Du bist nicht hier um fertig zu werden

Du bist nicht hier um fertig zu werden

Du bist nicht hier, um fertig zu werden

Lernen ist unsere Natur

Du bist nicht hier, um eines Tages an einen Punkt zu kommen, an dem alles erledigt, geheilt, verarbeitet, abgehakt und abgeschlossen ist. Zackbumm, fertig, und danach kann man wieder gemütlich ins gewohnte Rädchen springen.

Diesen Wunsch kenne ich selbst sehr gut. Gerade wenn etwas lange dauert oder anstrengend ist, will man einfach nur noch wissen, wann es endlich vorbei ist. Nur macht genau diese Vorstellung oft zusätzlichen Stress, weil wir anfangen zu glauben, mit uns müsse etwas nicht stimmen, wenn ein Thema nicht nach drei Erkenntnissen und zwei Atemübungen verschwunden ist.

Wir sind keine Projekte mit Abschlussdatum. Wir lernen ständig weiter, weil wir ständig Erfahrungen machen, Menschen begegnen, Entscheidungen treffen, Fehler machen und auf Dinge reagieren, die wir vorher so nicht kannten.

Dabei verändert sich natürlich etwas. Alte Prägungen können schwächer werden, neue Erfahrungen kommen dazu, und manches, was früher sofort eine Reaktion ausgelöst hat, verliert an Bedeutung. Nur passiert das selten so sauber und endgültig, wie wir es gern hätten.

Was meine eigene Krise mir darüber gezeigt hat

Von Mitte 2011 bis Ende 2014 war ich in einer tiefen Krise, und ich weiß noch genau, wie oft ich damals verzweifelt gefragt habe: Mein Gott, wann hört das endlich auf? Was muss ich noch tun, damit es endlich vorbei ist?

Selbst als der offensichtliche Stress tatsächlich vorbei war, war damit innerlich längst nicht alles erledigt. Manche Ängste und Reaktionen habe ich erst Jahre später überhaupt verstanden, weil sich in dieser Zeit auch neue Erfahrungen eingeprägt hatten, die vorher gar nicht da gewesen waren.

Einige davon tauchen heute noch gelegentlich in kleinen Spuren auf. Ich sehe das inzwischen nicht mehr als Beweis dafür, dass ich etwas übersehen oder falsch gemacht hätte, sondern eher als Erinnerung daran, dass Entwicklung nicht nach einem festen Zeitplan funktioniert.

Damals hätte mir diese Erkenntnis wahrscheinlich wenig geholfen, weil ich einfach nur wollte, dass es endlich aufhört, doch heute kann ich darüber anders denken.

Prozesse sind keine Reparaturaufträge

Ich finde schon das Wort „Prozess“ manchmal schwierig, weil wir daraus so schnell die nächste Aufgabe machen. Dann wird geheilt, aufgearbeitet, transformiert und gelöst, bis man innerlich schon wieder mit einer To-do-Liste herumläuft.

Dabei ist Leben nun einmal nicht planbar genug, um alles sauber abarbeiten zu können.

Eine Trennung verändert dich, eine Krise verändert dich, genauso wie eine Beziehung oder eine Entscheidung etwas in dir in Bewegung bringen kann. Manche Dinge verstehst du sofort, andere Jahre später, und manches begleitet dich einfach eine Weile, ohne dass daraus gleich ein neues Programm werden muss.

Unterwegs zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, ständig an mir herumzuarbeiten. Es bedeutet eher, mitzubekommen, was gerade tatsächlich los ist, und nicht jedes unangenehme Gefühl sofort als Großbaustelle zu betrachten.

Wenn der Wunsch nach Heilung nur noch Müdigkeit ist

Meine Beobachtung ist, dieser Punkt wird oft übersehen.

Wenn jemand sagt: „Ich will endlich durch sein“, steckt dahinter manchmal gar nicht die große Sehnsucht nach der nächsten Erkenntnis. Der Mensch ist schlicht müde.

Müde vom Nachdenken, vom Fühlen, vom Verstehenwollen und von der ständigen Beschäftigung mit der Situation, mit dem Problem.

Dann braucht es vielleicht gar keinen weiteren Kurs, kein neues Tool und keine nächste Methode, sondern einfach eine Pause vom ganzen inneren Verbesserungsbetrieb.

Es gibt Zeiten, in denen man nicht noch tiefer graben muss, sondern in denen es vollkommen reicht, das Leben erst einmal wieder etwas normaler werden zu lassen.

Die Frage „Was brauche ich gerade?“ finde ich inzwischen deshalb oft hilfreicher als „Was muss ich noch lösen?“, weil sie den Druck herausnimmt, ständig ankommen zu müssen.

Du musst nicht ständig an dir arbeiten

Genau das ist die Stelle, an der ich heute so anders denke als früher.

Ich halte Entwicklung nicht mehr für etwas, das permanent angeschoben werden muss. Manchmal passiert sie gerade dann, wenn man aufhört, ständig etwas aus sich machen zu wollen. 

Das heißt nicht, dass man alles laufen lässt oder vor sich selbst davonrennt. Es heißt nur, dass nicht jede Pause ein Rückschritt ist und nicht jedes alte Gefühl sofort beweist, dass man wieder am Anfang steht.

Ich möchte mein Leben jedenfalls nicht damit verbringen, darauf zu warten, endlich fertig zu sein. Dafür verändert sich zu viel, und wahrscheinlich würde mir spätestens fünf Minuten nach meinem großen inneren Abschluss ohnehin wieder was Neues vor die Füße fallen.

Dann kann ich auch gleich akzeptieren, dass Lernen dazugehört, nicht als Dauerbaustelle, sondern einfach deshalb, weil Leben eben nicht stillsteht.

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