Spirituelles Bypassing

Spirituelles Bypassing

Spirituelles Bypassing

Die liebevolle Illusion, die dich gefangen hält

Ich erlebe oft, dass Spiritualität sehr schnell herhalten muss, wenn etwas unangenehm wird. Dann heißt es, man müsse in der Liebe bleiben, die Frequenz erhöhen, loslassen, vergeben oder sich einfach wieder mehr aufs Licht ausrichten. Das kann alles seine Berechtigung haben, nur wird es schräg, wenn genau solche Sätze benutzt werden, damit man sich mit der eigenen Wut, Angst, Enttäuschung oder Verletzung gar nicht erst beschäftigen muss.

Dann wird aus Wut eine niedrige Schwingung, aus Angst mangelndes Vertrauen und aus einer ziemlich klaren Grenzüberschreitung noch schnell eine Lernaufgabe der Seele. Klingt schön, löst aber nicht automatisch das, was da wirklich in dir sitzt.

Für mich beginnt spirituelles Bypassing genau da. Du gibst dem Ganzen eine spirituelle Erklärung und hoffst, dass sich das unangenehme Gefühl damit erledigt hat. Hat es aber oft nicht. Es sitzt nur schicker angezogen in der Ecke und wartet auf die nächste Gelegenheit.

Und genau das finde ich problematisch, weil du dich dann nicht nur schlecht fühlst, sondern dir im schlimmsten Fall auch noch einredest, du wärst nicht bewusst genug, nicht lichtvoll genug oder hättest das Thema offenbar noch immer nicht verstanden.

Für mich hat Spiritualität viel mehr mit Ehrlichkeit zu tun. Wenn ich wütend bin, dann bin ich wütend. Wenn ich Angst habe, dann habe ich Angst. Wenn mich jemand verletzt hat, dann muss ich das nicht sofort in Liebe umwandeln, nur damit es schöner aussieht.

Es darf da sein, was da ist. Sonst redest du dir nur eine spirituelle Version von dir selbst schön, während darunter alles weiterarbeitet.

Der Lichtschalter-Test

Für mich zeigt sich spirituelles Bypassing oft dann, wenn unangenehme Gefühle sofort verschwinden sollen, nur weil man sich doch als bewusst, spirituell oder verbunden erlebt. Dann taucht schnell dieser Gedanke auf: Wenn ich wirklich im Vertrauen wäre, dürfte ich jetzt keine Angst haben. Wenn ich wirklich vergeben hätte, müsste mich das doch kaltlassen. Wenn ich wirklich in meiner Mitte wäre, dürfte ich doch nicht so wütend werden.

Nur sind wir Menschen keine Lichtschalter.

Du kannst nicht einfach auf „Liebe“ klicken und alles andere ist weg. So schön das manchmal wäre. Vor allem montags.

Du kannst sehr bewusst leben und trotzdem wütend sein. Du kannst jemandem vergeben haben und merken, dass dich eine Erinnerung noch berührt. Du kannst Vertrauen haben und trotzdem in einer Situation Angst bekommen. Das eine hebt das andere nicht automatisch auf.

Für mich wird es dann problematisch, wenn jemand versucht, das Unangenehme sofort mit einer spirituellen Erklärung zu überdecken. Dann wird aus Wut schnell „niedrige Schwingung“, aus Angst ein Vertrauensproblem und aus einer klaren Grenze ein Hinweis darauf, dass man wohl nicht weit genug ist.

Da würde ich eher sagen: Halt. Erstmal anschauen, was da gerade wirklich los ist.

Es geht nicht darum, jedes Gefühl bis zum Sankt Nimmerleinstag auszuwalzen. Aber wenn etwas da ist, dann ist es da. Und wenn ich es sofort wegmeditiere, wegaffirmiere oder mit Licht und Liebe zukleistere, habe ich es nicht gelöst. Ich habe nur dafür gesorgt, dass es mich im Moment nicht so sehr stört.

Das ist ein Unterschied.

Spiritualität wird für mich erst dann wirklich ehrlich, wenn auch das Unbequeme mit an den Tisch darf. Wut, Angst, Scham, Enttäuschung – all das Zeug, das auf keiner hübschen Instagram-Kachel besonders gut aussieht.

Aber genau das gehört eben auch zu uns.

Warum Spiritualität auch unangenehm sein darf

Kurz gesagt: Spiritualität ist dein Alltag und deswegen, finde ich es ziemlich anstrengend, dass Spiritualität immer friedlich, weich und angenehm sein muss. Als müsste ein bewusster Mensch automatisch gelassen lächeln, alles verstehen und bei jeder Grenzüberschreitung nur tief atmen, damit bloß keine unschöne Emotion auftaucht.

So läuft das Leben aber nicht.

Manchmal bringt dich eine ehrliche Entwicklung genau an die Stellen, die du am liebsten meiden würdest. Da taucht Wut auf, weil du merkst, wie lange du etwas geschluckt hast. Da kommt Traurigkeit, weil du dir eingestehen musst, dass etwas vorbei ist. Weil Angst da ist, weil du eine Entscheidung treffen musst, von der du weißt, dass sie Konsequenzen haben wird.

Das kann sehr unangenehm sein, aber genau darin liegt oft mehr Wahrheit als in all den schönen Sätzen, die man sich vorher erzählt hat.

Ich habe auf meinem eigenen Weg oft genug gemerkt, dass Bewusstsein nicht immer bedeutet, sich besser zu fühlen. Manchmal bedeutet es, überhaupt zu kapieren, was man sich jahrelang schöngeredet hat. Das kann einen schon ernüchtern.

Und trotzdem würde ich genau da nicht mehr zurückgehen wollen.

Denn wenn du anfängst, das Unbequeme nicht mehr sofort wegzumachen, merkst du viel klarer, was wirklich zu dir gehört und was nicht mehr. Du musst deine Wut dann nicht feiern und deine Angst auch nicht zum neuen Lebensinhalt machen. Aber du hörst auf, sie so zu behandeln, als wären sie der Beweis dafür, dass mit dir spirituell etwas schiefläuft.

Für mich wird Spiritualität da erwachsen und das, was sie wirklich ist. Nicht, wenn alles nur noch schön klingt, sondern wenn auch das mit rein darf, was nicht so gut ins Hochglanzbild passt.

Die Shiny-Shiny-Industrie

Es gibt inzwischen für alles eine hübsche spirituelle Verpackung. Ein bisschen Licht hier, eine Frequenz da, noch schnell ein paar Karten gezogen und schon sieht alles sehr bewusst aus. Nur kann man sich damit eben hervorragend vor sich selbst verstecken.

Ich finde das oft fast schon richtig komisch. Da wird stundenlang über Energie gesprochen, über Portale, Schwingung, Manifestation und die neue Erde, aber wenn im echten Leben jemand eine Grenze setzt oder nicht das sagt, was man hören möchte, ist auf einmal Schluss mit Liebe und Licht.

Dann wird beleidigt, projiziert, ausgewichen oder einfach der Kontakt abgebrochen.

Und genau da merkt man für mich rasch, ob Spiritualität wirklich gelebt wird oder nur gut klingt.

Mich interessieren deshalb diese ganzen glänzenden Etiketten immer weniger. Ich muss nicht wissen, wie hoch jemand schwingt oder ob er gerade im fünften, siebten oder zwölften Bewusstseinsstockwerk wohnt. Viel interessanter finde ich, wie jemand mit unangenehmen Gefühlen umgeht, ob er Verantwortung übernimmt und ob er bei sich bleiben kann, wenn es mal nicht schön läuft.

Denn genau da trennt sich für mich das spirituelle Schaufenster vom echten Leben.

Und ja, ich weiß, das klingt nicht ganz so sexy wie „Aktiviere deine höchste Frequenz in 21 Tagen“. Aber dafür musst du danach auch nicht vorgeben, als wäre dein Ärger nur eine energetische Störung, die man mit drei Tropfen irgendwas und einem Palo-Santo-Nebel wieder wegkriegt.

Aufwachen. Erwachen. Erleuchtung.

Aufwachen. Erwachen. Erleuchtung.

Aufwachen. Erwachen. Erleuchtung.

Und warum ich lieber Menschen wachrüttle als ins Nirwana schicke.

Erleuchtet, erwacht, aufgewacht. Drei Begriffe, die dir im spirituellen Bereich ständig um die Ohren fliegen und gefühlt jeder versteht etwas anderes darunter. Da kann selbst der spirituelle Wetterfrosch nicht mehr sagen, in welchem Aufwachstadium wir uns gerade befinden.

Deshalb sage ich lieber gleich dazu, was ich unter diesen Begriffen verstehe. Nicht als allgemeingültige Wahrheit, sondern als meine Sicht darauf. Denn spätestens bei Erleuchtung wird es sowieso wild, je nachdem, wen du fragst.

Und nein, ich habe auch nicht vor, jemanden zu erleuchten. Das könnte ich sowieso nicht. Mir reicht es vollkommen, wenn Menschen erst mal anfangen, genauer hinzuschauen, was sie da den ganzen Tag denken, fühlen und automatisch abspulen.

1. Aufwachen, wenn du dein eigenes Spiel plötzlich durchschaust

Aufwachen bedeutet für mich, dass du merkst: Moment mal, ich bin gar nicht so frei in meinen Entscheidungen, wie ich immer dachte. Da laufen jede Menge alte Muster mit: Erziehung, Ängste, Glaubenssätze, Erwartungen und all das Zeug, das du so lange wiederholt hast, bis es sich vollkommen normal angefühlt hat.

Und dann siehst du dich plötzlich selbst dabei.

Du merkst, wie automatisch du reagierst, wie schnell du in alte Rollen rutschst oder wie oft du etwas machst, weil du es schon immer so gemacht hast. Das kann ziemlich ernüchternd sein, weil man sich selbst ja gerne für bewusster hält, als man in manchen Situationen tatsächlich ist.

Genau da begleite ich gerne Menschen.

Nicht, weil ich ihnen erzählen will, was bei ihnen alles falsch läuft, sondern weil es unglaublich viel verändert, wenn du dich selbst endlich mitbekommst. Solange du deine Muster nicht siehst, laufen sie halt munter weiter und du wunderst dich nur, warum du immer wieder am gleichen Punkt landest.

Für mich beginnt da Verantwortung. Nicht im Sinne von Schuld, sondern in dem Moment, in dem du merkst: Aha, das mache ich also. Und wenn ich es mache, kann ich auch anfangen, etwas daran zu verändern.

Das ist für mich Aufwachen. Nicht besonders mystisch, aber ziemlich wirksam.

2. Erwachen, wenn du dich nicht mehr so leicht selbst beschummeln kannst

Erwachen geht für mich noch ein Stück weiter. Beim Aufwachen merkst du vorerst, welche Muster da überhaupt laufen. Beim Erwachen fängst du an, dich nicht mehr automatisch von jedem Gedanken, jeder Angst oder jeder alten Geschichte mitziehen zu lassen.

Du bemerkst dann zwar immer noch, dass dein Kopf loslegt, aber du glaubst ihm nicht mehr alles. Das ist schon ein ziemlich großer Unterschied.

Früher war für mich ein Gedanke schnell die Wahrheit. Wenn ich dachte, etwas geht nicht, dann war das eben so. Wenn Angst da war, musste sie einen Grund haben. Wenn ich mich verletzt gefühlt habe, war für mich klar, dass der andere etwas falsch gemacht haben muss.

Heute schaue ich da genauer hin.

Ist das gerade wirklich wahr oder springt da nur etwas Altes an? Reagiere ich auf das, was jetzt passiert, oder auf etwas, das mein System längst kennt? Muss ich diesem Gedanken folgen oder kann ich ihn auch einfach vorbeiziehen lassen, ohne daraus sofort eine große Geschichte zu bauen?

Für mich hat Erwachen deshalb weniger mit einem besonderen Zustand zu tun und mehr mit dieser zunehmenden Klarheit. Du wirst nicht gedankenlos, du wirst nicht angstfrei und du schwebst auch nicht plötzlich drei Zentimeter über dem Boden. Wäre manchmal praktisch, ist aber nicht nötig.

Du wirst nur schwerer für deine eigenen alten Geschichten zu haben.

Und das kann ziemlich befreiend sein, weil du merkst, dass nicht jeder Gedanke eine Anweisung ist und nicht jedes Gefühl sofort eine Handlung braucht. Du hast mehr Raum dazwischen und mehr Wahl.

Für mich ist genau das ein großer Teil von Erwachen.

3. Erleuchtung, und da wird es schon schwieriger

Bei Erleuchtung wird es für mich deutlich diffuser, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Manche meinen einen Zustand völliger Einheit, andere sprechen davon, dass das Ich verschwindet, wieder andere erzählen von dauerhafter Glückseligkeit. Ich halte mich da lieber zurück mit großen Ansagen, weil ich nichts davon als allgemeingültige Definition verkaufen möchte.

Für mich hat Erleuchtung weniger mit einem spektakulären Endzustand zu tun und mehr mit einem Bewusstsein, das sich nicht mehr ständig an allem festhält. Weniger Identifikation, weniger Drama um das eigene Ich, weniger dieses dauernde „Ich muss recht haben, ich muss gesehen werden, ich muss etwas festhalten“.

Das heißt aber nicht, dass du dann kein Mensch mehr bist.

Du kannst trotzdem genervt sein, traurig, müde oder schlecht gelaunt. Du kannst sogar hinter einem Traktor hängen und dir denken: Mein Gott, fahr halt endlich. Also falls Erleuchtung bedeutet, dass so etwas nie mehr passiert, bin ich ziemlich sicher weiterhin nicht durch. 😄

Und genau deshalb mag ich diese überhöhten Vorstellungen nicht besonders. Sie machen aus Spiritualität schnell wieder ein Ziel, das man erreichen muss, damit man endlich richtig ist.

Für mich liegt viel mehr darin, immer weniger an dem festzuhalten, was du über dich und die Welt zu wissen glaubst. Nicht alles sofort bewerten, nicht jede Reaktion verteidigen, nicht aus jedem Gedanken gleich eine Wahrheit bauen.

Ob man das dann Erleuchtung nennt oder einfach sehr viel Bewusstsein, ist mir offen gestanden ziemlich egal.

Warum Aufwachen für mich erst einmal reicht

Ich sehe in der spirituellen Szene oft diesen Drang, möglichst schnell wohin zu kommen. Erwacht, erleuchtet, frei von allem, Hauptsache, bloß nicht mehr so menschlich sein müssen. Da wird dann viel über hohe Zustände gesprochen, während im ganz normalen Alltag schon die kleinste Kritik reicht, damit innerlich alles hochgeht.

Für mich bringt es deshalb wenig, das Menschsein überspringen zu wollen. Wenn du deine Wut nicht kennst, deine Angst nicht fühlst und deine Muster nicht erkennst, dann hilft dir auch die schönste spirituelle Erfahrung nur begrenzt. Du kannst auf einem Retreat die Einheit mit allem spüren und drei Tage später zu Hause wieder komplett ausrasten, weil jemand die Spülmaschine falsch eingeräumt hat. Dann war die Erfahrung schön, aber dein Alltag hat davon noch nicht viel mitbekommen.

Genau deshalb reicht Aufwachen erst einmal vollkommen.

Nicht, weil danach nichts mehr kommt, sondern weil da schon unglaublich viel drinsteckt. Zu merken, was du tust, wann du in alte Rollen rutschst, wo du dich selbst belügst oder versuchst, etwas zu kontrollieren, ist ja kein kleines Ding. Das ist schon eine Menge Arbeit, auch wenn es weniger glamourös klingt als Erleuchtung.

Und vor allem passiert das nicht auf einem Meditationskissen, sondern mitten im Leben. Im Streit, in deiner Beziehung, beim Geld, mit deinen Kindern, bei der Arbeit, beim Warten, beim Genervtsein und bei all den kleinen Momenten, in denen du merkst, dass dein altes Programm schon wieder loslegt.

Da zeigt sich viel mehr als in jeder noch so schönen Theorie.

Was am Ende wirklich zählt

Für mich geht es bei all diesen Begriffen gar nicht darum, möglichst weit zu kommen oder sagen zu können: „So, jetzt bin ich erwacht“, Haken dran. Das wäre schon wieder das nächste Leistungsprogramm, diesmal halt mit Räucherstäbchen.

Viel wichtiger finde ich, wie du dein ganz normales Leben lebst. Was passiert, wenn dich jemand kritisiert, wenn du Angst bekommst, wenn etwas nicht nach Plan läuft oder wenn du merkst, dass du gerade wieder mitten in einem alten Muster steckst? Genau da zeigt sich für mich Bewusstsein, nicht darin, wie viele spirituelle Begriffe du erklären kannst.

Ich bin heute auch nicht ständig vollkommen präsent und schwebe schon gar nicht den ganzen Tag in einem friedlichen Zustand herum. Ich kann mich ärgern, ungeduldig sein oder hinter einem Traktor sitzen und denken: Herrschaftszeiten, jetzt fahr doch endlich. Der Unterschied ist eher, dass ich mich heute schneller dabei mitbekomme und nicht mehr aus jeder Reaktion gleich eine große Geschichte machen muss.

Deshalb interessiert mich auch weniger, ob sich jemand als erwacht oder erleuchtet bezeichnet. Mich interessiert viel mehr, wie ein Mensch mit sich selbst und mit anderen umgeht, wenn es unbequem wird.

Wenn du dich immer öfter bemerkst, ehrlicher mit dir wirst und nicht mehr jeden Gedanken ungeprüft für die Wahrheit hältst, dann ist schon verdammt viel passiert.

Wie du das am Ende nennst, ist mir ziemlich egal.

Mein Angebot an dich

Wenn du spürst: „Verdammt, ich will da auch raus aus meiner geistigen Serie, ich will die Gardinen aufreißen, auch wenn’s blendet“ – dann meld dich bei mir.

Aber sei dir sicher: Ich werde dich nicht mit Watte einpacken. Ich werde dir die Taschenlampe direkt ins Gesicht halten. Ich werde dir nicht erzählen, dass alles Liebe ist, wenn du gerade in deinem Schmerz steckst. Ich werde dir dabei helfen, hinzuschauen.

Und dann … dann fängst du an zu leben. Richtig zu leben.

Nicht in einem spirituellen Konzept. Sondern hier. Jetzt. Als der Mensch, der du wirklich bist.