, das gerade nicht besonders bequem ist. Wenn ich merke, dass jemand sich im Kreis dreht, Verantwortung abgibt oder immer wieder dieselbe Geschichte erzählt und dabei völlig übersieht, was er selbst dazu beiträgt, dann werde ich das sagen.

Sonst kann ich mir die Begleitung sparen.

Ich möchte niemanden kleinmachen oder belehren, aber ich halte auch nichts davon, alles weichzuspülen, damit kein Widerstand entsteht. Gerade der Widerstand zeigt oft, dass da etwas berührt wurde, was vorher gut geschützt war.

Auch ich kann mich irren, dann sage ich das auch. Aber wenn etwas zwischen uns kippt, dann gehört genau das genauso auf den Tisch wie alles andere.

Für mich ist Bewusstseinsarbeit deshalb kein Ort, an dem du nur bestätigt wirst. Es ist eher ein Raum, in dem du dir selbst ehrlicher begegnen kannst, auch an den Stellen, an denen du dich bisher lieber rausgemogelt hast.

Verantwortung beginnt da, wo es unbequem wird

Der angenehmste Teil von Bewusstseinsarbeit ist meistens der, in dem du etwas erkennst und denkst: Ah ja, stimmt, jetzt verstehe ich mich besser. Schwieriger wird es erst danach, wenn du merkst, dass diese Erkenntnis auch Konsequenzen hat.

Dann reicht es nicht mehr, nur zu wissen, dass du immer wieder die Verantwortung abgibst. Du musst anfangen, sie zurückzunehmen. Nicht im Sinne von Schuld, sondern indem du schaust, was du selbst tun kannst, was du ändern willst und an welcher Stelle du dich bisher lieber auf den anderen konzentriert hast.

Genau das mögen wir Menschen nicht wirklich gern, weil es viel bequemer ist, wenn klar ist, wer schuld ist. Dann kann man sich wunderbar empören und muss sich mit dem eigenen Anteil nicht beschäftigen.

Nur bringt dich das selten weiter.

Wenn ich merke, dass mich jemand ständig triggert, kann ich natürlich nur auf diesen Menschen schauen. Ich kann mich aber auch fragen, warum genau mich das so trifft und was davon mit mir zu tun hat. Das heißt nicht, dass ich jedes Verhalten des anderen entschuldigen muss. Es heißt nur, dass ich mich selbst nicht komplett aus der Gleichung nehme.

Für mich beginnt Verantwortung genau an diesem Punkt. Ich höre auf zu warten, dass erst der andere sich ändern muss, damit es mir besser geht, und schaue, was ich selbst beeinflussen kann.

Das ist nicht angenehm, wie auch – und doch ziemlich befreiend, weil du damit wieder Handlungsspielraum bekommst. Sonst sitzt du da wie vor einem kaputten Fernseher und hoffst, dass jemand anders endlich die Fernbedienung findet.

Ehrlichkeit statt schöner Selbsterklärung

Am Ende bringt dir Bewusstseinsarbeit nur etwas, wenn du bereit bist, dich auch an den Stellen anzuschauen, an denen dein Selbstbild kleine Risse bekommt. Solange alles nur bestätigt, was du ohnehin schon über dich denkst, kann sich das natürlich wunderbar anfühlen, nur verändert sich dadurch herzlich wenig.

Ich halte deshalb die Frage für wichtiger, ob du wirklich wissen willst, was bei dir läuft, oder ob du lieber jemanden suchst, der dir möglichst überzeugend erklärt, dass du mit allem recht hast. Das ist menschlich, aber eben keine besonders gute Grundlage für Veränderung.

Wenn eine Begleitung unbequem wird, heißt das nicht automatisch, dass der Begleiter recht hat. Genauso wenig heißt es aber, dass etwas falsch läuft, nur weil du plötzlich Widerstand spürst. Beides darf geprüft werden, ohne Drama und ohne sofort einen Schuldigen zu brauchen.

Für mich gehört dazu, Entscheidungen ernst zu nehmen, Grenzen auszuhalten und auch mal sagen zu können: Scheiße, da habe ich mich selbst gerade ziemlich gut erwischt.

Ab da wird Bewusstseinsarbeit für mich brauchbar. Vorher kann man sich auch mit einem Rosenquarz hinsetzen und nett über Entwicklung reden. Das ist gemütlicher, nur meistens nicht ganz so wirksam.

Bewusstseinsarbeit bringt dir nichts, wenn sie nur dazu dient, dein bisheriges Bild von dir zu bestätigen. Manchmal tut eine Erkenntnis gut, manchmal nervt sie dich gewaltig. Entscheidend ist für mich, ob du bereit bist, wirklich hinzuschauen und mit dem, was du erkennst, auch etwas zu machen.

Sonst kann man sich den ganzen Aufwand auch sparen und den Rosenquarz übernehmen lassen.

Moral oder Verantwortung?

Moral oder Verantwortung?

Moral oder Verantwortung?

Wir sind in ein Netz aus Regeln und Verboten hineingeboren 

Wir wachsen alle mit Regeln auf. Was man macht, was man nicht macht, was sich gehört, was anständig ist und bei welchen Dingen man besser gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt. Das ist ja normal, weil Kinder Orientierung brauchen und eine Gesellschaft auch nicht funktionieren würde, wenn jeder einfach macht, was ihm gerade einfällt. Meint man.

Schwierig wird es da, wo wir diese Regeln nie mehr prüfen.

Dann übernehmen wir Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist, und behandeln sie später so, als wären sie Naturgesetze. Dabei stammen viele davon aus einer bestimmten Familie, einer bestimmten Zeit, einer Religion, einer Kultur oder schlicht aus der Angst davor, was die Nachbarn sagen könnten.

Mich interessiert vielmehr die Frage, ob ich etwas tue, weil es für mich wirklich stimmig ist, oder weil ich gelernt habe, dass man es eben so macht.

Denn Verantwortung ist etwas anderes als Gehorsam.

Wenn ich nur eine Regel befolge, muss ich mir nicht besonders viele Gedanken machen, weil ich mich darauf berufen kann, dass man es eben so macht. In dem Moment, in dem ich aber selbst prüfe, was ich tue, warum ich es tue und welche Folgen das für mich und andere hat, wird es persönlicher und manchmal auch unbequemer. Genau deshalb ist Verantwortung für mich deutlich anspruchsvoller als bloßer Gehorsam, aber auch ehrlicher.

Wer entscheidet denn, was richtig ist?

Ich bin wirklich überzeugt, dass jeder Mensch ein eigenes Gespür dafür entwickeln kann, was für ihn stimmig ist und was nicht. Nur wird dieses Gespür oft sehr früh überlagert von dem, was wir gelernt haben. Familie, Schule, Kirche, Gesellschaft – all das prägt uns natürlich und sagt uns ziemlich deutlich, was als richtig gilt und was nicht.

Später merken wir dann oft gar nicht mehr, ob eine Entscheidung wirklich aus uns selbst kommt oder ob da nur eine alte Regel mitredet. Genau das macht das Thema Moral für mich so interessant, weil ich nicht einfach alles über Bord werfen will, was wir gelernt haben. Ich will eher wissen: Trage ich diese Regel noch, weil sie für mich heute wirklich stimmt, oder nur, weil ich nie auf die Idee gekommen bin, sie zu hinterfragen?

Das sieht man wunderschön an ganz normalen Lebenssituationen. Du möchtest jemandem etwas Ehrliches sagen und hörst innerlich schon: „Das darfst du nicht, das verletzt den anderen.“ Natürlich musst du nicht jeden Gedanken ungefiltert rausknallen, nur damit du dich besonders (scheinbar) authentisch fühlst. Aber Schweigen kann genauso unehrlich sein, wenn du nur deshalb nichts sagst, weil du Angst vor der Reaktion hast.

In Beziehungen läuft es ähnlich. Viele haben gelernt, dass man eine Ehe nicht einfach beendet, dass man durchhalten muss oder Gehen automatisch Scheitern bedeutet. Nur wenn zwei Menschen sich längst gegenseitig kaputtmachen, hilft diese Regel keinem mehr. Dann wird aus Treue schnell Pflicht und aus Pflicht ein Leben, das keiner mehr wirklich will.

Auch bei Sexualität tragen wir oft erstaunlich viele fremde Vorstellungen mit uns herum. Was sich gehört, was zu viel ist, was man darf und was man besser nicht erzählt. Für mich ist viel wichtiger, ob Menschen ehrlich miteinander umgehen, ob Grenzen respektiert werden und ob keiner etwas vorspielt, nur damit es nach außen ordentlich aussieht.

Für mich liegt da der Unterschied zwischen einer Regel, die ich einfach übernommen habe, und Verantwortung, die ich wirklich selbst trage.

Wenn Verbote mehr Schatten erzeugen als Klarheit

Verbote haben ja eine ziemlich interessante Wirkung auf uns. Je strenger etwas verboten wird, desto größer wird oft der Reiz, es trotzdem zu tun, nur eben heimlich. Das kennt wahrscheinlich jeder schon aus der Kindheit. Sobald dir jemand sagt: „Da gehst du nicht dran“, wird das Ding plötzlich zehnmal interessanter als vorher.

Bei moralischen Regeln läuft das ähnlich. Wenn bestimmte Wünsche, Gedanken oder Verhaltensweisen so stark verurteilt werden, dass du sie dir selbst kaum eingestehen darfst, verschwinden sie deshalb nicht. Sie gehen nur in den Keller.

Nach außen hältst du dich dann vielleicht brav an alles, was als richtig gilt, und innen läuft ein ganz anderes Programm. Da entsteht für mich diese Doppelmoral, die wir überall sehen können. Menschen verurteilen lautstark etwas, das sie selbst heimlich tun, oder sie spielen nach außen die moralisch saubere Version von sich und leben hinter verschlossener Tür etwas völlig anderes.

Das finde ich viel problematischer als einen Menschen, der ehrlich sagt, was er will, und dann auch die Verantwortung dafür übernimmt.

Denn nur weil etwas verboten ist, wird es dadurch nicht automatisch falsch. Und nur weil etwas gesellschaftlich akzeptiert ist, wird es dadurch nicht automatisch richtig.

Deshalb interessiert mich null, ob jemand alle Regeln perfekt erfüllt. Mich interessiert, ob er ehrlich mit sich selbst ist und bereit ist, die Folgen seiner Entscheidungen zu tragen.

Das ist für mich erwachsener als dieses ewige „Das darf man nicht“, ohne überhaupt zu wissen, warum.

Verantwortung ist unbequemer als Gehorsam

Eine Regel zu befolgen ist oft einfacher, weil du dich darauf berufen kannst. Verantwortung verlangt mehr, weil du selbst entscheiden musst und dir hinterher keiner abnimmt, was daraus entsteht.

Genau das macht sie unbequem.

Du kannst nicht mehr sagen: „So macht man das eben“, sondern musst dir selbst die Frage stellen, ob du zu deiner Entscheidung stehen kannst, auch wenn sie nicht jedem gefällt.

Für mich ist das der Unterschied. Gehorsam fragt nach dem, was erlaubt ist. Verantwortung fragt danach, womit du leben kannst.

Wenn wir ein Leben leben, das nicht unseres ist

Wenn wir ein Leben leben, das nicht unseres ist

Wenn wir ein Leben leben, das nicht unseres ist

Aus Vertrauen übernehmen wir Muster, bis wir den Mut finden, sie zu hinterfragen.

Es gibt Menschen, die schon sehr früh merken, dass etwas in ihrem Leben nicht wirklich zu ihnen passt. Andere funktionieren viele Jahre erstaunlich gut, bauen sich etwas auf, erfüllen Erwartungen, machen das, was man eben so macht, und wundern sich trotzdem, warum sie innerlich immer unzufriedener oder leerer werden.

Das Seltsame daran ist, dass dieses Leben nach außen oft normal aussieht. Da ist vielleicht ein Job, eine Beziehung, ein Haus, Familie, also all das, von dem man mal dachte, dass genau das doch ein gutes Leben sein müsste. Und trotzdem sitzt da dieses Gefühl, dass man sich selbst unterwegs verloren hat.

Das fängt meistens viel früher an, als wir denken. Wir übernehmen Vorstellungen darüber, wie man zu sein hat, was vernünftig ist, was sich gehört, was man besser nicht macht und wie ein gelungenes Leben auszusehen hat. Vieles davon stellen wir nie bewusst infrage, weil es so selbstverständlich mitläuft, dass wir gar nicht merken, wie stark es unsere Entscheidungen prägt.

Und wenn du lange genug nach solchen übernommenen Vorstellungen lebst, wird es ziemlich schwer, auseinanderzuhalten, was davon wirklich deins ist und was du einfach übernommen hast, weil es immer schon so da war.

Genau das kann einen richtig mürbe machen. Du führst nach außen ein Leben, das vollkommen in Ordnung aussieht, und innen merkst du trotzdem immer deutlicher, dass es sich nicht nach dir anfühlt.

Die ersten Prägungen

Schon als Kinder bekommen wir ziemlich genau mit, was in einer Familie erwünscht ist und was eher nicht. Dafür braucht es gar keine großen Ansagen, oft reichen Blicke, Reaktionen, Schweigen oder dieses feine Gefühl, dass man besser ruhig bleibt, sich anpasst oder lieber nichts sagt, wenn man dazugehören will.

Du merkst sehr früh, womit du gut ankommst. Wenn du vernünftig, hilfsbereit oder leistungsbereit bist, gibt es Anerkennung. Wenn du laut wirst, widersprichst, wütend bist oder Fragen stellst, wird es schnell komisch und unangenehm und aus solchen Erfahrungen entsteht mit der Zeit ein Bild von dir selbst, das sich so selbstverständlich anfühlt, dass du gar nicht mehr merkst, wie viel davon übernommen ist.

Dann denkst du nicht: Meine Mutter kann mit meiner Wut schlecht umgehen. Du denkst: Mit meiner Wut stimmt etwas nicht. Du denkst nicht: Mein Vater hat Mühe mit meinen Fragen. Du denkst eher: Ich frage zu viel. Und wenn in deiner Familie Widerspruch schnell als schwierig galt, dann kann es sein, dass du später glaubst, du seist kompliziert, nur weil du eine andere Meinung hast.

Solche Dinge nehmen wir mit ins Erwachsenenleben. Dann wunderst du dich, warum du dich in Beziehungen zurücknimmst, bei der Arbeit bloß nicht auffallen willst oder ständig darüber nachdenkst, was andere von dir halten. Dabei laufen da oft nur sehr alte Anpassungen weiter, die sich inzwischen wie Persönlichkeit anfühlen.

Für mich ist das einer der spannendsten Punkte, weil du da merkst, dass nicht alles, was du über dich glaubst, wirklich zu dir gehört. Manches war einfach die beste Lösung, die du als Kind gefunden hast, damit es zu Hause möglichst wenig kracht. Was damals sinnvoll war, kann dir heute ziemlich im Weg stehen.

Wenn keine Ablösung stattfinden darf

Spätestens in der Pubertät beginnt normalerweise dieser Prozess, bei dem du dich innerlich ein Stück von deinen Eltern löst und anfängst herauszufinden, wer du ohne ihre Vorstellungen bist. Genau das ist aber in vielen Familien gar nicht so einfach, weil Ablösung schnell als Ablehnung verstanden wird.

Dann heißt es nicht: Mein Kind wird eigenständiger. Sondern eher: Was ist denn jetzt mit dir los?

Wenn du plötzlich andere Ansichten hast, andere Wege gehen willst oder nicht mehr alles mitmachst, kann das ziemlich viel Unruhe auslösen. Und wenn du früh gelernt hast, dass Zugehörigkeit davon abhängt, wie gut du dich anpasst, dann wird dieser Schritt natürlich noch schwieriger.

Viele bleiben dann innerlich enger gebunden, als ihnen guttut. Sie treffen Entscheidungen und prüfen gleichzeitig, wie die Eltern reagieren würden. Sie erklären sich, rechtfertigen sich oder schieben eigene Wünsche weg, weil sie niemanden enttäuschen wollen.

Ich kenne das aus meinem eigenen Leben sehr gut. Bei meinem ersten Partner habe ich vieles viel zu lange mitgetragen, weil ich dieses Bild von Beziehung und Familie im Kopf hatte und gleichzeitig vermeiden wollte, als diejenige dazustehen, die alles kaputt macht. Damals war mir noch gar nicht klar, wie stark solche alten Vorstellungen mitlaufen können, auch wenn du längst erwachsen bist.

Und genau da wird Ablösung wichtig. Nicht als Bruch mit der Familie, sondern als innerer Schritt, bei dem du dir erlaubst, dein Leben wirklich nach dir auszurichten. Das kann bedeuten, dass andere deine Entscheidungen nicht verstehen, sie nicht gut finden oder dir sogar einreden wollen, dass du dich verrennst.

Nur wenn du dein ganzes Leben danach ausrichtest, niemanden zu enttäuschen, enttäuschst du am Ende ziemlich zuverlässig dich selbst.

Wie wir das alte Muster später weiterleben

Was alte Muster so hartnäckig macht, ist, dass sie nicht verschwinden, nur weil du erwachsen bist, Geld verdienst und theoretisch dein eigenes Leben führst.

Du kannst längst ausgezogen sein, deine eigene Familie haben, beruflich erfolgreich sein und trotzdem innerlich noch danach schauen, ob Mama, Papa oder sonst jemand das gut findet, was du machst.

Das läuft oft so leise, dass du es gar nicht bemerkst. Du erklärst Entscheidungen ausführlicher, als nötig wäre, du rechtfertigst dich, obwohl keiner danach gefragt hat, oder du stellst deine eigenen Wünsche hinten an, weil du schon im Kopf hast, wer davon enttäuscht sein könnte.

Und wenn du das lange genug machst, fühlt sich Anpassung fast vernünftig an.

Du sagst dir dann, du willst keinen Streit, möchtest niemanden verletzen, musst Rücksicht nehmen oder willst schauen, wie es für alle passt. Klingt alles wunderbar erwachsen, kann aber auch heißen, dass du dich selbst schon wieder ganz hinten auf die Liste gesetzt hast.

Ich kenne das von mir gut genug. Ich habe früher Entscheidungen teilweise gedanklich durch sämtliche möglichen Reaktionen anderer Menschen geschickt, bevor ich überhaupt bei mir geschaut habe, was ich selbst will. Da war innerlich schon eine komplette Familienkonferenz am Laufen, obwohl noch kein Mensch etwas gesagt hatte.

So kann man sich natürlich herrlich beschäftigen.

Und genau deshalb sind diese alten Muster so hartnäckig. Sie fühlen sich nicht immer wie Angst oder Anpassung an, sondern oft wie Vernunft, Rücksicht oder Verantwortung. Erst wenn du genauer hinschaust, merkst du, dass du dein Leben immer noch stark danach ausrichtest, wie gut andere mit deinen Entscheidungen klarkommen.

Dann wird die Frage plötzlich viel einfacher: Würde ich das auch so entscheiden, wenn ich niemandem etwas erklären müsste?

Die Antwort darauf kann ziemlich aufschlussreich sein.

Was es dich kostet, dauerhaft gegen dich selbst zu leben

Wenn du über Jahre Entscheidungen triffst, die vorrangig für andere passen sollen, merkst du das nicht unbedingt sofort. Du funktionierst ja und der Rest auch. Du gehst arbeiten, kümmerst dich, hältst Termine ein, bist verlässlich und von außen sieht alles völlig normal aus. Genau deshalb kann es so lange dauern, bis du merkst, wie viel Kraft dich dieses ständige Gegen-dich-selbst-Leben eigentlich kostet.

Es ist nicht immer der große Zusammenbruch. Oft ist es viel unspektakulärer. Du bist ständig erschöpft, gereizter als früher, hast kaum noch Lust auf Dinge, die dir mal Freude gemacht haben, oder du merkst, dass du immer öfter einfach nur deine Ruhe willst. Nicht, weil du plötzlich zum Einsiedler geworden bist, sondern weil du innerlich dauernd gegen etwas anarbeitest.

Das zieht Energie und nicht gerade wenig.

Wenn du jeden Tag Entscheidungen triffst, bei denen du innerlich Nein meinst und äußerlich Ja sagst, du dich ständig zurücknimmst, damit es für alle anderen passt, dann ist das auf Dauer einfach anstrengend. Da hilft auch kein Wochenende im Spa, obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Spa habe.

Was ich heute wichtig finde: Nicht jedes körperliche oder psychische Symptom bedeutet automatisch, dass du „nicht dein Leben lebst“. Aber wenn du schon lange spürst, dass etwas in deinem Leben nicht stimmt, und gleichzeitig merkst, wie viel Kraft dich dein Alltag kostet, dann darfst du diese Verbindung auf jeden Fall ernst nehmen.

Ich kenne Menschen, die jahrelang gesagt haben: „Es geht schon.“ Und ja, es ging. Nur ist „es geht schon“ noch lange nicht dasselbe wie „es stimmt für mich“.

Schau da mal hin, es lohnt sich. Nicht gleich alles umwerfen, nicht sofort Haus verkaufen, Beziehung beenden und nach Costa Rica oder sonst wohin auswandern. Aber wenigstens aufhören, sich selbst einzureden, dass alles passt, wenn man längst merkt, dass es nicht so ist.

Wenn du aufhörst, dich selbst zu belügen

Du musst nicht sofort wissen, wie dein ganzes Leben weitergehen soll. Das ist ja der nächste Stress. Kaum merkst du, dass etwas nicht mehr passt, willst du am liebsten gleich den kompletten neuen Plan auf dem Tisch haben. Nur so läuft Veränderung halt selten.

Manchmal reicht es, dass du dir ehrlich eingestehst, was nicht mehr stimmt. Dass du sagst: „Diese Beziehung tut mir nicht gut. Dieser Job zieht mir jeden Tag den Stecker. Ich passe mich hier schon viel zu lange an.“ Oder auch ganz schlicht: „So möchte ich nicht mehr weitermachen.“

Allein das verändert schon etwas, weil du nicht mehr die ganze Kraft dafür brauchst, dir selbst das Gegenteil einzureden.

Das heißt noch lange nicht, dass du am nächsten Morgen alles kündigst, deine Koffer packst und mit einer Topfpflanze unter dem Arm in ein neues Leben marschierst. Aber du hörst auf, dich selbst zu überreden.

Und genau das ist für mich der entscheidende Punkt. Solange du innerlich längst weißt, was los ist, aber nach außen weiter so tust, als wäre alles okay, bleibst du in diesem Spagat hängen. Das kostet unglaublich viel Kraft.

Wenn du dir selbst endlich glaubst, wird nicht automatisch alles leicht, aber es wird klarer.

Und Klarheit ist oft genau das, was vorher gefehlt hat.