Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Wenn Bewusstseinsarbeit auf Unbewusstheit trifft

Warum manche Menschen Veränderung buchen, aber nur Bestätigung wollen

Ich hatte vor einiger Zeit eine Teilnehmerin, die mich am Anfang unglaublich idealisiert hat. Da kamen Sätze, bei denen ich innerlich schon dachte: Oha, das ist jetzt aber eine ziemlich hohe Sockelleiste, auf die du mich da stellst.

Am Anfang fühlt sich so etwas natürlich nett an. Wer hört nicht gerne, dass er toll, besonders oder genau der richtige Mensch für etwas ist? Nur habe ich mit der Zeit gemerkt, dass diese starke Bewunderung gar nicht so harmlos war, wie sie zunächst wirkte.

Denn in dem Moment, in dem ich angefangen habe, Grenzen zu setzen oder nicht mehr das gesagt habe, was sie hören wollte, hat sich die Stimmung komplett gedreht. Aus Bewunderung wurde Enttäuschung, aus Nähe Distanz und aus der Frau, die mich vorher fast auf Händen getragen hätte, jemand, der plötzlich kaum noch etwas Gutes an mir finden konnte.

Das war für mich sehr lehrreich, weil ich gemerkt habe, wie schnell Menschen jemanden hochheben, solange er ins eigene Bild passt. Sobald dieser Mensch aber nicht mehr liefert, was man erwartet, fällt er eben genauso schnell wieder runter.

Da geht es dann gar nicht so sehr um die Person selbst, sondern um die Rolle, die sie erfüllen sollte.

Und genau das hat für mich mit Bewusstseinsarbeit sehr viel zu tun. Solange alles angenehm ist, solange du dich verstanden fühlst und solange niemand an eine Stelle kommt, die weh tut, kann man sich sehr bewusst vorkommen. Erst wenn es reibt, zeigt sich, was wirklich passiert.

Was passiert, wenn Grenzen auftauchen

Grenzen sind oft der Moment, an dem sich zeigt, wie tragfähig eine Beziehung wirklich ist. Solange alles passt und du mitgehst, ist es leicht, Nähe zu fühlen. Interessant wird es erst, wenn du Nein sagst, widersprichst oder eben nicht das gibst, was der andere gerade von dir erwartet.

Gerade in Begleitung ist das wichtig, weil ich nicht dafür da bin, jemandem alles abzunicken. Wenn ich nur bestätige, was ohnehin schon geglaubt wird, brauche ich keine Bewusstseinsarbeit zu machen. Dann kann ich auch einen Rosenquarz auf den Tisch legen und freundlich nicken.

Eine Grenze kann natürlich unbequem sein. Sie kann Enttäuschung auslösen, Wut, Rückzug oder das Gefühl, nicht mehr verstanden zu werden. Aber genau daran merkst du auch, ob jemand bereit ist, bei sich zu schauen, oder sofort wieder im Außen landet.

Für mich gehört das dazu. Wenn ich einen Menschen ernst nehme, dann sage ich nicht nur das, was gut klingt. Ich sage auch, wenn ich merke, dass etwas kippt, dass Verantwortung abgegeben wird oder eine Grenze nötig ist.

Sonst wird Begleitung zur Bestätigungsschleife und die hilft am Ende keinem.

Bewusstseinsarbeit ist nicht dazu da, dich zu bestätigen

Wenn ich mit einem Menschen arbeite, dann geht es für mich nicht darum, ihm möglichst oft zu sagen, dass er recht hat. Das wäre auf Dauer zwar angenehm, aber auch ziemlich nutzlos. Dafür hat sich ja derjenige nicht angemeldet, dann kann man es gleich lassen.

Es gibt Momente, da braucht jemand Bestärkung. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen es wichtiger ist, etwas anzusprechen, das gerade nicht besonders bequem ist. Wenn ich merke, dass jemand sich im Kreis dreht, Verantwortung abgibt oder immer wieder dieselbe Geschichte erzählt und dabei völlig übersieht, was er selbst dazu beiträgt, dann werde ich das sagen.

Sonst kann ich mir die Begleitung sparen.

Ich möchte niemanden kleinmachen oder belehren, aber ich halte auch nichts davon, alles weichzuspülen, damit kein Widerstand entsteht. Gerade der Widerstand zeigt oft, dass da etwas berührt wurde, was vorher gut geschützt war.

Auch ich kann mich irren, dann sage ich das auch. Aber wenn etwas zwischen uns kippt, dann gehört genau das genauso auf den Tisch wie alles andere.

Für mich ist Bewusstseinsarbeit deshalb kein Ort, an dem du nur bestätigt wirst. Es ist eher ein Raum, in dem du dir selbst ehrlicher begegnen kannst, auch an den Stellen, an denen du dich bisher lieber rausgemogelt hast.

Verantwortung beginnt da, wo es unbequem wird

Der angenehmste Teil von Bewusstseinsarbeit ist meistens der, in dem du etwas erkennst und denkst: Ah ja, stimmt, jetzt verstehe ich mich besser. Schwieriger wird es erst danach, wenn du merkst, dass diese Erkenntnis auch Konsequenzen hat.

Dann reicht es nicht mehr, nur zu wissen, dass du immer wieder die Verantwortung abgibst. Du musst anfangen, sie zurückzunehmen. Nicht im Sinne von Schuld, sondern indem du schaust, was du selbst tun kannst, was du ändern willst und an welcher Stelle du dich bisher lieber auf den anderen konzentriert hast.

Genau das mögen wir Menschen nicht wirklich gern, weil es viel bequemer ist, wenn klar ist, wer schuld ist. Dann kann man sich wunderbar empören und muss sich mit dem eigenen Anteil nicht beschäftigen.

Nur bringt dich das selten weiter.

Wenn ich merke, dass mich jemand ständig triggert, kann ich natürlich nur auf diesen Menschen schauen. Ich kann mich aber auch fragen, warum genau mich das so trifft und was davon mit mir zu tun hat. Das heißt nicht, dass ich jedes Verhalten des anderen entschuldigen muss. Es heißt nur, dass ich mich selbst nicht komplett aus der Gleichung nehme.

Für mich beginnt Verantwortung genau an diesem Punkt. Ich höre auf zu warten, dass erst der andere sich ändern muss, damit es mir besser geht, und schaue, was ich selbst beeinflussen kann.

Das ist nicht angenehm, wie auch – und doch ziemlich befreiend, weil du damit wieder Handlungsspielraum bekommst. Sonst sitzt du da wie vor einem kaputten Fernseher und hoffst, dass jemand anders endlich die Fernbedienung findet.

Ehrlichkeit statt schöner Selbsterklärung

Am Ende bringt dir Bewusstseinsarbeit nur etwas, wenn du bereit bist, dich auch an den Stellen anzuschauen, an denen dein Selbstbild kleine Risse bekommt. Solange alles nur bestätigt, was du ohnehin schon über dich denkst, kann sich das natürlich wunderbar anfühlen, nur verändert sich dadurch herzlich wenig.

Ich halte deshalb die Frage für wichtiger, ob du wirklich wissen willst, was bei dir läuft, oder ob du lieber jemanden suchst, der dir möglichst überzeugend erklärt, dass du mit allem recht hast. Das ist menschlich, aber eben keine besonders gute Grundlage für Veränderung.

Wenn eine Begleitung unbequem wird, heißt das nicht automatisch, dass der Begleiter recht hat. Genauso wenig heißt es aber, dass etwas falsch läuft, nur weil du plötzlich Widerstand spürst. Beides darf geprüft werden, ohne Drama und ohne sofort einen Schuldigen zu brauchen.

Für mich gehört dazu, Entscheidungen ernst zu nehmen, Grenzen auszuhalten und auch mal sagen zu können: Scheiße, da habe ich mich selbst gerade ziemlich gut erwischt.

Ab da wird Bewusstseinsarbeit für mich brauchbar. Vorher kann man sich auch mit einem Rosenquarz hinsetzen und nett über Entwicklung reden. Das ist gemütlicher, nur meistens nicht ganz so wirksam.

Bewusstseinsarbeit bringt dir nichts, wenn sie nur dazu dient, dein bisheriges Bild von dir zu bestätigen. Manchmal tut eine Erkenntnis gut, manchmal nervt sie dich gewaltig. Entscheidend ist für mich, ob du bereit bist, wirklich hinzuschauen und mit dem, was du erkennst, auch etwas zu machen.

Sonst kann man sich den ganzen Aufwand auch sparen und den Rosenquarz übernehmen lassen.