Ich lass das mal auf mich wirken
Ich lass’ das mal auf mich wirken
Ein Satz, der klug klingt – und meistens nur eine hübschere Art ist, nicht fühlen zu müssen.
„Das muss ich erst mal auf mich wirken lassen.“ Kennst du diesen Satz? Ich höre ihn ziemlich oft, und meistens kommt er genau dann, wenn jemand etwas gehört hat, das ihn trifft, unangenehm ist oder nicht so recht in das bisherige Selbstbild passt.
Ich glaube inzwischen, dass dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ oft gar nicht so viel mit Wirkenlassen zu tun hat. Was soll denn da noch wirken? Wenn du etwas hörst und in diesem Moment merkst, dass sich dein Bauch zusammenzieht, dein Brustkorb eng wird, dir heiß wird, du wütend, traurig, beschämt oder unsicher wirst, dann wirkt es doch längst. Da musst du nichts mehr wirken lassen, es ist schon da.
Spannender wäre in diesem Moment für mich nicht die Frage: „Was denke ich jetzt darüber?“, sondern: „Was ist gerade in mir los?“ Du könntest einfach mal 30 Sekunden sitzen bleiben, atmen und das da sein lassen, was sowieso schon da ist, ohne sofort zu erklären, woher es kommt, warum du so reagierst oder was du jetzt daraus machen musst.
Was wir stattdessen oft tun, ist denken. Wir gehen die Situation noch einmal durch, suchen Gründe, Zusammenhänge und Erklärungen, überlegen, ob der andere recht hat oder nicht, bauen uns im Kopf schon die nächste Antwort zusammen und nennen das dann „wirken lassen“. Klingt natürlich etwas feiner als: „Ich zerlege das jetzt zwei Stunden lang in meinem Kopf.“
Du merkst sicher, dass dein Kopf aus einem Gefühl innerhalb kürzester Zeit eine komplette Denkveranstaltung macht, dann passt dazu auch „Du denkst dich nicht frei“.
Das Interessante daran ist, wie schnell die Reaktion da ist. Zwischen dem Satz, der dich trifft, und dem Ziehen im Bauch liegt praktisch keine Zeit. Es passiert einfach. Danach kann allerdings eine ganze Menge Denkarbeit beginnen, und manchmal eben deshalb, weil es leichter ist, über etwas nachzudenken, als bei dem zu bleiben, was längst da ist.
Noch schöner finde ich den Satz: „Lass das mal auf dich wirken.“
Ja, was genau soll der andere denn jetzt machen? Sich hinsetzen und darauf warten, dass eine höhere Macht im Hintergrund die innere Renovierung übernimmt?
Wenn überhaupt, finde ich Sätze wie „Schau dir das mal an“ oder „Beobachte mal, wann du das machst“ viel klarer. Dann weiß der Mensch wenigstens, worum es geht. Reflektieren heißt für mich, dass ich mein Verhalten anschaue und überprüfe, wo ich genau das tue, was mir gerade jemand gesagt oder bewusst gemacht hat. Das ist etwas anderes als Fühlen, aber wenigstens ehrlich beim Namen genannt.
Ich hatte vor ein paar Tagen genau solch eine Situation. Ich habe einen Menschen gefragt, ob er mir einen bestimmten Gefallen tun könnte. Dabei wurden sofort seine Angst vor Verlust und sein starkes Sicherheitsbedürfnis sichtbar, und damit ging es im Grunde auch um Vertrauen. Tja, da stellte sich ziemlich schnell heraus, was er anderen vermittelt und was er selbst lebt. Er zeigte genau das Verhalten, über das er sich bei anderen aufregt und das er dort angeblich überhaupt nicht versteht.
Ich habe es direkt angesprochen, nicht Tage später und nicht in einer theoretischen Analyse, sondern in dem Moment, in dem es sichtbar war. Die Situation war da, seine Reaktion war da, sein Zögern war da. Da musste nichts mehr wirken.
Spannend wäre nur gewesen zu merken: Was passiert gerade in mir, wenn ich erkenne, dass ich selbst genau das mache? Kommt Angst, Unsicherheit, Scham, Ärger oder sofort der Drang, mich zu erklären? Genau dort beginnt für mich Reflexion und vielleicht auch Bewusstwerdung, nicht beim nächsten klugen Gedanken oder beim Geschwätz darüber.
Ich erinnere mich auch an ein Paar, das einmal bei mir in einem Retreat war. Nach solchen Tagen sage ich immer wieder ganz bewusst, dass die Teilnehmer nicht sofort alles miteinander ausdiskutieren sollen, was tagsüber sichtbar geworden ist. Wenn etwas tief geht, braucht es nicht automatisch noch am selben Abend eine Grundsatzdebatte darüber.
Bei diesem Paar hatte ich tagsüber ein Verhalten des Mannes in der Beziehung ziemlich klar sichtbar gemacht. Am Abend saßen die beiden am Tisch und machten genau das, wovon ich abgeraten hatte. Er konnte den Druck seiner unangenehmen Gefühle offenbar nicht gut aushalten und erklärte seiner Lebensgefährtin ausführlich, warum er so handelt, woher das kommt, welche Ursachen dahinterliegen und weshalb sein Verhalten aus seiner Sicht nachvollziehbar ist.
Er hat sich einmal komplett durch das Thema hindurch erklärt und landete in einer Rechtfertigungstriade. Danach wusste er vermutlich noch genauer, warum er so ist. Nur gespürt hatte er wahrscheinlich immer noch nicht besonders viel von dem, was in ihm zu spüren war, als ihm sein Verhalten gezeigt wurde.
Genau darin liegt für mich der Unterschied. Etwas zu verstehen bedeutet noch lange nicht, dass du es wirklich erfahren hast. Du kannst deine Kindheit erklären, deine Bindungsmuster kennen, deine Gene Keys auswendig aufsagen, wissen, in welchem Haus dein Saturn gerade herumturnt, und dein Human Design rückwärts buchstabieren. Trotzdem kannst du in dem Moment, in dem dich etwas wirklich trifft, direkt wieder im Kopf landen.
Spirituelles Wissen kann nämlich auch ein sehr edles Schutzschild sein. Von außen sieht das dann herrlich bewusst aus, aber manchmal ist es einfach nur eine hübschere Art, sich wegzudenken.
Das heißt nicht, dass Denken falsch ist. Der Verstand darf reflektieren, und ich halte Reflexion sogar für wichtig. Ich finde nur, wir sollten nicht so tun, als wäre Denken plötzlich Fühlen, nur weil wir einen spirituell klingenden Satz darüberlegen.
Wenn dich etwas trifft, ist es bereits da. Dann kannst du kurzzeitig wahrnehmen, was gerade in dir passiert. Danach kannst du reflektieren, was du daraus erkennst. Beides hat seinen Platz, aber es ist nicht dasselbe.
Genau deshalb mag ich diese 30 Sekunden so sehr. Du musst nichts lösen und keine große Erkenntnis produzieren. Du bleibst einfach einen kurzen Moment bei dem, was schon da ist, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung und ohne sofort wieder eine Geschichte daraus zu machen. Danach darf dein Kopf wieder arbeiten.
Ich will dich jetzt nicht verwirren, aber, wenn du bei einem Gefühl sofort wissen willst, was du jetzt damit machen oder lösen musst, dann lies auch „Du musst nicht alles lösen, was du fühlst“. Da geht es um dieses Aushalten, ohne gleich wieder an sich herumzubasteln.
Dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ würde ich inzwischen deshalb viel öfter übersetzen mit: „Ich denke da jetzt erst mal drüber nach.“
Das ist völlig in Ordnung, nur, dann nenn es auch so.
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