Ich lass das mal auf mich wirken

Ich lass das mal auf mich wirken

Ich lass’ das mal auf mich wirken

Ein Satz, der klug klingt – und meistens nur eine hübschere Art ist, nicht fühlen zu müssen.

„Das muss ich erst mal auf mich wirken lassen.“ Kennst du diesen Satz? Ich höre ihn ziemlich oft, und meistens kommt er genau dann, wenn jemand etwas gehört hat, das ihn trifft, unangenehm ist oder nicht so recht in das bisherige Selbstbild passt.

Ich glaube inzwischen, dass dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ oft gar nicht so viel mit Wirkenlassen zu tun hat. Was soll denn da noch wirken? Wenn du etwas hörst und in diesem Moment merkst, dass sich dein Bauch zusammenzieht, dein Brustkorb eng wird, dir heiß wird, du wütend, traurig, beschämt oder unsicher wirst, dann wirkt es doch längst. Da musst du nichts mehr wirken lassen, es ist schon da.

Spannender wäre in diesem Moment für mich nicht die Frage: „Was denke ich jetzt darüber?“, sondern: „Was ist gerade in mir los?“ Du könntest einfach mal 30 Sekunden sitzen bleiben, atmen und das da sein lassen, was sowieso schon da ist, ohne sofort zu erklären, woher es kommt, warum du so reagierst oder was du jetzt daraus machen musst.

Was wir stattdessen oft tun, ist denken. Wir gehen die Situation noch einmal durch, suchen Gründe, Zusammenhänge und Erklärungen, überlegen, ob der andere recht hat oder nicht, bauen uns im Kopf schon die nächste Antwort zusammen und nennen das dann „wirken lassen“. Klingt natürlich etwas feiner als: „Ich zerlege das jetzt zwei Stunden lang in meinem Kopf.“
Du merkst sicher, dass dein Kopf aus einem Gefühl innerhalb kürzester Zeit eine komplette Denkveranstaltung macht, dann passt dazu auch „Du denkst dich nicht frei“.

Das Interessante daran ist, wie schnell die Reaktion da ist. Zwischen dem Satz, der dich trifft, und dem Ziehen im Bauch liegt praktisch keine Zeit. Es passiert einfach. Danach kann allerdings eine ganze Menge Denkarbeit beginnen, und manchmal eben deshalb, weil es leichter ist, über etwas nachzudenken, als bei dem zu bleiben, was längst da ist.

Noch schöner finde ich den Satz: „Lass das mal auf dich wirken.“

Ja, was genau soll der andere denn jetzt machen? Sich hinsetzen und darauf warten, dass eine höhere Macht im Hintergrund die innere Renovierung übernimmt?

Wenn überhaupt, finde ich Sätze wie „Schau dir das mal an“ oder „Beobachte mal, wann du das machst“ viel klarer. Dann weiß der Mensch wenigstens, worum es geht. Reflektieren heißt für mich, dass ich mein Verhalten anschaue und überprüfe, wo ich genau das tue, was mir gerade jemand gesagt oder bewusst gemacht hat. Das ist etwas anderes als Fühlen, aber wenigstens ehrlich beim Namen genannt.

Ich hatte vor ein paar Tagen genau solch eine Situation. Ich habe einen Menschen gefragt, ob er mir einen bestimmten Gefallen tun könnte. Dabei wurden sofort seine Angst vor Verlust und sein starkes Sicherheitsbedürfnis sichtbar, und damit ging es im Grunde auch um Vertrauen. Tja, da stellte sich ziemlich schnell heraus, was er anderen vermittelt und was er selbst lebt. Er zeigte genau das Verhalten, über das er sich bei anderen aufregt und das er dort angeblich überhaupt nicht versteht.

Ich habe es direkt angesprochen, nicht Tage später und nicht in einer theoretischen Analyse, sondern in dem Moment, in dem es sichtbar war. Die Situation war da, seine Reaktion war da, sein Zögern war da. Da musste nichts mehr wirken.

Spannend wäre nur gewesen zu merken: Was passiert gerade in mir, wenn ich erkenne, dass ich selbst genau das mache? Kommt Angst, Unsicherheit, Scham, Ärger oder sofort der Drang, mich zu erklären? Genau dort beginnt für mich Reflexion und vielleicht auch Bewusstwerdung, nicht beim nächsten klugen Gedanken oder beim Geschwätz darüber.

Ich erinnere mich auch an ein Paar, das einmal bei mir in einem Retreat war. Nach solchen Tagen sage ich immer wieder ganz bewusst, dass die Teilnehmer nicht sofort alles miteinander ausdiskutieren sollen, was tagsüber sichtbar geworden ist. Wenn etwas tief geht, braucht es nicht automatisch noch am selben Abend eine Grundsatzdebatte darüber.

Bei diesem Paar hatte ich tagsüber ein Verhalten des Mannes in der Beziehung ziemlich klar sichtbar gemacht. Am Abend saßen die beiden am Tisch und machten genau das, wovon ich abgeraten hatte. Er konnte den Druck seiner unangenehmen Gefühle offenbar nicht gut aushalten und erklärte seiner Lebensgefährtin ausführlich, warum er so handelt, woher das kommt, welche Ursachen dahinterliegen und weshalb sein Verhalten aus seiner Sicht nachvollziehbar ist.

Er hat sich einmal komplett durch das Thema hindurch erklärt und landete in einer Rechtfertigungstriade. Danach wusste er vermutlich noch genauer, warum er so ist. Nur gespürt hatte er wahrscheinlich immer noch nicht besonders viel von dem, was in ihm zu spüren war, als ihm sein Verhalten gezeigt wurde.

Genau darin liegt für mich der Unterschied. Etwas zu verstehen bedeutet noch lange nicht, dass du es wirklich erfahren hast. Du kannst deine Kindheit erklären, deine Bindungsmuster kennen, deine Gene Keys auswendig aufsagen, wissen, in welchem Haus dein Saturn gerade herumturnt, und dein Human Design rückwärts buchstabieren. Trotzdem kannst du in dem Moment, in dem dich etwas wirklich trifft, direkt wieder im Kopf landen.

Spirituelles Wissen kann nämlich auch ein sehr edles Schutzschild sein. Von außen sieht das dann herrlich bewusst aus, aber manchmal ist es einfach nur eine hübschere Art, sich wegzudenken.

Das heißt nicht, dass Denken falsch ist. Der Verstand darf reflektieren, und ich halte Reflexion sogar für wichtig. Ich finde nur, wir sollten nicht so tun, als wäre Denken plötzlich Fühlen, nur weil wir einen spirituell klingenden Satz darüberlegen.

Wenn dich etwas trifft, ist es bereits da. Dann kannst du kurzzeitig wahrnehmen, was gerade in dir passiert. Danach kannst du reflektieren, was du daraus erkennst. Beides hat seinen Platz, aber es ist nicht dasselbe.

Genau deshalb mag ich diese 30 Sekunden so sehr. Du musst nichts lösen und keine große Erkenntnis produzieren. Du bleibst einfach einen kurzen Moment bei dem, was schon da ist, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung und ohne sofort wieder eine Geschichte daraus zu machen. Danach darf dein Kopf wieder arbeiten.
Ich will dich jetzt nicht verwirren, aber, wenn du bei einem Gefühl sofort wissen willst, was du jetzt damit machen oder lösen musst, dann lies auch „Du musst nicht alles lösen, was du fühlst“. Da geht es um dieses Aushalten, ohne gleich wieder an sich herumzubasteln.

Dieses „Ich lass’ das mal auf mich wirken“ würde ich inzwischen deshalb viel öfter übersetzen mit: „Ich denke da jetzt erst mal drüber nach.“

Das ist völlig in Ordnung, nur, dann nenn es auch so.

Das Preisschild auf dem Teller

Das Preisschild auf dem Teller

Das Preisschild auf dem Teller …

… war nicht das Problem

Ich sage schon lange, dass ich bei manchen Menschen unglaublich gerne einmal eine Woche lang wohnen würde. Nicht, weil ich sie kontrollieren möchte oder weil ich wissen will, was sie morgens um sieben in ihrer Küche machen. Sondern weil ich glaube, dass ich in so einer Woche mehr darüber erfahren würde, wie ihr Leben tatsächlich ist, als in vielen Gesprächen.

Denn wenn wir etwas erzählen, dann erzählen wir ja nie nur das, was vorgefallen ist. Wir erzählen gleichzeitig schon unsere Sicht darauf, unsere Erklärung dazu, warum der andere schwierig war, warum wir selbst so reagieren mussten, warum etwas nicht anders ging und warum wir an einer Stelle auch gar keine andere Möglichkeit hatten. Meinen wir.

Das ist vollkommen normal, weil wir Menschen unser Leben eben nicht neutral erzählen. Wir erzählen immer durch unsere eigene Brille.

Im Alltag sehe ich dagegen diese winzigen Momente, und genau die finde ich wahnsinnig spannend. Da sehe ich, wie aus etwas, das erst einmal einfach nur da ist, innerhalb von Sekunden Spannung entsteht, wie jemand Schuld verteilt, wie jemand die Stimmung eines anderen übernimmt oder wie aus einer Kleinigkeit plötzlich eine komplette Beziehungsgeschichte wird.

Und genau von so einem Tag handelt mein Beitrag. Ein riesiger Fundus.

Ich war auf einer Beerdigung und bin erst einmal zu spät gekommen, was natürlich schon einmal hervorragend angefangen hat. 😅

Einfach, weil ich mein neues Auto vollkommen unterschätzt habe. Die Anzeige sagte mir, dass ich noch ungefähr 90 Kilometer fahren kann, mein Navi sagte 45 Kilometer bis zum Ziel und damit war für mich die Sache klar: Das reicht locker.

Was ich nicht bedacht hatte, war, dass mein neues Auto deutlich mehr PS hat als mein altes und offenbar entsprechend mehr Durst. Ungefähr so wie ein Wasserbüffel.

Während ich also zu diesem Naturfriedhof gefahren bin, der zusätzlich so schlecht ausgeschildert war, dass man fast glauben konnte, er möchte gar nicht gefunden werden, sank meine Tankanzeige schneller, als mir lieb war. Ich stand vor der Frage, ob ich jetzt zuerst tanken fahre und damit ziemlich sicher noch später ankomme oder ob ich direkt zum Friedhof fahre und danach möglicherweise dort stehe und nicht mehr wegkomme.

Telefonisch hatte ich schon Bescheid gegeben, dass bitte niemand auf mich warten soll, als ich angerufen wurde und mir gesagt wurde: „Wir warten auf dich, fahr einfach her, danach bringen wir dich zu einer Tankstelle.“

Also bin ich hingefahren, ungefähr fünf Minuten zu spät angekommen, ausgestiegen und habe mich sinngemäß mit den Worten vorgestellt: „Hallo, ich bin Claudia, die einfach zu spät kommt.“

Damit war es für mich erledigt.

Ich habe mich nicht noch zwanzigmal entschuldigt und auch nicht angefangen, mich innerlich dafür fertigzumachen, mich zu geißeln oder dem anderen erst einmal beweisen zu wollen, dass ich normalerweise ein zuverlässiger Mensch bin. Ich war zu spät. Das war das, was in diesem Moment war.

Genau da beginnt das Thema, über das ich heute schreiben möchte. Denn vieles von dem, was wir als Problem erleben, besteht aus zwei Teilen: aus dem, was tatsächlich passiert, und aus dem, was wir innerlich noch daraus machen.

Warum wir aus vielem ein Problem machen

Nach dieser Beerdigung konnte ich innerhalb weniger Stunden ziemlich aufmerksam beobachten, was ich damit meine.

Da war unter anderem ein Mensch, der sehr deutlich gezeigt hat, dass ihm einiges nicht passt, dass er mit bestimmten Dingen nicht einverstanden ist und manches seiner Meinung nach anders hätte laufen müssen. Das wurde nicht unbedingt in einem offenen Gespräch ausgesprochen, aber man musste nun auch kein besonders feinfühliger Mensch sein, um zu merken, was da los war.

Auf ganz normale Fragen kamen einsilbige oder ziemlich schroffe Antworten. Als zum Beispiel gesagt wurde: „Oh, du bekommst langsam auch graue Haare“, kam ein knappes „Ja“, genauso wie bei anderen Versuchen, ein Gespräch anzufangen.

Natürlich ist das eine Botschaft, und natürlich verändert ein Mensch, der sich so verhält, die Atmosphäre in einem Raum. Ich möchte gar nicht so tun, als müsste man nur besonders bewusst sein und dann würde man nichts mehr davon wahrnehmen. Das wäre Quatsch. Klar spürt man, wenn jemand auf Krawall gebürstet ist, wenn da Wut, Ablehnung, Rückzug oder Vorwurf im Raum stehen.

Die viel interessantere Frage ist für mich: Was mache ich jetzt mit dem, was ich wahrnehme?

Denn ich kann sehr wohl merken, dass jemand mit etwas nicht einverstanden ist und dieser Mensch das auch deutlich zeigen möchte, ohne daraus automatisch meine Aufgabe zu machen. Eine andere Frau erzählte mir zum Beispiel, wie sehr sie diese Stimmung im Auto vorher heruntergezogen hatte, weil auf Fragen kaum etwas zurückkam und die ganze Fahrt wohl ziemlich bedrückt war.

Ich habe sie gefragt: Warum?

Nicht, weil ich nicht verstanden hätte, dass sie die Stimmung wahrgenommen hat, sondern weil ich nicht verstanden habe, warum sie daraus ihre eigene Stimmung gemacht hat. Wenn jemand nicht reden möchte oder demonstrativ zeigt, dass ihm einiges nicht passt, kann ich das doch erst einmal stehen lassen. Dann kann ich mit den anderen reden, lachen oder mich über etwas unterhalten, ohne diesen Menschen auszuschließen und ohne gleichzeitig seine Stimmung übernehmen zu müssen.

Genau darin sind wir nicht geübt. Wir beginnen sofort zu überlegen, was mit dem anderen los ist, warum er so reagiert, was wir jetzt vielleicht sagen oder tun müssten. Im nächsten Atemzug, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob wir den Menschen aufmuntern sollten oder ob wir uns lieber zurückhalten, damit es nicht noch schlimmer wird. Ehe wir uns versehen, hat der innere Zustand eines anderen Menschen unseren eigenen übernommen.

Ich kenne das so gut aus meiner Kindheit. Mein Stiefvater konnte auf einem Geburtstag sitzen und eine derartige Fresse ziehen, dass nach einer Weile der ganze Raum leiser wurde. Vorher wurde gelacht und geredet, alle waren ausgelassen, und schlagartig hatten sich die Menschen unbewusst seiner Stimmung angepasst. Keiner traute sich mehr etwas. Er musste dafür gar nicht sagen: „Jetzt hört bitte alle auf zu lachen.“

Seine Ausstrahlung hat gereicht und wir haben den Rest gemacht. Was für eine Macht. Vollkommen irre.

Genau das ist für mich heute der Unterschied. Ich darf sehr wohl merken, dass jemand schlecht drauf ist, dass jemand sauer ist oder mir mit seiner Art sogar ganz bewusst etwas zeigen möchte. Aber ich muss deshalb nicht meinen eigenen Zustand verlassen und aus der Stimmung eines anderen mein Problem machen, geschweige denn darauf einsteigen.

Später konnte ich dieselbe Dynamik noch einmal in einer völlig banalen Situation beobachten.

Es waren Teller gekauft worden, und auf diesen Tellern klebten noch Preisaufkleber. Mehr war erst einmal nicht passiert. Da lagen die abgespülten Teller zum Abtrocknen und der Herr des Hauses bemerkte zu seiner Frau: „Da kleben ja noch die Preisschilder drauf!“

Wie hätte es leicht gehen können? Er sieht das und macht sie einfach ab, um die Teller anschließend benutzen zu können.

Stattdessen entstand innerhalb kürzester Zeit etwas zwischen zwei Menschen, weil sofort die Frage kam, warum die Aufkleber noch dran sind, wer die Teller hingestellt hat und wer offenbar nicht daran gedacht hatte, diese Preisschilder wegzumachen.

Da dachte ich: Der Aufkleber ist nicht das Problem. Der Aufkleber klebt einfach auf dem Teller. Das Problem entsteht durch das, was wir daraus machen.

Später dasselbe mit einem unordentlichen Kofferraum. Auch ein unordentlicher Kofferraum ist erst einmal nichts anderes als ein unordentlicher Kofferraum, und wenn er jemanden stört, kann er ihn aufräumen. Natürlich kann ich auch sofort jemanden dafür verantwortlich machen und mich darüber aufregen, warum der andere das gemacht hat, warum etwas nicht so geblieben ist, wie man es gerne gehabt hätte, und plötzlich ist aus einem Kofferraum eine komplette Beziehungsgeschichte geworden.

Es gibt das, was ist, und dann gibt es unseren Widerstand

Ich finde das deshalb so spannend, weil wir ständig sagen, unser Leben sei schwierig. Dabei lohnt sich absolut die Frage, ob gerade wirklich das Leben schwierig ist oder ob wir noch einiges obendrauf packen, weil wir nicht gelernt haben, mit dem umzugehen, was nun einmal da ist.

Damit meine ich überhaupt nicht, dass es keine Situationen gibt, die uns wehtun, uns erschüttern oder unser ganzes Leben verändern können. Natürlich gibt es Trauer, Verlust, Angst, Wut, Enttäuschung und Situationen, in denen wir erst einmal überhaupt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Auch da kann ich aber schauen: Was ist gerade tatsächlich da und was füge ich innerlich noch hinzu?

Denn zu dem, was ohnehin schon weh tut, kommt oft unser Widerstand. Wir denken, dass etwas nicht so sein dürfte, dass ein Mensch anders reagieren müsste, dass unser Leben anders aussehen sollte oder wir selbst anders sein müssten, damit endlich alles in Ordnung wäre.

Viele von uns haben sehr früh gelernt, sofort zu bewerten und einzuordnen, was richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, erwünscht oder unerwünscht ist. Und wenn etwas unerwünscht ist, soll es am besten möglichst schnell verschwinden.

Manche Menschen lernen dabei sogar, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt. Vielleicht warst du als Kind zu laut, zu wild, zu empfindlich, zu ruhig oder schlicht anders, als die Erwachsenen dich gerne gehabt hätten, damit du besser in ihren Tag und ihr Leben passt. Vielleicht wurde dir, wie mir, direkt gesagt, dass du dich anders verhalten sollst, oder du hast einfach immer wieder gespürt, dass du so, wie du bist, nicht ganz richtig bist.

Wenn ein Kind solche Erfahrungen häufig macht, kann daraus schnell der Versuch entstehen, später ständig etwas korrigieren zu wollen: sich selbst, andere Menschen, Beziehungen oder Stimmungen. Ruhe kann dann fast ungewohnter sein als Drama.

Dabei könnte man an vielen Stellen etwas anderes ausprobieren: einen Moment lang nicht sofort etwas aus dem zu machen, was gerade passiert.

Da sitzt ein Mensch, der ganz offensichtlich sauer ist und möchte, dass es auch jeder merkt. Dann darf das erst einmal so sein. Auf einem Teller klebt ein Preisaufkleber, bis ihn jemand abmacht. Ein Kofferraum ist unordentlich. Jemand ist enttäuscht von dir oder versteht dich falsch. Vielleicht merkst du sogar, dass eine Beziehung nicht mehr zu dir passt oder du in einer bestimmten Rolle nicht mehr weiterleben möchtest.

Das ist erst einmal die Wahrheit dieses Moments, und von dort aus kannst du schauen, was du damit tun möchtest. Für mich ist das etwas vollkommen anderes, als sofort ein Drama daraus zu bauen.

Denn sobald ich nicht mehr glaube, jeden Menschen, jede Stimmung und jede Situation regulieren zu müssen, bleibt unglaublich viel Energie bei mir. Dann darf jemand schlecht gelaunt sein, ohne dass ich innerlich mitgehen muss, und jemand darf mich falsch verstehen, ohne dass ich mich eine Stunde lang erkläre. Es darf etwas anders laufen als geplant, und ich darf eine Entscheidung treffen, obwohl ich weiß, dass jemand anderes sie wahrscheinlich nicht besonders toll finden wird.

Das ist für mich eine Form von innerer Freiheit. Nicht, weil dann immer alles angenehm ist oder plötzlich nichts mehr wehtut, sondern weil nicht jede unangenehme Situation automatisch noch eine zweite Baustelle bekommt, die ich selbst draufpacke.

Und ausgerechnet diese ganz banalen Beobachtungen der letzten Tage haben mir noch einen ziemlich begeisterten Impuls für mein Herbstretreat gegeben. Ich möchte dort noch mehr echtes Leben mit hineinnehmen und dieses Mal ganz bewusst auch einen aktiven Teil gestalten. Denn ich merke immer wieder, dass sich unsere Konditionierungen im Tun viel deutlicher zeigen als dann, wenn wir zusammensitzen und wunderbar darüber sprechen können, was wir alles schon verstanden haben. 😅

Genau diese Momente möchte ich mit euch nutzen, um hinzuschauen, was tatsächlich passiert, wenn wir nicht nur über uns erzählen. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art einmal ganz anders kennenzulernen, findest du hier alle Informationen zu meinem Herbstretreat.

Ein Teil meiner Angebote

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist

Warum dein Leben leichter wird, wenn du nach innen gehst

In der vergangenen Woche konnte ich wieder sehr deutlich beobachten, wie schnell Menschen in Verzweiflung geraten, wütend werden oder sogar richtige Hassgefühle entwickeln. Sie fangen an, sich selbst zu verurteilen, zweifeln plötzlich an sich oder kämpfen gegen Menschen und Situationen, weil sie die Erfahrung, die gerade da ist, partout nicht haben wollen.

Wenn wir dann gemeinsam genauer hinschauen, zeigt sich erstaunlich oft, dass ein großer Teil von dem, was inzwischen so weh tut und so schwer geworden ist, gar nicht mehr nur mit dem zu tun hat, was tatsächlich vorgefallen ist. Der Verstand hat längst angefangen, daraus seine eigene Geschichte zu bauen.

Da kommen Annahmen dazu, Vermutungen und Vergleiche. Man überlegt, was der andere wohl gemeint haben könnte, warum er so reagiert hat, was als Nächstes wahrscheinlich passieren wird und was das Ganze bitteschön wieder über einen selbst aussagt. Ich könnte diese Liste vermutlich bis morgen früh fortsetzen.
Was unser Kopf aus solchen Situationen noch alles basteln kann, habe ich in „Du denkst dich nicht frei“ ziemlich ausführlich auseinandergenommen.

Tja, und ehe man sich versieht, ist aus einer vielleicht sogar ziemlich banalen Situation innerlich ein Riesendrama geworden.

Ich weiß, dass ich den Menschen, die ich begleite, mit meinem „Schau nach innen, bleib bei dir und geh nicht schon wieder mit deiner ganzen Aufmerksamkeit nach draußen“ manchmal ordentlich auf den Keks gehe. Nur sehe ich inzwischen so deutlich, was für einen Unterschied es macht, ob ich sofort auf alles reagiere, was draußen passiert, oder ob ich überhaupt erst einmal merke, was davon gerade wirklich in mir stattfindet.

Die meisten von uns sind darauf trainiert, nach außen zu schauen. Was machen die anderen, was denken sie, was ist gerade richtig oder falsch, was müsste ich jetzt tun, was sagen Experten und was funktioniert angeblich gerade besonders gut? Dann kommt eine neue Meinung, eine neue Methode oder die nächste großartige Idee, und zack, zieht einen dieses innere Gummiband schon wieder in die nächste Richtung.

Ich glaube tatsächlich, dass ein Mensch, der fast ausschließlich so lebt, mit dem Satz „Geh nach innen“ erst mal wenig anfangen kann. Für ihn liegt die Realität schließlich draußen. Der andere hat etwas gesagt, die Situation ist so, die Welt funktioniert nun mal auf diese Weise, also muss man doch reagieren und was tun.

Ich habe lange versucht, Menschen zu erklären, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt. Das erspare ich mir inzwischen, weil ich verstanden habe, dass dieser Wunsch aus dem Menschen selbst kommen muss. Du kannst niemanden dazu überreden, sich wirklich kennenzulernen, wenn er weiterhin nur wissen möchte, wie sich das Außen verändern lässt, damit es ihm innen besser geht.

Viele Menschen möchten weniger Angst, weniger Stress, bessere Beziehungen, mehr Geld oder einfach ein leichteres Leben. Verständlicherweise. Nur ist das noch einmal etwas anderes als die Bereitschaft, sich selbst wirklich kennenzulernen und dabei auch das anzuschauen, was nicht besonders hübsch oder angenehm ist.

Ich würde heute auch nicht mehr behaupten, dass im Außen grundsätzlich keine Lösungen liegen. Natürlich kann ein Jobwechsel eine Lösung sein, eine Trennung ebenso, eine medizinische Behandlung oder eine ganz praktische Entscheidung. Aber wenn ich mich selbst dabei konsequent ausklammere, fehlt ein wesentlicher Teil.

Für mich beginnt diese Bewegung nach innen dort, wo ich aufhöre, mein ganzes Leben ausschließlich darüber zu definieren, was draußen erreicht, verbessert oder verändert werden muss. Ob du das Seele, Innerstes, eigene Energie oder ganz anders nennen möchtest, ist mir dabei ziemlich egal. Entscheidend ist eher, ob du überhaupt anfängst, dir selbst zuzuhören.

Wer diesen Ruf nicht hört oder gerade überhaupt keine Lust darauf hat, muss auch nicht überzeugt werden. Dann ist es eben so. Es gibt ja, wenn wir meiner spirituellen Sicht folgen, noch ein paar Inkarnationen. Kein Stress.

Wenn du dein ganzes Leben lang gelernt hast, dich an anderen zu orientieren, zu vergleichen, zu bewerten und aus dem, was draußen geschieht, abzuleiten, wie es dir innen gehen darf, klingt „Geh nach innen“ zunächst wahrscheinlich ziemlich schräg. Ich weiß das, und mir ist dieser Satz früher selbst oft genug auf den Zeiger gegangen.

Was soll denn da innen bitte sein?

Das kann dir auch niemand theoretisch erklären. Irgendwann musst du selbst erleben, dass nicht jeder Gedanke automatisch wahr ist und ein Ereignis im Außen nicht zwangsläufig darüber entscheidet, wie du dich für die nächsten drei Wochen fühlen musst.
Und wenn aus diesem ganzen inneren Denken  richtiger Druck wird, dann schau auch mal in „Innerer Druck“. Da geht es genau um diesen Teil, den wir selbst noch zusätzlich auf das draufpacken, was ohnehin schon da ist.

Manchmal braucht es dafür tatsächlich einen Bruch, eine Krise oder eine Erfahrung, bei der das bisherige Funktionieren nicht mehr funktioniert. Bei mir war es so. Vielleicht reicht bei einem anderen Menschen schon ein Moment, in dem er plötzlich merkt, dass seine bisherige Sicht auf die Welt eben doch nicht die ganze Wahrheit ist. Kleine Wunder geschehen zum Glück ebenfalls noch.

Wenn du diesen inneren Raum einmal kennengelernt hast und immer öfter daraus lebst, verändert sich auch dein Verhältnis zu dem, was dir draußen präsentiert wird. Du glaubst nicht mehr automatisch alles, nur weil ein Mensch es behauptet, zehn andere es nachplappern oder ein Experte mit wichtigem Gesicht erklärt, dass es nun mal so ist. Ach ja, Statistiken habe ich vergessen. Die verlieren dann teilweise auch ihren Heiligenschein.

Du prüfst anders, weil du überhaupt wieder einen eigenen Bezugspunkt hast. Das bedeutet nicht, dass du grundsätzlich alles ablehnst oder dich für klüger hältst als den Rest der Welt. Du merkst nur schneller, ob etwas für dich stimmig ist oder ob du gerade wieder etwas übernimmst, nur weil es überzeugend genug verkauft wurde.

Das sehe ich in jedem Lebensbereich, und beim Business ist es besonders schön zu beobachten.

Da haben viele mittlerweile kaum noch eine Vorstellung davon, wie ein ganz normaler Geschäftsaufbau funktioniert, weil im Außen etwas anderes vorgespielt wird. Du brauchst angeblich nur den richtigen Funnel, diese eine Strategie, eine messerscharfe Positionierung oder am besten genau dieses Programm, und schon kommen die Kunden fast von allein. Ein paar Wochen später verdienst du natürlich fünfstellig, während du entspannt am Meer sitzt und dein Laptop sich praktisch selbst bedient.

Wenn das dann nicht funktioniert, bleibt kaum jemand stehen und fragt sich: Was möchte ich überhaupt aufbauen? Wie möchte ich arbeiten? Was passt tatsächlich zu mir, und bin ich bereit, einem Unternehmen die Zeit zu geben, die ein Unternehmen nun mal braucht?

Stattdessen kommt schon der Nächste um die Ecke und erklärt, dass die bisherige Strategie natürlich falsch war. Das innere Gummiband zieht wieder, also geht es jetzt eben in die andere Richtung. Noch eine Methode, noch ein Versprechen, noch eine neue Positionierung, und du weißt gar nicht mehr, was von dir kommt und was du nur übernommen hast, weil es dir lange genug erzählt wurde.

Genau deshalb ist dieses Nach-innen-Gehen für mich so wichtig. Damit meine ich allerdings nicht, dass du den ganzen Tag in dir herumgrübelst, jeden Gedanken in Einzelteile zerlegst oder deine Kindheit zum hundertsten Mal analysierst, bis du auch für deinen Zahnpastakauf noch ein frühkindliches Trauma findest.

Für mich geht es eher darum, mit der Zeit weniger auf alles anzuspringen, was der Verstand erzählt. Gedanken dürfen auftauchen, ohne dass ich sofort daraus eine Wahrheit, eine Entscheidung oder einen kompletten Lebensentwurf machen muss.

Das ist auch nichts, was man komplett erledigt hat. Das Leben läuft weiter, Menschen sagen Dinge, Situationen verändern sich, etwas berührt dich, etwas anderes bringt dich auf die Palme, und selbstverständlich beginnt der Kopf wieder, daraus eine Geschichte zu basteln. Warum sollte er plötzlich beschäftigungslos werden?

Dann schaue ich eben wieder genauer hin: Was passiert gerade tatsächlich in mir, und was habe ich schon wieder dazuerfunden?

Mit der Zeit verändert sich dadurch einiges. Nicht, weil du plötzlich wie ein menschlicher Buddha durch den Supermarkt schwebst und dich nichts mehr berührt, sondern weil du weniger schnell von jeder Meinung, jedem Trend und jeder Stimmung aus der eigenen Mitte gezogen wirst.

Diese Stabilität entsteht für mich vor allem dadurch, dass ich mich selbst besser kenne. Wenn ich weiß, was für mich stimmig ist, was mir entspricht und wo ich mich gerade wieder in eine Geschichte hineinsteigere, brauche ich das Außen weniger, um mir ständig zu sagen, wer ich sein soll und was ich zu denken habe.

Mit Weltfremdheit hat das für mich überhaupt nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Wenn dieses permanente Nach-außen-Schauen, Bewerten, Kämpfen, Vergleichen, Missionieren und Aufregen so hervorragend funktionieren würde, müsste die Welt mittlerweile ein ausgesprochen friedlicher Ort sein. Und dein eigenes Leben wahrscheinlich ein Hafen der Glückseligkeit, nachdem du nur genug Informationen gesammelt und dich über alles ausreichend aufgeregt hast.

Nun ja.

Mich interessiert deshalb heute viel mehr, was passiert, wenn ich selbst ruhiger werde und nicht mehr jeden inneren Impuls sofort nach außen trage. In meinen Begleitungen sehe ich immer wieder, wie sich Menschen verändern, wenn sie aufhören, für alles sofort die nächste Erklärung im Außen zu suchen, und anfangen, sich selbst ernsthafter wahrzunehmen.

Sie werden nicht zu anderen Menschen. Aber manches reißt sie nicht mehr so schnell mit, Entscheidungen fühlen sich klarer an und Gefühle müssen nicht mehr sofort verschwinden, nur weil sie unangenehm sind.

Ich habe mir früher sehr viel mehr Gedanken darüber gemacht, wie sich die Welt verändern müsste. Heute beschäftige ich mich wesentlich stärker damit, wie ich selbst in dieser Welt unterwegs bin. Interessanterweise hat sich dadurch meine eigene Welt ziemlich deutlich verändert, weil ich anders entscheide, anders mit Menschen umgehe und manches schlicht keinen Platz mehr in meinem Leben bekommt.

Für mich ist das inzwischen genug Grund, immer wieder nach innen zu schauen. Nicht, um dort noch eine weitere Baustelle zu finden, sondern damit ich mich selbst mitbekomme.

Genau um diese Erfahrung geht es auch in meinem Retreat. Nicht darum, dreieinhalb Tage noch mehr Wissen über sich zu sammeln, sondern darum, den eigenen inneren Bezug wieder deutlicher zu spüren und herauszufinden, was tatsächlich von einem selbst kommt, wenn es außen einmal etwas leiser wird.