Die neuen Rattenfänger von Hameln

Die neuen Rattenfänger von Hameln

Die neuen Rattenfänger von Hameln

… und warum wir ihnen freiwillig folgen

Früher gab es die Flöte, heute reicht ein Algorithmus. Und wir laufen ziemlich bereitwillig hinterher, mit Herzchen und Daumen nach oben in den Augen, Klickzahlen im Kopf und der Hoffnung, dass der nächste Post, das nächste Reel oder die nächste Idee endlich das bringt, was wir uns davon versprechen: mehr Sichtbarkeit, mehr Erfolg oder mehr Bestätigung.

Die Rattenfänger sind nämlich nicht verschwunden. Sie haben nur ihr Instrument gewechselt. Heute locken sie mit Versprechen wie: „Werde Millionär über Nacht“, „Heile dein Trauma in drei Tagen“ oder „Manifestiere dir dein Traumleben mit Pool und Prada“. Je einfacher die Lösung klingt, desto besser verkauft sie sich offenbar.

Ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Wenn ich etwas poste, schaue ich natürlich auch, wie viele Menschen es gelesen haben und ob Reaktionen kommen. Ich sitze zwar nicht alle fünf Minuten davor, aber ich schaue. Wenn etwas gut läuft, freut mich das, und wenn etwas komplett verpufft, denke ich schon mal: Na wunderbar.

Das Problem beginnt für mich dort, wo aus dieser ganz normalen Freude an Resonanz eine Abhängigkeit wird und wo genau diese menschliche Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und Anerkennung gezielt benutzt wird, um etwas zu verkaufen.

Verkaufspsychologie ist nichts Neues. Neu ist eher, wie selbstverständlich sie sich inzwischen mit Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung und Heilungsversprechen vermischt. Da wird aus einer echten Sehnsucht schnell ein Call-to-Action und aus einem wunden Punkt wird eine Verkaufschance.

Wenn aus Herzensworten Werbesätze werden

Ich beobachte schon länger, dass Menschen, die früher sehr natürlich geschrieben oder gesprochen haben, anfangen, sich völlig anders auszudrücken. Plötzlich klingt alles glatt, berechnet und nach Marketing. Da wird über Authentizität gesprochen, während im Hintergrund schon der nächste Funnel bereitsteht.

Natürlich darf jeder Marketing machen. Ich verkaufe ja selbst Angebote und Bücher und habe kein Problem damit, wenn jemand mit seiner Arbeit Geld verdient. Mich stört etwas anderes: wenn Menschen nicht mehr eingeladen, sondern gezielt an ihren Unsicherheiten gepackt werden.

Wenn künstlicher Mangel erzeugt wird, Angst eingesetzt oder suggeriert wird, dass du etwas verpasst, hinterherhängst oder nicht weit genug bist, wenn du jetzt nicht buchst.

Da sitzt dann jemand und erklärt dir, du sollst endlich bei dir ankommen, während gleichzeitig an deiner Angstleine gezogen wird.

Hopp, mein Pony, und genau da bin ich raus.

Aus Sehnsucht wird ein Geschäftsmodell 

Besonders schwierig finde ich das in Bereichen, in denen Menschen sowieso schon verletzlich sind. Wer nach Hilfe sucht, weil es ihm schlecht geht, weil er Orientierung braucht oder weil er sich verändern möchte, ist natürlich empfänglicher für große Versprechen.

Dann wird aus der Sehnsucht nach Heilung schnell ein Produktversprechen, aus Schmerz ein Verkaufsargument und aus ausbleibendem Erfolg am Ende wieder ein persönliches Versagen.

Wenn es nicht funktioniert hat, hast du eben nicht richtig manifestiert, nicht genug geglaubt oder nicht konsequent genug an dir gearbeitet.

Das ist praktisch, weil das Angebot selbst nie hinterfragt werden muss. Genau diese Nummer macht mich wütend. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Programme, Kurse oder Begleitung habe. Ganz im Gegenteil, da ich selbst Menschen begleite. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einem Angebot und dem Versuch, jemanden so lange an seinem Mangelgefühl zu bearbeiten, bis er kauft.

Likes bedeuten plötzlich mehr, als sie sollten

Social Media macht noch etwas anderes mit uns. Es kann eine Wahrnehmung erzeugen, in der Zahlen viel größer werden, als sie tatsächlich sind.

Ich habe das vor einiger Zeit bei einer jungen Frau erlebt, die auf Instagram viele Follower hat, primär Männer. Sie ist es gewohnt, dass auf Bilder und Videos sofort Reaktionen kommen und dass sie wahrgenommen wird.

Dann saß sie in einer Runde mit echten Menschen, ging kurz raus und kam später mit den Worten zurück: „So, ich bin wieder da.“

Einer der Männer am Tisch meinte nur: „Ist gar nicht aufgefallen, dass du weg warst.“

Sie fing an zu weinen. Nicht ein paar Tränchen, sondern richtig. Ich war zuerst vollkommen perplex und dachte tatsächlich, sie nimmt uns gerade auf den Arm. Ne, hat sie aber nicht, sie war wirklich zutiefst betroffen.

Dieser Moment hat mir ziemlich deutlich gezeigt, wie weit Online-Wahrnehmung und echtes Leben auseinanderliegen können. Im Netz bekommst du innerhalb von Sekunden Reaktionen, Kommentare, Herzchen und Aufmerksamkeit. In einer realen Runde kann es passieren, dass niemand bemerkt, dass du gerade fünf Minuten draußen warst.

Das sagt nichts darüber aus, wie wertvoll oder unwichtig ein Mensch ist. Es zeigt nur, wie schnell man sich an ständige Resonanz gewöhnen kann und wie merkwürdig sich normale Realität dann plötzlich anfühlt.

Online bist du schnell Mittelpunkt deiner eigenen kleinen Bühne. Im echten Leben bist du halt manchmal einfach einer von mehreren Menschen am Tisch. Das ist für mich ziemlich gesund, auch wenn es sich nach tausend Likes erschreckend unspektakulär anfühlen kann.

Meine Reißleine

Vor ein paar Wochen habe ich für mich wieder eine ziemlich klare Grenze gezogen. Ich hatte mich bei einem Programm angemeldet, weil ich dachte, ich könnte vielleicht noch etwas lernen, wie ich eines meiner Produkte besser an Mann oder Frau bringe.

Nach dem ersten Tag war ich innerlich schon draußen.

Mich hat das Ganze so abgestoßen, dass ich anschließend noch einen zweiten Rundumschlag gemacht und sämtliche Marketing-Newsletter abbestellt habe, die ich noch im Postfach hatte. Auch die, bei denen ich früher dachte, da könnte ja irgendwann noch der entscheidende goldene Tipp kommen.

Kam allerdings nicht.

Stattdessen las ich immer wieder dieselben Fragen: „Wie optimierst du deinen Funnel? Wie erhöhst du deine Conversion? Wie machst du aus Menschen Kunden?“

Ich möchte Menschen begegnen, ihnen zeigen, was ich anbiete, und dann dürfen sie selbst entscheiden, ob sie damit etwas anfangen können. Natürlich möchte ich, dass meine Arbeit gesehen wird und Menschen meine Angebote buchen. Ich lebe ja nicht von Waldluft und spiritueller Begeisterung. Aber ich möchte niemanden so lange psychologisch bearbeiten, bis er glaubt, ohne mein Angebot nicht weiterzukommen.

Seit ich das für mich wieder klarer habe, ist auch dieser ständige Druck weniger geworden, jeden Text danach zu beurteilen, ob er gut „zieht“. Das Schreiben macht mir wesentlich mehr Spaß, wenn ich nicht im Hinterkopf einen Marketing-Messias sitzen habe, der jedes zweite Wort nach Conversion-Potenzial bewertet.

Wem folge ich?

Das ist inzwischen die Frage, die ich mir viel öfter stelle, wenn ich etwas buche oder glaube, ich müsste etwas auf eine ganz bestimmte Art machen.

Passt das überhaupt zu mir?

Nicht jede Strategie ist schlecht, nur weil sie eine Strategie ist. Nicht jeder Mensch, der Marketing betreibt, ist automatisch ein Rattenfänger. Aber ich merke ziemlich schnell, wenn ich anfange, mich von meiner eigenen Art zu entfernen, nur weil mir jemand erklärt, so müsse man es eben machen, wenn man erfolgreich sein will.

Ich habe das oft genug ausprobiert und jedes Mal festgestellt, dass es mich auf Dauer mehr Kraft kostet, als es bringt.

Deshalb mache ich inzwischen lieber Dinge auf eine Weise, die mir entspricht, auch wenn es länger dauert. Die Menschen, die damit etwas anfangen können, finden mich trotzdem. Und diejenigen, die erst drei künstliche Verknappungen, fünf Trigger und einen Countdown brauchen, damit sie etwas buchen, passen sowieso nicht besonders gut zu mir.

Damit kann ich erstaunlich gut leben.