Wenn wir ein Leben leben, das nicht unseres ist
Wenn wir ein Leben leben, das nicht unseres ist
Aus Vertrauen übernehmen wir Muster, bis wir den Mut finden, sie zu hinterfragen.
Es gibt Menschen, die schon sehr früh merken, dass etwas in ihrem Leben nicht wirklich zu ihnen passt. Andere funktionieren viele Jahre erstaunlich gut, bauen sich etwas auf, erfüllen Erwartungen, machen das, was man eben so macht, und wundern sich trotzdem, warum sie innerlich immer unzufriedener oder leerer werden.
Das Seltsame daran ist, dass dieses Leben nach außen oft normal aussieht. Da ist vielleicht ein Job, eine Beziehung, ein Haus, Familie, also all das, von dem man mal dachte, dass genau das doch ein gutes Leben sein müsste. Und trotzdem sitzt da dieses Gefühl, dass man sich selbst unterwegs verloren hat.
Das fängt meistens viel früher an, als wir denken. Wir übernehmen Vorstellungen darüber, wie man zu sein hat, was vernünftig ist, was sich gehört, was man besser nicht macht und wie ein gelungenes Leben auszusehen hat. Vieles davon stellen wir nie bewusst infrage, weil es so selbstverständlich mitläuft, dass wir gar nicht merken, wie stark es unsere Entscheidungen prägt.
Und wenn du lange genug nach solchen übernommenen Vorstellungen lebst, wird es ziemlich schwer, auseinanderzuhalten, was davon wirklich deins ist und was du einfach übernommen hast, weil es immer schon so da war.
Genau das kann einen richtig mürbe machen. Du führst nach außen ein Leben, das vollkommen in Ordnung aussieht, und innen merkst du trotzdem immer deutlicher, dass es sich nicht nach dir anfühlt.
Die ersten Prägungen
Schon als Kinder bekommen wir ziemlich genau mit, was in einer Familie erwünscht ist und was eher nicht. Dafür braucht es gar keine großen Ansagen, oft reichen Blicke, Reaktionen, Schweigen oder dieses feine Gefühl, dass man besser ruhig bleibt, sich anpasst oder lieber nichts sagt, wenn man dazugehören will.
Du merkst sehr früh, womit du gut ankommst. Wenn du vernünftig, hilfsbereit oder leistungsbereit bist, gibt es Anerkennung. Wenn du laut wirst, widersprichst, wütend bist oder Fragen stellst, wird es schnell komisch und unangenehm und aus solchen Erfahrungen entsteht mit der Zeit ein Bild von dir selbst, das sich so selbstverständlich anfühlt, dass du gar nicht mehr merkst, wie viel davon übernommen ist.
Dann denkst du nicht: Meine Mutter kann mit meiner Wut schlecht umgehen. Du denkst: Mit meiner Wut stimmt etwas nicht. Du denkst nicht: Mein Vater hat Mühe mit meinen Fragen. Du denkst eher: Ich frage zu viel. Und wenn in deiner Familie Widerspruch schnell als schwierig galt, dann kann es sein, dass du später glaubst, du seist kompliziert, nur weil du eine andere Meinung hast.
Solche Dinge nehmen wir mit ins Erwachsenenleben. Dann wunderst du dich, warum du dich in Beziehungen zurücknimmst, bei der Arbeit bloß nicht auffallen willst oder ständig darüber nachdenkst, was andere von dir halten. Dabei laufen da oft nur sehr alte Anpassungen weiter, die sich inzwischen wie Persönlichkeit anfühlen.
Für mich ist das einer der spannendsten Punkte, weil du da merkst, dass nicht alles, was du über dich glaubst, wirklich zu dir gehört. Manches war einfach die beste Lösung, die du als Kind gefunden hast, damit es zu Hause möglichst wenig kracht. Was damals sinnvoll war, kann dir heute ziemlich im Weg stehen.
Wenn keine Ablösung stattfinden darf
Spätestens in der Pubertät beginnt normalerweise dieser Prozess, bei dem du dich innerlich ein Stück von deinen Eltern löst und anfängst herauszufinden, wer du ohne ihre Vorstellungen bist. Genau das ist aber in vielen Familien gar nicht so einfach, weil Ablösung schnell als Ablehnung verstanden wird.
Dann heißt es nicht: Mein Kind wird eigenständiger. Sondern eher: Was ist denn jetzt mit dir los?
Wenn du plötzlich andere Ansichten hast, andere Wege gehen willst oder nicht mehr alles mitmachst, kann das ziemlich viel Unruhe auslösen. Und wenn du früh gelernt hast, dass Zugehörigkeit davon abhängt, wie gut du dich anpasst, dann wird dieser Schritt natürlich noch schwieriger.
Viele bleiben dann innerlich enger gebunden, als ihnen guttut. Sie treffen Entscheidungen und prüfen gleichzeitig, wie die Eltern reagieren würden. Sie erklären sich, rechtfertigen sich oder schieben eigene Wünsche weg, weil sie niemanden enttäuschen wollen.
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben sehr gut. Bei meinem ersten Partner habe ich vieles viel zu lange mitgetragen, weil ich dieses Bild von Beziehung und Familie im Kopf hatte und gleichzeitig vermeiden wollte, als diejenige dazustehen, die alles kaputt macht. Damals war mir noch gar nicht klar, wie stark solche alten Vorstellungen mitlaufen können, auch wenn du längst erwachsen bist.
Und genau da wird Ablösung wichtig. Nicht als Bruch mit der Familie, sondern als innerer Schritt, bei dem du dir erlaubst, dein Leben wirklich nach dir auszurichten. Das kann bedeuten, dass andere deine Entscheidungen nicht verstehen, sie nicht gut finden oder dir sogar einreden wollen, dass du dich verrennst.
Nur wenn du dein ganzes Leben danach ausrichtest, niemanden zu enttäuschen, enttäuschst du am Ende ziemlich zuverlässig dich selbst.
Wie wir das alte Muster später weiterleben
Was alte Muster so hartnäckig macht, ist, dass sie nicht verschwinden, nur weil du erwachsen bist, Geld verdienst und theoretisch dein eigenes Leben führst.
Du kannst längst ausgezogen sein, deine eigene Familie haben, beruflich erfolgreich sein und trotzdem innerlich noch danach schauen, ob Mama, Papa oder sonst jemand das gut findet, was du machst.
Das läuft oft so leise, dass du es gar nicht bemerkst. Du erklärst Entscheidungen ausführlicher, als nötig wäre, du rechtfertigst dich, obwohl keiner danach gefragt hat, oder du stellst deine eigenen Wünsche hinten an, weil du schon im Kopf hast, wer davon enttäuscht sein könnte.
Und wenn du das lange genug machst, fühlt sich Anpassung fast vernünftig an.
Du sagst dir dann, du willst keinen Streit, möchtest niemanden verletzen, musst Rücksicht nehmen oder willst schauen, wie es für alle passt. Klingt alles wunderbar erwachsen, kann aber auch heißen, dass du dich selbst schon wieder ganz hinten auf die Liste gesetzt hast.
Ich kenne das von mir gut genug. Ich habe früher Entscheidungen teilweise gedanklich durch sämtliche möglichen Reaktionen anderer Menschen geschickt, bevor ich überhaupt bei mir geschaut habe, was ich selbst will. Da war innerlich schon eine komplette Familienkonferenz am Laufen, obwohl noch kein Mensch etwas gesagt hatte.
So kann man sich natürlich herrlich beschäftigen.
Und genau deshalb sind diese alten Muster so hartnäckig. Sie fühlen sich nicht immer wie Angst oder Anpassung an, sondern oft wie Vernunft, Rücksicht oder Verantwortung. Erst wenn du genauer hinschaust, merkst du, dass du dein Leben immer noch stark danach ausrichtest, wie gut andere mit deinen Entscheidungen klarkommen.
Dann wird die Frage plötzlich viel einfacher: Würde ich das auch so entscheiden, wenn ich niemandem etwas erklären müsste?
Die Antwort darauf kann ziemlich aufschlussreich sein.
Was es dich kostet, dauerhaft gegen dich selbst zu leben
Wenn du über Jahre Entscheidungen triffst, die vorrangig für andere passen sollen, merkst du das nicht unbedingt sofort. Du funktionierst ja und der Rest auch. Du gehst arbeiten, kümmerst dich, hältst Termine ein, bist verlässlich und von außen sieht alles völlig normal aus. Genau deshalb kann es so lange dauern, bis du merkst, wie viel Kraft dich dieses ständige Gegen-dich-selbst-Leben eigentlich kostet.
Es ist nicht immer der große Zusammenbruch. Oft ist es viel unspektakulärer. Du bist ständig erschöpft, gereizter als früher, hast kaum noch Lust auf Dinge, die dir mal Freude gemacht haben, oder du merkst, dass du immer öfter einfach nur deine Ruhe willst. Nicht, weil du plötzlich zum Einsiedler geworden bist, sondern weil du innerlich dauernd gegen etwas anarbeitest.
Das zieht Energie und nicht gerade wenig.
Wenn du jeden Tag Entscheidungen triffst, bei denen du innerlich Nein meinst und äußerlich Ja sagst, du dich ständig zurücknimmst, damit es für alle anderen passt, dann ist das auf Dauer einfach anstrengend. Da hilft auch kein Wochenende im Spa, obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Spa habe.
Was ich heute wichtig finde: Nicht jedes körperliche oder psychische Symptom bedeutet automatisch, dass du „nicht dein Leben lebst“. Aber wenn du schon lange spürst, dass etwas in deinem Leben nicht stimmt, und gleichzeitig merkst, wie viel Kraft dich dein Alltag kostet, dann darfst du diese Verbindung auf jeden Fall ernst nehmen.
Ich kenne Menschen, die jahrelang gesagt haben: „Es geht schon.“ Und ja, es ging. Nur ist „es geht schon“ noch lange nicht dasselbe wie „es stimmt für mich“.
Schau da mal hin, es lohnt sich. Nicht gleich alles umwerfen, nicht sofort Haus verkaufen, Beziehung beenden und nach Costa Rica oder sonst wohin auswandern. Aber wenigstens aufhören, sich selbst einzureden, dass alles passt, wenn man längst merkt, dass es nicht so ist.
Wenn du aufhörst, dich selbst zu belügen
Du musst nicht sofort wissen, wie dein ganzes Leben weitergehen soll. Das ist ja der nächste Stress. Kaum merkst du, dass etwas nicht mehr passt, willst du am liebsten gleich den kompletten neuen Plan auf dem Tisch haben. Nur so läuft Veränderung halt selten.
Manchmal reicht es, dass du dir ehrlich eingestehst, was nicht mehr stimmt. Dass du sagst: „Diese Beziehung tut mir nicht gut. Dieser Job zieht mir jeden Tag den Stecker. Ich passe mich hier schon viel zu lange an.“ Oder auch ganz schlicht: „So möchte ich nicht mehr weitermachen.“
Allein das verändert schon etwas, weil du nicht mehr die ganze Kraft dafür brauchst, dir selbst das Gegenteil einzureden.
Das heißt noch lange nicht, dass du am nächsten Morgen alles kündigst, deine Koffer packst und mit einer Topfpflanze unter dem Arm in ein neues Leben marschierst. Aber du hörst auf, dich selbst zu überreden.
Und genau das ist für mich der entscheidende Punkt. Solange du innerlich längst weißt, was los ist, aber nach außen weiter so tust, als wäre alles okay, bleibst du in diesem Spagat hängen. Das kostet unglaublich viel Kraft.
Wenn du dir selbst endlich glaubst, wird nicht automatisch alles leicht, aber es wird klarer.
Und Klarheit ist oft genau das, was vorher gefehlt hat.