Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität, …

… sondern wenn sie alles ist, was du hast.

Manchmal gerät nicht dein ganzes Leben ins Wanken, sondern eine Rolle, an der du sehr viel von dir festgemacht hast.

Das kann der Beruf sein, eine Beziehung, die Familie oder eine bestimmte Vorstellung davon, wer du bist und wie du dich selbst kennst. Solange diese Rolle trägt, fällt dir oft gar nicht auf, wie viel deines Selbstbildes daran hängt. Erst wenn sie brüchig wird, merkst du, was alles mit ins Rutschen kommt.

Ich habe das bei einem Mann beobachtet, der sich stark über seinen Beruf definiert hat. Er war erfolgreich, leistungsfähig, anerkannt und hatte darüber ein ziemlich klares Bild von sich. Als genau dieser Bereich ins Wanken kam, tauchte plötzlich an ganz anderer Stelle Unruhe auf: in seiner Beziehung.

Das finde ich spannend, weil wir dann schnell glauben, das Problem müsse dort liegen, wo es gerade kracht. Manchmal ist das auch so. Manchmal verlagert sich der Kriegsschauplatz aber nur.

Wenn eine Rolle zu viel tragen muss

Wenn du dich stark über eine einzige Rolle definierst, kann sie eine Aufgabe übernehmen, die viel zu groß für sie ist.

Dann bist du nicht einfach jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt, sondern dein Wert, deine Sicherheit und dein ganzes Selbstbild hängen daran. Solange es läuft, fühlt sich das stabil an. Wenn dieser Bereich plötzlich wegbricht oder sich verändert, kann es sich anfühlen, als würde dir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.

Das ist auch bei Beziehungen möglich. Manche Menschen kennen sich selbst fast nur noch als Ehefrau, Partner, Mutter, Vater oder denjenigen, der immer für alle da ist. Wenn sich diese Rolle verändert, kommt schnell die Frage hoch: Wer bin ich denn dann überhaupt noch?

Da entsteht Unruhe, und die sucht sich eine Stelle, an der sie sichtbar werden kann.

Wenn der Kriegsschauplatz wandert

Bei dem Mann, von dem ich erzählt habe, wurde die Beziehung plötzlich zum Mittelpunkt seiner Unzufriedenheit.

Plötzlich störten Dinge, die vorher offenbar tragbar gewesen waren. Abstand klang plötzlich verlockend, und die Vorstellung, allein zu sein, bekam etwas von: Das ist es!

Das kann natürlich tatsächlich bedeuten, dass eine Beziehung nicht mehr passt. Es wäre genauso falsch, jede Trennung als Flucht vor sich selbst abzutun. Allerdings würde ich schon genauer hinschauen, wenn zeitgleich ein anderer Lebensbereich massiv ins Wanken geraten ist.

Denn dann stellt sich die Frage, ob die Beziehung wirklich das eigentliche Problem ist oder ob dort gerade etwas landet, das an anderer Stelle seinen Ursprung hat.

Es ist oft leichter, die Beziehung zum Problem zu ernennen, als sich mit der Unsicherheit herumzuschlagen, die entsteht, wenn ein wichtiger Teil des eigenen Selbstbildes wackelt. Gegen den Partner kann man wenigstens konkret etwas haben. Die Frage „Wer bin ich, wenn das hier nicht mehr trägt?“ ist wesentlich unangenehmer.

Das eigene Selbstbild hält einiges aus

Spannend wird es vor allem auch da, wo wir ein sehr festes Bild von uns selbst haben.

Der Mann sah sich zum Beispiel als besonders liebevoll, integer und verbindlich. Das kann natürlich lange so gewesen sein. Nur passen Selbstbild und tatsächliches Verhalten nicht in jeder Situation automatisch zusammen.

Wenn jemand sich selbst als sehr liebevoll erlebt, aber gleichzeitig den Partner abwertet, sich entzieht oder Verantwortung abschiebt, entsteht ein Widerspruch. Den sieht man bei sich selbst oft wesentlich später als beim anderen.

Das ist alles sehr menschlich. Wir alle haben eine Geschichte darüber, wer wir sind, und wir mögen es nicht besonders, wenn das Leben plötzlich Beweismaterial vorlegt, das nicht sauber dazu passt.

Da beginnt schnell die innere Verteidigung. Man erklärt, warum das eigene Verhalten nachvollziehbar ist, warum der andere übertreibt oder warum die Situation eben keine andere Möglichkeit zugelassen hat.

So bleibt das Selbstbild vorerst heil.

Trigger erzählen nicht immer dieselbe Geschichte

Ich mag das Wort „Trigger“ inzwischen nur noch in Maßen, weil inzwischen fast alles zum Trigger erklärt wird, was unangenehm ist.

Trotzdem kann eine starke Reaktion natürlich ein Hinweis sein. Nur würde ich nicht automatisch behaupten, dass der andere nichts damit zu tun hat und alles ausschließlich aus der eigenen Vergangenheit kommt.

Manchmal reagierst du so stark, weil eine alte Erfahrung berührt wird. Manchmal verhält sich dein Gegenüber tatsächlich respektlos, unklar oder verletzend. Und manchmal kommt beides zusammen, was die Sache dann auch nicht gerade übersichtlicher macht.

Deshalb hilft es wenig, sich mit einer schnellen Erklärung zufriedenzugeben. Viel interessanter ist, was genau passiert ist, was davon mit dir zu tun hat und was wirklich im Verhalten des anderen liegt.

Sonst wird aus jeder berechtigten Irritation am Ende noch ein persönliches Entwicklungsthema, und das wäre auch eine ziemlich praktische Nummer für Menschen, die sich ungern mit ihrem eigenen Verhalten beschäftigen.

Abstand kann helfen, aber er beantwortet nicht jede Frage

Wenn etwas eng wird, klingt Abstand oft zunächst wunderbar.

Endlich Ruhe, kein Streit, keine Reibung und niemand, der einem ständig etwas spiegelt, was man gerade überhaupt nicht sehen möchte. Ich verstehe den Reiz davon sehr gut.

Nur löst Entfernung nicht automatisch die Frage, die darunterliegt.

Wenn die Unruhe tatsächlich aus einer beruflichen Krise, einem brüchigen Selbstbild oder einer allgemeinen Orientierungslosigkeit kommt, nimmst du dich selbst beim Auszug natürlich mit. Blöd gelaufen.

Deshalb würde ich vor einer großen Entscheidung nicht nur fragen: „Will ich hier noch bleiben?“

Ich würde auch schauen, was gerade sonst noch im Leben passiert und ob mehrere Dinge gleichzeitig wackeln. Manchmal wird dadurch erst sichtbar, warum ausgerechnet die Beziehung plötzlich so viel Gewicht bekommt.

Im ungünstigsten Fall sitzt du dann ein paar Jahre später mit dem nächsten Partner auf dem Sofa und denkst: Ach du Scheiße, das kenne ich doch. Dann wäre es natürlich etwas ärgerlich, wenn du feststellen musst, dass du beim anderen gar nicht deshalb gegangen bist, weil er das große Problem war, sondern weil du vor etwas in dir selbst davonlaufen wolltest.

Du bist mehr als deine Rollen

Je mehr verschiedene Seiten du von dir kennst, desto weniger muss eine einzige Rolle dein komplettes Selbstbild tragen.

Dann darf sich ein Beruf verändern, ohne dass du dich gleich als gescheitert erlebst. Eine Beziehung kann schwierig werden, ohne dass du sofort das Gefühl hast, dein ganzes Leben sei falsch. Und du kannst feststellen, dass du dich an einer Stelle geirrt hast, ohne dass damit alles zusammenbricht, was du über dich glaubst.

Das ist für mich der wichtige Punkt bei Identität.

Nicht herauszufinden, welche eine richtige Identität du hast, sondern zu merken, wie viele Anteile, Erfahrungen und Rollen zu dir gehören, ohne dass eine davon allein erklären muss, wer du bist.

Wenn eine Säule wegbricht, ist das immer noch unangenehm. Aber es ist ein Unterschied, ob daneben noch ein ganzes Haus steht oder ob du ausgerechnet auf diese eine Säule das komplette Dach gestellt hast.

Wenn du in der Beziehung immer weniger du selbst bist

Eine Identität kann nicht nur an einem Beruf, einer Aufgabe oder einer bestimmten Rolle hängen. Sie kann sich auch in einer Partnerschaft immer stärker an den anderen anlehnen, bis kaum noch spürbar ist, was das Eigene ist.

Ich habe eine Beziehung von außen erlebt, bei der genau das sichtbar wurde. Am Anfang stand die Frau noch sehr für ihr eigenes Leben, ihre eigenen Interessen und ihre eigene Art. Als sie merkte, dass ihr Partner sich auch für eine andere Frau hätte entscheiden können, entstand in ihr der starke Zug, ihn unbedingt für sich zu gewinnen. Von außen wirkte es später fast so, als wäre er zu einer Art Trophäe geworden, die sie sich erkämpfen musste.

Was danach passiert ist, fand ich, aus meiner heutigen Sicht, noch erstaunlicher. Sie hat sich immer stärker an seinem Leben, seinen Interessen orientiert, vieles mitgemacht, was zu ihm gehörte, sich auf seine Welt eingelassen und dabei offenbar Stück für Stück weniger von sich selbst eingebracht.

Natürlich ist es völlig normal, dass man durch einen Partner neue Dinge kennenlernt. Genau das kann bestimmt schön sein. Du entdeckst Interessen, Orte, Menschen oder Lebensweisen, auf die du alleine vielleicht nie gekommen wärst. Für mich wird es schwierig, wenn aus diesem gemeinsamen Entdecken langsam ein Verschwinden des Eigenen wird.

Ich stelle mir Beziehung eher so vor: Zwei Menschen kommen zusammen, und jeder bringt etwas mit. Seine Interessen, seine Geschichte, seine Eigenheiten, seine Freunde, seine Art zu leben. Daraus entsteht mit der Zeit etwas Drittes, etwas Gemeinsames, das vorher so noch nicht da war.

Wenn aber einer fast nur noch in die Welt des anderen einzieht, wird dieses Gemeinsame ziemlich einseitig und nur einer wird von wirklicher Zufriedenheit genährt.

Dann kann es passieren, dass der Partner gar nicht mehr richtig weiß, wer ihm da eigentlich noch gegenübersteht. Denn wenn du dich immer stärker anpasst, verlierst nicht nur du den Kontakt zu dir selbst. Auch der andere verliert Stück für Stück den Menschen, in den er sich ursprünglich verliebt hat.

Für mich ist genau das der Punkt: Ich möchte in einer Beziehung nicht verschwinden. Jeder bringt sein eigenes Leben, seine Interessen und seine Art mit, und daraus darf etwas Gemeinsames entstehen. Wenn am Ende nur noch einer übrigbleibt und der andere in dessen Welt eingezogen ist, fehlt mir genau das, was Beziehung für mich interessant und schön macht.

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