Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen 

Und die pure Hingabe von 75.000 Menschen

75.000 Menschen, ein Stadion, und plötzlich leuchtet jeder Einzelne von ihnen. Was das mit Bewusstsein zu tun hat, und warum ausgerechnet eine Band aus Südkorea mich das gerade jetzt wieder so deutlich sehen lässt.

Manchmal frage ich mich ja wirklich, wo Bewusstsein anfängt. Also, ob es tatsächlich immer auf einem Meditationskissen anfangen muss, mit Räucherstäbchen, geschlossenen Augen und einem Gesichtsausdruck, als hätte man gerade das Geheimnis des Universums verstanden. Oder ob Bewusstsein nicht manchmal an ganz anderen Orten sichtbar wird, an Orten, an denen wir es überhaupt nicht vermuten würden. Zum Beispiel in einem Fußballstadion, mit 75.000 Menschen, Musik, Geschrei, Tränen, Tanz, und Tausenden Lichtern in den Händen, die alle zusammen ein ganzes Stadion in violettfarbenes Licht tauchen. Und mittendrin sieben junge Männer aus Südkorea.

Ganz ehrlich, ich hätte vor vielen Jahren vermutlich auch nicht gedacht, dass ich einmal einen Blogbeitrag über BTS schreiben würde. Damals waren das für mich erst einmal sieben junge Männer, die Musik machten, tanzten und bei meiner Tochter etwas auslösten, das ich erst noch gar nicht richtig einordnen konnte. Inzwischen bin ich selbst Fan von ihnen, und zwar nicht nur wegen ihrer Musik, sondern weil ich über all die Jahre immer mehr verstanden habe, was diese sieben Männer in Menschen berühren. Sie holen etwas ans Licht, das da immer schon war, durch ihre Natürlichkeit.

Meine Tochter war ungefähr 15 oder 16 Jahre alt, als sie BTS für sich entdeckt hat. Ich weiß noch, wie sie ihren Kopf aus ihrem Zimmer streckte und meinte: „Mama, ich muss dir etwas zeigen.“ Zusammen schauten wir das erste Video der Jungs.  Ganz ehrlich, ich konnte sie zuerst nicht einmal auseinanderhalten. Von da an war sie in diese Welt komplett eingetaucht. Und zuerst denkt man als Mutter ja vielleicht noch: Gut, sie ist eben Fan von dieser Band. Das kennen wir doch irgendwie alle. Wir hatten schließlich auch unsere Sänger, Schauspieler oder Bands, für die wir geschwärmt haben. Ich sage nur: Bravo und Co.

Aber bei ihr war es eben nicht nur dieses Schwärmen. Ich habe gesehen, wie sie aufgeblüht ist. Und das ist etwas, was man als Mutter sehr genau merkt. Du siehst ja, ob dein Kind einfach nur irgendeine Musik hört, oder ob etwas in ihm wirklich lebendig wird. Und das Entscheidende dabei: BTS hat diese Dankbarkeit, diese Offenheit, diese Freude nicht in sie hineingelegt. Das war schon da, doch durch bestimmte Lebensumstände war das alles etwas verschüttet worden. Die Band hatte durch ihr Wesen, die Videos und die Musik einen Raum eröffnet und nur den Scheinwerfer draufgehalten. Heute ist meine Tochter 26 Jahre alt, seit ungefähr zehn Jahren BTS-Fan, und wenn ich heute darauf zurückblicke, wird mir noch deutlicher, dass es in dieser ganzen Geschichte nie nur um Musik ging. Es ging darum, dass etwas in ihr angesprochen wurde, das bereits zu ihr gehörte.

Und genau das übersehen wir meistens, wenn Menschen sich für etwas begeistern. Wir sehen nur die äußere Form und glauben dann schon zu wissen, was dahintersteckt. Da liebt jemand eine Band, dann ist es halt Fan-Sein. Da liebt jemand Fußball, dann ist es eben Fußball. Aber wir sehen nicht, was in diesem Menschen dabei ans Licht kommt. Wir sehen nicht, was lebendig wird, und wir sehen oft auch nicht, dass Menschen manchmal über einen ganz einfachen äußeren Weg wieder an etwas in sich herankommen, das sie lange zurückgehalten haben oder das einfach zugedeckt war.

Was ich grundsätzlich faszinierend finde, ist, wie schwer sich viele Menschen mit echter Begeisterung tun. Traurigkeit geht inzwischen einigermaßen. Da darf man sagen, dass man verletzt ist oder gerade durch einen Prozess geht. Wut geht auch, wenn man sie schön begründet, am besten noch in einem Wutraum, wo es keiner mitbekommt. Aber Begeisterung, also so richtige Begeisterung, mit leuchtenden Augen, Tränen, Schreien, Singen, Tanzen, da wird es für viele schon schwierig. Begeisterung macht nämlich sichtbar, und oh Gott, was sagen denn dann die anderen? Du kannst dich nicht ernsthaft freuen und gleichzeitig kontrollieren, wie du dabei aussiehst. Das funktioniert einfach nicht. Und genau da beginnt für viele Menschen das Problem, weil sofort dieses innere Überprüfen losgeht. Bin ich zu laut, bin ich peinlich, bin ich zu alt dafür? Obergescheite empfinden so etwas auch als sinnfrei. Wir kontrollieren sogar unsere Freude, und damit eben auch unser Licht. Wir schalten es selbst herunter, aus Angst, es könnte jemandem zu viel sein.

Genau deshalb haben mich diese Konzerte in München so berührt, obwohl ich sie nur über TikTok verfolgt habe. Da kamen ungefähr 75.000 Menschen zusammen: junge Mädchen, erwachsene Frauen, Männer, Mütter, Söhne, Freundinnen, und sogar Frauen um die 70 und noch älter, die dort mitgesungen, getanzt und ihr Licht einfach angeschaltet haben. Sie standen dort nicht, weil sie sich einbildeten, einen dieser jungen Männer zu heiraten. Sie standen dort, weil sie diese Musik lieben, weil sie diese Energie fühlen, und weil etwas in ihnen darauf reagiert. Und warum um alles in der Welt sollte eine 70/80-jährige Frau weniger begeistert sein dürfen als eine 17-jährige? Wo steht denn geschrieben, dass Freude ein Ablaufdatum bekommt?

Das ist doch vollkommen bescheuert, und trotzdem leben viele Menschen genau so. Sie werden nicht einfach nur älter, sie werden vorsichtiger, angepasster, und sie verkleinern ihr Licht immer ein Stückchen mehr oder haben es schon ganz aus. Vielleicht ist nicht die 70-jährige Frau peinlich, die bei BTS tanzt. Vielleicht ist eher der Mensch arm dran, der mit 35 schon beschlossen hat, sich nicht mehr richtig zu freuen und es zu zeigen.

Was mich bei BTS immer wieder berührt, sind gar nicht nur die großen Bühnenmomente. Es sind hauptsächlich diese kleinen Situationen, bei denen genau dieses Licht am hellsten aufblitzt, nämlich immer dann, wenn einer sich nicht mehr zusammenreißt. V hat auf der Bühne einmal sein Armband verloren. Ein Sänger, der unbedingt professionell wirken möchte, würde einfach weitermachen, das Armband schnell wegstecken, damit bloß nicht auffällt, dass etwas Ungeplantes passiert ist. V hat es aufgehoben, ist zu seinem Bandkollegen Jimin gegangen, hat ihn angetippt und ihm praktisch gesagt: Mach mir bitte mein Armband wieder zu. Der fackelte nicht lange und hat es ihm zugemacht, obwohl er gleich dran war, seinen Part zu singen. Keine große Show, kein Vortrag über Nähe und vor allem kein Drama. Einer brauchte gerade Hilfe, der andere war da, und damit war die Sache erledigt. Genau in so einem Moment, wo einer zugibt: Ich schaffe das gerade nicht allein, wird ein Mensch sichtbarer und nicht kleiner.

Und dann war da Jungkook am Ende der jetzigen Europatournee. Er hat auf der Bühne beim letzten Konzert so geweint, dass er fast nicht mehr singen konnte. Nicht nur, weil ein Mann geweint hat – Menschen weinen nun einmal –, sondern weil er diese Tränen nicht sofort wegmachen musste. Er stand da, war einfach berührt, von den Fans, von der gemeinsamen Zeit, vom Abschied. Kein einziger hat sich gedacht: Mein Gott, jetzt steht der da rum und flennt, ganz im Gegenteil, genau diese Berührbarkeit schafft Nähe.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 50–100 Millionen Menschen eine so tiefe Verbindung zu BTS empfinden. Diese Männer wirken nicht wie unantastbare Figuren, sie zeigen Gefühle, Zärtlichkeit, Dankbarkeit, und dass sie füreinander da sind und sich brauchen. Und natürlich gibt es immer noch Menschen, die glauben, ein Mann wäre weniger stark, wenn er weint. Ganz ehrlich, was für ein Quatsch. Ein Mann verliert doch nicht seine Kraft, weil ihn etwas erreicht.

Meine Tochter und ihre Freundin hatten das Glück, beide Konzerte in München besuchen zu können, am zweiten Tag sogar kurzfristig noch mit neuen Tickets. Und ich war so glücklich für die beiden, einfach weil sie so glücklich waren. Ich finde, das ist auch eine Form von Liebe, über die viel zu wenig gesprochen wird. Nicht, dass ich genau das Gleiche lieben muss wie meine Tochter, und auch nicht, dass ich alles bis ins Letzte verstehen muss. Sondern dass ich sehe, etwas bringt diesen Menschen zum Leuchten, und dann freue ich mich mit. Ich muss nicht genau nachempfinden können, warum ein Lied  oder etwas anderes jemanden so tief berührt. Ich kann einfach sehen, was es mit diesem Menschen macht. Wird er lebendiger, offener, leidenschaftlicher, kommt er mehr bei sich an, dann ist alles gesagt.

Wir haben ja oft so ein sehr enges Bild davon, wie Bewusstsein oder Erwachen aussehen soll. Ruhig soll es sein, sanft, kontrolliert, ohne große Gefühle. Am besten sitzt jemand in hellen Kleidern da, lächelt milde und spricht ganz langsam über die Liebe. Aber vielleicht sieht Erwachen manchmal ganz anders aus. Vielleicht ist es laut. Vielleicht tanzt es, schreit es, oder weint so sehr, dass es kaum noch singen kann, hält einen Leuchtstab in der Hand oder steht mit 70 Jahren zwischen jungen Mädchen und hört endlich auf, sich zu fragen, ob das noch angemessen ist. Bewusstsein beginnt genau in dem Moment, in dem ein Mensch nicht mehr dauernd kontrolliert, wie er wirkt. Nicht kontrolllos, das ist etwas vollkommen anderes, sondern unverstellt. Einfach im Hier und Jetzt, vollkommen authentisch.

Und genau dafür stehen für mich diese Leuchtstäbe im Stadion. Jeder Mensch hält sein eigenes Licht in der Hand. Nicht das Licht der Nachbarin, nicht das Licht der Band, und auch nicht das Licht eines spirituellen Lehrers, sondern sein eigenes. Ein einzelnes Licht wirkt in so einem großen Stadion erst einmal klein, es macht nicht besonders viel her. Aber wenn 75.000 Menschen ihr Licht anschalten, wird das ganze Stadion hell. Das Dunkle verschwindet nicht, weil ein einziger Mensch besonders hell leuchtet. Es wird hell, weil jeder aufhört, sein eigenes Licht zurückzuhalten. Und keines dieser Lichter konkurriert mit dem anderen. Kein Leuchtstab sagt: „Meiner ist aber heller, meiner ist spiritueller, meiner ist weiter entwickelt.“ Jedes Licht ist einfach da, und zusammen entsteht etwas, das keiner allein erschaffen könnte.

Viele Menschen wünschen sich Verbindung, sie wollen gesehen werden, dazugehören, Nähe erleben, aber gleichzeitig zeigen sie sich nicht wirklich. Sie zeigen nur eine angepasste Version von sich, eine Version, die nicht zu laut, nicht zu emotional, nicht zu begeistert ist. Und dann wundern sie sich, warum sie sich trotz anderer Menschen einsam fühlen. Aber wie soll echte Verbindung entstehen, wenn du nur mit einer kontrollierten Version von dir anwesend bist? Verbindung entsteht, wenn du wirklich da bist, mit deinen Tränen, deiner Freude, deinem Strahlen, deiner Begeisterung. Genau das konnte man in diesem Stadion sehen. Für ein paar Stunden haben so viele Menschen aufgehört, sich selbst zu überwachen. Es waren vollkommen unterschiedliche Menschen, und trotzdem entstand zwischen ihnen etwas Gemeinsames, nicht weil alle gleich waren, sondern weil keiner sich in diesem Moment kleiner machen musste.

Beim nächsten Konzert werde ich deshalb nicht nur auf TikTok zuschauen. Ich werde mitgehen, weil Lebendigkeit kein Alter hat. Wahrscheinlich werde ich dort stehen, mit meinem eigenen Leuchtstab in der Hand, zwischen weinenden, singenden und strahlenden Menschen. Vielleicht kann ich nicht jedes koreanische Wort mitsingen, aber ich werde trotzdem verstehen, worum es geht.

Und vielleicht fragst du dich jetzt beim Lesen ja selbst: Welches Licht hältst du gerade zurück? Wo machst du dich kleiner, aus Angst, du könntest zu viel sein, zu laut, zu begeistert, zu echt? Darum geht es doch am Ende. Dass jeder Mensch sein eigenes Licht trägt, und dass etwas unglaublich Schönes entsteht, wenn wir endlich aufhören, es selbst auszumachen.



Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung –

– Wo ist der Unterschied?

Vor ungefähr fünf Jahren bin ich selbst zu einer Aufstellerin gegangen, die mit Filzmatten arbeitet. Hingegangen bin ich, weil ich eine bestimmte Energie gespürt habe, die ich einfach nicht durchstoßen konnte, primär in Bezug darauf, mich zu zeigen, und dadurch auch mit Geldverdienen. Ein ganz klassisches Business-Thema also, dachte ich zumindest.

Die Aufstellung selbst war nicht schlecht, und die Frau kam erstaunlich schnell an einen Punkt, der mit dem, weswegen ich da war, auf den ersten Blick nichts zu tun hatte, nämlich körperlichem Missbrauch in der Kindheit und einer ganzen Linie von Frauen, die immer wieder übergriffig behandelt wurden. Was ich gleich vornewegnehmen will, weil es mir wichtig ist: Das war jetzt kein Fehler oder etwas Falsches. Es ist vollkommen normal und passiert in der tiefen Arbeit ständig, dass man wegen einer Sache kommt, die sich an der Oberfläche zeigt, und dann bei einem ganz anderen Thema landet, das darunterliegt. Das ist auch üblich in meiner Begleitung. Es ist einfach der Sinn solcher Prozesse, und in meinem Fall war da sogar etwas Wahres dran, und genau daraus ist bei mir eine innere Angst, eine innere Scheu entstanden, die mich beruflich nicht weiterkommen ließ. Allein dieses Aufzeigen, glaube ich heute, hätte mir schon gereicht.

Aber dann fragte sie mich, wo ich denn hinmöchte, was mein Wunsch wäre. Ich sagte: versorgt sein. Sie hakte nach, ob ich das nicht konkreter machen könnte, und irgendwie ist mir dann herausgerutscht, dass ich mir schon zweimal in meinem Leben ein Haus mit meinen Ehemännern gekauft hatte (lustig, wie sich das anfühlt), und beide Male ist mir das alles wieder weggebrochen.

Ab da ging es plötzlich um Zahlen. Rasch stellte sie eine Rechnung auf: Ein Haus kostet eine Million, für den Erhalt und das Versorgtsein brauchst du noch zwei Millionen dazu, also machen wir jetzt, dass du drei Millionen recht schnell bekommst.

Ich habe bis heute weder ein Haus noch drei Millionen, und offen gestanden ist das auch gar nicht mein Ansinnen. Wenn es kommt, dann kommt es, und wenn nicht, dann geht es mir auch so, wie es ist, hervorragend. Wo es mich seitdem aber auch nicht mehr hingezogen hat, ist zurück zu dieser Aufstellerin. Was bei mir tatsächlich etwas bewirkt hat, war nicht das Zahlenspiel, sondern das ehrliche Hinschauen auf diese übergriffige Dynamik. Da hat sich wirklich etwas gezeigt, das echt war und mir gedient hätte, auch ganz ohne Millionen und ohne Haus. Nur die Verpackung danach, der schnelle nächste Schritt, die Rechnung, die auf einmal im Raum stand, das war es nicht, was mir wirklich gedient hat.

Und genau an diesem Punkt setzt bei mir inzwischen eine Allergie ein.

Menschen kommen ja meistens in einem sehr offenen Zustand zu uns, sie sind verletzlich, sie suchen Halt, Klarheit, manchmal einfach nur einen kleinen Spalt Licht, weil sie gerade nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. Und genau an dieser Stelle beginnt entweder echte Begleitung, oder es beginnt spirituelle Betäubung.

Mit spiritueller Betäubung meine ich nicht Hypnose als Methode, sondern eher dieses Einlullen mit großen Sätzen. Ich löse dir das – ich nehme dir das raus – ich befreie dich davon – das kommt gar nicht von dir, das ist eine alte Energie. Das klingt natürlich vorerst schön, sogar heilsam, und manchmal entspannt sich der Mensch auch kurz, weil er endlich nicht mehr selbst hinschauen muss.

Puh, wie praktisch. Dann war es also nicht meine Angst und nicht meine Vermeidung, nicht mein alter Schutz und nicht mein Nicht-wissen-wollen, sondern irgendeine Energie, ein Ahnenfeld, ein altes Versprechen, ein Fluch aus dem Mittelalter oder was auch immer gerade hübsch in die Geschichte passt.

Versteht mich bitte richtig: Ich sage nicht, dass es solche Felder nicht gibt, und ich sage auch nicht, dass Aufstellungen nichts zeigen können, sonst würde ich sie selbst nicht einsetzen und auch nicht immer wieder Menschen dorthin schicken, wo es passt. Und ich sage schon gar nicht, dass tiefe Arbeit nicht Dinge sichtbar machen kann, die man mit dem Kopf niemals gefunden hätte, natürlich kann das passieren, das habe ich ja selbst erlebt. Aber wenn der Mensch danach nur erleichtert ist, weil er seine Verantwortung an eine neue Erklärung abgegeben hat, dann ist nichts gelöst, dann wurde nur die Verpackung gewechselt. Vorher hieß es vielleicht, ich kann oder traue mich nicht, danach heißt es dann, die Energie lässt mich nicht. Na bravo, anscheinend ein Jackpot.

Und das ist mir nicht nur bei mir selbst begegnet, sondern immer wieder auch bei Menschen, die mir in meiner eigenen Arbeit begegnen. Da geht jemand wegen des Berufs zu einer Begleiterin, weil er sich einfach nichts traut, und schon heißt es, das sei eine dunkle Energie, die ihn blockiert, das sei gar nicht er selbst.

Und in so einem Fall sage ich dann auch klar: Das ist Bullshit. Natürlich gibt es solche Energien. Aber wer sie am Ende auflösen kann, das ist die eigene Entscheidung. Etwas zu tun, einen Schritt zu gehen, eine Entscheidung zu treffen.

Die Erleichterung danach fühlt sich trotzdem erst mal wunderbar an. Es geht einem viel besser, weil man endlich eine Erklärung hat, und man ist dankbar, dass man selbst nicht das Problem ist, sondern diese dunkle Energie. Und direkt im Anschluss wird dann schon der nächste Termin ausgemacht.

Und genau da haut es mir die Allergie raus, dann kommt gleich der nächste Schritt, noch ein Termin, noch eine Lösung, noch eine alte Blockade, noch ein Feld, noch ein Thema, noch ein bisschen Erlösung zum Nachbuchen. Und im Grunde sitzt da ein Mensch, der endlich lernen müsste, sich selbst wieder zu spüren, und denkt: Gut, dann brauche ich nichts zu tun, jetzt habe ich jemanden, der mich endlich richtig befreit. Nein, so läuft es nicht. April, April – auch wenn jetzt Juli ist.

Ich will ehrlich sein: Ich kenne diese Versuchung auch aus eigener Erfahrung, und zwar nicht aus der Rolle der Klientin, sondern aus meiner eigenen früheren Rolle als Begleiterin. Vor gut sechzehn Jahren, mit meinem damaligen Helfersyndrom, hätte ich vermutlich genauso reagiert wie diese Aufstellerin. Nicht bewusst, um Geld zu verdienen (ich konnte mich noch nie gut selbst verkaufen), das hätte ich mir damals nie eingestanden, aber ich hätte es mir verständlich erklären können. Schau, du hast da noch was, und da noch was, und da noch was. Es fühlt sich für alle Seiten gut an: für den Klienten, weil er entlastet ist, weil man dann ja was tut, und für einen selbst, weil man gebraucht und weiterhin gebucht wird. Das ist die eigentliche Falle, und sie betrifft nicht nur die anderen, sie betrifft jeden, der in dieser Rolle steht, wenn er nicht aufpasst.

Ein Mensch löst und heilt sich am Ende immer selbst, nicht weil er alles allein schaffen muss, und nicht weil Begleitung unwichtig wäre, sondern weil echte Begleitung den Menschen zurück zu sich führt und nicht in eine Abhängigkeit.

Eine gute Begleitung beruhigt dich nicht nur, sie hält dich auch aus, wenn du unruhig, wütend, genervt und was weiß ich alles wirst. Sie streichelt nicht jede Ausweichbewegung schön und sagt dir nicht nur, was dein Nervensystem gerade gerne hören will. Manchmal sagt sie auch: Schau hin und bleib da. Klar ist das unbequem, oft sogar sehr unbequem, aber es bringt dich nicht um, sondern macht dich Stück für Stück frei.

Und genau da beginnt für mich echte spirituelle Arbeit. Nicht dort, wo alles sofort leichter klingt, sondern dort, wo der Mensch wieder mit seinem Leben in Kontakt kommt, wie es gerade ist, nicht wie er es gerne hätte, nicht wie es ihm jemand schön erklärt hat, nicht wie es in einem spirituellen Post so butterweich formuliert wurde, dass man dabei fast einschläft.

Sondern ehrlich, direkt und ohne Beschönigungen.

Manchmal ist das Leben eben nicht schön, manchmal ist es ungerecht, manchmal weiß man nicht, warum etwas passiert, und es gibt keine hübsche Erklärung dafür. Dann ist der ehrlichste Satz einfach: Ich weiß es nicht. Genau diesen Satz halten viele nicht aus, also wird gedeutet, gerettet, gelöst, erklärt, energetisiert, und am Ende noch ein Folgetermin angeboten, natürlich nur, weil es jetzt wichtig ist, dranzubleiben.

Ich habe nichts gegen Begleitung, man höre und staune, aber ich habe etwas dagegen, wenn Menschen an ihrer offenen Stelle abgeholt werden und danach noch weniger bei sich selbst landen als vorher. Ich habe etwas dagegen, wenn jemand sagt, du musst lernen, auf dich zu hören, und im nächsten Atemzug schon weiß, wie viele Termine du dafür noch brauchst. Das ist für mich null Vertrauen, das ist ein geschickt verpackter Griff an die Kontrolle und ans eigene Geldsackerl.

Und ja, viele verlangen genau das. Sie wollen beruhigt werden, sie wollen hören, dass es nicht an ihnen liegt, sie wollen, dass jemand sagt: Ich löse das für dich. Weil das natürlich viel angenehmer ist, als zu spüren: Vielleicht darf ich jetzt wirklich Verantwortung übernehmen, vielleicht darf ich aufhören, meine Angst mit neuen Geschichten zu füttern, vielleicht darf ich akzeptieren, dass Veränderung nicht passiert, nur weil jemand über mir herumfuchtelt und dazu ein paar große Worte spricht.

Echte Spiritualität macht dich nicht kleiner, sie macht dich nicht abhängiger, sie macht dich nicht folgsamer, sie macht dich tatsächlich wacher. Und wacher werden ist nicht immer bequem, es ist sogar ziemlich unromantisch. Da kommt kein Engelchor, da kommt eher der Moment, in dem du merkst: Mist, ich bin immer noch ich. Und genau da beginnt es dann.

Nicht bei der nächsten großen Erlösung und nicht beim nächsten Guru-Satz, nicht bei der nächsten Erklärung, warum du angeblich bisher nicht kannst. Bei dir, bei deinem Körper und deiner Angst, bei deiner Wahrheit und deiner Bereitschaft, nicht sofort wieder eine schönere Geschichte darüberzulegen oder deine Muster abzuspulen.

Für mich ist das der Unterschied. Spirituelle Betäubung beruhigt dich, damit du nicht hinsehen musst. Echte Begleitung stärkt dich, damit du hinsehen kannst.

Und ja, das ist nicht einfach und wenig glamourös, eher unangenehm, aber deutlich ehrlicher und am Ende auch freier.

Ich habe darüber auch einen Podcast gemacht.