Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du Liebe nennst – und warum sie oft gar keine ist

Was du über Liebe gelernt hast, prägt, wie du sie heute lebst.

Was du über Liebe gelernt hast, prägt ziemlich stark, wie du sie später lebst, und trotzdem hinterfragen wir dieses Bild erstaunlich selten. Wir wachsen mit bestimmten Vorstellungen auf, beobachten unsere Eltern, hören Sätze über Beziehungen, erleben erste Verliebtheit und bauen uns daraus mit der Zeit eine ziemlich feste Idee davon auf, wie Liebe aussehen soll und was unbedingt dazugehören muss.

Geborgenheit gehört für viele dazu: Sicherheit, Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und Nähe, und daran ist überhaupt nichts verkehrt. Wo wir allerdings anfangen, den anderen dafür verantwortlich zu machen, dass wir uns dauerhaft sicher, gesehen, beruhigt oder wertvoll fühlen, da bekommt Liebe schnell eine Aufgabe, die sie gar nicht erfüllen kann, ohne eng zu werden.

Wie deine Vorstellung von Liebe entstanden ist

Schon als Kind bekommst du mit, wann Zuwendung da ist und wann sie weniger wird. Du merkst, ob du besonders viel Anerkennung bekommst, wenn du dich anpasst, brav bist oder etwas leistest, und du lernst sehr früh, wie sicher oder unsicher sich Nähe in deinem Umfeld anfühlt.

Solche Erfahrungen nehmen wir später mit in unsere Beziehungen, meistens, ohne bewusst darüber nachzudenken, und dann suchen wir uns Menschen, bei denen sich etwas vertraut anfühlt. Dieses Vertraute muss dabei nicht einmal angenehm sein, denn manchmal reicht schon das Gefühl, etwas irgendwie zu kennen. Was ich immer wieder spooky finde.

Manche wünschen sich einen starken Menschen an ihrer Seite, der Halt gibt und Sicherheit vermittelt. Andere fühlen sich besonders gebraucht, wenn sie organisieren, retten, tragen oder immer für alles zuständig sind. Wieder andere hoffen insgeheim darauf, von einem Partner endlich so gesehen zu werden, wie sie es früher vermisst haben.

So kann es passieren, dass dein Partner längst nicht nur dein Partner ist, sondern nebenbei noch die Rolle des Beschützers, der Mutter, des Vaters oder des Menschen übernimmt, der endlich etwas in Ordnung bringen soll, was schon viel älter ist als diese Beziehung. Das ist ganz schön viel Gepäck für zwei Menschen, die wahrscheinlich ursprünglich einfach nur miteinander leben wollten.

Angst die kräftig mitmischt

In Beziehungen kann alles Mögliche auftauchen. Manche Menschen geben ständig nach und nennen das Liebe, andere brauchen viel Drama und starke Emotionen, damit sie überhaupt das Gefühl haben, dass zwischen ihnen etwas lebt, und wieder andere merken gar nicht, wie schnell aus Nähe Kontrolle werden kann, wenn Verlustangst oder Unsicherheit Tagesbegleiter sind.

Schwierig wird es hauptsächlich dann, wenn wir diese Gefühle nicht erkennen und stattdessen dem anderen erklären, was er tun oder lassen muss, damit es uns wieder besser geht. Aus einem eigenen Gefühl wird dann plötzlich eine Verpflichtung für den Partner.

Der berühmte Satz „Wenn du mich lieben würdest, würdest du das nicht tun“ gehört für mich genau in diese Ecke. Den habe ich inzwischen so oft gehört, dass ich darauf fast schon körperlich reagiere.

Natürlich darfst du sagen, wenn dich etwas verletzt, und genauso darfst du Grenzen haben, Wünsche äußern und erwarten, dass dein Gegenüber dich ernst nimmt. Beziehung funktioniert schließlich nicht dadurch, dass jeder alles schluckt und sich gegenseitig erklärt, man müsse halt an seinen Triggern arbeiten. Trotzdem ist es etwas anderes, ob ich dir erzähle, was etwas in mir auslöst, oder ob ich daraus automatisch ableite, dass du dich verändern musst, damit ich mich wieder sicher fühle.

Wenn du merkst, dass du etwas ganz anderes gebraucht hast

Meist verändert sich der Blick auf eine Beziehung, weil du dich selbst veränderst. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich anders an, und du erkennst Zusammenhänge, die du vorher gar nicht sehen konntest oder sehen wolltest.

Du merkst dann zum Beispiel, dass du einen Menschen lange gebraucht hast, weil er dir Halt gegeben hat, und genau das damals sogar wichtig für dich war. Jahre später kann es aber sein, dass du diesen Halt nicht mehr in derselben Form brauchst und deshalb auch die Beziehung anders erlebst.

Vielleicht erkennst du, dass du dich ständig kümmern musstest, um dich gebraucht zu fühlen, oder du vieles mitgetragen hast, weil du Angst hattest, sonst nicht mehr geliebt zu werden. Manche Menschen stellen irgendwann fest, dass sie ihren Partner stark idealisiert haben, weil er etwas verkörpert hat, das ihnen selbst gefehlt hat.

Solche Veränderungen können eine Beziehung ziemlich durcheinanderbringen, weil der andere sich darauf eingestellt hat, wie du bisher warst. Wenn du plötzlich anders reagierst oder Dinge nicht mehr mitmachst, die vorher selbstverständlich waren, kann das Irritation auslösen, obwohl sich am Verhalten des anderen zunächst gar nichts geändert hat.

Wenn du schon weißt, dass etwas nicht mehr passt

Diese Phase finde ich ja besonders spannend, weil wir kaum Geduld mit ihr haben. Du merkst, dass dein altes Bild von Beziehung nicht mehr stimmt, hast aber noch keinerlei Ahnung, wie es stattdessen aussehen soll, und sofort beginnt im Kopf die große Sitzung mit Tagesordnung.

Bleiben oder gehen? Liebe ich ihn noch? Ist das Wachstum oder rede ich mir gerade etwas schön? Muss ich jetzt eine Entscheidung treffen, und wenn ja, welche?

Als müsste nach einer Erkenntnis spätestens bis Dienstagmittag ein neuer fertiger Lebensplan vorliegen.

Manchmal braucht es aber genau diese Zeit, in der noch nichts entschieden ist, weil du erst einmal verstehen musst, was sich überhaupt verändert hat. Wenn du viele Jahre nach bestimmten Mustern gelebt hast, fällt nicht am nächsten Morgen eine neue Beziehungsform vom Himmel, nur weil du plötzlich etwas klarer siehst.

Es kann schon viel sein, wenn du für dich merkst, dass du etwas so nicht mehr möchtest wie bisher, und anfängst, genauer hinzuschauen, statt sofort die nächste endgültige Antwort zu produzieren.

Muss eine Beziehung deshalb enden?

Nicht unbedingt, denn Menschen entwickeln sich nicht alle auf dieselbe Art und auch nicht im selben Tempo. Manche Paare finden eine neue Form miteinander, andere merken, dass sie zwar noch verbunden sind, aber nicht mehr so leben möchten wie früher, und manchmal zeigt sich auch, dass eine Beziehung tatsächlich an ihr Ende gekommen ist.

Gerade mit zunehmendem Alter frage ich mich immer öfter, warum wir Beziehung noch so selbstverständlich nach einem ziemlich festen Modell denken. Zusammenwohnen, möglichst viel gemeinsam machen, ähnliche Vorstellungen vom Alltag haben, am besten noch denselben Rhythmus leben und die gleichen Fleece-Jacken tragen, weil sonst gleich die Frage auftaucht, ob das überhaupt eine richtige Partnerschaft ist.

Für manche Menschen passt genau dieses Modell wunderbar, während andere schon beim Gedanken daran merken, wie eng ihnen das wird. Warum sollte eine Verbindung weniger wert sein, nur weil zwei Menschen ihre eigenen Räume brauchen oder ihr Leben umorganisieren, als es früher vielleicht üblich war?

Die Form allein sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie lebendig, ehrlich oder verbunden eine Beziehung tatsächlich ist. Man kann jahrzehntelang unter einem Dach wohnen und sich kaum noch begegnen, genauso wie zwei Menschen sehr verbunden sein können, obwohl sie nicht jeden Tag denselben Frühstückstisch teilen. Wobei ich zusammen frühstücken ja liebe.

Was für mich heute wichtiger geworden ist

Ich möchte Liebe nicht mehr daran messen, wie sehr zwei Menschen einander brauchen, weil dieses Brauchen schnell romantischer klingt, als es sich im Alltag anfühlt. Schau dir nen Rosamunde-Pilcher Film an, und du weißt, was ich meine. Mir ist wichtiger geworden, ob ich in einer Beziehung noch ich selbst sein kann, ob ich den anderen wirklich sehe und ob wir miteinander reden können, ohne uns ständig gegenseitig in alte Rollen zu drücken.

Ich möchte nicht der Mensch sein, ohne den jemand angeblich nicht leben kann, denn so romantisch das zunächst klingt, so anstrengend kann es werden, wenn daraus eine Dauerzuständigkeit für das Innenleben des anderen entsteht. Genauso wenig möchte ich jemanden brauchen, damit ich mich vollständig fühle oder überhaupt weiß, wer ich bin.

Wenn ich mit einem Menschen zusammen bin, möchte ich dort sein, weil ich diesen Menschen wirklich in meinem Leben haben will, und nicht, weil ich glaube, ohne ihn würde mir etwas Wesentliches fehlen. Wie eine Beziehung dann aussieht, darf sich verändern, wachsen, enger oder freier werden und muss nicht für immer in dieselbe Form passen.

Für mich ist das heute wesentlich stimmiger als jede Vorstellung, nach der Liebe daran gemessen wird, wie gut zwei Menschen gegenseitig ihre Lücken stopfen.

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

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