Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität, …

… sondern wenn sie alles ist, was du hast.

Manchmal gerät nicht dein ganzes Leben ins Wanken, sondern eine Rolle, an der du sehr viel von dir festgemacht hast.

Das kann der Beruf sein, eine Beziehung, die Familie oder eine bestimmte Vorstellung davon, wer du bist und wie du dich selbst kennst. Solange diese Rolle trägt, fällt dir oft gar nicht auf, wie viel deines Selbstbildes daran hängt. Erst wenn sie brüchig wird, merkst du, was alles mit ins Rutschen kommt.

Ich habe das bei einem Mann beobachtet, der sich stark über seinen Beruf definiert hat. Er war erfolgreich, leistungsfähig, anerkannt und hatte darüber ein ziemlich klares Bild von sich. Als genau dieser Bereich ins Wanken kam, tauchte plötzlich an ganz anderer Stelle Unruhe auf: in seiner Beziehung.

Das finde ich spannend, weil wir dann schnell glauben, das Problem müsse dort liegen, wo es gerade kracht. Manchmal ist das auch so. Manchmal verlagert sich der Kriegsschauplatz aber nur.

Wenn eine Rolle zu viel tragen muss

Wenn du dich stark über eine einzige Rolle definierst, kann sie eine Aufgabe übernehmen, die viel zu groß für sie ist.

Dann bist du nicht einfach jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt, sondern dein Wert, deine Sicherheit und dein ganzes Selbstbild hängen daran. Solange es läuft, fühlt sich das stabil an. Wenn dieser Bereich plötzlich wegbricht oder sich verändert, kann es sich anfühlen, als würde dir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.

Das ist auch bei Beziehungen möglich. Manche Menschen kennen sich selbst fast nur noch als Ehefrau, Partner, Mutter, Vater oder denjenigen, der immer für alle da ist. Wenn sich diese Rolle verändert, kommt schnell die Frage hoch: Wer bin ich denn dann überhaupt noch?

Da entsteht Unruhe, und die sucht sich eine Stelle, an der sie sichtbar werden kann.

Wenn der Kriegsschauplatz wandert

Bei dem Mann, von dem ich erzählt habe, wurde die Beziehung plötzlich zum Mittelpunkt seiner Unzufriedenheit.

Plötzlich störten Dinge, die vorher offenbar tragbar gewesen waren. Abstand klang plötzlich verlockend, und die Vorstellung, allein zu sein, bekam etwas von: Das ist es!

Das kann natürlich tatsächlich bedeuten, dass eine Beziehung nicht mehr passt. Es wäre genauso falsch, jede Trennung als Flucht vor sich selbst abzutun. Allerdings würde ich schon genauer hinschauen, wenn zeitgleich ein anderer Lebensbereich massiv ins Wanken geraten ist.

Denn dann stellt sich die Frage, ob die Beziehung wirklich das eigentliche Problem ist oder ob dort gerade etwas landet, das an anderer Stelle seinen Ursprung hat.

Es ist oft leichter, die Beziehung zum Problem zu ernennen, als sich mit der Unsicherheit herumzuschlagen, die entsteht, wenn ein wichtiger Teil des eigenen Selbstbildes wackelt. Gegen den Partner kann man wenigstens konkret etwas haben. Die Frage „Wer bin ich, wenn das hier nicht mehr trägt?“ ist wesentlich unangenehmer.

Das eigene Selbstbild hält einiges aus

Spannend wird es vor allem auch da, wo wir ein sehr festes Bild von uns selbst haben.

Der Mann sah sich zum Beispiel als besonders liebevoll, integer und verbindlich. Das kann natürlich lange so gewesen sein. Nur passen Selbstbild und tatsächliches Verhalten nicht in jeder Situation automatisch zusammen.

Wenn jemand sich selbst als sehr liebevoll erlebt, aber gleichzeitig den Partner abwertet, sich entzieht oder Verantwortung abschiebt, entsteht ein Widerspruch. Den sieht man bei sich selbst oft wesentlich später als beim anderen.

Das ist alles sehr menschlich. Wir alle haben eine Geschichte darüber, wer wir sind, und wir mögen es nicht besonders, wenn das Leben plötzlich Beweismaterial vorlegt, das nicht sauber dazu passt.

Da beginnt schnell die innere Verteidigung. Man erklärt, warum das eigene Verhalten nachvollziehbar ist, warum der andere übertreibt oder warum die Situation eben keine andere Möglichkeit zugelassen hat.

So bleibt das Selbstbild vorerst heil.

Trigger erzählen nicht immer dieselbe Geschichte

Ich mag das Wort „Trigger“ inzwischen nur noch in Maßen, weil inzwischen fast alles zum Trigger erklärt wird, was unangenehm ist.

Trotzdem kann eine starke Reaktion natürlich ein Hinweis sein. Nur würde ich nicht automatisch behaupten, dass der andere nichts damit zu tun hat und alles ausschließlich aus der eigenen Vergangenheit kommt.

Manchmal reagierst du so stark, weil eine alte Erfahrung berührt wird. Manchmal verhält sich dein Gegenüber tatsächlich respektlos, unklar oder verletzend. Und manchmal kommt beides zusammen, was die Sache dann auch nicht gerade übersichtlicher macht.

Deshalb hilft es wenig, sich mit einer schnellen Erklärung zufriedenzugeben. Viel interessanter ist, was genau passiert ist, was davon mit dir zu tun hat und was wirklich im Verhalten des anderen liegt.

Sonst wird aus jeder berechtigten Irritation am Ende noch ein persönliches Entwicklungsthema, und das wäre auch eine ziemlich praktische Nummer für Menschen, die sich ungern mit ihrem eigenen Verhalten beschäftigen.

Abstand kann helfen, aber er beantwortet nicht jede Frage

Wenn etwas eng wird, klingt Abstand oft zunächst wunderbar.

Endlich Ruhe, kein Streit, keine Reibung und niemand, der einem ständig etwas spiegelt, was man gerade überhaupt nicht sehen möchte. Ich verstehe den Reiz davon sehr gut.

Nur löst Entfernung nicht automatisch die Frage, die darunterliegt.

Wenn die Unruhe tatsächlich aus einer beruflichen Krise, einem brüchigen Selbstbild oder einer allgemeinen Orientierungslosigkeit kommt, nimmst du dich selbst beim Auszug natürlich mit. Blöd gelaufen.

Deshalb würde ich vor einer großen Entscheidung nicht nur fragen: „Will ich hier noch bleiben?“

Ich würde auch schauen, was gerade sonst noch im Leben passiert und ob mehrere Dinge gleichzeitig wackeln. Manchmal wird dadurch erst sichtbar, warum ausgerechnet die Beziehung plötzlich so viel Gewicht bekommt.

Im ungünstigsten Fall sitzt du dann ein paar Jahre später mit dem nächsten Partner auf dem Sofa und denkst: Ach du Scheiße, das kenne ich doch. Dann wäre es natürlich etwas ärgerlich, wenn du feststellen musst, dass du beim anderen gar nicht deshalb gegangen bist, weil er das große Problem war, sondern weil du vor etwas in dir selbst davonlaufen wolltest.

Du bist mehr als deine Rollen

Je mehr verschiedene Seiten du von dir kennst, desto weniger muss eine einzige Rolle dein komplettes Selbstbild tragen.

Dann darf sich ein Beruf verändern, ohne dass du dich gleich als gescheitert erlebst. Eine Beziehung kann schwierig werden, ohne dass du sofort das Gefühl hast, dein ganzes Leben sei falsch. Und du kannst feststellen, dass du dich an einer Stelle geirrt hast, ohne dass damit alles zusammenbricht, was du über dich glaubst.

Das ist für mich der wichtige Punkt bei Identität.

Nicht herauszufinden, welche eine richtige Identität du hast, sondern zu merken, wie viele Anteile, Erfahrungen und Rollen zu dir gehören, ohne dass eine davon allein erklären muss, wer du bist.

Wenn eine Säule wegbricht, ist das immer noch unangenehm. Aber es ist ein Unterschied, ob daneben noch ein ganzes Haus steht oder ob du ausgerechnet auf diese eine Säule das komplette Dach gestellt hast.

Wenn du in der Beziehung immer weniger du selbst bist

Eine Identität kann nicht nur an einem Beruf, einer Aufgabe oder einer bestimmten Rolle hängen. Sie kann sich auch in einer Partnerschaft immer stärker an den anderen anlehnen, bis kaum noch spürbar ist, was das Eigene ist.

Ich habe eine Beziehung von außen erlebt, bei der genau das sichtbar wurde. Am Anfang stand die Frau noch sehr für ihr eigenes Leben, ihre eigenen Interessen und ihre eigene Art. Als sie merkte, dass ihr Partner sich auch für eine andere Frau hätte entscheiden können, entstand in ihr der starke Zug, ihn unbedingt für sich zu gewinnen. Von außen wirkte es später fast so, als wäre er zu einer Art Trophäe geworden, die sie sich erkämpfen musste.

Was danach passiert ist, fand ich, aus meiner heutigen Sicht, noch erstaunlicher. Sie hat sich immer stärker an seinem Leben, seinen Interessen orientiert, vieles mitgemacht, was zu ihm gehörte, sich auf seine Welt eingelassen und dabei offenbar Stück für Stück weniger von sich selbst eingebracht.

Natürlich ist es völlig normal, dass man durch einen Partner neue Dinge kennenlernt. Genau das kann bestimmt schön sein. Du entdeckst Interessen, Orte, Menschen oder Lebensweisen, auf die du alleine vielleicht nie gekommen wärst. Für mich wird es schwierig, wenn aus diesem gemeinsamen Entdecken langsam ein Verschwinden des Eigenen wird.

Ich stelle mir Beziehung eher so vor: Zwei Menschen kommen zusammen, und jeder bringt etwas mit. Seine Interessen, seine Geschichte, seine Eigenheiten, seine Freunde, seine Art zu leben. Daraus entsteht mit der Zeit etwas Drittes, etwas Gemeinsames, das vorher so noch nicht da war.

Wenn aber einer fast nur noch in die Welt des anderen einzieht, wird dieses Gemeinsame ziemlich einseitig und nur einer wird von wirklicher Zufriedenheit genährt.

Dann kann es passieren, dass der Partner gar nicht mehr richtig weiß, wer ihm da eigentlich noch gegenübersteht. Denn wenn du dich immer stärker anpasst, verlierst nicht nur du den Kontakt zu dir selbst. Auch der andere verliert Stück für Stück den Menschen, in den er sich ursprünglich verliebt hat.

Für mich ist genau das der Punkt: Ich möchte in einer Beziehung nicht verschwinden. Jeder bringt sein eigenes Leben, seine Interessen und seine Art mit, und daraus darf etwas Gemeinsames entstehen. Wenn am Ende nur noch einer übrigbleibt und der andere in dessen Welt eingezogen ist, fehlt mir genau das, was Beziehung für mich interessant und schön macht.

Ein Teil meiner Angebote

Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Begleitung macht nicht abhängig.

Neulich hat eine junge Frau ihre Begleitung bei mir von drei auf sechs Monate verlängert. Ihre Mutter streckt ihr das Geld dafür vor, was ich wirklich liebevoll finde, und gleichzeitig kam von ihr die Frage: „Hast du nicht Angst, von Claudia abhängig zu werden?“

Ich kann verstehen, dass Eltern bei so etwas aufmerksam werden. Da vertraut sich das eigene Kind einem anderen Menschen an, investiert Geld und entscheidet dann auch noch, die Begleitung zu verlängern. Natürlich kann man sich fragen, welchen Einfluss dieser Mensch bekommt und ob das Ganze noch gut und gesund ist. Drum schauen wir uns das jetzt mal genauer an.

Begleitung oder Abhängigkeit?

Wenn ein Kind klein ist, zeigst du ihm ja auch, wie es mit einem Löffel isst, wie es sich die Schuhe bindet oder irgendwann Fahrrad fährt. Am Anfang braucht es deine Hilfe, später immer weniger, und dann macht es das selbstverständlich allein. Kein Mensch würde sagen: „Um Gottes willen, jetzt wird das Kind abhängig von seiner Mutter, weil sie ihm gezeigt hat, wie ein Löffel funktioniert.“

Bei einer guten Begleitung sehe ich das ähnlich. Natürlich gibt es eine Zeit, in der du dich an jemandem orientierst, (viele) Fragen stellst oder dir einen Blick von außen holst. Das Ziel kann aber nicht sein, dass du für jede Entscheidung anrufst und fragst: „Claudia, darf ich heute links oder rechts abbiegen?“

Wenn jemand anfängt, dir deine Entscheidungen abzunehmen, dir erklärt, was du fühlen sollst, wie du dein Leben zu führen hast, oder dir vermittelt, dass du ohne ihn nicht mehr klarkommst, würde ich ebenfalls sehr genau hinschauen.

So verstehe ich Begleitung allerdings nicht.

Ich kann einem Menschen etwas spiegeln, nachfragen, einen Zusammenhang sehen, den er selbst gerade nicht erkennt, oder ihn darin bestärken, das ernst zu nehmen, was er längst spürt. Die Entscheidung, was er daraus macht, bleibt trotzdem bei ihm

Karin und die Sache mit den Paketen

Neulich bekam ich eine Sprachnachricht von einer jungen Frau. Nennen wir sie Karin.

Karin war ziemlich genervt von ihrer Mitbewohnerin, weil sie inzwischen offenbar zur hauseigenen Paketstation geworden war. Die Mitbewohnerin ließ ihre Pakete nach Hause liefern und Karin sollte sie entgegennehmen, damit sie später nicht selbst hinfahren musste.

Nun klingt „Kannst du mein Paket annehmen?“ erst einmal wirklich nicht nach einem weltbewegenden Problem. Nur saß Karin dadurch ständig auf Empfang. Keine Musik zu laut, keine Serie, bei der sie die Klingel überhört, immer im Hinterkopf, dass ja noch der Paketbote auftauchen könnte.

Sie hatte schlichtweg keine Lust mehr darauf.

Das Interessante war, dass sie neununddreißig Jahre lang sehr gut darin gewesen war, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen und lieber nichts zu sagen, bevor jemand ihretwegen schlechte Laune bekommt. Madre mio. Da wird aus einem Paket plötzlich fast eine Staatsaffäre, obwohl die eigentliche Sache mit einem Satz erledigt wäre.

In ihrer Sprachnachricht sagte sie sinngemäß: „Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich bin doch nicht für ihre Pakete verantwortlich und ich will das nicht mehr.“

Meine Antwort war ungefähr: „Ja. Dann sag ihr genau das.“

Sie brauchte von mir keine Lösung. Die hatte sie längst. Was ihr bisher gefehlt hatte, war eher das Vertrauen, dass ihr eigenes Nein überhaupt Grund genug sein darf.

Ein paar Tage später kam die nächste Sprachnachricht: „Boah Claudia, wenn man einmal anfängt, was zu sagen, dann will man alles sagen.“

Ich musste so lachen, weil das genau beschrieben hat, was da gerade passiert ist. Nicht, weil Karin plötzlich gelernt hatte, auf Claudia zu hören, sondern weil sie angefangen hatte, sich selbst zuzuhören.

Für das Umfeld kann das ziemlich ungewohnt werden

Wenn jemand jahrelang derjenige war, der nachgibt, sich kümmert, verfügbar ist oder Streit vermeidet, dann haben sich andere Menschen daran gewöhnt. Es hat sich einfach so eingespielt.

Ändert dieser Mensch plötzlich sein Verhalten, verändert sich automatisch auch das Miteinander.

Plötzlich sagt jemand Nein, wo vorher zuverlässig ein Ja kam. Er möchte etwas nicht mehr übernehmen, erklärt seine Meinung deutlicher oder trifft Entscheidungen, die nicht jedem gefallen. Da kann das Umfeld schon mal irritiert schauen und sich fragen, was denn jetzt auf einmal los ist.

Ob hinter der Sorge einer Mutter dann tatsächlich die Angst steckt, ihr Kind könnte sich von ihr entfernen, kann ich nicht wissen. Das wäre mir zu viel Küchentischpsychologie. Aber natürlich darf sich jeder, der durch die Entwicklung eines anderen nervös wird, auch fragen, was genau ihn daran wirklich beunruhigt.

Geht es wirklich darum, dass dieser Mensch abhängig wird, oder ist es ungewohnt, dass er sich verändert?

Das sind zwei ziemlich verschiedene Dinge.

Alles alleine zu machen, ist auch keine Medaille

Ich habe selbst lange geglaubt, Stärke würde bedeuten, möglichst alles alleine hinzubekommen. Keine Hilfe brauchen, Probleme selbst lösen, Zähne zusammenbeißen und weiter. Kann man machen und ich war darin sogar ziemlich gut.

Heute sehe ich das anders.

Es gibt Situationen, in denen ich wunderbar alleine klarkomme, und andere, bei denen ein Mensch von außen etwas sieht, das mir selbst gerade durch die Lappen geht. Das macht mich nicht abhängig von ihm. Ich kann mir Unterstützung holen und trotzdem diejenige bleiben, die über ihr Leben entscheidet.

Gerade wenn du jahrelang immer dieselben Gedanken im eigenen Kopf herumgeschoben hast, ist es manchmal ausgesprochen hilfreich, wenn jemand daneben sitzt und sagt: „Hörst du, was du da gerade erzählst?“

Das kann kurz lästig sein und trotzdem sehr hilfreich.

Woran ich eine gute Begleitung erkenne

Ich würde gar nicht so sehr darauf schauen, wie lange jemand eine Begleitung in Anspruch nimmt. Drei Monate können vollkommen falsch laufen und drei Jahre können sinnvoll sein. Viel interessanter ist, was währenddessen mit dem Menschen passiert.

Wird er sicherer in seinen eigenen Entscheidungen? Kann er immer klarer sagen, was er möchte und was nicht? Traut er seiner Wahrnehmung mehr als vorher oder fragt er bei jedem Schritt, was sein Begleiter dazu meint?

Daran würde ich es festmachen.

Ich möchte jedenfalls nicht, dass ein Mensch bei mir bleibt, weil er glaubt, ohne mich nicht weiterzukommen. Wenn jemand nach einer Zeit merkt, dass er sich selbst ernster nimmt, seine eigenen Antworten besser hört und nicht mehr für jede Entscheidung meine Bestätigung braucht, dann läuft es für mich in die richtige Richtung.

Und Karin? Die dürfte inzwischen einige Menschen in ihrem Umfeld leicht überraschen. Wer neununddreißig Jahre vieles geschluckt hat und plötzlich entdeckt, dass er auch einen Mund zum Reden hat, wird vermutlich nicht beim Thema Paketannahme stehen bleiben.

Wie sagte sie so schön: „Wenn man einmal anfängt, was zu sagen, dann will man alles sagen.“

Ich fürchte, da ist jetzt was in Gang gekommen.

Alleine machen ist nicht immer Stärke

Viele glauben ja, dass „alleine machen“ ein Zeichen von Stärke ist.

Stimmt nicht, und ich weiß es, weil ich das auch viele Jahre geglaubt habe.

Alleine machen kann manchmal auch einfach nur Angst sein, in Verbindung zu gehen. Weil Verbindung ehrlich ist – Verbindung ist fühlbar – Verbindung zeigt dir deine Themen ohne Filter und vor allem bedeutet es Nähe. Und vor der hatte ich unglaublich Angst, weil sie für mich früher Gefahr bedeutet hat.

In echter Verbindung kannst du nicht mehr so gut weglaufen. Da siehst du dich. Durch die Augen eines anderen, der nicht bewertet, aber trotzdem sieht. Der bestärkt, der spiegelt und der hält.

Das macht  vielen Menschen Angst.

Deshalb sagen manche lieber: „Ich schaff das alleine“, was oft heißt: „Ich hab Angst vor dem, was sichtbar wird, wenn ich mich wirklich zeige.“

Wovon wirst du wirklich abhängig?

Du wirst nicht abhängig von jemandem, der dich in dem bestärkt, was du eh schon weißt.

Abhängig wirst du von Menschen, die dir deine Entscheidungen abnehmen, deine Gefühle oder deinen Mut. Die dir sagen, was richtig oder falsch ist. Die dir das Denken ersparen wollen. Die dich kleinhalten, weil sie dir genauso wenig zutrauen wie sich selbst, oder damit sie sich groß fühlen können.

Abhängig wirst du von Menschen, die dich brauchen, um ihre eigene Leere zu füllen.

Nicht von jemandem, der sagt: „Ja stimmt, genau das kannst du jetzt sagen.“

Nicht von jemandem, der nur spiegelt, was du eh schon fühlst und nicht von jemandem, der dir dich selbst zurückgibt.

Also, falls dir mal jemand sagt: „Pass auf, sonst wirst du abhängig.“

Dann frag einfach zurück: „Von wem redest du gerade wirklich – von mir oder von dir?“

Weil oft hat der andere die Angst. Nicht du.

Die Angst, dass du dich veränderst – dass du wächst – dass du klarer wirst – dass du anfängst, Dinge zu sagen, dass du Grenzen setzt, die vorher nicht vorhanden waren, und du dich nicht mehr hinten anstellst.

Das macht Systemen Angst, Familien, Beziehungen und Freundschaften. Weil, wenn du dich veränderst, sich auch das System verändern kann. Und das will nicht jeder.

Und ganz ehrlich: Manche können das auch nicht. Weil sie selbst neununddreißig, fünfzig, sechzig Jahre gelernt haben, sich hintenanzustellen. Und wenn du jetzt anfängst, das nicht mehr zu tun – dann spiegelt das ihre eigene Unterordnung. Das tut weh, ist hauptsächlich unangenehm, und da sind wir wieder: Es will nicht gefühlt werden.

Also wird es auf dich projiziert.

Und jetzt mal Tacheles

Wenn du nach einer Begleitung mehr fühlst, klarer siehst und eigene Entscheidungen triffst, dann bist du freier als vorher und definitiv nicht abhängiger.

Wenn du spürst, was du brauchst, statt zu funktionieren – freier. Wenn du weißt, was deine Wahrheit ist, statt blind zu übernehmen – freier. Wenn du merkst, wo du Ja sagst und wo Nein – freier. Wenn du anfängst, Dinge zu sagen – freier. Wenn du dich nicht mehr hinten anstellst – freier.

Das ist der ganze Zauber.

Begleitung macht dich nicht klein. Sie macht dich nicht hilflos. Sie macht dich nicht süchtig nach mehr Begleitung. Sie bestärkt dich in dem, was du eh schon weißt. Sie spiegelt, was du eh schon fühlst. Sie zeigt dir, wer du bist, wenn niemand mehr redet.

Und das macht manche nervös – und wie. Weil du dann vielleicht nicht mehr so leicht zu kontrollieren bist. Dir nicht mehr alles gefallen lässt und deine Grenzen selbst lebst. Nicht mehr so leicht zu beeinflussen und  kleinzuhalten bist. Bingo und Jackpot.

Was echte Begleitung wirklich tut

Echte Begleitung gibt dich dir selbst zurück. Sie macht dich mündig, selbstwirksam, fühlend, sprechend und entscheidungsfähig.

Sie ist das Gegenteil von Abhängigkeit.

Und wenn jemand Angst davor hat, dass du dich begleiten lässt, dann hat diese Person meistens Angst davor, dass du genau das wirst: selbstbestimmt.

Weil das bedeutet, dass du vielleicht nicht mehr das tust, was sie von dir erwartet. Dass du anfängst, Dinge zu sagen. Dass du dich nicht mehr hinten anstellst.

Und das darf sein. Du darfst das aushalten. Und die anderen dürfen ihre Angst haben. Das ist nicht dein Job, das zu lösen. Dein Job ist, deinen Weg zu gehen.

Auch wenn andere Angst haben. Gerade dann.

Weil: Wenn man einmal anfängt, etwas zu sagen, dann will man alles sagen. Frag Karin.

Und das ist Freiheit.

Falls du dich jetzt auch begleiten lassen willst, siehst du unten meine Räume. Ich halte dir gerne die Taschenlampe auf deinen Weg, doch denke daran, gehen musst du.

Ein Teil meiner Angebote

Du bist nicht hier um fertig zu werden

Du bist nicht hier um fertig zu werden

Du bist nicht hier, um fertig zu werden

Lernen ist unsere Natur

Du bist nicht hier, um eines Tages an einen Punkt zu kommen, an dem alles erledigt, geheilt, verarbeitet, abgehakt und abgeschlossen ist. Zackbumm, fertig, und danach kann man wieder gemütlich ins gewohnte Rädchen springen.

Diesen Wunsch kenne ich selbst sehr gut. Gerade wenn etwas lange dauert oder anstrengend ist, will man einfach nur noch wissen, wann es endlich vorbei ist. Nur macht genau diese Vorstellung oft zusätzlichen Stress, weil wir anfangen zu glauben, mit uns müsse etwas nicht stimmen, wenn ein Thema nicht nach drei Erkenntnissen und zwei Atemübungen verschwunden ist.

Wir sind keine Projekte mit Abschlussdatum. Wir lernen ständig weiter, weil wir ständig Erfahrungen machen, Menschen begegnen, Entscheidungen treffen, Fehler machen und auf Dinge reagieren, die wir vorher so nicht kannten.

Dabei verändert sich natürlich etwas. Alte Prägungen können schwächer werden, neue Erfahrungen kommen dazu, und manches, was früher sofort eine Reaktion ausgelöst hat, verliert an Bedeutung. Nur passiert das selten so sauber und endgültig, wie wir es gern hätten.

Was meine eigene Krise mir darüber gezeigt hat

Von Mitte 2011 bis Ende 2014 war ich in einer tiefen Krise, und ich weiß noch genau, wie oft ich damals verzweifelt gefragt habe: Mein Gott, wann hört das endlich auf? Was muss ich noch tun, damit es endlich vorbei ist?

Selbst als der offensichtliche Stress tatsächlich vorbei war, war damit innerlich längst nicht alles erledigt. Manche Ängste und Reaktionen habe ich erst Jahre später überhaupt verstanden, weil sich in dieser Zeit auch neue Erfahrungen eingeprägt hatten, die vorher gar nicht da gewesen waren.

Einige davon tauchen heute noch gelegentlich in kleinen Spuren auf. Ich sehe das inzwischen nicht mehr als Beweis dafür, dass ich etwas übersehen oder falsch gemacht hätte, sondern eher als Erinnerung daran, dass Entwicklung nicht nach einem festen Zeitplan funktioniert.

Damals hätte mir diese Erkenntnis wahrscheinlich wenig geholfen, weil ich einfach nur wollte, dass es endlich aufhört, doch heute kann ich darüber anders denken.

Prozesse sind keine Reparaturaufträge

Ich finde schon das Wort „Prozess“ manchmal schwierig, weil wir daraus so schnell die nächste Aufgabe machen. Dann wird geheilt, aufgearbeitet, transformiert und gelöst, bis man innerlich schon wieder mit einer To-do-Liste herumläuft.

Dabei ist Leben nun einmal nicht planbar genug, um alles sauber abarbeiten zu können.

Eine Trennung verändert dich, eine Krise verändert dich, genauso wie eine Beziehung oder eine Entscheidung etwas in dir in Bewegung bringen kann. Manche Dinge verstehst du sofort, andere Jahre später, und manches begleitet dich einfach eine Weile, ohne dass daraus gleich ein neues Programm werden muss.

Unterwegs zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, ständig an mir herumzuarbeiten. Es bedeutet eher, mitzubekommen, was gerade tatsächlich los ist, und nicht jedes unangenehme Gefühl sofort als Großbaustelle zu betrachten.

Wenn der Wunsch nach Heilung nur noch Müdigkeit ist

Meine Beobachtung ist, dieser Punkt wird oft übersehen.

Wenn jemand sagt: „Ich will endlich durch sein“, steckt dahinter manchmal gar nicht die große Sehnsucht nach der nächsten Erkenntnis. Der Mensch ist schlicht müde.

Müde vom Nachdenken, vom Fühlen, vom Verstehenwollen und von der ständigen Beschäftigung mit der Situation, mit dem Problem.

Dann braucht es vielleicht gar keinen weiteren Kurs, kein neues Tool und keine nächste Methode, sondern einfach eine Pause vom ganzen inneren Verbesserungsbetrieb.

Es gibt Zeiten, in denen man nicht noch tiefer graben muss, sondern in denen es vollkommen reicht, das Leben erst einmal wieder etwas normaler werden zu lassen.

Die Frage „Was brauche ich gerade?“ finde ich inzwischen deshalb oft hilfreicher als „Was muss ich noch lösen?“, weil sie den Druck herausnimmt, ständig ankommen zu müssen.

Du musst nicht ständig an dir arbeiten

Genau das ist die Stelle, an der ich heute so anders denke als früher.

Ich halte Entwicklung nicht mehr für etwas, das permanent angeschoben werden muss. Manchmal passiert sie gerade dann, wenn man aufhört, ständig etwas aus sich machen zu wollen. 

Das heißt nicht, dass man alles laufen lässt oder vor sich selbst davonrennt. Es heißt nur, dass nicht jede Pause ein Rückschritt ist und nicht jedes alte Gefühl sofort beweist, dass man wieder am Anfang steht.

Ich möchte mein Leben jedenfalls nicht damit verbringen, darauf zu warten, endlich fertig zu sein. Dafür verändert sich zu viel, und wahrscheinlich würde mir spätestens fünf Minuten nach meinem großen inneren Abschluss ohnehin wieder was Neues vor die Füße fallen.

Dann kann ich auch gleich akzeptieren, dass Lernen dazugehört, nicht als Dauerbaustelle, sondern einfach deshalb, weil Leben eben nicht stillsteht.

Ein Teil meiner Angebote

Warum das Leben jetzt durch den Körper spricht

Warum das Leben jetzt durch den Körper spricht

Warum das Leben jetzt durch den Körper spricht

Bewusstsein, Krankheit und Präsenz

Wir leben unglaublich viel über den Kopf, denken, planen, analysieren, entscheiden und versuchen, möglichst vernünftig mit allem umzugehen, was uns begegnet. Das funktioniert oft lange erstaunlich gut, bis der Körper deutlicher wird und wir merken, dass Verstehen allein nicht automatisch bedeutet, dass innerlich schon alles mitgezogen ist.

Ich kenne das von mir zu genüge von früher. Man kann sich etwas erklären, Zusammenhänge verstehen und innerlich längst wissen, was los ist, während der Körper trotzdem noch ganz woanders steht. Dann ist der Kiefer angespannt, der Bauch unruhig, der Atem flach oder die Muskulatur so fest, als würde sie seit Stunden wie eine Zange etwas zusammenhalten, obwohl im Außen gerade gar nichts Dramatisches passiert.

Früher hätte ich wahrscheinlich schneller versucht, das wegzubekommen. Heute interessiert mich viel mehr, was gerade tatsächlich da ist und ob ich meinem Körper überhaupt Raum gebe, bevor ich schon wieder die nächste Erklärung darüberstülpe.

Wenn der Kopf schon weiter ist als der Rest

Du kannst dir sehr klar sagen, dass etwas vorbei ist, dass eine Entscheidung richtig war oder du dich nicht mehr für alles verantwortlich machen musst, und trotzdem reagiert dein Körper weiterhin auf alte Weise. Das ist für mich inzwischen kein Widerspruch mehr, weil der Kopf sehr schnell verstehen kann, während sich andere Ebenen oft langsamer verändern.

Der Körper reagiert nicht auf Erkenntnisse wie auf eine neue eingespielte Softwareversion. Er orientiert sich viel stärker an Erfahrung, Wiederholung und daran, was sich im Alltag tatsächlich verändert.

Das habe ich bei mir selbst oft genug erlebt. Ich wusste längst, dass ich nicht mehr alles kontrollieren muss, und trotzdem konnte mein ganzer Körper in bestimmten Situationen wieder auf Spannung gehen. In solchen Momenten hilft es wenig, sich innerlich zusammenzustauchen, weil man es doch längst besser wissen müsste. Damit kommt zur ursprünglichen Anspannung nur noch eine zweite dazu.

Kontrolle fühlt sich oft so richtig an

Viele Menschen halten Kontrolle für Sicherheit. Wenn ich alles im Blick habe, kann nichts schiefgehen, oder wenn ich gut vorbereitet bin, werde ich nicht überrascht, und wenn ich mich zusammenreiße, verliere ich nicht den Boden unter den Füßen.

Das klingt logisch und kann in manchen Situationen auch sinnvoll sein. Anstrengend wird es dort, wo der Körper dauerhaft in Bereitschaft bleibt und selbst dann noch kontrolliert wird, wenn objektiv längst alles erledigt ist.

Ich musste da über mein Beispiel mit den Gasflaschen lachen. Du kannst noch so genau prüfen, ob alles passt, ob alles zugedreht ist und ob du wirklich nichts vergessen hast, aber du musst trotzdem gehen und die Sache stehen lassen.

Wenn du fünfmal zurückgehst, weil der Kopf immer noch eine sechste Möglichkeit findet, wie etwas schiefgehen könnte, wird aus Vorsicht eine ziemlich kräftezehrende Angelegenheit. Da merkt man sehr genau, wie eng Kontrolle und innere Unruhe miteinander verbunden sein können.

Der Körper muss nicht zum Orakel werden

Ich sehe auch kritisch, wie schnell körperliche Symptome spirituell gedeutet werden. Dann heißt es sofort, die Schulter trage zu viel Verantwortung, der Rücken stehe für fehlenden Halt und der Magen könne etwas nicht verdauen.

Ich halte es für sinnvoller, den Körper erst einmal wahrzunehmen, bevor man ihm eine fertige Geschichte überstülpt.

Wie fühlt sich etwas wirklich an, wann taucht es auf, wie lange habe ich es schon, verändert es sich durch Bewegung, Ruhe, anderes Atmen oder eine Pause, und gibt es ganz praktische körperliche Gründe, die abgeklärt werden sollten? Genau solche Fragen bringen mich näher an das, was tatsächlich los ist, als wenn ich aus jedem Symptom sofort eine Botschaft des Universums mache.

Wahrnehmen, bevor du schon wieder etwas lösen willst

Wir sind unglaublich schnell darin, etwas verändern zu wollen, sobald es unangenehm wird. Wenn der Körper unruhig ist, soll er sich beruhigen, wenn Spannung da ist, soll sie verschwinden, und wenn wir erschöpft sind, möchten wir möglichst schnell wieder funktionieren.

Ich beobachte erst mal, was passiert, wenn ich nicht sofort in diesen Reparaturmodus gehe, sondern zuerst wahrnehme, wie es mir gerade tatsächlich geht. Vielleicht merke ich dann, dass ich den Kiefer seit Stunden festhalte oder mein Atem kaum noch in den Bauch kommt, obwohl ich das vorher gar nicht bemerkt habe.

Allein dieses Wahrnehmen macht noch nicht automatisch alles anders, aber es verändert die Art, wie ich mit mir umgehe. Statt mich sofort wieder optimieren zu wollen, bekomme ich überhaupt erst mit, was mein Körper gerade macht und was er vielleicht braucht.

Was sich verändert, wenn du wieder mehr wahrnimmst

Seit ich meinem Körper mehr Aufmerksamkeit gebe, muss nicht mehr hinter jeder Reaktion eine große Erklärung stehen. Manchmal bin ich angespannt, weil der Tag voll war, manchmal brauche ich Bewegung oder Ruhe, manchmal merke ich, dass mich ein Gespräch noch beschäftigt oder ich etwas zu lange vor mir hergeschoben habe.

An anderen Tagen helfen Essen, Schlaf oder ein Spaziergang mehr als jede tiefenpsychologische Analyse. Das klingt vielleicht weniger spektakulär als die Vorstellung, der Körper würde uns konstant verschlüsselte Botschaften schicken, aber genau das finde ich inzwischen angenehm.

Für mich geht es nicht darum, jedes Körpersignal zu entschlüsseln, sondern wieder früher zu merken, wie es mir überhaupt geht. Nicht, weil ich glaube, dass er jede Antwort kennt, sondern weil ich ihn viel zu lange erst dann ernst genommen habe, wenn er nicht mehr so mitgemacht hat, wie mein Kopf das gern gehabt hätte.

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