Moral oder Verantwortung?

Moral oder Verantwortung?

Moral oder Verantwortung?

Wir sind in ein Netz aus Regeln und Verboten hineingeboren 

Wir wachsen alle mit Regeln auf. Was man macht, was man nicht macht, was sich gehört, was anständig ist und bei welchen Dingen man besser gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt. Das ist ja normal, weil Kinder Orientierung brauchen und eine Gesellschaft auch nicht funktionieren würde, wenn jeder einfach macht, was ihm gerade einfällt. Meint man.

Schwierig wird es da, wo wir diese Regeln nie mehr prüfen.

Dann übernehmen wir Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist, und behandeln sie später so, als wären sie Naturgesetze. Dabei stammen viele davon aus einer bestimmten Familie, einer bestimmten Zeit, einer Religion, einer Kultur oder schlicht aus der Angst davor, was die Nachbarn sagen könnten.

Mich interessiert vielmehr die Frage, ob ich etwas tue, weil es für mich wirklich stimmig ist, oder weil ich gelernt habe, dass man es eben so macht.

Denn Verantwortung ist etwas anderes als Gehorsam.

Wenn ich nur eine Regel befolge, muss ich mir nicht besonders viele Gedanken machen, weil ich mich darauf berufen kann, dass man es eben so macht. In dem Moment, in dem ich aber selbst prüfe, was ich tue, warum ich es tue und welche Folgen das für mich und andere hat, wird es persönlicher und manchmal auch unbequemer. Genau deshalb ist Verantwortung für mich deutlich anspruchsvoller als bloßer Gehorsam, aber auch ehrlicher.

Wer entscheidet denn, was richtig ist?

Ich bin wirklich überzeugt, dass jeder Mensch ein eigenes Gespür dafür entwickeln kann, was für ihn stimmig ist und was nicht. Nur wird dieses Gespür oft sehr früh überlagert von dem, was wir gelernt haben. Familie, Schule, Kirche, Gesellschaft – all das prägt uns natürlich und sagt uns ziemlich deutlich, was als richtig gilt und was nicht.

Später merken wir dann oft gar nicht mehr, ob eine Entscheidung wirklich aus uns selbst kommt oder ob da nur eine alte Regel mitredet. Genau das macht das Thema Moral für mich so interessant, weil ich nicht einfach alles über Bord werfen will, was wir gelernt haben. Ich will eher wissen: Trage ich diese Regel noch, weil sie für mich heute wirklich stimmt, oder nur, weil ich nie auf die Idee gekommen bin, sie zu hinterfragen?

Das sieht man wunderschön an ganz normalen Lebenssituationen. Du möchtest jemandem etwas Ehrliches sagen und hörst innerlich schon: „Das darfst du nicht, das verletzt den anderen.“ Natürlich musst du nicht jeden Gedanken ungefiltert rausknallen, nur damit du dich besonders (scheinbar) authentisch fühlst. Aber Schweigen kann genauso unehrlich sein, wenn du nur deshalb nichts sagst, weil du Angst vor der Reaktion hast.

In Beziehungen läuft es ähnlich. Viele haben gelernt, dass man eine Ehe nicht einfach beendet, dass man durchhalten muss oder Gehen automatisch Scheitern bedeutet. Nur wenn zwei Menschen sich längst gegenseitig kaputtmachen, hilft diese Regel keinem mehr. Dann wird aus Treue schnell Pflicht und aus Pflicht ein Leben, das keiner mehr wirklich will.

Auch bei Sexualität tragen wir oft erstaunlich viele fremde Vorstellungen mit uns herum. Was sich gehört, was zu viel ist, was man darf und was man besser nicht erzählt. Für mich ist viel wichtiger, ob Menschen ehrlich miteinander umgehen, ob Grenzen respektiert werden und ob keiner etwas vorspielt, nur damit es nach außen ordentlich aussieht.

Für mich liegt da der Unterschied zwischen einer Regel, die ich einfach übernommen habe, und Verantwortung, die ich wirklich selbst trage.

Wenn Verbote mehr Schatten erzeugen als Klarheit

Verbote haben ja eine ziemlich interessante Wirkung auf uns. Je strenger etwas verboten wird, desto größer wird oft der Reiz, es trotzdem zu tun, nur eben heimlich. Das kennt wahrscheinlich jeder schon aus der Kindheit. Sobald dir jemand sagt: „Da gehst du nicht dran“, wird das Ding plötzlich zehnmal interessanter als vorher.

Bei moralischen Regeln läuft das ähnlich. Wenn bestimmte Wünsche, Gedanken oder Verhaltensweisen so stark verurteilt werden, dass du sie dir selbst kaum eingestehen darfst, verschwinden sie deshalb nicht. Sie gehen nur in den Keller.

Nach außen hältst du dich dann vielleicht brav an alles, was als richtig gilt, und innen läuft ein ganz anderes Programm. Da entsteht für mich diese Doppelmoral, die wir überall sehen können. Menschen verurteilen lautstark etwas, das sie selbst heimlich tun, oder sie spielen nach außen die moralisch saubere Version von sich und leben hinter verschlossener Tür etwas völlig anderes.

Das finde ich viel problematischer als einen Menschen, der ehrlich sagt, was er will, und dann auch die Verantwortung dafür übernimmt.

Denn nur weil etwas verboten ist, wird es dadurch nicht automatisch falsch. Und nur weil etwas gesellschaftlich akzeptiert ist, wird es dadurch nicht automatisch richtig.

Deshalb interessiert mich null, ob jemand alle Regeln perfekt erfüllt. Mich interessiert, ob er ehrlich mit sich selbst ist und bereit ist, die Folgen seiner Entscheidungen zu tragen.

Das ist für mich erwachsener als dieses ewige „Das darf man nicht“, ohne überhaupt zu wissen, warum.

Verantwortung ist unbequemer als Gehorsam

Eine Regel zu befolgen ist oft einfacher, weil du dich darauf berufen kannst. Verantwortung verlangt mehr, weil du selbst entscheiden musst und dir hinterher keiner abnimmt, was daraus entsteht.

Genau das macht sie unbequem.

Du kannst nicht mehr sagen: „So macht man das eben“, sondern musst dir selbst die Frage stellen, ob du zu deiner Entscheidung stehen kannst, auch wenn sie nicht jedem gefällt.

Für mich ist das der Unterschied. Gehorsam fragt nach dem, was erlaubt ist. Verantwortung fragt danach, womit du leben kannst.