Wer sind deine Fünf
Wer sind deine Fünf
Das Moai-Prinzip
Ich sitze hier und überlege, was ich dieses Jahr in der Adventszeit mit meiner Chiarezza-Gruppe und meinen 1-zu-1-Menschen machen möchte. Ich hätte gern wieder etwas, das nicht nur nett ist, sondern wirklich verbindet.
Dabei musste ich an unser Kintsugi-Ritual denken. Falls du damals bei meinen 24 Tagen dabei warst, erinnerst du dich vielleicht noch daran. Jeder hatte seine eigene Schale, die wir zerbrochen und anschließend mit Gold wieder zusammengesetzt haben. Später haben wir uns im Zoom getroffen, unsere Schalen gezeigt und darüber gesprochen, was dieser Prozess mit uns gemacht hat.
Meine Schale habe ich heute noch. Wenn ich sie sehe, denke ich nicht zuerst daran, dass sie einmal kaputt war. Ich sehe diese goldenen Linien und erinnere mich an diesen Abend und an dieses Gefühl, dass jeder für sich etwas gemacht hat und wir trotzdem miteinander verbunden waren. So etwas mag ich. Nicht dieses erzwungene „Wir sind jetzt alle eine große Familie“, sondern Gemeinschaft, die einfach entsteht, weil Menschen sich wirklich begegnen.
Kurz danach bin ich in einem Hörbuch wieder auf die Blue Zones gestoßen, also auf Regionen, in denen auffallend viele Menschen ein hohes Alter erreichen. Dabei wurde auch über das sogenannte Moai gesprochen, eine Tradition aus Okinawa. Dabei schließen sich kleine Gruppen von Menschen zusammen, die sich über viele Jahre gegenseitig unterstützen, ganz praktisch im Alltag, emotional und teilweise auch finanziell.
Ich hörte das und dachte sofort: Das gefällt mir.
Kein großes Konzept, keine zwölf Schritte zur vollkommenen Verbundenheit und auch kein Wochenendseminar mit Abschlusszertifikat. Menschen, die wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Daraufhin habe ich über meine eigenen Menschen nachgedacht und gemerkt, dass die Frage „Wer sind deine Fünf?“ gar nicht so leicht zu beantworten ist.
Nicht, weil ich niemanden habe. Aber wenn ich genauer hinschaue, macht es schon einen Unterschied, ob ich jemanden gernhabe, gern mit ihm rede oder ob ich bei diesem Menschen tatsächlich nichts darstellen muss.
Bei wem kann ich einfach Claudia sein? Nicht diejenige, die gerade begleitet, einen Gedanken dazu hat oder meistens ziemlich schnell sieht, wo der Hase im Pfeffer liegt. Bei wem kann ich auch sagen, dass mir gerade alles auf den Keks geht, dass ich müde bin oder überhaupt keine Ahnung habe, was ich mit einer Situation anfangen soll?
Da wird die Auswahl schon übersichtlicher.
Menschen, bei denen du nichts leisten musst
Wir haben uns ziemlich daran gewöhnt, vieles allein mit uns auszumachen. Gerade Menschen, die sonst viel für andere da sind, merken oft gar nicht, wie selten sie selbst jemanden anrufen und sagen: „Du, ich brauch dich gerade mal.“ Das kenne ich selbst zu gut.
Man kann den ganzen Tag mit Menschen sprechen, Nachrichten beantworten, zuhören und sich austauschen und am Abend trotzdem feststellen, dass einen heute eigentlich niemand gefragt hat, wie es einem selbst geht. Nicht dieses höfliche „Alles gut?“, bei dem ohnehin schon erwartet wird, dass man „Ja“ sagt, sondern so, dass die Antwort auch länger dauern dürfte.
Für mich sind genau das die Menschen, die zu meinen Fünf gehören würden. Bei denen ich mich nicht vorher sortieren muss, bevor ich anrufe. Die auch aushalten, wenn ich gerade nichts Kluges zu sagen habe. Und die nicht sofort mit einem Lösungskoffer oder einem ihrer schlauen Bücher angerannt kommen, wenn ich nur mal erzählen möchte.
Wobei ich vermutlich selbst auch nicht immer völlig unschuldig am Lösungskoffer bin. Berufskrankheit. Manchmal wäre es wahrscheinlich für alle Beteiligten gesünder, wir würden einfach gemeinsam einen Kaffee trinken und die Klappe halten.
Wer würde dir einfallen?
Wenn du diese Frage jetzt für dich beantworten müsstest: Wer wären deine Fünf?
Wer sind die Menschen, die dich kennen, wenn du gerade nichts Beeindruckendes vorzuweisen hast? Wen könntest du nachts anrufen, wenn wirklich etwas wäre? Wer meldet sich auch einmal bei dir, ohne vorher etwas zu brauchen?
Es müssen übrigens nicht fünf sein. Vielleicht sind es drei, zwei oder im Moment nur einer. Ich würde daraus keinen neuen Leistungssport machen und jetzt anfangen, hektisch Freundschaften zu sammeln, damit die Moai-Liste vollständig wird.
Neugierig bin ich eher, wie diese Verbindungen tatsächlich aussehen. Ob wir uns nur erzählen, dass wir einander nah sind, oder ob wir uns auch wirklich zeigen. Ob ich Hilfe annehmen kann, wenn sie mir angeboten wird. Und ob ich überhaupt sage, wenn ich jemanden brauche, oder still darauf warte, dass der andere hellsehen kann.
Manche Beziehungen könnten vermutlich schon davon profitieren, wenn wir weniger darüber nachdenken, wie Verbundenheit aussehen sollte, und öfter miteinander Zeit verbringen.
Von mir aus auch schweigend im Wald. Da kann man wunderbar gemeinsam wo hinschauen, wo überhaupt kein Reh steht. Das beherrsche ich inzwischen ziemlich gut.
Und meine Adventsidee?
Die ist beim Schreiben dieses Textes immer noch nicht vollständig vom Himmel gefallen. Aber das Thema gefällt mir. Vielleicht wird daraus etwas für meine Gruppe, vielleicht führt es mich noch ganz woanders hin. Bis dahin lasse ich das Moai einfach mal bei mir herumliegen und schaue, was daraus wird.
