Wenn Normalität krank macht

Wenn Normalität krank macht

Wenn Normalität krank macht

Warum Normopathie nichts mit Lebendigkeit zu tun hat

Bämm, es gibt Wörter, bei denen du sofort merkst, dass sie etwas treffen, und bei mir war das der Begriff Normopathie. Aufmerksam geworden bin ich darauf durch den Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der sich damit beschäftigt hat, wie gesellschaftliche Zustände so selbstverständlich werden können, dass kaum noch jemand fragt, ob sie uns überhaupt guttun.

Was mich daran so angesprochen hat, war gar nicht dieser große theoretische Überbau, sondern eher die Frage, wie schnell wir etwas für normal halten, nur weil es viele machen. Du gehst jeden Morgen in einen Beruf, der dich längst nur noch nervt, aber weil alle sagen, du kannst doch froh sein, so einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, bleibst du eben. Du sitzt in einer Beziehung, in der seit Jahren nichts mehr wirklich lebendig ist, und trotzdem hörst du ständig: Nach so vielen Jahren wirft man doch nicht einfach alles weg. Oder du funktionierst in einer Rolle, die dir längst zu eng geworden ist, weil dein Umfeld dich genau so kennt und du keine Lust auf das Theater hast, das entstehen könnte, wenn du plötzlich anders wirst.

So etwas kann sehr lange unauffällig laufen, weil von außen ja alles normal aussieht. Genau das finde ich so spannend an diesem Thema. Nicht das Anderssein an sich ist automatisch gesund und Anpassung auch nicht automatisch krank. Die Frage ist eher, ob du noch merkst, wann du dich selbst ständig übergehst, nur damit du in ein Bild passt, das längst gar nicht mehr deins ist.

Und wenn du diese Frage schon lange nicht mehr gestellt hast, dann kann ein Wort wie Normopathie ziemlich unangenehm werden. Plötzlich guckst du nämlich auf Dinge, die du bisher einfach unter „So ist das halt“ abgeheftet hast.

Ein Chor, ein Anruf – und pinkrote Haare

Mein ältester Sohn Benjamin war damals 13 Jahre alt und sang bei den Augsburger Domsingknaben, und war eine der ersten Stimmen. Seine Stimme wurde gebraucht, gerade bei den wichtigen Auftritten, und so kam es, dass der Chor vor dem Bundeskanzler singen sollte.

Kurz vorher hatte Benjamin allerdings beschlossen, dass er rot-pinke Haare möchte. Die Friseurin wollte sie ihm nicht färben, also habe ich es kurzerhand selbst gemacht. Ich fand das überhaupt nicht dramatisch, Benjamin offenbar auch nicht, aber der Chorleiter sah das deutlich anders.

Wenige Tage später klingelte mein Telefon und ich hatte einen ziemlich aufgebrachten Chorleiter dran, der mir erklärte, dass mein Sohn auf keinen Fall mit diesen Haaren vor dem Bundeskanzler auftreten könne. Dann kam ein Satz, über den ich heute noch lachen muss. Wenn er 49 Jungs sagt, sie sollen nach Westen laufen, dann laufen die alle brav nach Westen, nur einer läuft immer in die andere Richtung, Benjamin.

Meine Antwort war sinngemäß: Das ist ja wohl das Beste, was Sie mir über meinen Sohn erzählen können.

Denn für mich war das keine Katastrophe, sondern eher ein ziemlich klares Zeichen dafür, dass Benjamin begann, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Natürlich wusste ich, dass seine Stimme für den Chor wichtig war, und natürlich war dieser Auftritt bedeutend. Nur bedeutete das für mich nicht automatisch, dass ich über seinen Kopf hinweg entscheiden musste, wie er auszusehen hat.

Anpassung oder Eigenständigkeit?

Bei den rot-pinken Haaren blieb es natürlich nicht. Der Chorleiter machte ziemlich klar, dass Benjamin die Haare bis zu einem bestimmten Termin wieder umfärben müsste, sonst wäre er aus dem Kammerchor raus. Ab da ging es für mich nicht mehr um eine Haarfarbe, sondern darum, wie viel Entscheidung bei Benjamin selbst liegen durfte.

Ich habe ihm die Situation erklärt und gesagt, dass er zwei Möglichkeiten hat: Er färbt die Haare um und singt beim Auftritt vor dem Bundeskanzler mit, oder er lässt sie so und muss damit rechnen, aus dem Chor zu fliegen. Ich wollte diese Entscheidung nicht über seinen Kopf hinweg treffen, denn wenn ich ihm die Haare eigenhändig rot-pink färbe und beim ersten Gegenwind sage: „Komm, wir machen sie schnell wieder brav“, wäre das auch eine ziemlich schräge Botschaft gewesen.

Benjamin war da sehr klar und sagte: „Dann gehe ich ganz raus.“ Genau das hat er gemacht. Mein zweiter Sohn, der gerade erst bei den Domsingknaben angefangen hatte, ist ebenfalls ausgestiegen, wobei ich bei ihm bis heute vermute, dass der große Bruder da schon ordentlich Zugkraft hatte.

Für mich war damals wichtig, dass Benjamin die Konsequenz seiner Entscheidung kannte und sie trotzdem selbst treffen durfte. Ich wollte ihm nicht beibringen, dass Eigenständigkeit nur so lange in Ordnung ist, wie sie niemanden stört. Denn genau da wird es spannend: Solange ein Kind seinen eigenen Kopf hat und das Ergebnis trotzdem hübsch ins Bild passt, finden es alle toll. Sobald dieser eigene Kopf Arbeit macht, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Die Stimmen der anderen

Fast spannender als die Reaktion des Chorleiters fand ich damals, was von anderen Eltern kam. Mehrere sagten zu mir: „Claudia, das kannst du doch nicht machen. Das ist doch so bedeutungsvoll, bei den Domsingknaben zu sein.“

Nur kam bei mir sofort die Frage hoch: Bedeutungsvoll für wen?

Für meinen Sohn offensichtlich nicht so sehr, dass er dafür seine Entscheidung zurücknehmen wollte. Für viele Erwachsene dagegen schon, weil die Domsingknaben natürlich auch für etwas stehen, für Ansehen, Besonderheit und dieses Gefühl, dass das Kind bei etwas dabei ist, was nicht jeder macht.

Ich glaube, genau da vermischen wir Eltern ziemlich viel. Was wir selbst beeindruckend finden, muss für unser Kind noch lange nicht denselben Stellenwert haben. Natürlich dürfen wir Kinder führen, ihnen Dinge zumuten und auch mal sagen: Da gehst du jetzt durch. Aber es macht einen Unterschied, ob ich das tue, weil es dem Kind wirklich dient, oder weil ich möchte, dass es in ein Bild passt, auf das ich selbst stolz bin.

Bei Benjamin war die Sache für mich ziemlich klar. Er wusste, was die Konsequenz seiner Entscheidung war, und er wollte trotzdem raus. Jahre später hat er mir nie vermittelt, dass ihm dadurch etwas Wesentliches gefehlt hätte.

Genau deshalb bin ich bis heute froh, dass ich ihn damals nicht zurück in die gewünschte Form gedrückt habe. Denn Kinder merken schnell, ob ihre Eigenständigkeit wirklich willkommen ist oder nur so lange, wie sie hübsch ins Fotoalbum passt.

Wenn Anpassung zum Selbstverlust wird

Normopathie zeigt sich ja nicht nur in solchen auffälligen Geschichten wie bei Benjamin. Viel öfter läuft sie ganz unspektakulär mit. In der Schule hält ein Kind lieber den Mund, weil es gemerkt hat, dass seine Meinung ständig aneckt. Im Beruf wird aus einer klaren Haltung eine weichgespülte Präsentation, weil bloß keiner im Raum nervös werden soll. In Familien wird Harmonie so hoch gehängt, dass am Ende keiner mehr sagt, was wirklich los ist.

Das passiert meistens nicht mit böser Absicht. Menschen möchten dazugehören, sicher sein, nicht unangenehm auffallen und schon gar nicht riskieren, aus einer Gruppe herauszufallen. Genau deshalb ist Anpassung auch so verführerisch, weil sie kurzfristig vieles leichter macht.

Nur wenn du das über Jahre machst, bezahlst du dafür.

Dann gewöhnst du dir an, deinem eigenen Empfinden immer weniger zu trauen. Du hörst stärker darauf, was als vernünftig, passend oder normal gilt, und merkst gar nicht mehr, wie oft du dich dabei selbst übergehst.

Der Satz „Alle machen das so“ war für mich noch nie besonders überzeugend. Fünfzig Menschen können gemeinsam in die falsche Richtung laufen und es bleibt trotzdem die falsche Richtung.

Genau deshalb ist mir diese Geschichte mit den 49 Jungs bis heute so präsent geblieben. Nicht, weil Benjamin automatisch recht hatte, weil er anders war, sondern weil er bereit war, selbst zu entscheiden und auch mit der Konsequenz zu leben. Das ist für mich der entscheidende Unterschied. Ich finde es bis heute sehr cool von meinem Sohn.

Die Frage, die übrig bleibt

Für mich läuft dieses ganze Thema am Ende auf eine ziemlich einfache Frage hinaus: Will ich das wirklich, oder mache ich es nur, weil es von mir erwartet wird?

Ja, da wird es schon wieder unbequem. Gerade dann nicht, wenn du merkst, dass du einen Weg schon sehr lange gehst, obwohl er gar nicht mehr deiner ist. Da lohnt sich Ehrlichkeit, weil du sonst weiter funktionierst und dich gleichzeitig wunderst, warum du innerlich immer müder wirst.

Die Geschichte mit Benjamin ist mir deshalb bis heute so präsent. Nicht weil Anderssein automatisch richtig ist und Anpassung automatisch falsch, sondern weil er damals sehr klar wusste, was er wollte, und bereit war, die Konsequenz dafür zu tragen. Genau das wünsche ich mir auch für Erwachsene öfter.

Denn nur weil alle nach Westen laufen, musst du nicht hinterherrennen, wenn du längst merkst, dass dein Weg in eine andere Richtung geht. Du darfst schon prüfen, ob das, was du gerade lebst, wirklich noch zu dir passt.

Und wenn die Antwort „Nein“ ist, dann ist das zumindest mal ein ziemlich guter Anfang.