Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Wie sehr die Vergangenheit in uns weiterredet

Du glaubst, du entscheidest im Jetzt, und manchmal sitzt einfach nur etwas ziemlich Altes mit am Tisch.

Ich hatte diese Woche ein paar Gespräche, bei denen ich dachte: Ja, mein Gott, da ist es wieder, dieses ewige Im-Außen-Herumschrauben. Da wird gemacht, überlegt, verbessert, geredet, erklärt, noch einmal etwas verändert, viel Geld investiert in Marketing und trotzdem bewegt sich im Leben kaum etwas. Ich meine das gar nicht böse, weil wir das alle kennen. Wir hoffen nun mal gerne, dass sich innen etwas beruhigt, wenn außen endlich alles so ist, wie wir es brauchen. Der Partner soll sich anders verhalten, der Job soll weniger stressen, das Geld soll gefälligst mehr werden, die anderen sollen uns besser verstehen und natürlich wäre es schön, wenn das alles funktionieren würde. Tut es nur oft nicht. Du kannst nämlich einen anderen Partner haben und trotzdem dieselbe Angst mitnehmen. Du kannst mehr Geld verdienen und dich trotzdem nicht sicher fühlen. Den Job wechseln und nach einem halben Jahr sitzt du wieder mit demselben inneren Druck da und fragst dich, was denn jetzt schon wieder los ist.

Genau bei solchen Dingen ist die Vergangenheit interessant. Nicht, weil ich finde, dass wir ständig in ihr herumwühlen müssen. Ganz ehrlich, dafür wäre mir meine Lebenszeit auch zu schade. Aber ich glaube schon, dass wir begreifen müssen, wie sehr sie in uns weiterredet. Was wir gelernt haben, was wir erlebt haben, was wir über uns, über Beziehungen, über Sicherheit, über Liebe oder über Leistung geglaubt haben, das ist ja nicht einfach weg, nur weil es vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert ist. Es kann längst vorbei sein und trotzdem sitzt es heute noch mit am Tisch. Es mischt sich ein, wenn du Entscheidungen triffst, wenn du dich verliebst, wenn du Nein sagen willst, wenn du dich abgrenzen willst oder wenn du glaubst, etwas fühlt sich nicht stimmig an.

Genau bei diesem Satz merke ich inzwischen schon, wie meine Pupillen anfangen, sich innerlich Richtung Hinterkopf zu rollen. Dieses: Das fühlt sich für mich nicht stimmig an. Ich kann es inzwischen kaum noch hören. Nicht, weil es das nicht gibt. Natürlich kann etwas wirklich nicht stimmig sein. Aber manchmal ist es einfach ungewohnt und sonst gar nichts. Wenn du dein Leben lang angepasst warst, wird sich ein klares Nein nicht sofort großartig anfühlen. Du hast immer funktioniert,  dann fühlt sich Ausruhen nicht automatisch entspannt an. Vielleicht macht es dich sogar nervös. Du kontrollierst alles, dann wird Vertrauen erst einmal komplett falsch anfühlen. Nicht, weil es falsch ist, sondern weil dein System sagt: „Entschuldigung, was machen wir denn jetzt hier für einen Blödsinn, das kenne ich so nicht.“

Natürlich heißt das nicht, dass du dir jetzt jedes ungute Gefühl schönreden sollst. Mal ist etwas wirklich nicht stimmig, manchmal überschreitet jemand eine Grenze oder passt etwas einfach nicht. Aber ich finde, wir sollten inzwischen unterscheiden lernen zwischen einem echten inneren Nein und dem alten System, das nur Alarm schlägt, weil etwas neu ist. Sonst wird aus Bewusstseinsarbeit am Ende noch Selbstverarschung, und das wäre auch wieder schade.

Was mir dabei auch immer wieder auffällt, ist unser Verhältnis zu unserer eigenen Kraft. Gerade Menschen, die sich sehr lange zurückgenommen haben, die genau überlegen, was sie sagen dürfen, wie sie etwas sagen sollen und wie sie sich verhalten müssen, damit nur bloß niemand irritiert ist, versuchen dann manchmal sogar, sich genauso vorsichtig daraus zu befreien. Da wird dann ein alter Glaubenssatz erkannt und anschließend sehr liebevoll verabschiedet: „Dieser Glaubenssatz darf jetzt gehen.“ Ja, kann man so machen. Nur denke ich mir manchmal: Der sitzt da seit fünfzig Jahren, der wird vermutlich nicht ehrfürchtig seinen kleinen Koffer packen, nur weil du ihn besonders schön und achtsam darum gebeten hast. Der denkt sich eher: Süß, wir reden nächste Woche noch mal.

Ich will da überhaupt nichts abwerten. Nur sehe ich gerade in der spirituellen und esoterischen Szene immer wieder, wie vorsichtig Menschen mit ihrer eigenen Kraft geworden sind. Alles soll sanft sein, alles soll liebevoll sein und nach Möglichkeit darf nirgendwo auch nur ein Hauch von Wut, Wucht oder Wildheit auftauchen, weil das dann gleich wieder als nicht bewusst genug angesehen wird. Da fehlt nur noch, dass man seine Wut vorher räuchert und ihr ein Klangschalenkonzert anbietet. Dabei ist es manchmal genau diese Kraft, die ein Mensch überhaupt erst wieder kennenlernen müsste.

Wenn du dich dein Leben lang klein gemacht hast und ständig leise bist, dann führt der Weg da raus möglicherweise nicht darüber, dich noch sanfter klein und ruhiger zu machen.

Dann brauchst du vielleicht dieses innere Feuer, das sagt: Schluss jetzt. Ich mache das nicht mehr.

Und ja, ich erlebe, dass Menschen manchmal erschrecken, wenn sie hören, wie klar oder auch wie kräftig ich etwas sage. Ich habe damit kein Problem. Denn für mich bedeutet Bewusstsein nicht, dass wir zu immer leiseren, vorsichtigeren Wesen werden, die jedes Wort dreimal prüfen, bevor es den Mund verlassen darf. Sonst können wir uns gleich einen inneren Pressesprecher zulegen. Es bedeutet auch nicht, dass wir unsere Wut so lange spirituell bearbeiten, bis kein Funken Kraft mehr darin steckt.

Gerade an der Wut kann man wunderbar sehen, wie ein Mensch zu seiner Kraft steht. Darf da überhaupt Energie sein? Darf ich etwas wollen? Darf ich Nein sagen? Darf ich mich durchsetzen? Darf ich unbequem sein? Darf ich jemanden enttäuschen? Oder muss alles in mir sofort wieder weich, friedlich und schön werden, damit ich mich für einen guten Menschen halten kann?

Ich sage deshalb gerne: Trau dich, unverschämt zu sein.

Und ich meine damit nicht, dass du anderen Menschen respektlos vor die Füße trittst oder plötzlich glaubst, Rücksicht sei etwas für Anfänger. Ich meine etwas ganz anderes. Ich meine, dass du dich traust, diese ganze Scham ein Stück hinter dir zu lassen, die dir ständig erzählt, wie du sein darfst und wie nicht. Dass du dich ein bisschen kühner, wilder, weniger kontrolliert und nicht jedes Mal sofort zurückzuckst, sobald du merkst, dass jemand anderes deine neue Art vielleicht nicht so bequem findet.

Denn manche alten Muster lösen sich nicht nur dadurch, dass wir sie verstanden haben. Wir müssen etwas tun, was ihnen widerspricht. Wenn ich mich immer zurückgehalten habe, muss ich einmal (oder mehrmals) sprechen. Habe ich mich immer angepasst, muss ich riskieren, dass jemand mich nicht gut findet. Wenn ich meinen Willen immer heruntergeschluckt habe, muss ich erleben, dass ich etwas wirklich will und dabei nicht umfalle. Das klingt banal, ist es aber für viele überhaupt nicht. Für manche fühlt sich ein klares Nein innerlich ungefähr so an, als hätten sie gerade eine Kleinstadt evakuiert.

Das wird sich erst einmal überhaupt nicht friedlich anfühlen. Es kann sich sogar ziemlich heftig anfühlen, weil du über eine Grenze gehst, die du selbst vielleicht seit Jahrzehnten nicht überschritten hast.

Für mich hat das viel mit Heilung zu tun. Nicht dieses ewige „Ich lasse jetzt etwas los“, während ich genau dieselbe Person bleibe, die ich vorher war, sondern dass ich mich traue, über das hinauszugehen, was ich bisher für mich gehalten habe. Dass ich dieses Gefängnis aus Alltag, Gewohnheit und Selbstbild nicht noch schöner dekoriere, noch ein Räucherstäbchen in die Ecke stelle und sage: „Jetzt ist es aber gemütlich hier“, sondern die Tür öffne und rausgehe.

Da braucht es eben nicht nur Sanftheit, da braucht es Wucht.

Das sehe ich auch gerade bei dem Thema Beziehung. Ich habe ja in letzter Zeit einige Umfragen dazu gemacht und es ist schon auffällig, wie schnell wir wieder beim anderen landen. Was müsste der tun, was müsste der lassen, was fehlt, was macht er falsch, warum versteht er mich nicht. Und klar, natürlich gehört zu einer Beziehung auch, wie der andere mit mir umgeht. Es wäre ja völliger Quatsch zu behaupten, das sei alles egal. Aber wenn mein innerer Zustand davon abhängt, dass der andere sich endlich so verhält, dass ich mich sicher, geliebt oder gesehen fühle, dann habe ich halt ständig Stress. Dann sitzt der andere, auf gut Deutsch, an meinem Schalter und wenn er den nicht richtig bedient, geht es mir schlecht. Ungünstige Konstruktion, würde ich sagen.

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns alles selbst geben müssen und niemanden mehr brauchen. Einen solchen Schmarrn meine ich überhaupt nicht. Aber wenn ich tief in mir glaube, ich bin nicht genug, dann können mir zehn Menschen sagen, wie toll ich bin, und beim elften denke ich trotzdem wieder: Ja, aber meint der das wirklich? Wenn ich gelernt habe, dass Liebe immer mit Angst verbunden ist, dann kann ich auch in einer guten Beziehung anfangen, überall Gefahr zu sehen. Und wenn ich mein Leben lang Harmonie hergestellt habe, wird es sich für mich vielleicht schon wie eine Katastrophe anfühlen, wenn jemand einmal sauer auf mich ist. Der andere zieht kurz die Augenbraue hoch und innen läuft bereits der Katastrophenschutz an.

Da sind wir wieder bei dieser Vergangenheit. Die muss ich nicht wiederholt aufkochen, aber ich sollte schon merken, wenn sie mir heute noch Entscheidungen unterjubelt und ich dann glaube, das sei einfach meine Wahrheit.

Ich weiß, dass es in spirituellen Kreisen oft heißt: Alles ist jetzt, die Vergangenheit gibt es nicht mehr, komm einfach ins Sein. Ja, meinetwegen. Stimmt, auf einer Ebene ja. Aber ganz ehrlich, manche Menschen müssen da erst einmal hin. Die können nicht von jahrzehntelanger Angst, Anpassung, Schuld, Kontrolle oder innerem Druck direkt in irgendein reines Sein springen, nur weil jemand mit leuchtenden Augen sagt, sie müssten einfach loslassen. Manche brauchen nun mal eine Brücke. Und diese Brücke ist für mich oft Bewusstheit. Zu erkennen, was da in mir überhaupt abläuft, warum ich immer wieder an derselben Stelle lande und warum sich manches so verdammt echt anfühlt, obwohl es nur verdammt alt ist.

Und dann sind da natürlich noch die Gefühle. Da fand ich einen Gedanken aus einem Vortrag, den ich gehört habe, tatsächlich interessant. Nämlich, dass wir manchmal jahrelang in etwas stecken bleiben und dabei glauben, der andere würde davon etwas abbekommen. Tut er meistens nicht. Wenn ich jemanden hasse, wird der andere davon nicht automatisch unglücklich. Ich schon. Wenn ich immer wieder dieselbe Verletzung hochhole, dieselbe Geschichte erzähle und mir jedes Mal neu beweise, warum ich vollkommen recht habe, dann kann mich das bitter machen. Nicht, dass Wut, Trauer oder Angst schlecht wären. Um Gottes willen, die dürfen da sein, die müssen sogar gefühlt werden. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Gefühl durch mich durchgeht oder ob ich zehn Jahre darin wohne, die Vorhänge aufhänge und inzwischen sogar die Küche renoviert habe.

Das finde ich ohnehin einen bedeutungsvollen Punkt. Wir verwechseln oft berechtigt mit hilfreich. Ja, du kannst völlig berechtigt wütend sein. Du kannst völlig berechtigt verletzt sein. Du kannst völlig berechtigt enttäuscht sein. Die Frage ist nur, wie lange willst du das mit dir herumtragen? Denn du kannst recht haben und trotzdem unfrei sein. Und so nebenbei: Vom Recht haben allein wird leider niemand leichter oder wirklich glücklich.

Genau deshalb glaube ich, dass innere Arbeit nicht bedeutet, jeden alten Mist immer wieder auszugraben. Es bedeutet für mich eher, ehrlich hinzuschauen, wo etwas Altes heute noch mitredet. Wo ich glaube, ich entscheide frei, obwohl in Wahrheit uralte Muster am Steuer sitzen. Wo ich glaube, ich müsste noch mehr tun, obwohl ich längst genug getan habe. Wo ich immer noch versuche, im Außen etwas zu verändern, obwohl das, was mich festhält, ganz woanders sitzt.

Dann braucht es eben nicht noch ein Gespräch, noch eine Methode, noch einen Plan, noch eine Veränderung im Außen. Manchmal wäre die interessantere Frage: Was schleppe ich da immer noch mit mir herum, obwohl ich längst dachte, das hätte ich hinter mir gelassen?

Vielleicht noch eine zweite:

Wo müsste ich mich heute einmal ein kleines bisschen unverschämter trauen, ich selbst zu sein?

Die besten Trainingsplätze: Mein Retreat
meine Chiarezza-Gruppe und natürlich meine 1-1 Räume

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Wir wollen fühlen, aber bitte nicht zu lange und wenn, dann nur Schönes.

Menschen sagen oft, sie wollen mehr bei sich sein, sich selbst besser verstehen, und gleichzeitig läuft im Hintergrund ständig die Frage mit, was sie denn jetzt machen müssen, damit dieses Gefühl endlich weggeht, ihre Angst weniger wird, die Unruhe aufhört oder sie wieder in einen Zustand kommen, in dem alles angenehmer ist. 

Ich finde das immer sehr spannend, weil die meisten gar nicht wirklich wissen, was das bedeutet und welche „Nebenwirkungen“ es mit sich bringt.
Echtes Bei-dir-bleiben beginnt natürlich nicht, wenn du dich gut fühlst, sondern genau in dem Moment, in dem etwas da ist, was du lieber nicht hättest. Angst, Wut, Traurigkeit, Enge, Unsicherheit, Eifersucht, was auch immer. Und dann geht es erst einmal gar nicht darum, woher das kommt oder was du jetzt daraus lernen sollst, sondern darum, ob du überhaupt bereit bist, anzuerkennen, dass es gerade da ist.

Das klingt erst einmal simpel, ist es aber überhaupt nicht, weil wir uns an dieser Stelle schon unglaublich viel erzählen. Dass wir doch längst weiter sein müssten, dass wir dieses Thema doch schon bearbeitet haben, dass wir doch wissen, woher es kommt, dass es uns nicht mehr so triggern dürfte. Nur hilft dir das alles nichts, wenn du in diesem Moment trotzdem verletzt bist oder Angst hast. Dann bist du eben verletzt, dann hast du Angst, und genau das ist im Moment die Wahrheit. Die steht im Raum und alles andere hat keine Bedeutung, egal wie oft du die Dinge aufzählst – also, nur mit dem kannst du umgehen.

Für mich ist das der erste Teil davon, wobei ich das gar nicht als ersten Punkt meine, weil es keine Reihenfolge gibt. Es ist eher diese innere Bereitschaft, wirklich ehrlich mit dir zu sein und nichts kleiner zu machen, aber eben auch nichts größer. Einfach wahrnehmen, was da ist, ohne gleich daraus wieder eine Geschichte zu bauen.

Ehrlich mit dir sein, ohne gegen dich zu sein

Dann kommt etwas, was ich meinen Teilnehmern sehr oft sage, nämlich: Sei jetzt einfach lieb zu dir. Ich nehme da ganz bewusst nicht dieses große Wort „Liebe“, weil da schon wieder jeder etwas anderes darunter versteht und dann womöglich meint, er müsse jetzt seine Angst lieben oder seine Wut umarmen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht viel schlichter darum, dass du in einem Moment, in dem es dir ohnehin schon nicht gut geht, nicht auch noch gegen dich bist.

Wenn jemand, den du magst, vor dir sitzt und sagt, dass er gerade völlig verunsichert ist, würdest du ja wahrscheinlich auch nicht sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an, das hatten wir doch schon, du solltest langsam weiter sein.“ Bei uns selbst sind wir da allerdings erstaunlich schnell dabei. Da wird geurteilt, gedrängt, geschimpft und korrigiert, und letztlich haben wir dann nicht nur das Gefühl, das ohnehin schon da ist, sondern zusätzlich noch den Kampf mit uns selbst.

Deshalb sage ich lieber: „Jetzt sei einfach nett zu dir.“ Du musst das nicht schön finden, was du gerade fühlst, und du musst es auch nicht gutheißen. Du kannst aber aufhören, dir selbst das Leben noch schwerer zu machen, indem du dich dafür verurteilst.

Nicht sofort reagieren heißt nicht, dich zurückzuhalten

Was dann oft sichtbar wird, ist dieser unglaublich schnelle Reflex, auf das, was wir fühlen, sofort auf unterschiedlichste Art zu reagieren. Der eine schießt seine Wut sofort raus, der andere schluckt sie runter. Der eine erklärt sich, der andere zieht sich zurück, ein anderer ruft sofort jemanden an oder macht komplett zu. Genau gilt es, tiefer zu verstehen, weil Freiheit nicht bedeutet, dass du jetzt einfach nichts tust.

Wenn du ein Mensch bist, der sich ständig zurückhält, dann wäre es natürlich keine Freiheit, deine Wut wieder nicht zu zeigen und dir dann zu erzählen, du würdest gerade bewusst nicht reagieren. Dann machst du im Endeffekt genau das Gleiche wie immer, nur mit einem netten Bildchen darauf.

Es geht also nicht darum, einen Impuls zu unterdrücken, sondern darum, ihn überhaupt erst einmal mitzubekommen. Du merkst zum Beispiel: Da ist Wut, da zieht sich gerade alles in mir zusammen, ich möchte am liebsten sofort etwas sagen oder, je nachdem, wie ich gestrickt bin, am liebsten gar nichts sagen und mich zurückziehen. Und bevor ich automatisch in genau diese alte Reaktion gehe, bleibe ich erst einmal einen Moment bei dem, was da in mir passiert.

Dieser Raum dazwischen ist für mich Freiheit. Nicht, weil du dann nichts mehr tust, sondern weil du nicht mehr nur auf Autopilot handelst. Es kann gut sein, dass du danach sehr klar etwas sagst. Es kann genauso sein, dass du merkst: „Nein, ich muss darauf gar nicht reagieren.“ Entscheidend ist nicht, ob du etwas tust oder nicht, sondern ob du wieder nur deinem alten Muster folgst oder ob du überhaupt wahrgenommen hast, was in dir los ist.

Hingabe bedeutet, wirklich dazubleiben

Genau da kommt für mich die Hingabe hinein. Denn wenn du nicht sofort nach außen gehst, nicht gleich handelst, erklärst, schluckst, angreifst oder verschwindest, dann kannst du überhaupt erst einmal fühlen, was da wirklich in dir passiert. Hingabe heißt für mich genau das: dass du bereit bist, dich dem, was da ist, wirklich zu überlassen, ohne gleich daran herumzumachen.

Das kann Wut sein, Angst, Traurigkeit, Scham, Schmerz, was auch immer. Du musst es nicht verändern, du musst es nicht kleiner machen und du musst es auch nicht besonders gut können. Du lässt es erst einmal wirklich da sein und spürst es.

Das ist etwas ganz anderes, als sich zurückzuhalten. Zurückhaltung bedeutet oft, dass du das Gefühl gerade nicht wirklich zulässt, sondern es festhältst, kontrollierst oder deckelst. Hingabe ist das Gegenteil davon. Da hältst du nichts fest. Du lässt zu, dass die Erfahrung sich in dir zeigen darf, und erst daraus kann dann überhaupt etwas Neues entstehen, statt dass du wieder genau das machst, was du schon hundertmal (geschmeichelt ausgedrückt) gemacht hast.

Wenn ich all das zusammennehme, dann sind das letztlich vier innere Bewegungen, die für mich sehr eng zusammengehören. Du bist ehrlich mit dem, was gerade da ist, du gehst dabei nicht gegen dich, du musst nicht sofort reagieren, und du bist bereit, auch wirklich zu fühlen, was in dir passiert.

Ich würde daraus aber keine neue Methode machen, weil genau dann wieder das passiert, was wir sowieso ständig machen. Dann wird aus etwas Lebendigem eine neue Aufgabe, und plötzlich sitzt jemand da und überlegt, ob er heute schon wahrhaftig genug war, ob er nett genug zu sich war oder ob seine Hingabe noch ausbaufähig ist. Das wäre für mich wieder derselbe Wahnsinn in einer neuen Methoden-Verpackung.

Diese Dinge passieren nicht nacheinander und du musst sie auch nicht üben wie vier Lektionen. Sie zeigen sich mitten im Leben, genau dann, wenn etwas nicht so läuft, wie du es gern hättest. Genau dann, wenn dich jemand trifft, wenn du dich unsicher fühlst, wenn du merkst, dass du dich erklären willst, wenn du dich zurückziehst, wenn du kontrollieren möchtest oder wenn du einfach nicht weißt, was du gerade machen sollst.

Genau darum geht es auch in meinen Retreats. 

Nicht darum, dreieinhalb Tage lang Wissen zu sammeln und mit einem vollgeschriebenen Block nach Hause zu fahren. Deshalb gibt es bei mir auch keine Aufzeichnungen und keinen Block. Du kommst mit dem, was gerade in deinem Leben da ist, mit den Geschichten, die dich beschäftigen, mit den Dingen, die dich drücken oder die du besser verstehen möchtest, und dann schauen wir nicht nur darauf, was du erzählst, sondern auch darauf, was währenddessen in dir passiert.

Wo wirst du eng, wo gehst du raus, wo willst du dich erklären, wo willst du etwas richtig machen, wo reagierst du sofort, wo hältst du dich zurück, wo bist du schon wieder bei den anderen und gar nicht mehr bei dir.

Das zeigt sich nicht nur im Gespräch. Es zeigt sich beim gemeinsamen Tun genauso, beim Essen, im Wald, in einem Moment, den keiner geplant hat, oder genau dann, wenn etwas anders läuft, als du es gern hättest.

Deshalb ist für mich das ganze Retreat im Endeffekt genau diese Übung, vom ersten Moment bis zum letzten. Nicht in dem Sinn, dass du drei Tage lang etwas leisten oder richtig machen musst, sondern weil du immer wieder merken kannst, wie du gerade mit und bei dir bist oder im Außen hängst.

Sas lässt sich eben nicht aufschreiben und später noch einmal nachlesen. Das kannst du nur erleben.
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