Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Nein, das ist kein Aufruf zur Rebellion gegen Männer, nur gegen das alte Drehbuch, in dem Frauen dekorativ am Rand stehen.

Ich sehe viele Männer, die glauben, stark zu sein. Weil sie viel arbeiten, Entscheidungen treffen, sich nichts anmerken lassen. Und ja, nach außen sieht das beeindruckend aus. Aber innen? Da läuft ein anderes Programm. Stärke heißt nicht Kontrolle und Kontrolle ist keine Stärke.

Ich habe Männer erlebt, die so sehr alles im Griff haben wollten, dass sie sich selbst nicht mehr gespürt haben. Die dann sagen: „Ich brauch keine Hilfe“ und innerlich schreit es: „Ich hab keine Ahnung, wie das hier gehen soll.“

Es ist verrückt, wie oft Kontrolle mit Sicherheit verwechselt wird. Ein Mann, der alles steuert, hält seine Welt so klein, dass ja nichts wackelt. Bloß keine freie Frau, die ehrlich spricht, die nicht darauf wartet, dass er den Ton angibt oder sein hoheitsvolles „Ja“ als Erlaubnis gibt. Sobald diese Frau kommt oder endlich wach wird, wird’s eng. Da kommt dann keine Liebe zum Vorschein, da kommt das Ego. Er prüft, testet, bestimmt oder zieht sich zurück. Nicht, weil sie zu stark ist, sondern weil er merkt, dass er keine Ahnung hat, wer er selbst ist.

Und weißt du, was deine Kontrolle wirklich kostet? Die Fähigkeit zu empfangen

Viele Männer können geben: Geld, Sicherheit, Lösungen. Aber nehmen? Wirkliche Nähe entstehen zu lassen, gesehen werden in ihrer Verletzlichkeit? Das geht nicht.

Und nein, ich meine nicht Sex.

Viele Männer glauben, sie lassen Nähe zu, wenn sie Sex haben. Aber Sex kann auch Flucht sein. Flucht vor dem echten Gefühl, vor dem wirklichen Gesehenwerden. Sex, bei dem etwas geleistet wird, bei dem es um Eroberung geht, um Bestätigung, das ist keine Intimität. Das ist Kontrolle mit der Täuschung durch Masken von Nähe.

Echte Zärtlichkeit? Das ist, wenn nichts erreicht werden muss. Wenn ein Mann einfach da sein kann, ohne zu wollen, ohne zu nehmen, ohne zu beweisen. Wenn er sich berühren lässt, ohne dass es irgendwohin führen muss, wenn er weich sein kann, ohne dass daraus ein Anspruch entsteht.

Ich hab in all den Jahren, in Beziehungen, in Begleitungen, in Gesprächen, noch keinen Mann getroffen, der diesen Unterschied wirklich kannte. Aber woher auch? Wer hätte es ihnen zeigen sollen?

Wer alles kontrolliert, kann nichts empfangen. Und wer nichts empfangen kann, bleibt allein. Auch in seiner Beziehung.

Ich habe das schon so oft beobachtet. Sie sagen: „Ich will eine selbstständige Frau.“ Was sie meinen: „Ich will eine Frau, die eigenständig wirkt, aber bitte so, dass ich mich trotzdem gebraucht fühle.“ Und wenn sie dann wirklich eine treffen (oder die an der Seite endlich aufwacht), die sich selbst trägt, die ihn nicht rettet, die ihre Entscheidungen selbst trifft, nicht beruhigt, nicht anruft, wenn er schweigt, dann spürt er, was wahre Unabhängigkeit in ihm auslöst. Panik und eine Nutzlosigkeit.

Weil dahinter die Angst vor der eigenen Tiefe lauert

Viele Männer haben nie gelernt, dass da unten nicht nur Schwäche ist, dass da auch Kraft liegt. Echte Kraft. Die, die nicht kontrolliert, sondern trägt. Die nicht steuert, sondern bleibt, in sich beobachtet, spürt und sich entspannt. Sie haben Angst vor dem, was hochkommt, wenn die Maske fällt. Dabei ist genau das der Ort, an dem wirkliche Beziehung überhaupt erst möglich wird.

Viele Männer sind nicht schwach, sie sind schlicht nie emotional erwachsen geworden. Weil niemand ihnen gezeigt hat, dass Fühlen kein Versagen ist,  dass Weichsein nicht verloren, sondern authentisch ist. Sie haben gelernt: „Ein richtiger Mann hat alles unter Kontrolle“ und genau da beginnen das Traurige und die Dramen.

Denn Kontrolle ist wie ein billiger Kleber: Er hält kurz, aber klebt alles fest, was in Bewegung kommen will. Treibt im Grunde eher vielmehr auseinander.

Und sie verwechseln Führung mit Dominanz

Wahre Führung braucht keine Unterwerfung und fordert sie auch nicht. Sie lädt ein, schafft Raum, gibt Richtung, aber sie zwängt nicht ein. Ein Mann, der wirklich führen kann, hat keine Angst vor einer Frau, die ihm auf Augenhöhe begegnet. Er muss sie nicht kleiner machen, um sich größer zu fühlen. Führung ist kein Machtspiel, Dominanz schon eher.

Ein Mann sagte mal zu mir, als wir über seine neue Flamme redeten: „Ich bewundere starke Frauen.“ Drei Wochen später sprach er über dieselbe Frau mit dem Satz: „Mit der kannst  du einfach nicht diskutieren.“ Ich musste in mich hineinlachen. Es war so durchschaubar. Stärke, Selbstwirksamkeit, Vertrauen usw. faszinieren, solange sie nicht spiegeln, was man selbst nicht hat.

Das ist keine Antwort. Das ist Reaktion

Wenn eine Frau einfach ist, wie sie ist – reagiert das Ego, mit Rückzug, Tests, Abwertung, Manipulation und einer Haltung von: Ich sage, wie es gemacht wird. Doch das kommt aus der Verletzung, nicht aus dem Inneren. Eine echte Antwort wäre: „Das ist grad echt nicht einfach für mich. Aber ich will verstehen, was du meinst.“ Viele Männer reagieren, statt zu antworten. Und genau da entscheidet sich, ob eine Beziehung beginnt oder endet.

Viele Männer wollen Frieden, aber keinen Spiegel, Nähe, aber keine Wahrheit. Und das ist kein Männerbashing, ehrlich nicht. Ich hab’ ein Herz für Männer. Ich sehe, wie schwer es ist, sich in einer Welt zu orientieren, die gleichzeitig Sanftheit und Stärke verlangt. Wie viele gelernt haben, dass Liebe etwas ist, das man „verdient“, statt etwas, das man lebt.

Und manchmal tut’s echt weh, das zu sehen. Weil ich spüre, wie viel echte Größe in ihnen steckt. Wie viel Gefühl, Humor, Tiefe. Aber sie verpacken es hinter Ironie, Arbeit, Perfektion, Funktionieren oder diesen endlosen Monologen über „Prinzipien“.

Weißt du, was wirklich männlich ist?

Behaupte ich jetzt mal richtig frech als Frau.

Nicht, alles im Griff zu haben. Sondern stehenzubleiben, wenn’s wackelt. Nicht weglaufen, wenn eine Frau dich anschaut, ohne Angst, ohne Bedürftigkeit. Und auch das: verletzlich sein, ohne ein Drama draus zu machen. Zu sagen: „Ich weiß es nicht. Ich hab jetzt richtig Schiss. Ich bin unsicher und unbeholfen“ und dabei nicht erwarten, dass die Frau es jetzt lösen muss. Einfach da sein mit dem, was gerade ist. Das ist Stärke oder es wird Stärke.

Da fängt Beziehung an und da hört das Spiel auf. Und da wird aus Kontrolle echte Stärke.

Und das Gute ist: Es ist nie zu spät.

Jeder Mann, der bereit ist, hinzuschauen, kann diesen Weg gehen. Kontrolle loszulassen, sich hinzugeben, ist keine Schwäche. Es ist der mutigste Schritt überhaupt. Weil es bedeutet, sich selbst zu begegnen, ohne Maske, ohne Schutzpanzer, ohne die Illusion, alles im Griff haben zu müssen.

Und genau da beginnt wirkliche Partnerschaft, ein echtes Miteinander.

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

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Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität

Das Problem ist nicht deine Identität, …

… sondern wenn sie alles ist, was du hast.

Geht es dir auch stellenweise so: Da denkst du, du hättest ein Thema längst durchdrungen – und dann zeigt dir das Leben, dass da noch eine ganz andere Ebene drunterliegt? So ging es mir in den letzten Wochen mit dem Thema Identität. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und reflektiert, nix theoretisch, sondern weil ich es gerade hautnah mitbekomme – bei jemandem, der mir sehr nahe steht. Und es hat mich überrascht, wie radikal eine solche Identitätskrise sein kann. Wie sie nicht nur die Person selbst betrifft, sondern alle um sie herum. Wie sie Beziehungen zerlegt, ohne dass der eigentliche Ursprung jemals benannt wird. Identitätskrisen sind keine abstrakten psychologischen Konzepte. Sie zerstören ganz real Beziehungen, Leben, Verbindungen – und die Betroffenen merken oft gar nicht, was da gerade passiert.

Das Problem ist nicht, dass du eine Identität hast. Das Problem ist, wenn sie alles ist, was du hast.

Es beginnt (wie immer) viel früher: mit einem falschen Fundament

Manche Menschen bauen ihr ganzes Selbstverständnis auf einer einzigen Säule auf. Wie ist das denn bei dir? Vielleicht bist du das auch. Der Job, bei dem du dich beweisen musst. Die Rolle als „die Starke“, als „der Gute“, als „die, die alles im Griff hat“. Das Bild, das andere von dir haben sollen. Anfangs fühlt sich das stabil an. Es gibt Sicherheit, Anerkennung, eine klare Struktur. Und irgendwann merkst du leise, dass diese eine Säule dich nicht mehr nährt. Dass dieser Job, diese Rolle, dieses Bild dich innerlich eng macht. Dass du funktionierst, aber innerlich immer leerer wirst. Und trotzdem bleibst du dabei. Aus Vernunft, aus Angst, aus Gewohnheit oder weil du gerade keine andere Perspektive und Idee hast.

Wie entstehen solche brüchigen Identitäten?

Meistens beginnt es in der Kindheit. Scheidungskinder lernen früh, dass Beziehungen zerbrechen, dass Nähe gefährlich ist, dass man sich besser nicht zu sehr anlehnt. Sie entwickeln eine Identität, die auf Unabhängigkeit, auf Kontrolle, auf „Ich brauche niemanden“  oder „Ich mach’ lieber alles alleine“ aufbaut. Und irgendwann steht da ein erwachsener Mensch, der echte Nähe nicht mehr aushalten kann, weil sie sich wie Kontrollverlust anfühlt und zur Bedrohung wird.

Manchmal entsteht es durch ein falsches Selbstbild. Ich kannte mal jemanden, der fest davon überzeugt war, er sei der liebevolle, achtsame Mensch schlechthin. Er sprach viel über Werte, über Respekt, über Integrität. Gleichzeitig hatte er kein Problem damit, Frauen zu umgarnen, Bettgeschichten anzufangen und sie dann fallen zu lassen, wenn seitens der Frauen Gefühle auftauchten. Seine Identität war: „Ich bin der Gute.“ Sein Verhalten zeigte etwas anderes. Aber die Diskrepanz konnte er erst viel später sehen. Denn wenn das Selbstbild die einzige Konstante ist, darf es nicht wackeln, selbst wenn die Realität längst etwas anderes erzählt.

Und manchmal entsteht es durch eine Entscheidung, die man einfach falsch getroffen hat. Ein Job, der anfangs Sinn ergeben hat, der Anerkennung brachte, Struktur, vielleicht sogar Stolz. Und dann merkst du, dass er dich innerlich eng macht. Dass du dort nicht mehr wachsen kannst, aber du gehst weiter hin. Jeden Tag, weil du dich über diesen Job definierst und weil dein Selbstwert daran hängt. Weil du nicht weißt, wer du ohne diese Rolle bist.

Unzufriedenheit bleibt selten da, wo sie entsteht

Das Problem ist nur: Diese Unzufriedenheit bleibt nicht dort, wo sie entsteht. Wenn du jeden Tag an einem Ort bist, der dich innerlich eng und unzufrieden macht, nimmst du diese Spannung mit. Eltern kommen von einem Scheiß-Arbeitstag heim und fahren die Kinder an – nicht weil die Kinder etwas falsch gemacht haben, sondern weil der Druck irgendwo raus muss. Der Hund zieht an der Leine, ist nervös, reagiert empfindlich, weil er die Anspannung seines Menschen längst spürt. Und irgendwann fühlt sich das ganze Leben mühsam an. Nur der eigentliche Ursprung bleibt unangetastet.

Der Kriegsschauplatz verlagert sich

An diesem Punkt passiert etwas sehr Typisches. Du änderst nicht das, was dich unzufrieden macht, sondern du verlagerst es. Die Beziehung wird empfindlich, der Partner nervt, Kleinigkeiten werden plötzlich riesig. Dann tauchen diese Sätze auf: Mit uns stimmt etwas nicht. Unsere Beziehung läuft nicht mehr. Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr. Du triggerst mich nur noch. Ich brauche Abstand.

Das klingt reflektiert, fast erwachsen. In Wahrheit ist es oft eine Verschiebung – weg von der eigentlichen Ursache, hin zu dem Menschen, der einem die eigene Unzufriedenheit am deutlichsten spiegelt. Nicht weil der Partner selbst unzufrieden ist, sondern im Gegenteil: weil er zufrieden ist. Mit seinem Job, mit der Beziehung, mit seinem Leben. Und genau diese Zufriedenheit des anderen wird unerträglich, wenn du selbst innerlich leer bist. Der Kontrast ist zu groß. Und statt hinzuschauen, wo deine eigene Unzufriedenheit wirklich herkommt, wird der Partner zum Problem erklärt.

Trigger sind Hinweise und kein Angriff

Der Partner triggert nicht, weil er etwas falsch macht. Er triggert, weil dein inneres Fass längst voll ist. Und ja, ich kann noch unbequemer werden: Er triggert, weil er dir genau das zeigt, wo du hinschauen solltest. Nähe zerstört nichts, sie legt frei. Wenn du innerlich stimmig bist, kannst du viel aushalten. Wenn du es nicht bist, reicht ein falscher Tonfall. Der Partner ist dann nicht das Problem, sondern der Verstärker.

Wenn Abstand plötzlich wie die Lösung klingt

Spätestens hier fühlt sich Abstand oft wie die Rettung an, und ja, Abstand ist nicht grundsätzlich falsch. Manchmal braucht es Raum, um wieder Luft zu bekommen. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Abstand aus Klarheit und Abstand als eleganter Rückzug vor Verantwortung.

Wenn jemand sagt: „Ich bin da, ich gehe mit dir da durch“, und die Antwort ist: „Das muss ich allein machen“, dann klingt das stark. Ist es aber oft leider nicht. Es ist der Beginn, sich in eine Wiederholungsschleife zu begeben. Spätestens beim nächsten Kandidaten/Partner.

Heilung braucht Verbindung, keine Isolation

Viele Menschen haben früh gelernt, alles allein zu tragen: Gefühle, Entscheidungen, Krisen. Das hat sicher zu anderen Zeiten geholfen, heute verhindert es Beziehung. Denn das, was zwischen zwei Menschen entstanden ist, kann nicht von einem allein gelöst werden. Nähe heißt nicht, dass jemand dein Leben für dich regelt. Nähe heißt, dass du dich nicht verstecken musst, während du es selbst regelst.

Wenn die Identität zu viel tragen muss

Und damit sind wir beim Kern. Wenn dein ganzer Halt an einer Rolle hängt, an einem Job, an einer Funktion, an einem Selbstbild, dann wackelt alles, sobald dieser eine Bereich nicht mehr trägt. Nicht, weil du wirklich schwach bist, sondern weil dein Fundament zu schmal, zu eng oder brüchig ist.

Wenn du dann neben jemandem stehst, der mehrere Standbeine hat, der weiß, wer er ist, unabhängig von seinem Job, unabhängig von Anerkennung, unabhängig von der Meinung anderer, dann wirkt das wie ein Spiegel für das eigene wackelige Innen. Und dann wird nicht die eigene Unsicherheit zum Thema, sondern der andere: Du bist zu viel/zu wenig, du strahlst zu viel und vor allem: Du verstehst mich nicht. 

Beziehung ist nicht duzi-duzi

Beziehung beginnt nicht da, wo alles schön ist, rund, harmonisch. Beziehung beginnt da, wo du aufhörst, dich zu verstecken. In den engsten Beziehungen werden unsere Kindheitswunden am deutlichsten sichtbar, und nicht weil der andere sie macht, sondern weil Nähe sie freilegt. Das ist unbequem, manchmal ernüchternd. Aber es ist auch die günstigste Therapie, die du bekommen kannst, weil es für dich nirgendwo ehrlicher wird. 

Vielleicht ist es keine Beziehungskrise nach außen

Nicht jede Krise will, dass du gehst. Manche wollen, dass du hinschaust. Wo hältst du an etwas fest, das dich nicht mehr nährt? Wo verwechselst du Funktion mit Identität? Wo hast du dein Leben zu eng gebaut? Solange das ungeklärt bleibt, verlagert sich der Kriegsschauplatz immer wieder.

Vielleicht ist es keine Beziehungskrise nach außen.
Vielleicht ist es eine Beziehungskrise zu dir selbst.
Eine Identitätskrise. Eine Identität, die zu viel tragen musste.

Und wenn du das erkennst, ändert sich etwas. Nicht leichter, da möchte ich dir nichts vormachen, aber sehr viel authentischer. Dann fällt so viel Kontrolle und innerlich unbewusster Stress weg und du bist bei dir und nicht bei dem ständigen Suchen im Außen.

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Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Wenn andere Angst vor deiner Entwicklung haben

Begleitung macht nicht abhängig.

Manchmal sagt jemand von außen: „Pass auf, dass du nicht abhängig wirst.“ Und ich denke mir: Wow, spannend. Wo kommt das denn jetzt her?

Neulich verlängerte eine junge Frau ihre Begleitung von drei auf sechs Monate. Ihre Mutter streckt ihr das Geld vor – eine wundervolle, liebevolle Geste. Doch da war auch gleich die Frage: „Hast du nicht Angst, von Claudia abhängig zu werden?“

Und weißt du was? Ich verstehe diese Frage.

Wirklich.

Weil, wenn dein Kind (oder auch ein Partner) sich jemandem anvertraut, wenn Geld investiert wird, wenn es sagt „Ich brauche noch mehr Zeit“ – dann kann das Angst machen. Die Angst, dass da jemand Einfluss nimmt oder das Kind (ok., das Kind ist 39 Jahre) sich zu sehr verändert, die Angst, dass du es vielleicht verlierst. Was an sich vollkommener Quatsch ist, doch du weißt ja, was dein Verstand sich da so den lieben langen Tag zusammenschustert.

Aber – und das ist wichtig – diese Angst sagt mehr über die Person, die sie hat, als über die Situation selbst.

Es gibt zwei Arten von Abhängigkeit

Das eine ist die gesunde und positive Abhängigkeit.

Die kennst du. Die hast du vielleicht selbst gelebt, als dein Kind klein war, oder du selbst warst auch mal ein Kind. Du hast z. B. vorgemacht, wie man mit dem Löffel isst. Dein Kind hat zugeschaut, hat es nachgemacht, hat sich daran orientiert. Das ist Inspiration, das ist Lernen und das ist Begleitung.

Das Kind war nicht abhängig vom Löffel – sondern von dir. Von deiner Anleitung, du bist Vorbild und es ist einfach deine Begleitung.

Niemand würde sagen: „Pass auf, dein Kind wird abhängig von dir, nur weil du ihm zeigst, wie der Löffel funktioniert.“
Weil klar ist: Das Kind lernt gerade. Es orientiert sich an dir. Und irgendwann kann es selbst.

Dann gibt’s die ungesunde, negative Abhängigkeit.

Die entsteht da, wo jemand dir sagt, was du fühlen sollst, wie du leben sollst und welche Entscheidung jetzt „richtig“ ist. Wo dir jemand deine Verantwortung abnimmt, damit du klein bleibst. Damit du ihn brauchst und damit du nicht selbst denkst.

Das ist Kontrolle, das ist Manipulation und das macht unfrei.

Echte Begleitung gehört zur ersten Kategorie. Sie inspiriert, sie bestärkt, sie gibt dir zurück, was du eh schon weißt – aber vielleicht bisher nicht für gültig hältst, weil alles so fremd und ungewohnt ist. Besonders dann, wenn ein Mensch sich ständig falsch fühlt.

Was echte Begleitung tut

Echte Begleitung ist wie das mit dem Löffel.

Ich zeige nicht vor, wie man lebt., ich halte lediglich eine Taschenlampe drauf. Ich bestärke dich in dem, was du eh schon fühlst – aber vielleicht noch nicht ausgesprochen hast, noch nicht für wahr gehalten hast. Obwohl du es so gefühlt hast.

Neulich schickte mir eine junge Frau eine Sprachnachricht. Nennen wir sie Karin.

Karin war genervt. Ihre Mitbewohnerin hatte sie zur inoffiziellen Paketstation erklärt. Die Erwartung war klar: Karin soll die Pakete entgegennehmen. Immer. Damit die Mitbewohnerin nicht zur Paketstation laufen muss.

Klingt erstmal harmlos.

Aber: Diese Erwartung bedeutete, dass Karin keine Serie schauen konnte. Keine Musik hören. Weil sie sich ja leise verhalten musste, damit sie nur ja die Klingel hört. Sie sollte wiederholt verfügbar sein. 

Doch Karin hatte die Schnauze voll. Aber neununddreißig Jahre lang hatte sie gelernt: Stell dich hinten an. Schau zuerst auf die anderen. Halt dich zurück. Sag nichts, was den anderen stört. Sie fühlte sich verantwortlich, wie es jedem geht. Madre mio!

In der Sprachnachricht an mich hat sie alles herausgelassen: „Ich hab’ da keinen Bock mehr. Ich bin doch nicht verantwortlich für ihre Pakete und ganz ehrlich, ich will das nicht mehr.“

Ich hab nur gesagt: „Ja stimmt, und genau das kannst du ihr jetzt sagen.“

Das war’s.

Sie wusste es eh schon, sie hat es gefühlt und sie hatte es ausgesprochen.

Ich hab nur bestätigt: Du darfst das fühlen und du darfst das sagen.

Ein paar Tage später kam die nächste Sprachnachricht von Karin:

„Boah Claudia, wenn man einmal anfängt, was zu sagen, dann will man alles sagen.“

Das ist Begleitung.

Nicht Abhängigkeit. Sondern das Gegenteil.

Weil sie’s selbst erkannt hat, sie hat’s selbst gesagt und sie hat’s selbst gemacht.

Ich war nur da. Habe sie bestärkt, habe gespiegelt und habe gehalten, dass sie sich sieht und immer mehr beginnt, sich selber ernst zu nehmen.

Wer sich begleiten lässt, übt Selbstverantwortung

Und zwar radikal. Zumindest bei mir.

Weil, wenn du dich begleiten lässt, dann machst du ja was. Du gehst rein, du schaust hin, du fühlst, du sprichst aus, du entscheidest und du handelst.

Manchmal ist es unbequem. Manchmal tut es weh. Manchmal möchtest du lieber weglaufen. Oh ja.

Aber du bleibst.
Du bleibst, bis es ist.

Das ist Selbstverantwortung pur. Niemand kann das für dich machen. Keine Mama, kein Partner, kein Coach. Nix.

Ich kann dir keinen einzigen Schritt abnehmen. Ich kann nur bei dir sein, während du ihn gehst, kann dich nur bestärken, was du eh schon weißt. Ich kann nur spiegeln, was du eh schon fühlst.

Begleitung ist simpel: Ich halte eine Lampe drauf. Du gehst den Weg.

Die Angst kommt fast immer von außen

Die Angst vor Abhängigkeit kommt selten von dem Menschen, der sich wirklich begleiten lässt.

Die kommt fast immer vom Außen.

Von jemandem, der Bindung mit Kontrolle verwechselt. Der Nähe mit Verlust gleichsetzt. Der nicht aushalten kann, dass du dich jemandem öffnest. Dass du dich veränderst, auch wenn er/sie es bejaht. Dass du anfängst, Dinge zu sagen, einfach halt anders zu werden.

Und dann wird das schnell was aufs Gegenüber geklebt, weil man es dort besser aushält als in sich selbst.
Projektion nennt man das. Oder ehrlicher: Ich spüre etwas in mir und rede so, als wäre da draußen das Problem.
Es ist schnell zu erkennen. Nicht die Tochter ist auf den Gedanken gekommen oder hat eine solche Angst gefühlt, sondern wer? Genau, die Mutter. Wer hat also so eine Angst? Die Mutter. Nicht weil sie schlecht oder gspinnert ist, sondern, weil sie Abhängigkeit selbst kennt.

Die Mutter, die fragt „Wirst du nicht abhängig?“, fühlt eigentlich etwas ganz anderes: „Ich hab Angst, dich zu verlieren. Ich hab Angst, dass du dich mehr an Claudia orientierst als an mir.“ Ich hab Angst, dass du Dinge mit jemandem teilst, die du mit mir nicht teilst, ich hab Angst, dass du dich veränderst, und ich hab selbst Angst vor Abhängigkeit – und sehe sie deshalb überall.“

Das ist menschlich und das läuft komplett unbewusst ab. Das darf sein und das darf vor allem gefühlt werden.

Aber es ist nicht das Thema des Kindes, der großen Tochter.

Und wenn du gerade merkst: Ich bin die Mutter oder so ein Partner

Dann lies weiter. Weil das hier auch für dich ist.

Deine Angst zeigt, dass dir die Verbindung wichtig ist, allerdings auch, dass du nicht akzeptieren willst, was dein Kind oder Partner entscheidet. Aber auch, dass du dein Kind oder deinen Partner liebst und beschützen möchtest.

Das ist schön und sehr wertvoll.

Aber: Annehmen, was gerade geschieht auf dem Weg deines Gegenübers, heißt nicht, ihn oder sie zu verlieren.

Es heißt, dein Kind oder deinen Partner in seine Kraft gehen zu lassen.

Und weißt du, was das Verrückte ist? Genau das hast du früher auch gemacht. Als du ihm gezeigt hast, wie man mit dem Löffel isst. Wie man die Schuhe bindet, schwimmt oder mit dem Fahrrad fährt.

Du warst die, die begleitet hat. Die inspiriert hat. Die bestärkt hat und die vorgemacht hat.

Dein Kind hat sich an dir orientiert. Hat von dir gelernt, war – in diesem gesunden Sinn – abhängig von dir.

Und jetzt macht das jemand anderes – auf einer anderen Ebene. Das heißt nicht, dass du unwichtig bist. Es heißt, dass dein Kind/Partner wächst und dass es Menschen braucht, die es auf diesem Weg begleiten. Die es bestärken in dem, was es eh schon weiß, und die spiegeln, was es eh schon fühlt.

Genau wie du das früher auch gemacht hast.

Und wenn du Angst hast – dann gehört diese Angst dir. Nicht deinem Kind/Partner. Du darfst sie fühlen. Du darfst sie haben. Aber du musst sie nicht auf dein Kind/Partner projizieren.

Alleine machen ist nicht immer Stärke

Viele glauben ja, dass „alleine machen“ ein Zeichen von Stärke ist.

Stimmt nicht, und ich weiß es, weil ich das auch viele Jahre geglaubt habe.

Alleine machen kann manchmal auch einfach nur Angst sein, in Verbindung zu gehen. Weil Verbindung ehrlich ist – Verbindung ist fühlbar – Verbindung zeigt dir deine Themen ohne Filter und vor allem bedeutet es Nähe. Und vor der hatte ich unglaublich Angst, weil sie für mich früher Gefahr bedeutet hat.

In echter Verbindung kannst du nicht mehr so gut weglaufen. Da siehst du dich. Durch die Augen eines anderen, der nicht bewertet, aber trotzdem sieht. Der bestärkt, der spiegelt und der hält.

Das macht  vielen Menschen Angst.

Deshalb sagen manche lieber: „Ich schaff das alleine“, was oft heißt: „Ich hab Angst vor dem, was sichtbar wird, wenn ich mich wirklich zeige.“

Wovon wirst du wirklich abhängig?

Du wirst nicht abhängig von jemandem, der dich in dem bestärkt, was du eh schon weißt.

Abhängig wirst du von Menschen, die dir deine Entscheidungen abnehmen, deine Gefühle oder deinen Mut. Die dir sagen, was richtig oder falsch ist. Die dir das Denken ersparen wollen. Die dich kleinhalten, weil sie dir genauso wenig zutrauen wie sich selbst, oder damit sie sich groß fühlen können.

Abhängig wirst du von Menschen, die dich brauchen, um ihre eigene Leere zu füllen.

Nicht von jemandem, der sagt: „Ja stimmt, genau das kannst du jetzt sagen.“

Nicht von jemandem, der nur spiegelt, was du eh schon fühlst und nicht von jemandem, der dir dich selbst zurückgibt.

Also, falls dir mal jemand sagt: „Pass auf, sonst wirst du abhängig.“

Dann frag einfach zurück: „Von wem redest du gerade wirklich – von mir oder von dir?“

Weil oft hat der andere die Angst. Nicht du.

Die Angst, dass du dich veränderst – dass du wächst – dass du klarer wirst – dass du anfängst, Dinge zu sagen, dass du Grenzen setzt, die vorher nicht vorhanden waren, und du dich nicht mehr hinten anstellst.

Das macht Systemen Angst, Familien, Beziehungen und Freundschaften. Weil, wenn du dich veränderst, sich auch das System verändern kann. Und das will nicht jeder.

Und ganz ehrlich: Manche können das auch nicht. Weil sie selbst neununddreißig, fünfzig, sechzig Jahre gelernt haben, sich hintenanzustellen. Und wenn du jetzt anfängst, das nicht mehr zu tun – dann spiegelt das ihre eigene Unterordnung. Das tut weh, ist hauptsächlich unangenehm, und da sind wir wieder: Es will nicht gefühlt werden.

Also wird es auf dich projiziert.

Und jetzt mal Tacheles

Wenn du nach einer Begleitung mehr fühlst, klarer siehst und eigene Entscheidungen triffst, dann bist du freier als vorher und definitiv nicht abhängiger.

Wenn du spürst, was du brauchst, statt zu funktionieren – freier. Wenn du weißt, was deine Wahrheit ist, statt blind zu übernehmen – freier. Wenn du merkst, wo du Ja sagst und wo Nein – freier. Wenn du anfängst, Dinge zu sagen – freier. Wenn du dich nicht mehr hinten anstellst – freier.

Das ist der ganze Zauber.

Begleitung macht dich nicht klein. Sie macht dich nicht hilflos. Sie macht dich nicht süchtig nach mehr Begleitung. Sie bestärkt dich in dem, was du eh schon weißt. Sie spiegelt, was du eh schon fühlst. Sie zeigt dir, wer du bist, wenn niemand mehr redet.

Und das macht manche nervös – und wie. Weil du dann vielleicht nicht mehr so leicht zu kontrollieren bist. Dir nicht mehr alles gefallen lässt und deine Grenzen selbst lebst. Nicht mehr so leicht zu beeinflussen und  kleinzuhalten bist. Bingo und Jackpot.

Was echte Begleitung wirklich tut

Echte Begleitung gibt dich dir selbst zurück. Sie macht dich mündig, selbstwirksam, fühlend, sprechend und entscheidungsfähig.

Sie ist das Gegenteil von Abhängigkeit.

Und wenn jemand Angst davor hat, dass du dich begleiten lässt, dann hat diese Person meistens Angst davor, dass du genau das wirst: selbstbestimmt.

Weil das bedeutet, dass du vielleicht nicht mehr das tust, was sie von dir erwartet. Dass du anfängst, Dinge zu sagen. Dass du dich nicht mehr hinten anstellst.

Und das darf sein. Du darfst das aushalten. Und die anderen dürfen ihre Angst haben. Das ist nicht dein Job, das zu lösen. Dein Job ist, deinen Weg zu gehen.

Auch wenn andere Angst haben. Gerade dann.

Weil: Wenn man einmal anfängt, etwas zu sagen, dann will man alles sagen. Frag Karin.

Und das ist Freiheit.

Falls du dich jetzt auch begleiten lassen willst, siehst du unten meine Räume. Ich halte dir gerne die Taschenlampe auf deinen Weg, doch denke daran, gehen musst du.

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Konflikte gehören zum Menschsein

Konflikte gehören zum Menschsein

Konflikte gehören zum Menschsein

Leid und Konflikt sind keine Gegner in unserem Leben, ganz im Gegenteil. Sie sind Wegweiser.

Konflikte sind kein Zeichen von Scheitern. Sie sind ein Zeichen von Leben. Sie entstehen, sobald verschiedene Kräfte in uns wirken – Gedanken, Emotionen, Körperimpulse –, die nicht im Einklang sind. Der Verstand sagt das eine, das Herz etwas anderes, und der Körper reagiert wieder anders. In diesem inneren Spannungsfeld entsteht das, was wir Konflikt nennen.

Wenn der Verstand und das Herz sich widersprechen

Ich begleite gerade eine junge Frau, bei der mir dieses Thema wieder sehr bewusst geworden ist. Nach außen wirkt sie ruhig, reflektiert, offen. Doch in ihr tobt ein Kampf zwischen „Ich will verstehen“, „Ich will nix falsch machen“ und „Ich will endlich Frieden, bzw. ankommen“. Immer dann, wenn sie etwas erkennt, will der Verstand es sofort richtig machen, kontrollieren, festhalten. Das Herz dagegen sehnt sich nach Ruhe, nach Vertrauen, nach einfach Sein. Und genau dort entsteht die Reibung … da, wo das Ego nicht loslassen will, weil es glaubt, sonst die Kontrolle zu verlieren.

Die drei Instanzen in uns

In uns wirken verschiedene Instanzen, die alle ihre eigene Sprache sprechen. Der mentale Raum will verstehen, er sucht nach Zusammenhängen, nach Erklärungen, nach einem Bild, das Sinn ergibt. Der emotionale Raum will fühlen, er braucht Ausdruck, Bewegung, Erlaubnis. Und der körperliche Raum will Sicherheit, er reagiert auf Bedrohung, auf Entspannung, auf das, was ihm vertraut ist.

Jeder dieser Anteile hat seine Berechtigung. Keiner ist falsch, keiner überflüssig. Erwachen heißt nicht, eine Instanz zu bevorzugen oder eine andere zu unterdrücken, sondern sie in Einklang zu bringen. Nicht durch Zwang, sondern durch Raum. Wenn der Verstand verstehen darf, das Herz fühlen darf und der Körper seine Sicherheit spüren darf, ohne dass einer gegen den anderen kämpft, dann entsteht etwas Neues: eine innere Kohärenz, die nicht erzwungen ist, sondern sich zeigt.

Warum das Ego Konflikte braucht

Je länger ich Menschen begleite, desto deutlicher sehe ich: Das Ego braucht Konflikte. Es lebt von Reibung, von Rechtfertigung, Erklärungen, von Trennung. Ohne diesen inneren Widerstand würde es sich auflösen. Denn seine Natur ist Abgrenzung. Und das zu erkennen, ist auf eine stille Art traurig und zugleich befreiend.

Denn der Konflikt ist kein Fehler. Er ist ein Spiegel. Er zeigt uns, wo wir noch festhalten, wo wir uns von dem trennen, was ist. Solange wir glauben, diese Bewegung im Inneren kontrollieren zu müssen, bleiben wir verstrickt. Doch der Weg führt nicht über Kontrolle, sondern über Beobachtung.

Loslassen geschieht durch Einsicht, nicht durch deinen Willen

Und hier liegt oft das größte Missverständnis: Wir glauben, wir müssten loslassen wollen. Wir nehmen uns vor, nicht mehr festzuhalten, nicht mehr zu grübeln, nicht mehr zu kämpfen. Doch Loslassen geschieht nicht durch Willen, sondern durch Einsicht. Nicht durch eine Entscheidung des Verstandes, sondern durch ein tiefes Erkennen dessen, was ist. Einfach, was jetzt gerade ist.

Wenn wir wirklich sehen, wie das Festhalten entsteht, nicht als Konzept oder durch Strategie, sondern als lebendige Bewegung in uns, dann löst es sich von selbst. Nicht weil wir es wollen, sondern weil die Einsicht selbst die Lösung ist. Das ist der Unterschied zwischen spirituellem Konzept und gelebter Wahrheit: Das eine bleibt im Kopf, das andere durchdringt alle Ebenen unseres Seins.
Halte mal kurz inne und reflektiere. In welcher Situation hast du eine Einsicht bekommen und dadurch entspannte sich die Situation?

Wenn alle drei Instanzen gleichzeitig da sein dürfen

Der Konflikt endet nicht, weil wir ihn besiegen, sondern weil wir ihn durchschauen. Wenn der Verstand versteht, das Herz fühlt und der Körper entspannt, nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, dann ist da plötzlich eine Stille, die nicht das Gegenteil von Bewegung ist, sondern ihre Quelle.

Selbsterforschung heißt nicht, etwas loszuwerden, sondern zu sehen, was ist. Manchmal braucht es gar keine Lösung, nur ein ehrliches Hinschauen. Erleben meine Metamorphosen immer wieder. Und dann geschieht das, was alle Lösungen überflüssig macht: Frieden. Nicht als Ziel, das wir erreichen müssen, sondern als das, was immer schon da ist, wenn wir aufhören, dagegen anzukämpfen.

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Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du über Liebe gelernt hast, prägt, wie du sie heute lebst.

Alle reden von Liebe. Aber kaum einer weiß, was er da wirklich meint.

Wir sagen „Ich liebe dich“, „Ich will geliebt werden“, „Ich sehne mich nach Liebe“. Doch wenn du genauer hinschaust: Was meinst du wirklich damit? Willst du Geborgenheit? Aufmerksamkeit? Sicherheit? Versorgt sein? Oder einfach nur das Gefühl, gesehen zu werden?

Die meisten von uns reden über Liebe, ohne je hinterfragt zu haben, was sie darunter verstehen. Und noch weniger haben sich gefragt, woher dieses Verständnis kommt.

Wie deine Liebesprogrammierung entsteht

Schon als Kind lernst du, was Liebe angeblich bedeutet. Wenn du brav bist, bekommst du Zuwendung. Wenn du dich anstrengst, wirst du geliebt. Wenn du dich anpasst, bleibst du sicher.

So entsteht deine persönliche Liebesprogrammierung, unbewusst, still und leider sehr tief. Und genau diese Prägung nimmst du später in jede Beziehung mit.

Du suchst unbewusst nach dem, was du als „Liebe“ kennst. Vielleicht jemanden, der dich beschützt. Oder jemanden, den du retten kannst. Manchmal suchst du einfach nur jemanden, der dich so anschaut, wie du als Kind angeschaut werden wolltest. Oder jemanden, für den du alles erledigen darfst, wie früher für ein Elternteil.

Und das Verrückte: Selbst wenn du leidest, fühlt es sich irgendwie vertraut an. Weil du gelernt hast, dass Liebe wehtut und sie dir nicht einfach so gegeben wird.

Wenn Angst sich als Liebe verkleidet

Viele halten Aufopferung für Liebe. Sie geben, bis sie leer sind, und nennen das Hingabe. Sie verzeihen alles und nennen das Mitgefühl. Sie lassen sich kleinmachen und nennen das Demut. 

Andere verwechseln Liebe mit Drama. Wenn’s ruhig ist, wird ihnen langweilig. Also suchen sie Streit, Emotion, Intensität. Hauptsache, es fühlt sich lebendig an.

Und wieder andere halten Nähe oder Sex für Liebe. Dabei ist es Kontrolle. Besitzdenken. Die Angst, den anderen zu verlieren. Drum mache ich alles dafür und rede mir ein, wie schön es ist.

Wenn du genau hinschaust, ist das keine Liebe. Das ist Angst … Angst, nicht genug zu sein, verlassen zu werden, nicht zu genügen.

Diese Angst steuert so viele Beziehungen. Und solange du sie nicht erkennst, nennst du sie Liebe.

Liebe ist, wenn du nicht musst – aber willst

Liebe ist kein Vertrag. Kein Tauschgeschäft. Kein „Wenn du mich liebst, dann …“ Ich weiß, mit dieser Aussage trigger, nerve oder langweile ich dich inzwischen. Tja, solange du emotional darauf reagierst, lebst du es bis jetzt nicht. Dann ändere das mal hurtig, denn anders geht nichts mehr in der neuen Zeit.

Liebe ist, wenn du gibst, ohne dich aufzugeben. Wenn du bleibst, ohne dich zu verlieren. Wenn du (wirklich und nicht eingeredet) willst, aber nicht musst.

Echte Liebe lässt Raum. Sie braucht keine Beweise, keine Kontrolle, kein Besserwissen, keine Angst. Sie sagt: Ich bin hier, weil ich es will. Nicht, weil ich es muss.

Wenn du erkennst, dass du dich aus Mangel verbunden hast

Manchmal merkst du eines Tages, dass du den anderen nicht aus Fülle gewählt hast, sondern aus einem inneren Mangel. Vielleicht wolltest du jemanden, der dich endlich sieht. Oder jemanden, der dich hält, weil du dich selbst nicht halten konntest. Einen Papa, eine Mama, die dich versorgen.

Und dann, wachst du auf. Du siehst den Menschen, den du einst „geliebt“ hast, plötzlich mit anderen Augen. Nicht, weil er sich verändert hat, sondern weil du dich verändert hast. Ohja, so geht es manchem aus meinen Metamorphosis-Räumen, die zu sich zurückkehren und immer mehr, wie sie wirklich gedacht sind, werden.

Was früher nach Liebe aussah, fühlt sich auf einmal eng an. Das, was du einst gebraucht hast, brauchst du nicht mehr.

Vielleicht war dein Partner früher der starke Halt und jetzt willst du keinen Halt mehr, sondern Freiheit. Vielleicht war er dein Papa-Ersatz und jetzt merkst du, dass du längst erwachsen bist.

Diese Momente tun weh. Aber sie sind ehrlich. Und sie zeigen dir: Bewusstsein verändert Liebe.

Der Zwischenraum, wenn du erkannt hast, aber noch nicht weißt, wie weiter

Hier bleiben viele stecken. Du hast dein Muster gesehen. Du weißt, dass es nicht stimmt, was du bisher Liebe genannt hast. Aber wie geht’s dann jetzt weiter?

Dieser Zwischenraum ist unangenehm. Du bist nicht mehr die Alte, aber bis jetzt nicht die Neue. Du kannst nicht zurück in die Illusion, aber der Weg nach vorn ist noch unklar.

Das ist okay. Dieser Raum darf sein. Er muss sogar sein. Hier wächst das Neue. Hier darfst du nicht wissen. Hier darfst du zweifeln, zögern, dich orientieren und auf wackeligen Beinen weitergehen.

Das ist kein Scheitern. Das ist Reife im Werden, Gehen und Handeln.

Muss man sich trennen, wenn die Liebe geht?

Nein. Nicht immer. Manchmal geht es gar nicht darum, jemanden zu verlassen, sondern anzuerkennen, was ist.

Wenn du merkst, dass keine Tiefe da war, dann kannst du sie nicht herbeireden. Du kannst Nähe nicht erzwingen, wenn sie nie da war. Aber du kannst ehrlich werden. Und vielleicht etwas Neues daraus wachsen lassen.

Vielleicht bleibt ihr keine Liebenden, sondern werdet Weggefährten. Vielleicht lebt ihr in Zukunft anders, freier, ehrlicher. Vielleicht zieht einer aus und ihr bleibt trotzdem verbunden.

Gerade im späteren Leben ist das ein Thema, über das kaum einer spricht. Warum nicht Gemeinschaften bilden? Menschen um sich haben, mit denen man sich unterstützt, füreinander da ist, ohne diese alten Rollen von Paar, Ehemann, Ehefrau?

Vielleicht ist das die neue Form von Beziehung: kein Besitz, kein Drama, kein Muss. Sondern ein Miteinander auf Augenhöhe.

Aber sei dir bewusst: Diese neuen Formen zu leben, brauchen Mut. Sie stehen gegen alles, was dir über Beziehungen beigebracht wurde. Du wirst auf Unverständnis stoßen. Auf Fragen. Auf Ablehnung. Das ist der Preis für Authentisch sein.

Am Ende bleibt die Haltung

Vielleicht ist Liebe am Ende gar kein Gefühl. Sondern eine Haltung.

Eine Entscheidung, authentisch zu bleiben. Mit oder ohne den anderen.

Denn Liebe braucht keine Bedingungen. Sie braucht Bewusstsein. Und den Mut, hinzuschauen, wo du dich selbst verloren hast.

Wenn du beginnst, dich selbst zu lieben, ehrlich, ohne Masken, dann verändert sich alles. Dann musst du niemanden mehr retten. Und dich auch nicht mehr aufopfern.

Dann ist Liebe nicht mehr das, was du suchst. Sondern das, was du bist.

Hier geht es zu meinem Blogbeitrag: Begegnung in Eigenverantwortung

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

Ein Teil meiner Angebote

Wer sind deine Fünf

Wer sind deine Fünf

Wer sind deine Fünf

Das Moai-Prinzip

Ich sitze hier und überlege, was ich dieses Jahr mit meiner Chiarezza-Gruppe und meinen 1-zu-1-Menschen in der Adventszeit machen möchte. Irgendwas Schönes. Etwas, das verbindet. So wie damals, als wir das Kintsugi-Ritual gemacht haben. Falls du bei meinen 24 Tagen dabei warst, erinnerst du dich vielleicht. Jeder hatte seine eigene Schale, und wir haben sie mit Gold wieder zusammengefügt. Jeder für sich, und dann haben wir uns im Zoom-Call zusammengefunden, unsere geklebten Schalen gezeigt und uns so schön ausgetauscht. Jeder von uns hat über seinen Prozess gesprochen, und für mich ist es immer noch schön, meine Schale zu sehen. Diese Mischung aus Verletzlichkeit und Schönheit… ich liebe sowas.

Wenn ich jetzt daran denke, spüre ich wieder dieses Gefühl von echter Gemeinschaft. Kein oberflächliches Zusammensein, sondern dieses „Ich seh dich – und du mich“. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich das, was ich in meinem Hörbuch gehört habe, so berührt hat. Da ging’s um die Blue Zones – Orte auf der Welt, wo Menschen besonders alt und gesund sind. Und ein Teil von dem Ganzen ist das sogenannte Moai.

Ein Moai ist eine kleine Gemeinschaft von fünf Menschen, die sich ein Leben lang unterstützen. Emotional, praktisch, manchmal sogar finanziell. Kein großes, aufwendiges und kompliziertes Konzept, keine spirituelle Übung. Einfach ein echtes Miteinander. Und als ich das gehört und gelesen hab, dachte ich: Ja, genau das. Das ist es doch, was uns trägt. Oder was meinst du?

Kleine Teeschale, hellblau, braun, geklebt nach Kintsugi Priip

Ich hab dann angefangen, an meine eigenen Fünf zu denken. Und ehrlich? Es war gar nicht so leicht. Nicht, weil ich keine Menschen in meinem Leben hätte, sondern weil ich mich gefragt hab: Bei wem kann ich wirklich ich sein? Nicht die Begleitung, nicht die Starke, nicht die, die immer einen Rat hat. Einfach nur ich. Mit meiner Müdigkeit, meinen Zweifeln, meinem ganz normalen Menschsein. Und dann wurde mir klar: Genau das ist es. Ein Moai ist nicht einfach „Leute, die man mag“. Es sind die, bei denen du keine Leistung zeigen musst. Nicht die spirituelle Oberschlaue. Wo du auch einfach mal abheulen kannst.

Denn mal ehrlich, wir leben in einer Zeit, in der jeder meint, alles allein schaffen zu müssen. Stärke wird mit Unabhängigkeit verwechselt. Kennst du das? Dieses Gefühl, wenn du abends nach Hause kommst und merkst: Ich hab den ganzen Tag mit Menschen gesprochen, aber niemand hat wirklich gefragt, wie’s mir geht. Nicht oberflächlich. Sondern wirklich interessiert? Wir sind so gut darin geworden, funktionierend auszusehen. Aber wer sieht uns wirklich?

Aber was, wenn wahre Stärke heißt, sich halten zu lassen?

Also, schau dich mal um. Wer sind deine Fünf? Die, auf die du dich wirklich verlassen kannst. Die dich nicht nur anrufen, wenn sie etwas brauchen, sondern einfach da sind. Die, die merken, wenn du leiser wirst. Die dir nicht sagen „Wird schon wieder“, sondern einfach neben dir sitzenbleiben. Mit dir lachen, weinen, still sein können oder einfach in den Wald hineinschauen, obwohl kein Reh dasteht – quasi leerschauen?

Vielleicht ist es Zeit, diese Verbindungen wieder bewusster zu pflegen. Oder dir dein eigenes kleines Moai zu schaffen. Nicht, weil du schwach bist, sondern weil du Mensch bist und weißt, wirkliche Verbundenheit macht uns gesünder.

Und vielleicht merkst du dabei: Du bist gar nicht allein. Du hast nur vergessen, hinzuschauen. Oder zu fragen. Oder du hast dich einfach nicht getraut, zu zeigen, wie du wirklich bist … mit allem, was grad ist.

Und jetzt hab ich hier einen schönen Text geschrieben – und weiß immer noch nicht so ganz sicher, was ich mit meiner Chiarezza-Gruppe und meinen 1-zu-1-Menschen in der Adventszeit machen werde. Aber die Energie ist entfacht. Mal schauen, was mich die nächsten Tage und Wochen so anfliegt. Manchmal braucht’s ja erst die richtigen Worte, damit sich die richtigen Ideen zeigen dürfen.