Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst
Es gibt niemanden, der dich so sehr verarscht wie du dich selbst …
… und du merkst es nicht einmal.
Da ist wirklich etwas dran an der Aussage: Es kommt alles auf den Tisch. Oder anders ausgedrückt: Irgendwann wird sichtbar, was wir uns selbst ziemlich lange sehr überzeugend erzählt haben.
In letzter Zeit fällt mir das immer wieder auf, in Gesprächen, bei Menschen, im ganz normalen Alltag. Und ich muss ehrlich sagen, manchmal bin ich einfach nur fassungslos. Nicht verurteilend, eher darüber, wie geschickt wir Menschen darin sein können, uns selbst Geschichten zu bauen, die so schlüssig klingen, dass wir ihnen natürlich auch selbst glauben.
Warum ich das so schnell erkenne? Na, weil ich früher darin Weltmeisterin war und auch heute stellenweise noch mit einem Fuß in diese Falle plumpse.
Ich musste darüber einen Satiretext in meiner Chiarezza-Gruppe schreiben. Ich musste wirklich. Das war die einzige Form, die meiner Fassungslosigkeit gerecht wurde. Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, dass Humor allein nicht reicht, weil das Thema dafür zu interessant ist.
Du kannst dich selbst nämlich mit einer Kreativität verarschen, die dir an anderer Stelle im Leben manchmal wirklich fehlt.
Das Tückische daran ist nicht unbedingt, dass du bewusst lügst. Viel häufiger baust du dir eine Erklärung, die vernünftig klingt und dir selbst vollkommen einleuchtet. Da gibt es vielleicht schon eine Ahnung, dass da noch etwas anderes mitspielt, aber die lässt sich erstaunlich gut überreden, zunächst mal ruhig zu sein.
Die Kunst des kreativen Ausweichens
Nehmen wir an, du hast deine Miete nicht bezahlt und dieses unangenehme Gespräch mit deiner Vermieterin steht an. Du weißt genau, dass du anrufen oder hingehen musst.
Dann kommt, dem Himmel sei Dank, eine Einladung zum Mittagessen.
Natürlich gehst du hin. Warum auch nicht?
Nach dem Mittagessen bist du so müde, dass dieses Gespräch heute wirklich keinen Sinn mehr ergibt. Du musst dich erst mal hinlegen und verschiebst es eben auf morgen.
Jetzt wird es interessant: Hat dich das Mittagessen einfach müde gemacht oder kam dir diese Müdigkeit gerade ausgesprochen gelegen?
Genau so funktioniert kreatives Ausweichen oft. Es fühlt sich nicht an wie Weglaufen, sondern wie eine Reihe vollkommen vernünftiger Entscheidungen oder Erklärungen. Du kannst schließlich nichts dafür, dass du müde bist. Der Zeitpunkt war aber auch wirklich ungünstig. Außerdem hätte das Universum dir diese Essenseinladung ja wohl kaum geschickt, wenn du genau jetzt deine Vermieterin anrufen solltest.
Zack, erledigt.
Also nicht das Problem. Nur das Gespräch für heute.
Unser Kopf ist ziemlich erfinderisch, wenn etwas unangenehm wird. Das ist zunächst einmal menschlich. Blöd wird es dort, wo wir unser Ausweichen selbst nicht mehr als solches erkennen wollen und es lieber Timing, Müdigkeit, Energie, Vernunft oder Universum nennen.
Das Bild, das wir von uns haben – und das, was wir tatsächlich tun
Noch unangenehmer wird es, wenn das eigene Selbstbild mit ins Spiel kommt.
Nehmen wir jemanden, der andere Menschen im Erfolgscoaching begleiten möchte und ihnen erklärt, wie wichtig Klarheit, Verantwortung und konsequentes Handeln sind. Gleichzeitig schafft es diese Person selbst seit Wochen nicht, bei einem Amt anzurufen oder wichtige Dinge zu erledigen.
Das ist keine Abwertung, denn solche Widersprüche haben wir alle.
Wir tragen oft ein Bild von uns in uns, das ein Stück weiter ist als das, was wir gerade tatsächlich leben. Das muss überhaupt nichts Schlechtes sein. Dieses Bild kann uns ziehen und zeigen, wohin wir wollen.
Schwierig wird es erst, wenn der Abstand zwischen dem, was wir über uns erzählen, und dem, was wir wirklich tun, immer größer wird und wir trotzdem so tun, als wäre alles deckungsgleich.
Wenn ich anderen erkläre, sie sollten Verantwortung übernehmen, und gleichzeitig meiner eigenen regelmäßig ausweiche, lohnt sich auf jeden Fall ein direkter Blick.
Eine Frage finde ich dafür ziemlich hilfreich: Was würde jemand über mich erzählen, der mich einen Monat lang einfach nur beobachtet?
Nicht das, was ich sage. Nicht das, was ich über mich denke. Sondern das, was ich tatsächlich tue.
Ich habe das einmal einem Klienten auf eine etwas andere Art gesagt: „Ich würde bei euch gern mal eine Woche einziehen.“
Er hat gelacht.
Ich meinte es natürlich nicht wörtlich. Also jedenfalls nicht so, dass ich schon mit Zahnbürste und Koffer vor der Tür stehe. Aber ich hatte sehr deutlich das Gefühl, dass zwischen dem, was mir im Einzelgespräch erzählt wurde, und dem, was im Alltag wirklich passierte, eine ziemlich große Lücke lag.
Er wusste auch sofort, was ich meinte.
Leihgabe Wahrheit
Dann gibt es noch eine andere Form, die ich besonders finde.
Du willst jemandem etwas sagen, das dir wichtig ist. Du findest ein Verhalten nicht in Ordnung, möchtest eine Grenze setzen oder etwas ansprechen, das dich schon länger beschäftigt.
Du legst los und dann kommt noch der Satz: „Das sehen Lisa, Helga und Fritz übrigens genauso.“
Warum brauchst du Lisa, Helga und Fritz?
Oft deshalb, weil sich die eigene Stimme allein plötzlich ziemlich klein anfühlt. Du bist dir nicht ganz sicher, ob deine Wahrnehmung stimmt, oder möchtest die Verantwortung für deine Aussage nicht komplett selbst tragen.
Also holst du Verstärkung.
Aus „Ich sehe das so“ wird eine kleine Mehrheitsentscheidung.
Das fühlt sich sicherer an, aber deine eigene Aussage verliert dabei etwas. Denn plötzlich spricht nicht mehr nur Claudia, Peter oder Anna, sondern gleich ein imaginäres Gremium mit.
Wenn dir etwas wichtig ist, darfst du sagen: „Ich finde das nicht in Ordnung.“ Punkt.
Lisa, Helga und Fritz können ihre Meinung selbst äußern, wenn sie möchten.
Was diese drei Dinge gemeinsam haben
Das kreative Ausweichen, das geschönte Selbstbild und die geliehene Wahrheit sehen auf den ersten Blick ziemlich unterschiedlich aus. Für mich haben sie trotzdem etwas gemeinsam: Es gibt oft schon eine Ahnung davon, was los ist.
Du weißt, dass du das Gespräch mit der Vermieterin vermeiden möchtest. Du merkst, dass dein Alltag nicht ganz zu dem Bild passt, das du von dir erzählst. Und wenn du Lisa, Helga und Fritz mit ins Boot holst, spürst du wahrscheinlich auch, dass dir deine eigene Stimme gerade nicht genügt.
Nur sind wir erstaunlich gut darin, diese Ahnung so lange mit Erklärungen zuzuschütten, bis wir selbst wieder beruhigt sind.
Das kostet auf Dauer Kraft. Denn je mehr Aufwand ich betreiben muss, um mir eine Geschichte glaubwürdig zu erhalten, desto komplizierter wird es.
Wenn du dich selbst dabei erwischst
Selbsterkenntnis sieht für mich selten so aus, dass man mit einem spirituellen Buch auf dem Sofa sitzt, wohlwollend nickt und denkt: „Ja, sehr interessant.“
Viel häufiger ist es dieser Moment, in dem du plötzlich merkst: Scheiße, ich hab’s gerade wieder gemacht. Ich hab’ mich gerade wirklich selbst verarscht.
Das ist unangenehm, aber auch ziemlich befreiend, weil du in diesem Moment wenigstens nicht mehr so tun musst, als wäre die Geschichte wahr. Vor allem ab dem Zeitpunkt, wo du über dich selbst dabei lachen musst
Dann kannst du entscheiden, was du damit machst.
Rufst du die Vermieterin jetzt an? Sagst du beim nächsten Mal einfach „Ich sehe das so“, ohne Lisa, Helga und Fritz aus dem Schrank zu holen? Oder schaust du dir ehrlich an, wo dein Selbstbild und dein tatsächliches Verhalten gerade nicht zusammenpassen?
Mehr braucht es für mich gar nicht.
Schon zu merken, dass man sich gerade wieder selbst eine ausgesprochen kreative Geschichte verkauft hat, ist Erkenntnis genug.
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