Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen

Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen 

Und die pure Hingabe von 75.000 Menschen

75.000 Menschen, ein Stadion, und plötzlich leuchtet jeder Einzelne von ihnen. Was das mit Bewusstsein zu tun hat, und warum ausgerechnet eine Band aus Südkorea mich das gerade jetzt wieder so deutlich sehen lässt.

Manchmal frage ich mich ja wirklich, wo Bewusstsein anfängt. Also, ob es tatsächlich immer auf einem Meditationskissen anfangen muss, mit Räucherstäbchen, geschlossenen Augen und einem Gesichtsausdruck, als hätte man gerade das Geheimnis des Universums verstanden. Oder ob Bewusstsein nicht manchmal an ganz anderen Orten sichtbar wird, an Orten, an denen wir es überhaupt nicht vermuten würden. Zum Beispiel in einem Fußballstadion, mit 75.000 Menschen, Musik, Geschrei, Tränen, Tanz, und Tausenden Lichtern in den Händen, die alle zusammen ein ganzes Stadion in violettfarbenes Licht tauchen. Und mittendrin sieben junge Männer aus Südkorea.

Ganz ehrlich, ich hätte vor vielen Jahren vermutlich auch nicht gedacht, dass ich einmal einen Blogbeitrag über BTS schreiben würde. Damals waren das für mich erst einmal sieben junge Männer, die Musik machten, tanzten und bei meiner Tochter etwas auslösten, das ich erst noch gar nicht richtig einordnen konnte. Inzwischen bin ich selbst Fan von ihnen, und zwar nicht nur wegen ihrer Musik, sondern weil ich über all die Jahre immer mehr verstanden habe, was diese sieben Männer in Menschen berührt. 

Meine Tochter war ungefähr 15 oder 16 Jahre alt, als sie BTS für sich entdeckt hat. Ich weiß noch, wie sie ihren Kopf aus ihrem Zimmer streckte und meinte: „Mama, ich muss dir etwas zeigen.“ Zusammen schauten wir das erste Video der Jungs.  Ganz ehrlich, ich konnte sie zuerst nicht einmal auseinanderhalten. Von da an war sie in diese Welt komplett eingetaucht. Und zuerst denkt man als Mutter ja vielleicht noch: Gut, sie ist eben Fan von dieser Band. Das kennen wir doch alle. Wir hatten schließlich auch unsere Sänger, Schauspieler oder Bands, für die wir geschwärmt haben. Ich sage nur: Bravo und Co.

Aber bei ihr war es eben nicht nur dieses Schwärmen. Ich habe gesehen, wie sie aufgeblüht ist. Und das ist etwas, was man als Mutter sehr genau merkt. Du siehst ja, ob dein Kind einfach nur Musik hört, oder ob etwas in ihm wirklich lebendig wird. Und das Entscheidende dabei: BTS hat diese Dankbarkeit, diese Offenheit, diese Freude nicht in sie hineingelegt. Das war schon da, doch durch bestimmte Lebensumstände war das alles etwas verschüttet worden. Die Band hatte durch ihr Wesen, die Videos und die Musik einen Raum eröffnet und nur den Scheinwerfer draufgehalten. Heute ist meine Tochter 26 Jahre alt, seit ungefähr zehn Jahren BTS-Fan, und wenn ich heute darauf zurückblicke, wird mir noch deutlicher, dass es in dieser ganzen Geschichte nie nur um Musik ging. Es ging darum, dass etwas in ihr angesprochen wurde, das bereits zu ihr gehörte.

Und genau das übersehen wir meistens, wenn Menschen sich für etwas begeistern. Wir sehen nur die äußere Form und glauben dann schon zu wissen, was dahintersteckt. Da liebt jemand eine Band, dann ist es halt Fan-Sein. Da liebt jemand Fußball, dann ist es eben Fußball. Aber wir sehen nicht, was in diesem Menschen dabei ans Licht kommt. Wir sehen nicht, was lebendig wird, und wir sehen oft auch nicht, dass Menschen manchmal über einen ganz einfachen äußeren Weg wieder an etwas in sich herankommen, das sie lange zurückgehalten haben oder das einfach zugedeckt war.

Was ich grundsätzlich faszinierend finde, ist, wie schwer sich viele Menschen mit echter Begeisterung tun. Traurigkeit geht inzwischen einigermaßen. Da darf man sagen, dass man verletzt ist oder gerade durch einen Prozess geht. Wut geht auch, wenn man sie schön begründet, am besten noch in einem Wutraum, wo es keiner mitbekommt. Aber Begeisterung, also so richtige Begeisterung, mit leuchtenden Augen, Tränen, Schreien, Singen, Tanzen, da wird es für viele schon schwierig. Begeisterung macht nämlich sichtbar, und oh Gott, was sagen denn dann die anderen? Du kannst dich nicht ernsthaft freuen und gleichzeitig kontrollieren, wie du dabei aussiehst. Das funktioniert einfach nicht. Und genau da beginnt für viele Menschen das Problem, weil sofort dieses innere Überprüfen losgeht. Bin ich zu laut, bin ich peinlich, bin ich zu alt dafür? Obergescheite empfinden so etwas auch als sinnfrei. Wir kontrollieren sogar unsere Freude, und damit auch unser Licht. Wir schalten es selbst herunter, aus Angst, es könnte jemandem zu viel sein.

Genau deshalb haben mich diese Konzerte in München so berührt, obwohl ich sie nur über TikTok verfolgt habe. Da kamen ungefähr 75.000 Menschen zusammen: junge Mädchen, erwachsene Frauen, Männer, Mütter, Söhne, Freundinnen, und sogar Frauen um die 70 und noch älter, die dort mitgesungen, getanzt und ihr Licht einfach angeschaltet haben. Sie standen dort nicht, weil sie sich einbildeten, einen dieser jungen Männer zu heiraten. Sie standen dort, weil sie diese Musik lieben, weil sie diese Energie fühlen, und weil etwas in ihnen darauf reagiert. Und warum um alles in der Welt sollte eine 70/80-jährige Frau weniger begeistert sein dürfen als eine 17‑jährige? Wo steht denn geschrieben, dass Freude ein Ablaufdatum bekommt?

Das ist doch vollkommen bescheuert, und trotzdem leben viele Menschen genau so. Sie werden nicht einfach nur älter, sie werden vorsichtiger, angepasster, und sie verkleinern ihr Licht immer ein Stückchen mehr oder haben es schon ganz aus. Vielleicht ist nicht die 70-jährige Frau peinlich, die bei BTS tanzt. Vielleicht ist eher der Mensch arm dran, der mit 35 schon beschlossen hat, sich nicht mehr richtig zu freuen und es zu zeigen.

Was mich bei BTS immer wieder berührt, sind gar nicht nur die großen Bühnenmomente. Es sind hauptsächlich diese kleinen Situationen, bei denen genau dieses Licht am hellsten aufblitzt, nämlich immer dann, wenn einer sich nicht mehr zusammenreißt. V hat auf der Bühne einmal sein Armband verloren. Ein Sänger, der unbedingt professionell wirken möchte, würde einfach weitermachen, das Armband schnell wegstecken, damit bloß nicht auffällt, dass etwas Ungeplantes passiert ist. V hat es aufgehoben, ist zu seinem Bandkollegen Jimin gegangen, hat ihn angetippt und ihm praktisch gesagt: „Mach mir bitte mein Armband wieder zu.“ Der fackelte nicht lange und hat es ihm zugemacht, obwohl er gleich dran war, seinen Part zu singen. Keine große Show, kein Vortrag über Nähe und vor allem kein Drama. Einer braucht gerade Hilfe, der andere war da, und damit war die Sache erledigt. Genau in so einem Moment, wo einer zugibt: „Ich schaffe das gerade nicht allein“, wird ein Mensch sichtbarer und nicht kleiner.

Und dann war da Jungkook am Ende der jetzigen Europatournee. Er hat auf der Bühne beim letzten Konzert so geweint, dass er fast nicht mehr singen konnte. Nicht nur, weil ein Mann geweint hat – Menschen weinen nun einmal –, sondern weil er diese Tränen nicht sofort wegmachen musste. Er stand da, war einfach berührt, von den Fans, von der gemeinsamen Zeit, vom Abschied. Keiner hat sich gedacht: „Mein Gott, jetzt steht der da rum und flennt.“ Ganz im Gegenteil, genau diese Berührbarkeit schafft Nähe.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 50–100 Millionen Menschen eine so tiefe Verbindung zu BTS empfinden. Diese Männer wirken nicht wie unantastbare Figuren, sie zeigen Gefühle, Zärtlichkeit, Dankbarkeit, und dass sie füreinander da sind und sich brauchen. Und natürlich gibt es immer noch Menschen, die glauben, ein Mann wäre weniger stark, wenn er weint. Ganz ehrlich, was für ein Quatsch. Ein Mann verliert doch nicht seine Kraft, weil ihn etwas erreicht.

Meine Tochter und ihre Freundin hatten das Glück, beide Konzerte in München besuchen zu können, am zweiten Tag sogar kurzfristig noch mit neuen Tickets. Und ich war so glücklich für die beiden, einfach weil sie so glücklich waren. Ich halte das auch für eine Form von Liebe, über die viel zu wenig gesprochen wird. Nicht, dass ich genau das Gleiche lieben muss wie meine Tochter, und auch nicht, dass ich alles bis ins Letzte verstehen muss. Sondern dass ich sehe, etwas bringt diesen Menschen zum Leuchten, und dann freue ich mich mit. Ich muss nicht genau nachempfinden können, warum ein Lied  oder etwas anderes jemanden so tief berührt. Ich kann einfach sehen, was es mit diesem Menschen macht. Wird er lebendiger, offener, leidenschaftlicher, kommt er mehr bei sich an, dann ist alles gesagt.

Wir haben ja oft so ein sehr enges Bild davon, wie Bewusstsein oder Erwachen aussehen sollen. Ruhig soll es sein, sanft, kontrolliert, ohne große Gefühle. Am besten sitzt jemand in hellen Kleidern da, lächelt mild und spricht ganz langsam über die Liebe. Aber vielleicht sieht Erwachen manchmal ganz anders aus. Vielleicht ist es laut. Vielleicht tanzt es, schreit es, oder weint so sehr, dass es kaum noch singen kann, hält einen Leuchtstab in der Hand oder steht mit 70 Jahren zwischen jungen Mädchen und hört endlich auf, sich zu fragen, ob das noch angemessen ist. Für mich wird Bewusstsein auch dort sichtbar, wo ein Mensch nicht mehr dauernd kontrolliert, wie er wirkt. Nicht kontrolllos, das ist etwas vollkommen anderes, sondern unverstellt. Einfach im Hier und Jetzt, vollkommen authentisch.

Und genau dafür stehen für mich diese Leuchtstäbe im Stadion. Jeder Mensch hält sein eigenes Licht in der Hand. Nicht das Licht der Nachbarin, nicht das Licht der Band, und auch nicht das Licht eines spirituellen Lehrers, sondern sein eigenes. Ein einzelnes Licht wirkt in so einem großen Stadion erst einmal klein, es macht nicht besonders viel her. Aber wenn 75.000 Menschen ihr Licht anschalten, wird das ganze Stadion hell. Das Dunkle verschwindet nicht, weil ein einziger Mensch besonders hell leuchtet. Es wird hell, weil jeder aufhört, sein eigenes Licht zurückzuhalten. Und keines dieser Lichter konkurriert mit dem anderen. Kein Leuchtstab sagt: „Meiner ist aber heller, meiner ist spiritueller, meiner ist weiterentwickelt.“ Jedes Licht ist einfach da, und zusammen entsteht etwas, das keiner allein erschaffen könnte.

Viele Menschen wünschen sich Verbindung, sie wollen gesehen werden, dazugehören, Nähe erleben, aber gleichzeitig zeigen sie sich nicht wirklich. Sie zeigen nur eine angepasste Version von sich, eine Version, die nicht zu laut, nicht zu emotional, nicht zu begeistert ist. Und dann wundern sie sich, warum sie sich trotz anderer Menschen einsam fühlen. Aber wie soll echte Verbindung entstehen, wenn du nur mit einer kontrollierten Version von dir anwesend bist? Verbindung entsteht, wenn du wirklich da bist, mit deinen Tränen, deiner Freude, deinem Strahlen, deiner Begeisterung. Genau das konnte man in diesem Stadion sehen. Für ein paar Stunden haben so viele Menschen aufgehört, sich selbst zu überwachen. Es waren vollkommen unterschiedliche Menschen, und trotzdem entstand zwischen ihnen etwas Gemeinsames, nicht weil alle gleich waren, sondern weil keiner sich in diesem Moment kleiner machen musste.

Beim nächsten Konzert werde ich deshalb nicht nur auf TikTok zuschauen. Ich werde mitgehen, weil Lebendigkeit kein Alter hat. Und wenn ich dann zwischen all diesen Menschen mit meinem Leuchtstab stehe und wahrscheinlich genauso begeistert herumfuchtle wie die anderen, werde ich mich vermutlich ziemlich amüsieren über die Vorstellung, dass man dafür einmal „zu alt“ sein soll.

Ganz ehrlich, dafür bin ich dann gern zu alt. 😄

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung 

– Wo ist der Unterschied?

Vor ungefähr fünf Jahren bin ich selbst zu einer Aufstellerin gegangen, die mit Filzmatten arbeitet. Hingegangen bin ich, weil ich eine bestimmte Energie gespürt habe, durch die ich einfach nicht durchkam, vor allem wenn es darum ging, mich zu zeigen, und damit natürlich auch um mein Business und ums Geldverdienen.

Die Aufstellung selbst war nicht schlecht. Im Gegenteil, die Frau kam erstaunlich schnell an einen Punkt, der mit meinem ursprünglichen Anliegen auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hatte: körperlicher Missbrauch in der Kindheit und eine ganze Linie von Frauen, die immer wieder übergriffig behandelt worden waren.

Das möchte ich gleich vorneweg sagen, weil es mir wichtig ist: Daran war nichts falsch. In tiefer Arbeit passiert es immer wieder, dass jemand mit einem Thema kommt, das an der Oberfläche sichtbar ist, und man plötzlich an einer ganz anderen Stelle landet. Das erlebe ich auch in meinen eigenen Begleitungen. Bei mir war da tatsächlich etwas, das mit meiner inneren Angst und dieser Scheu, mich wirklich zu zeigen, zusammenhing. Allein dieses Aufzeigen hätte mir aus heutiger Sicht schon gereicht.

Dann fragte sie mich, wo ich denn hinmöchte und was mein Wunsch wäre. Ich sagte: „Versorgt sein.“ Sie hakte nach, ob ich das nicht konkreter machen könnte, und mir rutschte heraus, dass ich mir in meinem Leben schon zweimal mit meinen damaligen Ehemännern ein Haus gekauft hatte. Lustig, wenn man das so schreibt. Zweimal Haus, zweimal Ehemann, zweimal war am Ende alles wieder weg.

Ab diesem Moment ging es plötzlich um Zahlen. Ein Haus kostet eine Million, für den Erhalt und das Versorgtsein braucht es noch zwei Millionen dazu, also machen wir jetzt, dass du drei Millionen recht schnell bekommst.

Na dann, da sage ich doch nicht nein – grins.

Ich habe bis heute weder ein Haus noch drei Millionen, und offen gestanden ist das auch gar nicht mein großes Ansinnen. Wenn es kommt, dann kommt es, und wenn nicht, geht es mir in meinem jetzigen Leben ebenfalls hervorragend. Zurück zu dieser Aufstellerin hat es mich danach trotzdem nicht mehr gezogen.

Was bei mir tatsächlich etwas bewirkt hat, war nicht das Zahlenspiel, sondern das ehrliche Hinschauen auf diese übergriffige Dynamik. Da war etwas Echtes, etwas, das mir geholfen hat zu verstehen, warum bestimmte Ängste und Hemmungen überhaupt da waren. Dafür hätte ich keine Millionen gebraucht und auch kein neues Haus. Die Rechnung danach war einfach nicht der Teil, der mir wirklich gedient hat.

An solchen Stellen werde ich heute ziemlich hellhörig.

Menschen kommen meistens nicht zu uns, weil gerade alles wunderbar läuft. Sie kommen, weil sie verletzt sind, weil sie Orientierung suchen, weil sie Angst haben oder einfach nicht mehr wissen, wie sie mit einer Situation umgehen sollen. Genau in diesem offenen Zustand kann Begleitung sehr hilfreich sein, aber genau dort kann sie auch anfangen, Menschen einzulullen.

Mit spiritueller Betäubung meine ich keine Hypnose und auch nicht grundsätzlich energetische Arbeit. Ich meine diese großen Versprechen, bei denen jemand sagt: „Ich löse dir das, ich nehme dir das raus, ich befreie dich davon, das gehört sowieso gar nicht zu dir, das ist nur eine alte Energie.“

Das klingt natürlich erst einmal wunderbar. Vor allem dann, wenn du gerade ziemlich verzweifelt bist und dir jemand erklärt, dass du selbst gar nichts damit zu tun hast.

Puh, wie praktisch.

Dann war es also nicht meine Angst, nicht meine Vermeidung, nicht mein alter Schutz und auch nicht mein Nicht-wissen-wollen. Sondern iganz praktisch eine Energie, ein Ahnenfeld, ein altes Versprechen oder im Zweifel noch ein Fluch aus dem Mittelalter, der sich offenbar bis heute hartnäckig um mein Leben kümmert.

Ich sage ausdrücklich nicht, dass es solche Felder nicht geben kann. Ich arbeite selbst mit Aufstellungen und schicke Menschen auch dorthin, wenn ich das Gefühl habe, dass es passt. Ich habe selbst erlebt, dass in tiefer Arbeit Dinge sichtbar werden können, auf die der Kopf allein nicht gekommen wäre.

Nur hilft mir die schönste Erklärung nichts, wenn ich danach mein Leben genauso weiterführe wie vorher und lediglich die Begründung gewechselt habe. Vorher hieß es vielleicht: „Ich traue mich nicht.“ Hinterher heißt es dann: „Die Energie lässt mich nicht.“

Na bravo, anscheinend ein Jackpot.

Da geht jemand wegen des Berufs zu einer Begleiterin, weil er sich selbst kaum etwas zutraut, und kommt mit der Erklärung zurück, eine dunkle Energie blockiere ihn und das sei alles gar nicht er selbst.

Da sage ich ziemlich klar: Das ist Bullshit.

Natürlich kann es energetische Ebenen geben. Aber selbst wenn etwas sichtbar wird, bleibt die Frage, was du damit machst. Ob du den Schritt gehst, den du bisher vermieden hast, ob du eine Entscheidung triffst oder ob du dich weiter darauf verlässt, dass außerhalb von dir jemand das Problem für dich beseitigt. 

Die Erleichterung nach so einer Erklärung kann enorm sein. Plötzlich hat das Ganze einen Namen, du fühlst dich verstanden und musst dich nicht mehr fragen, was dein eigener Anteil sein könnte. Das kann sich richtig gut und bequem anfühlen.

Und schwupps ist der nächste Termin vereinbart.

Dann noch einer, noch ein Feld, noch eine Blockade, noch ein Thema und vielleicht noch ein bisschen Erlösung zum Nachbuchen. Im Grunde sitzt da aber ein Mensch, der lernen müsste, sich selbst wieder mehr zu vertrauen und mit dem eigenen Leben in Kontakt zu kommen.

April, April, auch wenn jetzt Juli ist.

Ich kann dabei nicht vorgeben, als hätte ich diese Falle immer nur bei anderen gesehen. Vor gut sechzehn Jahren hätte ich mit meinem damaligen Helfersyndrom vermutlich an manchen Stellen ähnlich reagiert.

Nicht bewusst, um jemanden auszunehmen. Ich konnte mich noch nie besonders gut selbst verkaufen, also wäre ich vermutlich nicht einmal auf diese Idee gekommen. Aber ich hätte mir mein Verhalten wunderbar erklären können: Schau, da ist noch etwas, und da auch, und da müssen wir erneut hin.

Für beide Seiten kann sich das angenehm anfühlen. Der Mensch hat das Gefühl, dass etwas getan wird, und als Begleiterin fühlst du dich gebraucht. Wenn jemand wiederkommt, bestätigt das schließlich auch, dass deine Arbeit wichtig oder gut ist.

Genau da muss man sich selbst ziemlich ehrlich beobachten, denn diese Versuchung betrifft nicht nur irgendwelche dubiosen Gurus im Internet. Sie kann jeden erwischen, der mit Menschen arbeitet und gern gebraucht wird.

Natürlich kann jemand Unterstützung benötigen. Manchmal braucht es einen anderen Blick, eine Frage, einen Raum, in dem etwas überhaupt erst ausgesprochen werden kann, oder jemanden, der nicht gleich zusammenzuckt, wenn Wut, Angst oder Verzweiflung auftauchen.

Aber ich möchte nicht, dass ein Mensch nach einer Begleitung das Gefühl hat, noch weniger ohne mich zu können als vorher.

Eine gute Begleitung darf unbequem sein. Sie muss nicht jede Ausweichbewegung schönreden und auch nicht sofort versuchen, jemanden wieder ruhig zu bekommen. Manchmal reicht es, bei dem zu bleiben, was gerade sichtbar wird, und nicht sofort wieder eine neue Erklärung darüberzulegen.

Das klingt weniger spektakulär als „Ich löse dir jetzt dein Ahnenfeld“, ist aber für mich wesentlich ehrlicher. 

Es gibt im Leben Situationen, für die wir keine hübsche Erklärung bekommen. Dinge passieren, die unfair sind, Menschen verhalten sich beschissen, Beziehungen zerbrechen und manchmal weißt du schlicht nicht, warum etwas so gekommen ist.

„Ich weiß es nicht“ ist ein Satz, den viele schlecht aushalten.

Dann wird gedeutet, erklärt, energetisiert, gerettet und zur Sicherheit gleich noch ein Folgetermin vereinbart, weil man jetzt natürlich unbedingt dranbleiben muss.

Dabei kann genau dieses Nichtwissen manchmal ehrlicher und hilfreicher sein als jede große spirituelle Geschichte.