Konflikte gehören zum Menschsein
Konflikte gehören zum Menschsein
Leid und Konflikt sind keine Gegner in unserem Leben, ganz im Gegenteil. Sie sind Wegweiser.
Konflikte gehören für mich zum Menschsein, auch wenn wir uns oft wünschen, wir könnten so bewusst, so geklärt oder so weit sein, dass es sie gar nicht mehr gibt. Ich sehe das inzwischen anders, denn Konflikte entstehen schon allein dadurch, dass in uns verschiedene Ebenen gleichzeitig reagieren und die sich nun einmal nicht immer einig sind.
Der Kopf kann längst verstanden haben, dass eine Situation gar nicht gefährlich ist, während der Körper trotzdem Alarm macht. Du kannst wissen, dass eine Entscheidung richtig wäre, und gleichzeitig emotional an etwas hängen, das du längst hinter dir lassen möchtest. Manchmal willst du etwas unbedingt und merkst trotzdem, dass sich in dir alles zusammenzieht, sobald es konkret wird.
Das ist kein Beweis dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es zeigt erst einmal nur, dass du ein Mensch bist und nicht aus einem einzigen sauber sortierten Anteil bestehst.
Wenn in dir mehrere Stimmen gleichzeitig reden
Ich begleite gerade eine junge Frau, bei der mir dieses Thema wieder sehr deutlich geworden ist. Nach außen wirkt sie ruhig, reflektiert und offen, während in ihr gleichzeitig einiges gegeneinander arbeitet. Ein Teil möchte verstehen, ein anderer möchte bloß nichts falsch machen, und irgendwo sitzt noch die große Sehnsucht danach, endlich anzukommen und Ruhe zu haben.
Sobald sie etwas erkennt, springt der Verstand an und möchte aus dieser Erkenntnis am liebsten sofort eine Aufgabe machen. Jetzt habe ich es verstanden, also muss ich es auch richtig umsetzen. Jetzt weiß ich, woher etwas kommt, also dürfte ich doch nicht mehr so reagieren. Schon wird aus einer Erkenntnis das nächste Projekt, das möglichst ordentlich und möglichst richtig abgearbeitet werden soll.
Ich kenne das von vielen Menschen. Kaum haben sie etwas über sich verstanden, möchten sie den neuen Zustand festhalten. Am besten dauerhaft, damit bloß nichts Altes mehr auftaucht. Nur funktioniert unser Inneres nicht wie ein Lichtschalter, bei dem man einmal auf „verstanden“ drückt und das Thema anschließend für immer erledigt ist.
Gerade dadurch entsteht oft noch mehr Spannung, weil zu dem ursprünglichen Gefühl zusätzlich der Gedanke kommt, man müsste doch längst weiter sein.
Kopf, Gefühl und Körper haben nicht immer denselben Fahrplan
Ich empfinde es als hilfreich, diese verschiedenen Ebenen überhaupt auseinanderhalten zu können. Der Verstand möchte Zusammenhänge erkennen und verstehen, warum etwas passiert. Gefühle brauchen oft erst einmal Raum, bevor sie sich verändern können, und der Körper reagiert auf seine eigene Art auf Sicherheit, Unsicherheit und Erfahrungen, die er gespeichert hat.
Das kann ziemlich verwirrend sein, wenn der Kopf schon drei Häuser weiter ist und der Körper noch in der Einfahrt steht.
Du kannst dir hundertmal erklären, dass du keine Angst haben musst, und trotzdem Herzklopfen bekommen. Du kannst wissen, dass ein Mensch nicht gut für dich ist, und ihn dennoch vermissen. Du kannst eine Entscheidung getroffen haben und am nächsten Morgen wieder zweifeln.
Ich sehe darin inzwischen nicht mehr automatisch einen Widerspruch, der sofort gelöst werden muss. Manchmal brauchen diese verschiedenen Ebenen einfach unterschiedlich lange, bis sie bei derselben Sache angekommen sind.
Der Fehler beginnt für mich eher dort, wo wir anfangen, einen Teil gegen den anderen auszuspielen. Wenn der Kopf den Körper beschimpft, weil er immer noch reagiert, oder wenn wir Gefühle wegargumentieren wollen, weil sie gerade nicht zu unserem schönen neuen Erkenntnisstand passen.
Damit wird es meistens nur lauter und hilft trotzdem nicht.
Warum wir so gern Kontrolle hineinbringen
Wenn es in uns unruhig wird, möchte der Verstand verständlicherweise wieder Ordnung und möglichst schnell Ruhe herstellen. Er sucht eine Erklärung, möchte eine Entscheidung treffen und am liebsten wissen, wie lange die ganze Angelegenheit noch dauert.
Das kann auch hilfreich sein. Unser Denken ist schließlich nicht der Feind und muss auch nicht spirituell abgeschafft werden.
Kritisch wird es nur, wenn wir glauben, wir könnten jede innere Bewegung dadurch kontrollieren, dass wir sie ausreichend analysieren. Dann sitzen wir über uns selbst wie über einer komplizierten Bedienungsanleitung und suchen verzweifelt den Knopf, mit dem sich das störende Gefühl endlich ausschalten lässt.
Genau da wird aus Selbsterforschung schnell Selbstüberwachung.
Du beobachtest dich dann nicht mehr aus Interesse, sondern kontrollierst durchgehend, ob du schon „richtig“ reagierst. Bin ich noch getriggert? Habe ich schon losgelassen? Bin ich jetzt endlich im Vertrauen? Warum denke ich schon wieder darüber nach?
Da kann man sich hervorragend den ganzen Tag mit sich selbst beschäftigen und trotzdem keinen Millimeter entspannter werden. Wen wundert’s?
Loslassen lässt sich schlecht befehlen
Mit dem Loslassen ist es ähnlich. Wir sagen uns: Jetzt lasse ich das endlich los. Dann stellen wir nach zwei Tagen fest, dass es immer noch da ist, und sind zusätzlich genervt, weil wir offenbar nicht einmal ordentlich loslassen können.
So habe ich Loslassen jedenfalls nie erlebt.
Manchmal verändert sich etwas, weil du plötzlich einen Zusammenhang wirklich verstehst und nicht nur intellektuell erklären kannst. Dann merkst du, warum du an etwas festgehalten hast, was du dir davon versprochen hast oder wovor du Angst hattest, wenn du es aufgibst. Diese Einsicht kann tatsächlich etwas entspannen, aber sie kann nicht erzwungen werden und sie führt auch nicht automatisch dazu, dass danach alles verschwunden ist.
Es kann sein, dass dein Kopf etwas verstanden hat und dein Körper trotzdem noch eine Weile braucht. Oder dass ein Thema Wochen später noch einmal auftaucht und du es dann aus einer anderen Perspektive siehst.
Das macht die erste Erkenntnis nicht wertlos. Es zeigt nur, dass Veränderung manchmal weniger spektakulär und nur linear verläuft, als wir es gern hätten.
Muss ein Konflikt überhaupt sofort weg?
Das ist eine Frage, die ich mir während meiner Krise oft gestellt habe, weil wir bei inneren Konflikten sehr schnell nach einer Lösung suchen. Dabei kann es manchmal viel hilfreicher sein, erst einmal zu verstehen, was da überhaupt miteinander ringt.
Vielleicht gibt es einen Teil in dir, der gehen möchte, und einen anderen, der Angst davor hat. Vielleicht möchtest du sichtbar werden und gleichzeitig am liebsten niemandem auffallen oder willst du frei sein und merkst gleichzeitig, wie sehr du an Sicherheit hängst.
Wenn du beide Seiten wahrnehmen kannst, ohne sofort eine davon zum Problem zu erklären, verändert sich schon etwas in der Art, wie du mit dir umgehst.
Ich erlebe das auch in meinen Metamorphosis-Räumen immer wieder. Sobald nicht mehr alles sofort repariert werden soll, kommt oft viel mehr Klarheit hinein. Dann darf eine Unsicherheit erst einmal da sein, ohne dass gleich ein OP-Besteck auf den Tisch muss, und manchmal zeigt sich erst dadurch, worum es tatsächlich geht.
Konflikte müssen deshalb für mich nicht verschwinden, damit ich innerlich ruhig sein kann. Viel wichtiger ist, ob ich mitten darin noch wahrnehmen kann, was gerade passiert, anstatt mich sofort gegen mich selbst zu stellen.
Seit ich das so sehe, empfinde ich innere Widersprüche auch nicht mehr automatisch als Rückschritt. Nicht selten zeigen sie mir einfach, dass etwas in Bewegung gekommen ist und noch nicht alle Teile von mir am selben Punkt angekommen sind. Damit kann ich inzwischen wesentlich besser umgehen, als mir einzureden, ich müsste nur bewusst genug sein und hätte dann nie wieder einen Konflikt.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst