Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung

von | 13. 07. 26 | Bewusstsein & Leben, Beziehung & Miteinander, Blog

Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung 

– Wo ist der Unterschied?

Vor ungefähr fünf Jahren bin ich selbst zu einer Aufstellerin gegangen, die mit Filzmatten arbeitet. Hingegangen bin ich, weil ich eine bestimmte Energie gespürt habe, durch die ich einfach nicht durchkam, vor allem wenn es darum ging, mich zu zeigen, und damit natürlich auch um mein Business und ums Geldverdienen.

Die Aufstellung selbst war nicht schlecht. Im Gegenteil, die Frau kam erstaunlich schnell an einen Punkt, der mit meinem ursprünglichen Anliegen auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hatte: körperlicher Missbrauch in der Kindheit und eine ganze Linie von Frauen, die immer wieder übergriffig behandelt worden waren.

Das möchte ich gleich vorneweg sagen, weil es mir wichtig ist: Daran war nichts falsch. In tiefer Arbeit passiert es immer wieder, dass jemand mit einem Thema kommt, das an der Oberfläche sichtbar ist, und man plötzlich an einer ganz anderen Stelle landet. Das erlebe ich auch in meinen eigenen Begleitungen. Bei mir war da tatsächlich etwas, das mit meiner inneren Angst und dieser Scheu, mich wirklich zu zeigen, zusammenhing. Allein dieses Aufzeigen hätte mir aus heutiger Sicht schon gereicht.

Dann fragte sie mich, wo ich denn hinmöchte und was mein Wunsch wäre. Ich sagte: „Versorgt sein.“ Sie hakte nach, ob ich das nicht konkreter machen könnte, und mir rutschte heraus, dass ich mir in meinem Leben schon zweimal mit meinen damaligen Ehemännern ein Haus gekauft hatte. Lustig, wenn man das so schreibt. Zweimal Haus, zweimal Ehemann, zweimal war am Ende alles wieder weg.

Ab diesem Moment ging es plötzlich um Zahlen. Ein Haus kostet eine Million, für den Erhalt und das Versorgtsein braucht es noch zwei Millionen dazu, also machen wir jetzt, dass du drei Millionen recht schnell bekommst.

Na dann, da sage ich doch nicht nein – grins.

Ich habe bis heute weder ein Haus noch drei Millionen, und offen gestanden ist das auch gar nicht mein großes Ansinnen. Wenn es kommt, dann kommt es, und wenn nicht, geht es mir in meinem jetzigen Leben ebenfalls hervorragend. Zurück zu dieser Aufstellerin hat es mich danach trotzdem nicht mehr gezogen.

Was bei mir tatsächlich etwas bewirkt hat, war nicht das Zahlenspiel, sondern das ehrliche Hinschauen auf diese übergriffige Dynamik. Da war etwas Echtes, etwas, das mir geholfen hat zu verstehen, warum bestimmte Ängste und Hemmungen überhaupt da waren. Dafür hätte ich keine Millionen gebraucht und auch kein neues Haus. Die Rechnung danach war einfach nicht der Teil, der mir wirklich gedient hat.

An solchen Stellen werde ich heute ziemlich hellhörig.

Menschen kommen meistens nicht zu uns, weil gerade alles wunderbar läuft. Sie kommen, weil sie verletzt sind, weil sie Orientierung suchen, weil sie Angst haben oder einfach nicht mehr wissen, wie sie mit einer Situation umgehen sollen. Genau in diesem offenen Zustand kann Begleitung sehr hilfreich sein, aber genau dort kann sie auch anfangen, Menschen einzulullen.

Mit spiritueller Betäubung meine ich keine Hypnose und auch nicht grundsätzlich energetische Arbeit. Ich meine diese großen Versprechen, bei denen jemand sagt: „Ich löse dir das, ich nehme dir das raus, ich befreie dich davon, das gehört sowieso gar nicht zu dir, das ist nur eine alte Energie.“

Das klingt natürlich erst einmal wunderbar. Vor allem dann, wenn du gerade ziemlich verzweifelt bist und dir jemand erklärt, dass du selbst gar nichts damit zu tun hast.

Puh, wie praktisch.

Dann war es also nicht meine Angst, nicht meine Vermeidung, nicht mein alter Schutz und auch nicht mein Nicht-wissen-wollen. Sondern iganz praktisch eine Energie, ein Ahnenfeld, ein altes Versprechen oder im Zweifel noch ein Fluch aus dem Mittelalter, der sich offenbar bis heute hartnäckig um mein Leben kümmert.

Ich sage ausdrücklich nicht, dass es solche Felder nicht geben kann. Ich arbeite selbst mit Aufstellungen und schicke Menschen auch dorthin, wenn ich das Gefühl habe, dass es passt. Ich habe selbst erlebt, dass in tiefer Arbeit Dinge sichtbar werden können, auf die der Kopf allein nicht gekommen wäre.

Nur hilft mir die schönste Erklärung nichts, wenn ich danach mein Leben genauso weiterführe wie vorher und lediglich die Begründung gewechselt habe. Vorher hieß es vielleicht: „Ich traue mich nicht.“ Hinterher heißt es dann: „Die Energie lässt mich nicht.“

Na bravo, anscheinend ein Jackpot.

Da geht jemand wegen des Berufs zu einer Begleiterin, weil er sich selbst kaum etwas zutraut, und kommt mit der Erklärung zurück, eine dunkle Energie blockiere ihn und das sei alles gar nicht er selbst.

Da sage ich ziemlich klar: Das ist Bullshit.

Natürlich kann es energetische Ebenen geben. Aber selbst wenn etwas sichtbar wird, bleibt die Frage, was du damit machst. Ob du den Schritt gehst, den du bisher vermieden hast, ob du eine Entscheidung triffst oder ob du dich weiter darauf verlässt, dass außerhalb von dir jemand das Problem für dich beseitigt. 

Die Erleichterung nach so einer Erklärung kann enorm sein. Plötzlich hat das Ganze einen Namen, du fühlst dich verstanden und musst dich nicht mehr fragen, was dein eigener Anteil sein könnte. Das kann sich richtig gut und bequem anfühlen.

Und schwupps ist der nächste Termin vereinbart.

Dann noch einer, noch ein Feld, noch eine Blockade, noch ein Thema und vielleicht noch ein bisschen Erlösung zum Nachbuchen. Im Grunde sitzt da aber ein Mensch, der lernen müsste, sich selbst wieder mehr zu vertrauen und mit dem eigenen Leben in Kontakt zu kommen.

April, April, auch wenn jetzt Juli ist.

Ich kann dabei nicht vorgeben, als hätte ich diese Falle immer nur bei anderen gesehen. Vor gut sechzehn Jahren hätte ich mit meinem damaligen Helfersyndrom vermutlich an manchen Stellen ähnlich reagiert.

Nicht bewusst, um jemanden auszunehmen. Ich konnte mich noch nie besonders gut selbst verkaufen, also wäre ich vermutlich nicht einmal auf diese Idee gekommen. Aber ich hätte mir mein Verhalten wunderbar erklären können: Schau, da ist noch etwas, und da auch, und da müssen wir erneut hin.

Für beide Seiten kann sich das angenehm anfühlen. Der Mensch hat das Gefühl, dass etwas getan wird, und als Begleiterin fühlst du dich gebraucht. Wenn jemand wiederkommt, bestätigt das schließlich auch, dass deine Arbeit wichtig oder gut ist.

Genau da muss man sich selbst ziemlich ehrlich beobachten, denn diese Versuchung betrifft nicht nur irgendwelche dubiosen Gurus im Internet. Sie kann jeden erwischen, der mit Menschen arbeitet und gern gebraucht wird.

Natürlich kann jemand Unterstützung benötigen. Manchmal braucht es einen anderen Blick, eine Frage, einen Raum, in dem etwas überhaupt erst ausgesprochen werden kann, oder jemanden, der nicht gleich zusammenzuckt, wenn Wut, Angst oder Verzweiflung auftauchen.

Aber ich möchte nicht, dass ein Mensch nach einer Begleitung das Gefühl hat, noch weniger ohne mich zu können als vorher.

Eine gute Begleitung darf unbequem sein. Sie muss nicht jede Ausweichbewegung schönreden und auch nicht sofort versuchen, jemanden wieder ruhig zu bekommen. Manchmal reicht es, bei dem zu bleiben, was gerade sichtbar wird, und nicht sofort wieder eine neue Erklärung darüberzulegen.

Das klingt weniger spektakulär als „Ich löse dir jetzt dein Ahnenfeld“, ist aber für mich wesentlich ehrlicher. 

Es gibt im Leben Situationen, für die wir keine hübsche Erklärung bekommen. Dinge passieren, die unfair sind, Menschen verhalten sich beschissen, Beziehungen zerbrechen und manchmal weißt du schlicht nicht, warum etwas so gekommen ist.

„Ich weiß es nicht“ ist ein Satz, den viele schlecht aushalten.

Dann wird gedeutet, erklärt, energetisiert, gerettet und zur Sicherheit gleich noch ein Folgetermin vereinbart, weil man jetzt natürlich unbedingt dranbleiben muss.

Dabei kann genau dieses Nichtwissen manchmal ehrlicher und hilfreicher sein als jede große spirituelle Geschichte.

Claudia Schwab
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