Vertrauen ist kein Klick im Kopf
Vertrauen ist kein Klick im Kopf
Vertrauen ist ein Weg durch deinen Körper
Wir überschätzen manchmal gewaltig, was eine Erkenntnis allein schon verändern kann. Du verstehst plötzlich, warum du dich in bestimmten Situationen immer wieder gleich verhältst, woher eine Angst kommt oder weshalb du bei einem bestimmten Thema sofort anspringst, und im ersten Moment fühlt sich das tatsächlich so an, als wäre jetzt etwas Grundlegendes passiert. Dann kommt drei Tage später dieselbe Situation um die Ecke und du reagierst genauso wie vorher. Willkommen im ganz normalen Menschsein und im Reich deiner Programmierungen.
Verstehen ist wichtig, aber damit ist eine alte Gewohnheit, ein Schutzmechanismus oder eine Reaktion, die du jahrelang gelebt hast, noch lange nicht automatisch verschwunden. Ich habe das bei mir selbst oft genug erlebt und begriffen, dass manche Dinge schlicht Wiederholungen brauchen, bis ich nicht mehr jedes Mal bewusst darüber nachdenken muss.
Wenn du etwas längst verstanden hast und es trotzdem wieder tust
Bei mir war das insbesondere das Thema Verantwortung. Ich musste mich früher immer wieder daran erinnern, nicht automatisch Aufgaben zu übernehmen, die mich überhaupt nichts angingen, nur weil ich etwas vielleicht schneller konnte oder sofort gesehen habe, was zu tun wäre.
Das war keine einmalige Erkenntnis nach dem Motto: „Ah, jetzt habe ich es verstanden, Thema erledigt.“ Ich musste mich immer wieder dabei erwischen, innehalten und bewusst entscheiden, es dieses Mal nicht zu übernehmen. Manchmal hat das wunderbar funktioniert und dann war ich schon wieder mittendrin, bevor ich überhaupt gemerkt hatte, was ich da gerade mache.
Mit der Zeit wurde es selbstverständlicher, bis ich irgendwann nicht mehr innerlich mit mir diskutieren musste. Heute muss ich mir diesen Satz nicht mehr vorsagen, weil ich viel schneller merke, was zu mir gehört und was nicht. Genau diese Veränderung meine ich, wenn ich davon spreche, dass etwas nicht nur verstanden, sondern wirklich gelebt wird.
Wenn du diesen Mechanismus nicht verstehst, kann sich das ewig ziehen. Wirklich ewig. Und du bist gefrustet und wunderst dich, warum du immer wieder gefühlt beim selben Punkt landest. Diese Sache mit dem Murmeltier.
Dieses verdammte Gefühl, schon wieder am selben Punkt zu stehen
Besonders frustrierend wird es, wenn ein altes Muster wieder auftaucht und du sofort denkst: Na toll, ich war doch schon viel weiter.
Diesen Satz kenne ich gut und ich höre ihn auch von anderen immer wieder. Dabei vergessen wir gern, dass Entwicklung nicht wie eine schöne gerade Treppe funktioniert, auf der wir Stufe für Stufe nach oben marschieren und nie wieder zurückschauen müssen.
Manchmal begegnet dir dasselbe Thema später noch einmal, aber du gehst bereits anders damit um. Vielleicht merkst du es früher, vielleicht reagierst du weniger heftig oder du brauchst nicht mehr drei Wochen, bis du verstehst, was da gerade passiert ist. Wenn du nur darauf schaust, dass das Thema schon wieder aufgetaucht ist, übersiehst du schnell, was sich längst verändert hat.
Ich finde es wesentlich hilfreicher, mir anzuschauen, wie ich heute mit einer Situation umgehe, anstatt von mir zu erwarten, dass bestimmte Reaktionen nach einer Erkenntnis nie wieder vorkommen dürfen.
Das Bungee-Seil
Ich habe für mich dieses Bild mit dem Bungee-Seil gefunden. Du wagst etwas, vertraust, lässt ein Stück Kontrolle los und fühlst dich damit vielleicht sogar richtig gut. Dann kommt eine Situation, die genau an einem alten Punkt zieht, und schwupps hängt man wieder ein Stück weiter oben am Seil und denkt sich: Das kann jetzt nicht wahr sein.
Früher hätte ich daraus schnell gemacht, dass ich offenbar doch nichts gelernt habe. Heute sehe ich eher, dass Vertrauen durch solche Erfahrungen überhaupt erst stabiler werden kann. Warum? Weil ich mit der Zeit merke, dass ich auch mit Unsicherheit umgehen kann und nicht jedes Mal sofort wieder alle alten Sicherheitsmaßnahmen aus dem Schrank holen muss.
Das Seil wird dabei nicht von heute auf morgen durchgeschnitten. Manche Dinge verlieren nach und nach ihre Macht, weil du sie anders erlebst, andere Entscheidungen triffst und dir selbst immer wieder beweist, dass du nicht automatisch in deine alte Reaktion zurückmusst.
Vertrauen heißt nicht, die Augen zuzumachen
Gerade bei Vertrauen halte ich einen Punkt für besonders wichtig, weil das Wort so gern romantisiert wird. Vertrauen bedeutet für mich nicht, dass ich alles glaube, jeden Menschen in mein Leben lasse und Warnzeichen ignoriere, damit ich bloß nicht „im Misstrauen“ bin.
Du kannst einem Menschen vertrauen und trotzdem aufmerksam bleiben. Du kannst offen sein und trotzdem merken, dass etwas nicht stimmt, kannst dich auf etwas einlassen und später feststellen, dass du dich geirrt hast.
Hier wird es interessant, weil viele nach einer Enttäuschung sofort aus Vertrauen etwas Gefährliches machen. Dann heißt es: „Siehst du, ich hätte es wissen müssen“, und beim nächsten Mal wird die Tür eben ein Stück weiter zugemacht.
Misstrauen schützt dich nicht zuverlässig davor, dich nicht zu irren. Es sorgt höchstens dafür, dass du permanent versuchst, alles vorherzusehen und zu kontrollieren, und das ist auf Dauer eine ziemlich anstrengende Beschäftigung.
Wenn ich mich in einem Menschen täusche, muss ich daraus nicht automatisch schließen, dass ich naiv war oder nie wieder vertrauen darf. Ich kann mir anschauen, ob ich etwas übersehen habe, ob ich Warnzeichen ignoriert habe oder ob ich einfach mit den Informationen, die ich damals hatte, eine Entscheidung getroffen habe, die sich später als falsch herausgestellt hat. Das gehört ebenfalls zum Leben dazu.
Warum wir uns mit Rückschritten so schwertun
Was uns häufig viel mehr zusetzt als die Erfahrung, ist die Bewertung danach. Wir sind enttäuscht, verunsichert oder merken, dass wir wieder in eine alte Reaktion gerutscht sind, und kaum ist das passiert, kommt auch noch die innere Stimme dazu, die uns erklärt, dass wir es inzwischen wirklich besser können müssten.
Dann haben wir nicht nur mit dem ursprünglichen Thema zu tun, sondern zusätzlich noch mit unserem Urteil darüber.
Ich sehe das auch in meiner Arbeit immer wieder. Menschen bemerken etwas über sich und erwarten anschließend, dass sie ab sofort anders reagieren. Wenn das nicht klappt, wird aus einem ganz normalen Entwicklungsprozess schnell die nächste Gelegenheit, sich selbst zusammenzufalten.
Dabei kann Begleitung gerade an solchen Stellen hilfreich sein, weil ein anderer manchmal schneller erkennt, was sich bereits verändert hat, während du selbst nur siehst, dass du schon wieder an einem vertrauten Punkt gelandet bist. Mir geht es dabei nicht darum, jemandem ständig zu bestätigen, dass alles wunderbar ist, sondern eher darum, gemeinsam genauer hinzuschauen, was tatsächlich passiert und wo jemand sich vielleicht gerade härter beurteilt, als es die Situation überhaupt hergibt.
Was Vertrauen für mich heute bedeutet
Ich erlebe Vertrauen heute viel weniger als einen Zustand, den ich irgendwann erreicht habe und dann für immer behalte.
Natürlich gibt es Tage, an denen das leichter fällt, und andere, an denen der Kopf wieder sämtliche möglichen Katastrophen durchrechnet, nur damit ich auch wirklich vorbereitet bin. Das gehört offenbar ebenfalls zu meinem menschlichen Gesamtpaket.
Der Unterschied zu früher ist, dass ich daraus nicht mehr sofort eine Grundsatzfrage mache. Wenn ich merke, dass ich wieder kontrollieren möchte oder mich unsicher fühle, muss ich nicht gleich daraus schließen, dass mein Vertrauen weg ist. Ich kann hinschauen, was mich gerade beschäftigt, und entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.
So ist Vertrauen für mich mit den Jahren wesentlich unspektakulärer geworden. Es fühlt sich weniger nach einem großen inneren Durchbruch an und mehr nach etwas, das sich im Alltag zeigt, oft genau in den Situationen, in denen ich früher automatisch anders reagiert hätte. Und wahrscheinlich merkt man gerade daran, dass sich wirklich etwas verändert hat, weil man nicht mehr ständig überprüfen muss, ob man nun endlich vertrauen kann.