Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben
Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben
Begleitung macht nicht abhängig.
Neulich hat eine junge Frau ihre Begleitung bei mir von drei auf sechs Monate verlängert. Ihre Mutter streckt ihr das Geld dafür vor, was ich wirklich liebevoll finde, und gleichzeitig kam von ihr die Frage: „Hast du nicht Angst, von Claudia abhängig zu werden?“
Ich kann verstehen, dass Eltern bei so etwas aufmerksam werden. Da vertraut sich das eigene Kind einem anderen Menschen an, investiert Geld und entscheidet dann auch noch, die Begleitung zu verlängern. Natürlich kann man sich fragen, welchen Einfluss dieser Mensch bekommt und ob das Ganze noch gut und gesund ist. Drum schauen wir uns das jetzt mal genauer an.
Begleitung oder Abhängigkeit?
Wenn ein Kind klein ist, zeigst du ihm ja auch, wie es mit einem Löffel isst, wie es sich die Schuhe bindet oder irgendwann Fahrrad fährt. Am Anfang braucht es deine Hilfe, später immer weniger, und dann macht es das selbstverständlich allein. Kein Mensch würde sagen: „Um Gottes willen, jetzt wird das Kind abhängig von seiner Mutter, weil sie ihm gezeigt hat, wie ein Löffel funktioniert.“
Bei einer guten Begleitung sehe ich das ähnlich. Natürlich gibt es eine Zeit, in der du dich an jemandem orientierst, (viele) Fragen stellst oder dir einen Blick von außen holst. Das Ziel kann aber nicht sein, dass du für jede Entscheidung anrufst und fragst: „Claudia, darf ich heute links oder rechts abbiegen?“
Wenn jemand anfängt, dir deine Entscheidungen abzunehmen, dir erklärt, was du fühlen sollst, wie du dein Leben zu führen hast, oder dir vermittelt, dass du ohne ihn nicht mehr klarkommst, würde ich ebenfalls sehr genau hinschauen.
So verstehe ich Begleitung allerdings nicht.
Ich kann einem Menschen etwas spiegeln, nachfragen, einen Zusammenhang sehen, den er selbst gerade nicht erkennt, oder ihn darin bestärken, das ernst zu nehmen, was er längst spürt. Die Entscheidung, was er daraus macht, bleibt trotzdem bei ihm
Karin und die Sache mit den Paketen
Neulich bekam ich eine Sprachnachricht von einer jungen Frau. Nennen wir sie Karin.
Karin war ziemlich genervt von ihrer Mitbewohnerin, weil sie inzwischen offenbar zur hauseigenen Paketstation geworden war. Die Mitbewohnerin ließ ihre Pakete nach Hause liefern und Karin sollte sie entgegennehmen, damit sie später nicht selbst hinfahren musste.
Nun klingt „Kannst du mein Paket annehmen?“ erst einmal wirklich nicht nach einem weltbewegenden Problem. Nur saß Karin dadurch ständig auf Empfang. Keine Musik zu laut, keine Serie, bei der sie die Klingel überhört, immer im Hinterkopf, dass ja noch der Paketbote auftauchen könnte.
Sie hatte schlichtweg keine Lust mehr darauf.
Das Interessante war, dass sie neununddreißig Jahre lang sehr gut darin gewesen war, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen und lieber nichts zu sagen, bevor jemand ihretwegen schlechte Laune bekommt. Madre mio. Da wird aus einem Paket plötzlich fast eine Staatsaffäre, obwohl die eigentliche Sache mit einem Satz erledigt wäre.
In ihrer Sprachnachricht sagte sie sinngemäß: „Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich bin doch nicht für ihre Pakete verantwortlich und ich will das nicht mehr.“
Meine Antwort war ungefähr: „Ja. Dann sag ihr genau das.“
Sie brauchte von mir keine Lösung. Die hatte sie längst. Was ihr bisher gefehlt hatte, war eher das Vertrauen, dass ihr eigenes Nein überhaupt Grund genug sein darf.
Ein paar Tage später kam die nächste Sprachnachricht: „Boah Claudia, wenn man einmal anfängt, was zu sagen, dann will man alles sagen.“
Ich musste so lachen, weil das genau beschrieben hat, was da gerade passiert ist. Nicht, weil Karin plötzlich gelernt hatte, auf Claudia zu hören, sondern weil sie angefangen hatte, sich selbst zuzuhören.
Für das Umfeld kann das ziemlich ungewohnt werden
Wenn jemand jahrelang derjenige war, der nachgibt, sich kümmert, verfügbar ist oder Streit vermeidet, dann haben sich andere Menschen daran gewöhnt. Es hat sich einfach so eingespielt.
Ändert dieser Mensch plötzlich sein Verhalten, verändert sich automatisch auch das Miteinander.
Plötzlich sagt jemand Nein, wo vorher zuverlässig ein Ja kam. Er möchte etwas nicht mehr übernehmen, erklärt seine Meinung deutlicher oder trifft Entscheidungen, die nicht jedem gefallen. Da kann das Umfeld schon mal irritiert schauen und sich fragen, was denn jetzt auf einmal los ist.
Ob hinter der Sorge einer Mutter dann tatsächlich die Angst steckt, ihr Kind könnte sich von ihr entfernen, kann ich nicht wissen. Das wäre mir zu viel Küchentischpsychologie. Aber natürlich darf sich jeder, der durch die Entwicklung eines anderen nervös wird, auch fragen, was genau ihn daran wirklich beunruhigt.
Geht es wirklich darum, dass dieser Mensch abhängig wird, oder ist es ungewohnt, dass er sich verändert?
Das sind zwei ziemlich verschiedene Dinge.
Alles alleine zu machen, ist auch keine Medaille
Ich habe selbst lange geglaubt, Stärke würde bedeuten, möglichst alles alleine hinzubekommen. Keine Hilfe brauchen, Probleme selbst lösen, Zähne zusammenbeißen und weiter. Kann man machen und ich war darin sogar ziemlich gut.
Heute sehe ich das anders.
Es gibt Situationen, in denen ich wunderbar alleine klarkomme, und andere, bei denen ein Mensch von außen etwas sieht, das mir selbst gerade durch die Lappen geht. Das macht mich nicht abhängig von ihm. Ich kann mir Unterstützung holen und trotzdem diejenige bleiben, die über ihr Leben entscheidet.
Gerade wenn du jahrelang immer dieselben Gedanken im eigenen Kopf herumgeschoben hast, ist es manchmal ausgesprochen hilfreich, wenn jemand daneben sitzt und sagt: „Hörst du, was du da gerade erzählst?“
Das kann kurz lästig sein und trotzdem sehr hilfreich.
Woran ich eine gute Begleitung erkenne
Ich würde gar nicht so sehr darauf schauen, wie lange jemand eine Begleitung in Anspruch nimmt. Drei Monate können vollkommen falsch laufen und drei Jahre können sinnvoll sein. Viel interessanter ist, was währenddessen mit dem Menschen passiert.
Wird er sicherer in seinen eigenen Entscheidungen? Kann er immer klarer sagen, was er möchte und was nicht? Traut er seiner Wahrnehmung mehr als vorher oder fragt er bei jedem Schritt, was sein Begleiter dazu meint?
Daran würde ich es festmachen.
Ich möchte jedenfalls nicht, dass ein Mensch bei mir bleibt, weil er glaubt, ohne mich nicht weiterzukommen. Wenn jemand nach einer Zeit merkt, dass er sich selbst ernster nimmt, seine eigenen Antworten besser hört und nicht mehr für jede Entscheidung meine Bestätigung braucht, dann läuft es für mich in die richtige Richtung.
Und Karin? Die dürfte inzwischen einige Menschen in ihrem Umfeld leicht überraschen. Wer neununddreißig Jahre vieles geschluckt hat und plötzlich entdeckt, dass er auch einen Mund zum Reden hat, wird vermutlich nicht beim Thema Paketannahme stehen bleiben.
Wie sagte sie so schön: „Wenn man einmal anfängt, was zu sagen, dann will man alles sagen.“
Ich fürchte, da ist jetzt was in Gang gekommen.
Alleine machen ist nicht immer Stärke
Viele glauben ja, dass „alleine machen“ ein Zeichen von Stärke ist.
Stimmt nicht, und ich weiß es, weil ich das auch viele Jahre geglaubt habe.
Alleine machen kann manchmal auch einfach nur Angst sein, in Verbindung zu gehen. Weil Verbindung ehrlich ist – Verbindung ist fühlbar – Verbindung zeigt dir deine Themen ohne Filter und vor allem bedeutet es Nähe. Und vor der hatte ich unglaublich Angst, weil sie für mich früher Gefahr bedeutet hat.
In echter Verbindung kannst du nicht mehr so gut weglaufen. Da siehst du dich. Durch die Augen eines anderen, der nicht bewertet, aber trotzdem sieht. Der bestärkt, der spiegelt und der hält.
Das macht vielen Menschen Angst.
Deshalb sagen manche lieber: „Ich schaff das alleine“, was oft heißt: „Ich hab Angst vor dem, was sichtbar wird, wenn ich mich wirklich zeige.“
Wovon wirst du wirklich abhängig?
Du wirst nicht abhängig von jemandem, der dich in dem bestärkt, was du eh schon weißt.
Abhängig wirst du von Menschen, die dir deine Entscheidungen abnehmen, deine Gefühle oder deinen Mut. Die dir sagen, was richtig oder falsch ist. Die dir das Denken ersparen wollen. Die dich kleinhalten, weil sie dir genauso wenig zutrauen wie sich selbst, oder damit sie sich groß fühlen können.
Abhängig wirst du von Menschen, die dich brauchen, um ihre eigene Leere zu füllen.
Nicht von jemandem, der sagt: „Ja stimmt, genau das kannst du jetzt sagen.“
Nicht von jemandem, der nur spiegelt, was du eh schon fühlst und nicht von jemandem, der dir dich selbst zurückgibt.
Also, falls dir mal jemand sagt: „Pass auf, sonst wirst du abhängig.“
Dann frag einfach zurück: „Von wem redest du gerade wirklich – von mir oder von dir?“
Weil oft hat der andere die Angst. Nicht du.
Die Angst, dass du dich veränderst – dass du wächst – dass du klarer wirst – dass du anfängst, Dinge zu sagen, dass du Grenzen setzt, die vorher nicht vorhanden waren, und du dich nicht mehr hinten anstellst.
Das macht Systemen Angst, Familien, Beziehungen und Freundschaften. Weil, wenn du dich veränderst, sich auch das System verändern kann. Und das will nicht jeder.
Und ganz ehrlich: Manche können das auch nicht. Weil sie selbst neununddreißig, fünfzig, sechzig Jahre gelernt haben, sich hintenanzustellen. Und wenn du jetzt anfängst, das nicht mehr zu tun – dann spiegelt das ihre eigene Unterordnung. Das tut weh, ist hauptsächlich unangenehm, und da sind wir wieder: Es will nicht gefühlt werden.
Also wird es auf dich projiziert.
Und jetzt mal Tacheles
Wenn du nach einer Begleitung mehr fühlst, klarer siehst und eigene Entscheidungen triffst, dann bist du freier als vorher und definitiv nicht abhängiger.
Wenn du spürst, was du brauchst, statt zu funktionieren – freier. Wenn du weißt, was deine Wahrheit ist, statt blind zu übernehmen – freier. Wenn du merkst, wo du Ja sagst und wo Nein – freier. Wenn du anfängst, Dinge zu sagen – freier. Wenn du dich nicht mehr hinten anstellst – freier.
Das ist der ganze Zauber.
Begleitung macht dich nicht klein. Sie macht dich nicht hilflos. Sie macht dich nicht süchtig nach mehr Begleitung. Sie bestärkt dich in dem, was du eh schon weißt. Sie spiegelt, was du eh schon fühlst. Sie zeigt dir, wer du bist, wenn niemand mehr redet.
Und das macht manche nervös – und wie. Weil du dann vielleicht nicht mehr so leicht zu kontrollieren bist. Dir nicht mehr alles gefallen lässt und deine Grenzen selbst lebst. Nicht mehr so leicht zu beeinflussen und kleinzuhalten bist. Bingo und Jackpot.
Was echte Begleitung wirklich tut
Echte Begleitung gibt dich dir selbst zurück. Sie macht dich mündig, selbstwirksam, fühlend, sprechend und entscheidungsfähig.
Sie ist das Gegenteil von Abhängigkeit.
Und wenn jemand Angst davor hat, dass du dich begleiten lässt, dann hat diese Person meistens Angst davor, dass du genau das wirst: selbstbestimmt.
Weil das bedeutet, dass du vielleicht nicht mehr das tust, was sie von dir erwartet. Dass du anfängst, Dinge zu sagen. Dass du dich nicht mehr hinten anstellst.
Und das darf sein. Du darfst das aushalten. Und die anderen dürfen ihre Angst haben. Das ist nicht dein Job, das zu lösen. Dein Job ist, deinen Weg zu gehen.
Auch wenn andere Angst haben. Gerade dann.
Weil: Wenn man einmal anfängt, etwas zu sagen, dann will man alles sagen. Frag Karin.
Und das ist Freiheit.
Falls du dich jetzt auch begleiten lassen willst, siehst du unten meine Räume. Ich halte dir gerne die Taschenlampe auf deinen Weg, doch denke daran, gehen musst du.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst