Die Sucht, nicht im Jetzt zu sein

Die Sucht, nicht im Jetzt zu sein

Die Sucht, nicht im Jetzt zu sein

Warum du immer wieder handelst, obwohl du fühlen solltest.

Da ist dieses Unwohlsein. Dieses leise, nagende Ding. Du bist nicht ganz da. Es drückt, es zieht, es nervt. Du spürst es im Bauch oder in der Herzgegend. Und zack – machst du was. Du reagierst. Schnell. Zackig. Ballert es aus dir heraus.

Dann muss plötzlich irgendwas passieren. Du schreibst dem Hotel eine Bewertung, willst unbedingt noch ins Spa, setzt dir ein neues Ziel oder fährst den Kellner an, weil du dieses innere Ziehen nicht länger haben willst.

Aber in Wahrheit: Du konntest das Gefühl nicht aushalten. Nicht still sein und nicht warten können. Nicht fühlen, dass du gerade komplett im Leeren hängst.

Und das nennst du dann: Klarheit. Handlung. Kommunikation. Zielsetzung.

Aber ich nenn’s: Sucht.

Die Sucht, die keiner sieht

Bei meinem letzten Retreat war eine Teilnehmerin dabei, über 80, unglaublich schnell im Reagieren. Kaum war ein Satz ausgesprochen, kam schon die Antwort zurück. Zwischen dem, was sie hörte, und ihrer Reaktion lag praktisch kein Raum.

Ich habe ihr dann freundlich, aber sehr klar das Wort genommen und sie gebeten, einfach mal kurz nichts zu sagen, sondern nur zu hören. Das war für sie erstaunlich schwer. Du konntest richtig sehen, wie sehr es in ihr gearbeitet hat. Sie hat gezuckt, Grimassen gezogen, wollte immer wieder loslegen, und ich habe sie nur angeschaut und gesagt: „Atme und warte kurz.“ Da kam langsam etwas Ruhe rein.

Nicht die große Erleuchtung, kein Zen-Mönch mit Klangschale, aber ein kleiner Moment, in dem sie nicht sofort reagieren musst, das war für mich schon viel.

Am Ende nannte die geistige Welt sie liebevoll „Plaudertasche“. Ich fand das ziemlich treffend, weil hinter diesem vielen Reden auch dieses ständige Wegspringen lag. Immer sofort raus mit etwas, bloß nicht erst spüren, was der Satz gerade mit einem macht.

Da kannst du dich selbst mal beobachten. Musst du immer sofort antworten? Umgehend erklären? Sofort rechtfertigen? Oder kannst du einen Moment warten und schauen, was in dir passiert, bevor der Mund schon wieder schneller ist als der Rest von dir?

Der Trick mit dem Ziel

Neulich schrieb jemand in meiner kostenlosen Gruppe: „Ich habe ein Ziel. Ich will nicht mehr lieb sein, sondern klar.“ Das klingt zunächst gut, nur kann auch so ein Ziel wunderbar dazu dienen, das zu umgehen, was gerade wirklich da ist.

Denn Klarheit entsteht ja nicht erst dann, wenn du es dir lange genug vorgenommen hast, klarer zu werden. Sie zeigt sich in dem Moment, in dem du merkst, dass du etwas sagen möchtest, und dir trotzdem schon wieder die Worte im Hals stecken bleiben. Da zeigt sich viel mehr, ob du dich traust oder ob du dir lieber vornimmst, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Wir bauen uns aus solchen Themen gerne eine kleine Wegstrecke. Dann heißt es: Ich arbeite daran, ich bin auf dem Weg, ich übe noch. Das kann alles stimmen. Es kann aber genauso gut sein, dass du dir damit noch einen Aufschub gönnst, weil du die Reaktion des anderen gerade nicht aushalten willst.

Wenn du weißt, dass ein Nein dran wäre, dann hilft dir das schönste Ziel nichts, solange du weiter Ja sagst. Und wenn du merkst, dass du etwas ansprechen willst, dich aber nicht traust, dann ist es ehrlicher, genau das zuzugeben, statt dir dafür noch schnell ein Entwicklungsziel zu basteln.

Sonst wird aus persönlicher Entwicklung ganz schnell ein sehr gepflegtes Versteck. Klingt gut, sieht ordentlich aus und du musst trotzdem weiterhin nicht rauskommen.

Der Impuls, zu fliehen

Bei einem anderen Teilnehmer vom Retreat kam das ganz anders raus. Kurz bevor wir fertig waren, wollte er plötzlich unbedingt ins Spa. Nicht später, nicht nach dem Abschluss, sondern genau jetzt. Du konntest richtig merken, wie unruhig er wurde, je länger wir noch im Raum saßen.

Und auch da lag der erste Impuls wieder darin, sofort etwas zu tun, statt mal kurz zu schauen, was gerade in ihm los ist.

Als wir genauer hingeschaut haben, wurde ziemlich schnell klar, dass es gar nicht nur um Spa oder Entspannung ging. Er hatte tief in sich dieses Gefühl, nicht genug zu bekommen. Und obwohl er zu Hause sogar eine eigene Sauna hat und wirklich nicht unter akutem Wellnessmangel leidet, war da ständig dieses Ziehen nach mehr.

Das fand ich fast schon komisch, weil man ja wirklich denken könnte: Junge, wie viel Spa braucht ein Mensch noch?

Aber genau da lag der Punkt: Wenn dieses innere Gefühl von Mangel da ist, dann reicht oft auch das schönste Außen nicht. Dann kannst du noch einen Saunagang machen, noch eine Massage buchen oder noch einen Wellnessnachmittag dranhängen und trotzdem bleibt dieses Gefühl bestehen.

Der Reflex ist dann schnell: Ich muss raus, ich brauche noch etwas, ich bekomme sonst nicht genug. Und solange du diesem Impuls immer sofort folgst, merkst du gar nicht, was darunter liegt.

Manchmal wäre es viel ehrlicher, den Drang nicht sofort zu bedienen und einfach mal dazubleiben. Nicht aus Härte gegen dich selbst, sondern um überhaupt zu merken, was du da permanent zu füllen/füttern versuchst.

Die Wahrheit ist unbequem – aber einfach

Am Ende läuft es für mich auf etwas ziemlich Schlichtes hinaus: Wenn du merkst, dass in dir Druck entsteht, musst du nicht sofort darauf reagieren. Du musst nicht gleich losrennen, reden, erklären, buchen, planen oder dir noch schnell  Ziel basteln, nur damit dieses unangenehme Gefühl wieder weg ist.

Manchmal ist genau das der Moment, in dem es sinnvoller wäre, kurz dazubleiben und zu merken, was da gerade wirklich in dir los ist. Nicht Zähne zusammenbeißen und heroisch leiden, sondern einfach nicht sofort flüchten. Atmen, spüren, warten, bis du wieder ein bisschen klarer wirst.

Das klingt natürlich herrlich unspektakulär. Kein Kurs, kein Sieben-Schritte-Plan, kein spiritueller Schnickschnack. Eher die ziemlich nüchterne Frage: Kann ich das gerade einen Moment aushalten, ohne mich sofort in Aktion zu stürzen?

Und ja, manchmal hilft es, wenn jemand von außen dabei ist und dich daran erinnert, nicht schon wieder dieselbe Schleife zu drehen. Nicht um dir dein Leben zu erklären, sondern damit du nicht jedes Mal sofort an der nächsten Ausfahrt rausfährst, sobald es innen unbequem wird.

Veränderung beginnt genau da, nicht darin, dass du nie mehr reagieren darfst, sondern darin, dass du merkst, wann du gerade nur wegwillst.

Vertrauen ist keine Belohnung – sondern Bewusstsein

Vertrauen ist keine Belohnung – sondern Bewusstsein

Vertrauen ist keine Belohnung – sondern Bewusstsein

Warum wir endlich aufhören müssen, unsere Kunden wie Mäuse zu behandeln.

Es war der letzte Morgen meines Retreats. Ich lag noch im Bett, ganz ruhig, in diesem Zustand, den ich nach solchen Tagen sehr liebe, wenn außen noch nicht viel los ist und innen auch keiner schon wieder hundert Dinge gleichzeitig will.

Die Hunde waren bei meiner jüngsten Tochter, meine beiden Söhne im Urlaub, also habe ich etwas auf Instagram geschaut. Kein großes Vorhaben, einfach sehen, was los ist, und dabei bin ich auf eine Anzeige gestoßen: „Online verkaufen ohne Stress, kein tägliches Posten, keine ständigen Zoom-Calls, einfach ein smarter Marketingweg.“

Ich habe draufgeklickt, nicht weil ich plötzlich dachte: „Hurra, da ist jetzt endlich mein Marketing-Messias“, sondern weil ich neugierig war, wie so etwas inzwischen verkauft wird. Mich hat interessiert, was da gerade unter „Neuer Welt“ läuft, wie Verbindung beschrieben wird und was Menschen heute alles unter authentischem Marketing verstehen.

Am ersten Tag dachte ich noch: Okay, nette Vorstellungsrunde, ein bisschen Marketing-Blabla, nichts, was mich groß aus der Ruhe bringt. Beim zweiten Tag war für mich dann aber ziemlich schnell klar, dass ich innerlich komplett ausgestiegen bin, weil ich gemerkt habe: Das hier ist überhaupt nicht meine Welt.

Da wurde mir wieder bewusst, wie groß der Unterschied ist zwischen Vertrauen und einem System, das Menschen so geschickt durch einen Prozess schiebt, dass sie am Ende glauben, sie hätten vollkommen frei entschieden.

Die Alte Welt: Manipuliere, bis sie kaufen

Was dann kam, hat mich wirklich irritiert, weil es so selbstverständlich als gute Verkaufsstrategie präsentiert wurde. Da ging es nicht mehr um Beziehung, Vertrauen oder darum, ob jemand gerade überhaupt bereit ist, etwas zu kaufen, sondern darum, Menschen möglichst geschickt durch einen Ablauf zu führen, damit sie am Ende kaufen.

Die Strategie wurde ungefähr so erklärt: Du gibst den Leuten fünf Tage Zeit für eine bestimmte Aufgabe, machst ihnen klar, dass sie nur dann wirklich „committed“ sind, wenn sie in diesem Zeitraum liefern, und wer schnell genug ist, bekommt anschließend Zugang zum nächsten Schritt oder zu einem Bonus. Wer zu langsam ist, geht leer aus.

Und dann fiel tatsächlich dieser Satz: „Die Gier, etwas kostenfrei zu bekommen, bringt sie in Bewegung.“

Da saß ich und dachte nur: Ernsthaft?

Damit das Ganze auch wirklich jeder versteht, wurde noch eine Grafik gezeigt: eine Katze, eine Maus und ein Stück Käse. Die Katze bist du als Anbieterin, die Maus ist der potenzielle Kunde und der Käse ist dein Bonus, dein Goodie, dein Köder.

Ich fand das ziemlich entlarvend, weil damit offen ausgesprochen wurde, wie auf Menschen geschaut wird. Nicht als jemand, der selbst entscheiden kann, ob etwas gerade passt, sondern als jemand, den man nur richtig motivieren muss, damit er in die gewünschte Richtung läuft.

Und genau da bin ich raus, weil ich meine Kunden nicht wie Mäuse behandeln will und mich selbst übrigens auch nicht wie eine Katze sehe, die hinter dem Schrank sitzt und mit dem Käse wedelt. Dafür ist mir echte Begegnung dann doch wichtiger.

Wörtlich wurde es tatsächlich so formuliert: „Die Gier, etwas kostenfrei zu bekommen, bringt sie in Bewegung.“

Und um dieses „Erfolgskonzept“ zu veranschaulichen, wurde sogar eine Grafik gezeigt: eine Katze. Eine Maus. Ein Stück Käse. Die Katze – das bist du als Anbieterin. Die Maus – dein potenzieller Kunde. Der Käse – dein Goodie, dein Bonus, dein perfekt platziertes Lockmittel.

Ich saß da und dachte: Meinen die das wirklich ernst? Merkt hier tatsächlich niemand, wie entlarvend und menschenverachtend das ist?

Die Katze ist selbst längst im Käfig

Was mich daran fast noch mehr beschäftigt hat als diese Methode selbst, war die Begeisterung, mit der das Ganze aufgenommen wurde. Da saßen Menschen, hörten aufmerksam zu, machten sich Notizen und wirkten erleichtert, weil ihnen da scheinbar gerade jemand erklärt hat, wie Verkaufen endlich funktioniert.

Und ich saß da und dachte: Merkt das wirklich keiner?
Ganz ehrlich, wer will denn so selbst behandelt werden? Du?

Da wird die ganze Zeit davon gesprochen, wie du den Kunden möglichst geschickt führst, wie du Druck erzeugst, wie du Menschen über Verknappung, Zeitfenster und Belohnung in Bewegung bringst, und keiner scheint zu bemerken, dass du dich damit selbst genauso in ein System sperrst.

Denn wenn dein Business nur noch funktioniert, wenn du ständig Funnels bauen, Deadlines setzen, Boni erfinden, Menschen erinnern, nachfassen und psychologisch möglichst geschickt führen musst, dann bist du doch nicht frei. Dann sitzt die Katze genauso im Käfig wie die Maus, nur mit besserem Branding.

Und genau das finde ich so schräg an dieser ganzen Geschichte. Nach außen sieht es nach Freiheit aus, nach smartem Business, nach Leichtigkeit und Skalierbarkeit, aber innerlich bist du ständig damit beschäftigt, die nächste Mechanik am Laufen zu halten.

Für mich hat das mit echter Verbindung wenig zu tun. Wenn ich dauernd überlegen muss, wie ich jemanden zum nächsten Schritt bewege, dann bin ich irgendwann mehr mit Strategie beschäftigt als mit dem Menschen vor mir.

Und da verliere ich genau das, was für mich Arbeit überhaupt wertvoll macht.

Ich habe das auch versucht – und es funzt einfach nicht

2019 bin ich online gegangen und ja, ich gestehe, ich habe am Anfang auch versucht, Business so zu machen, wie ich es überall gesehen habe. Mit Strategien, Challenges, Abläufen, bei denen ganz genau festgelegt war, wann was passieren soll und wie man Menschen am besten durch solch einen Prozess führt. Nicht, weil ich bewusst jemanden manipulieren wollte, sondern weil ich schlicht keine Ahnung hatte, wie ich das, was ich offline seit Jahren ganz selbstverständlich gemacht habe, plötzlich online zeigen sollte.

Ich kam ja aus einer vollkommen anderen Welt. Meine Arbeit fand im direkten Kontakt statt, mit Menschen im Raum, mit Blicken, mit Körpersprache, mit diesem feinen Spüren, was gerade da ist. Online fühlte sich das am Anfang an, als würde ich durch eine ziemlich dicke Glasscheibe arbeiten. Ich konnte zwar alles sehen, aber diese unmittelbare Verbindung, die ich aus meiner Arbeit kannte, fehlte mir.

Also habe ich ausprobiert, was andere vorgemacht haben. Man denkt sich ja erstmal: Die werden schon wissen, was sie tun.

Hat bei mir nur nicht lange gehalten.

Je mehr ich versucht habe, mich in solche Systeme reinzupressen, desto deutlicher habe ich gemerkt, wie wenig das mit mir zu tun hat. Ich saß dann da mit einem Plan, der angeblich wunderbar funktioniert, und innerlich dachte alles in mir: Claudia, was machst du hier für einen Quatsch?

Das war ziemlich eindeutig.

Ich kann Menschen nicht nach Schema F begleiten und ich kann auch beim Verkaufen nicht vorgeben, als wäre jeder gleich. Der eine braucht Zeit, der andere entscheidet schnell, der nächste meldet sich nach Monaten wieder und der nächste liest drei Jahre still mit, bevor er überhaupt ein Wort sagt. Genau deshalb funktioniert für mich dieses ganze Durchtakten nur begrenzt.

Ich brauche echten Kontakt, sonst werde ich selber komisch.

Und das ist am Ende auch der Grund, warum ich vieles von dem, was ich damals ausprobiert habe, wieder gelassen habe. Nicht, weil Strategien grundsätzlich schlecht sind, sondern weil ich gemerkt habe, dass sie für mich nur dann taugen, wenn ich mich dabei nicht selbst verliere.

Was ich heute tue – und was ich bewusst nicht tue

Heute arbeite ich anders, weil ich gar nicht mehr versuche, Menschen durch ein vorgefertigtes System zu schieben. Ich habe keinen Ablauf, der bei jedem gleich funktioniert, und ich will auch keinen haben. Menschen sind nun mal keine IKEA-Regale, bei denen du vorne Teil A in Teil B steckst und hinten kommt immer dasselbe raus.

Wenn jemand zu mir kommt, schaue ich, was bei diesem Menschen gerade da ist. Der eine braucht eine klare Ansage, der nächste erst einmal Raum, wieder jemand anderes weiß im Grunde längst, was los ist, traut sich nur noch nicht, es sich selbst einzugestehen. Genau deshalb arbeite ich nicht nach einem Schema, das ich einmal erstelle und dann über jeden drüberlege.

Ich habe auch keine Lust, meine Begleitung in feste Häppchen zu zerlegen, nur damit sie sich leichter verkaufen lässt. Wenn mich jemand braucht, bin ich da. Nicht rund um die Uhr und auch nicht, weil ich mich selbst dabei aufgeben möchte, aber ich zähle nicht innerlich mit, wie viele Nachrichten schon hin und her gegangen sind und ob das jetzt noch im vorgesehenen Kontingent liegt.

Das würde mich wahnsinnig machen.

Was ich anbiete, lebt davon, dass ich wirklich präsent bin und nicht parallel im Kopf prüfe, ob das jetzt laut einem Businessmodell noch effizient genug ist.

Und ja, diese Art zu arbeiten hat ihren Preis. Nicht, weil ich künstlich verknappen will oder mich für etwas Besseres halte, sondern weil diese Begleitung intensiv ist. Ich bin nicht nur kurz da, werfe einen schlauen Satz in den Raum und verschwinde wieder. Ich höre zu, ich spüre mit, ich sage auch Dinge, die nicht immer bequem sind, und ich bleibe dran.

Genau deshalb kann und will ich diese Arbeit nicht billig machen.

Denn wenn ich so arbeite, dann will ich es auch stimmig machen. Alles andere würde weder zu mir noch zu dem passen, was ich Menschen anbiete.

Was in der Neuen Welt zählt: Vertrauen, nicht Taktik

Ich wünsche mir wirklich, dass wir im Onlinebusiness langsam aufhören, Menschen ständig wohin schieben zu wollen. Diese ganze Idee, dass ich nur den richtigen Trigger setzen, den richtigen Zeitpunkt erwischen oder den Druck geschickt genug erhöhen muss, damit jemand kauft, fühlt sich für mich inzwischen einfach falsch an.

Wenn jemand mein Angebot will, dann darf er kommen. Wenn er noch Zeit braucht, dann braucht er Zeit. Und wenn er Nein sagt, dann ist das eben ein Nein und kein Anlass, schnell noch drei Mails hinterherzuschicken, damit er es sich bloß anders überlegt.

Vertrauen entsteht doch nicht dadurch, dass ich jemanden so lange bearbeite, bis er irgendwann … Nein, auch das Wort brauchen wir hier gar nicht. Vertrauen entsteht, wenn ein Mensch merkt, dass er bei mir nicht manipuliert wird. Dass ich ihm zutraue, selbst zu entscheiden. Dass ich nicht sofort nervös werde, nur weil er nach einem Gespräch nicht innerhalb von zwölf Minuten auf „Jetzt kaufen“ klickt.

Ich habe über die Jahre gemerkt, dass Menschen oft sehr genau wissen, wann etwas für sie stimmt. Manchmal dauert diese Entscheidung fünf Minuten, manchmal Wochen oder Monate. Das muss ich nicht kontrollieren. Und ich will es auch nicht.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich einfach gar nichts mehr sage, meine Angebote verstecke und hoffe, dass sie telepathisch gefunden werden. Ich darf zeigen, was ich mache, ich darf darüber sprechen, ich darf sagen, was es kostet und für wen es gedacht ist. Aber ich will niemanden in eine Richtung drücken, nur damit ich am Ende einen Verkauf mehr habe.

Das wäre für mich kein Erfolg.

Mir ist lieber, jemand kommt zu mir, weil er es wirklich will, weil ein Countdown, Bonus oder künstlicher Druck ihm das Gefühl gegeben hat, er müsse sofort zuschlagen, sonst ist sein Leben endgültig vorbei.

Ja, das ist wahrscheinlich nicht die schnellste Methode und hat null Marketing in sich, aber ich schlafe damit besser.

Wenn du Käse willst – geh weiter. Wenn du Wahrheit willst – bleib.

Ich möchte nicht dauernd überlegen, welche psychologische Schraube ich noch drehen muss, damit aus einem Nein doch noch ein Ja wird. Ich sage lieber klar, was ich anbiete, was es kostet und für wen es gedacht ist. Danach darf der andere selbst entscheiden.

Genau deshalb ist mir dieses Bild mit Katze, Maus und Käse so hängen geblieben. Es zeigt ziemlich gut, was ich nicht will: Menschen wohin zu schieben, damit sie kaufen.

Wenn du Käse willst, findest du im Internet genug davon. Ich bleibe lieber bei Klarheit, echter Begegnung und dem Vertrauen, dass ein erwachsener Mensch selbst merkt, was für ihn passt.

Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Was ist Tiefe für dich?

Ich habe mich oft gefragt, was Menschen meinen, wenn sie von Tiefe sprechen. Das Wort klingt im ersten Augenblick, fast schon ein bisserl edel. Aber sobald es wirklich darum geht, genauer hinzuschauen, wird es für viele ziemlich schnell unbequem.

Tiefe ist für mich nicht, alles zu zerdenken oder aus jedem Gefühl eine Wissenschaft zu machen. Es geht eher darum, dass du bereit bist, bei etwas zu bleiben, wenn du merkst, da stimmt etwas nicht. Dass du nicht sofort ablenkst, relativierst oder versuchst, die Sache möglichst schnell wieder angenehm zu machen.

Manchmal merkst du einfach, da liegt etwas in der Luft. Da ist Spannung, da ist etwas unausgesprochen oder du spürst, dass dich etwas stärker berührt, als du zuerst dachtest. Genau da zeigt sich, ob du bereit bist, hinzuschauen, oder ob du lieber wieder an die Oberfläche gehst.

Ich kenne diesen Satz jedenfalls sehr gut: „Du machst aus allem ein Drama.“

Dabei wollte ich meistens gar nichts größer machen, als es war. Ich habe nur Dinge angesprochen, die ohnehin da waren. Ich habe Fragen gestellt, obwohl es bequemer gewesen wäre, sie nicht zu stellen, und ich konnte noch nie besonders gut vorgeben, als wäre alles in Ordnung, wenn ich längst gemerkt habe, dass es das nicht ist.

Das war nicht immer angenehm, weder für die anderen noch für mich.

Und wahrscheinlich kam genau daher dieses „Du bist zu viel“, „Du übertreibst“ oder „Du bist schwierig“. Früher hat mich das wirklich verunsichert, weil ich solche Aussagen ernst genommen und mich gefragt habe, ob ich tatsächlich alles zu groß mache oder zu pingelig bin.

Heute weiß ich, dass ich manches einfach früher wahrnehme und genauer hinschaue als andere. Das kann unbequem sein, gerade wenn jemand lieber an der Oberfläche bleiben möchte, aber ich mache mich dafür nicht mehr falsch.

Die Spaghetti-Gabel, die keiner will

Wenn ich merke, dass bei einem Thema noch etwas dranhängt, lasse ich es selten einfach so stehen. Ich bohre nicht aus Prinzip herum, aber ich frage nach, wenn ich spüre, dass die wirkliche Sache noch gar nicht auf dem Tisch liegt.

Das kann ein Satz sein, bei dem ich merke, da stimmt etwas nicht. Oder jemand erzählt mir etwas und ich habe das Gefühl, es geht um etwas ganz anderes, dann hake ich nach. Nicht um jemanden bloßzustellen, sondern weil genau da oft der eigentliche Punkt sitzt.

Für mich ist das die Spaghetti-Gabel. Ich nehme nicht den ganzen Teller auseinander, ich drehe nur an der Stelle, an der sowieso schon was hängt, und schaue, was mit hochkommt.

Das kann unangenehm sein, weil plötzlich etwas sichtbar wird, das vorher noch gut unter der Oberfläche bleiben konnte. Manche schauen dann hin, andere gehen auf Abstand oder machen zu.

Heute kann ich das besser stehen lassen. Nur weil ich etwas wahrnehme, heißt das nicht, dass der andere gerade bereit ist, es auch anzuschauen, und ich muss niemanden überzeugen. Außer, ich wurde dafür gebucht.

Wenn das „Zu viel“ nicht dir gehört

Früher hat mich das stark verunsichert, wenn Menschen auf meine Art mit Rückzug reagiert oder mir das Gefühl gegeben haben, ich wäre zu direkt, zu intensiv oder einfach anstrengend. Ich habe dann sofort bei mir gesucht und mich gefragt, ob ich wieder zu weit gegangen bin, zu viel gesehen oder zu viel ausgesprochen habe.

Heute sehe ich das anders.

Wenn jemand mit meiner Tiefe nichts anfangen kann, heißt das nicht automatisch, dass mit mir etwas nicht stimmt. Es kann genauso gut sein, dass der andere an einem Punkt gerade nicht weitergehen will. Das muss ich nicht bewerten und ich muss auch niemanden dazu bringen, tiefer zu schauen, nur weil ich sehe, dass da noch mehr liegt.

Das war für mich ein wichtiger Unterschied.

Früher habe ich schnell gedacht, ich müsste mich zurücknehmen, damit es für den anderen angenehmer wird. Heute frage ich eher: Habe ich respektvoll gesprochen? Habe ich dem anderen etwas übergestülpt oder habe ich nur benannt, was ich wahrnehme? Wenn ich diese Fragen für mich klar beantworten kann, muss ich mich nicht kleiner machen, nur damit sich jemand anderes wohler fühlt.

Und ja, Tiefe kann unbequem sein. Nicht, weil sie laut sein muss oder wiederholt Drama produziert, sondern weil sie Dinge berührt, an denen man lieber vorbeigehen würde. Genau deshalb wird sie auch so oft mit Drama verwechselt. Manchmal ist aber gar nicht die Tiefe das Problem, sondern die Tatsache, dass plötzlich etwas sichtbar wird, das vorher wunderbar ignoriert werden konnte.

Zwischen Sehnsucht und Flucht

Viele Menschen sagen, dass sie sich nach Tiefe sehnen, nach echter Verbindung, nach Gesprächen, die nicht nur an der Oberfläche herumkratzen. Das klingt schön, solange Tiefe etwas ist, das man sich vorstellen kann.

Wenn sie dann aber wirklich auftaucht, kann sie ziemlich unbequem werden.

Denn echte Tiefe bestätigt dich nicht automatisch. Sie kann dir auch zeigen, wo du dir selbst etwas vormachst, wo du ausweichst oder wo du lieber eine nette Geschichte glaubst, weil die leichter auszuhalten ist.

Dann passiert etwas Spannendes. Man wünscht sich Nähe, aber sobald jemand wirklich nah kommt und nicht nur das hört, was man sagt, sondern auch das wahrnimmt, was darunter liegt, kommt plötzlich Abwehr.

Manche werden still, andere machen das Thema klein, wieder andere reagieren gereizt oder ziehen sich zurück. Das muss noch nicht einmal böse gemeint sein. Es kann schlicht heißen: Bis hierhin kann ich mitgehen, weiter gerade nicht.

Und das darf auch sein.

Tiefe kann nicht erzwungen werden. Du kannst keinen Menschen dazu bringen, genauer hinzuschauen, nur weil du selbst bereit dazu bist. Genauso wenig musst du aber so tun, als würdest du etwas nicht sehen, nur damit es für den anderen angenehmer bleibt.

Genau dieses Hin und Her kenne ich gut. Menschen sehnen sich nach Echtheit, aber wenn Echtheit bedeutet, dass etwas sichtbar wird, was sie lieber weiterhin nicht anschauen möchten, wird aus der Sehnsucht schnell Rückzug.

Für mich ist das gar kein Widerspruch. Viele Menschen wollen Tiefe, aber eben nur so weit, wie sie sie gerade aushalten können.

Tiefe ist nicht Drama. Tiefe ist Stille, die dich trifft

Drama ist laut, schnell und aufgeladen. Da wird reagiert, bewertet, geschossen, zurückgeschossen und hinterher weiß keiner mehr so genau, worum es am Anfang überhaupt ging.

Tiefe fühlt sich für mich anders an. Da wird es eher still. Nicht leer, sondern still auf eine Art, bei der du merkst, dass gerade etwas in dir arbeitet.

Du hörst einen Satz und der bleibt hängen. Jemand stellt dir eine Frage und du weißt sofort, dass du da nicht mit einer schnellen Antwort rauskommst. Oder du sitzt einem Menschen gegenüber und merkst, dass du dich gerade nicht mehr herausreden kannst, ohne dich selbst dabei zu verarschen.

Das ist für mich Tiefe.

Sie muss nicht laut sein und sie braucht auch kein großes Drama drumherum. Oft reicht ein ehrlicher Satz, der genau an der richtigen Stelle landet.

Genau deshalb kann Tiefe so unangenehm sein. Weil sie dir nicht immer das sagt, was du gerne hören möchtest. Sie kann dich an einen Punkt bringen, an dem du merkst, dass du selbst längst weißt, was los ist, aber noch keine Lust hattest, es dir einzugestehen.

Da hilft dann auch kein schönes Gerede mehr.

Du kannst natürlich wieder an die Oberfläche gehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Aber innerlich weißt du meistens ziemlich genau, dass da gerade etwas getroffen hat.

Und wenn du bis hierhin gelesen hast …

Dann kennst du dieses Thema vermutlich nicht nur aus der Theorie. Vielleicht, stopp, das wollte ich ja gerade nicht mehr wiederholt benutzen. Also anders.

Du kennst wahrscheinlich diese Momente, in denen du merkst, da ist mehr, als gerade ausgesprochen wird. Du spürst, dass etwas nicht stimmt, dass unter einem Satz noch etwas anderes liegt oder ein Gespräch an der Oberfläche bleibt, obwohl längst etwas Tieferes im Raum steht.

Und genau da fängt oft die Verunsicherung an. Bin ich zu empfindlich? Sehe ich wieder zu viel? Mache ich aus etwas ein größeres Thema, als es ist?

Manchmal ja. Auch das gehört dazu. Nur sollte die erste Reaktion nicht automatisch sein, dich selbst dafür falsch zu machen. Es lohnt sich eher zu schauen, ob du wirklich übertreibst oder ob du einfach etwas wahrnimmst, das der andere gerade nicht sehen will. Das ist ein Unterschied.

Tiefe bedeutet für mich nicht, immer recht zu haben. Sie bedeutet auch nicht, dass du jede Wahrheit aussprechen musst, nur weil du sie spürst. Aber sie bedeutet schon, dass du dich selbst ernst nimmst und nicht ständig kleinmachst, nur damit es für andere angenehmer bleibt.

Wenn du dich darin wiedererkennst, dann nimm das nicht als Beweis dafür, dass du „zu viel“ bist. Nimm es eher als Einladung, genauer hinzuschauen, wo deine Wahrnehmung klar ist und wo alte Verletzungen vielleicht mitmischen.

Ja, beides kann gleichzeitig da sein und genau deshalb braucht Tiefe nicht mehr Drama, sondern Ehrlichkeit.

Ein leiser Ruf: Du bist nicht zu viel. Du bist Tiefe.
Und die wird nicht dramatisch – sie wird nur oft nicht verstanden.

Du musst dein Verhalten als Handlung fühlen

Du musst dein Verhalten als Handlung fühlen

Du musst dein Verhalten fühlen – sonst ist es nur eine Musterbefriedigung

Oder: Warum ein Blumenstrauß keine Schuld heilt und Affirmationen kein Gefühl ersetzen

Es gibt so Sätze, die klingen vorerst recht harmlos, aber wenn du sie wirklich ernst nimmst, können sie ganz schön was öffnen. Für mich ist es solch ein Satz: „Du musst dein Verhalten fühlen.“

Denn wir Menschen können unglaublich viel richtig machen, ohne wirklich da zu sein. Wir entschuldigen uns, wir erklären etwas, wir machen eine nette Geste, wir versuchen, etwas wiedergutzumachen, und denken dann, damit wäre es erledigt. Nach außen sieht das vielleicht sogar sehr reflektiert aus. Nur wenn du innerlich überhaupt nicht mitbekommst, warum du das gerade tust, dann kann es eben einfach nur das nächste Muster sein.

Das ist ein großer Unterschied, zumindest für mich.

Nehmen wir mal an, du hast jemanden verletzt. Dann kannst du natürlich hingehen und sagen: „Tut mir leid.“ Du kannst Blumen kaufen, einen schönen Abend organisieren oder was Nettes machen, damit wieder Ruhe ist. Das kann von Herzen kommen, kann aber genauso gut einfach der Reflex sein: Mist, jetzt ist schlechte Stimmung, ich muss das schnell reparieren.

Da werde mal bewusst. Was fühlst du in diesem Moment?

Schämst du dich? Hast du Angst, dass der andere sich zurückzieht? Hast du ein schlechtes Gewissen? Bist du wirklich berührt davon, dass du jemanden verletzt hast, oder willst du einfach nur, dass dieses unangenehme Gefühl möglichst schnell wieder verschwindet?

Das ist ja nicht dasselbe.

Wenn ich mein Verhalten wirklich fühle, dann merke ich auch, was darunter liegt. Dann kann ich nicht mehr so leicht über mich selbst hinweggehen und einfach die nächste passende Handlung drüberkleben. Dann wird es manchmal erstmal unangenehm, weil ich feststelle: Ach schau mal, ich entschuldige mich gar nicht, weil ich wirklich verstanden habe, was da vorgefallen ist. Ich entschuldige mich, weil ich die Spannung nicht aushalte.

Da beginnt für mich dann Veränderung.

Nicht bei der perfekten Reaktion und auch nicht dabei, dass ich möglichst schnell wieder alles glattziehe. Sondern da, wo ich überhaupt mitbekomme, was mich gerade antreibt. Wenn ich immer nur das mache, was ich schon tausendmal gemacht habe, dann kann das nach außen noch so vernünftig aussehen, innerlich läuft trotzdem dieselbe Schleife weiter.

Und genau das ist der Punkt, an dem wir uns selbst am scheinbar schlau austricksen. Wir nennen es Alltag, Gewohnheit, Höflichkeit oder Harmonie, aber in Wahrheit bedienen wir einfach nur ein Muster, damit es sich wieder sicherer anfühlt.

Blumen als Beruhigungstablette fürs Gewissen

Stell dir vor, jemand vergisst euren Hochzeitstag oder kommt nicht zu etwas, das euch beiden eigentlich wichtig war. Natürlich kann man jetzt sagen: Passiert halt. Menschen vergessen Dinge, Termine gehen unter, keiner ist jeden Tag hundertprozentig präsent. Interessant finde ich viel mehr, was danach passiert.

Da kommt dann vielleicht ein Blumenstrauß, ein Kuss, ein „Tut mir leid“, und nach außen sieht es so aus, als wäre die Sache erledigt. Kann sie auch sein. Nur manchmal ist diese Wiedergutmachung weniger echte Reue als der Versuch, das eigene schlechte Gewissen möglichst schnell wieder ruhigzustellen.

Dann geht es gar nicht so sehr darum, was beim anderen angekommen ist, sondern darum, dass ich selbst dieses unangenehme Gefühl nicht mehr haben will und muss.

Da zeigt sich dann, was dich wirklich antreibt, weil die Geste an sich ja nichts Falsches ist. Blumen sind nicht das Problem. Ein „Tut mir leid“ auch nicht. Die Frage ist eher, was dahintersteckt.

Habe ich wirklich verstanden, warum mein Verhalten den anderen verletzt hat? Habe ich überhaupt mitbekommen, was da passiert ist? Oder mache ich nur etwas Nettes, damit wieder Frieden ist und ich mich selbst wieder besser fühlen kann?

Das kennen ziemlich viele.

Man macht schnell etwas gut, damit die Spannung weg ist, und denkt sich dann: So, jetzt passt es wieder. Nur manchmal passt es eben nicht wieder, es wurde nur zugedeckt. Dann wiederholt sich genau dasselbe zu einem anderen Zeitpunkt erneut.

Weil nicht wirklich hingeschaut wurde.

Krisen sind keine Checkpoints, sondern Wendepunkte – wenn du sie lässt

Viele Menschen wollen durch eine Krise einfach nur irgendwie durch. Verständlich, denn wenn das Leben gerade auseinanderfällt, hast du selten Lust, dich auch noch hinzusetzen und daraus sofort irgendeine große Erkenntnis zu basteln. Manchmal willst du einfach nur, dass dieser Zustand aufhört und du wieder halbwegs normal atmen kannst.

Trotzdem bin ich überzeugt, dass eine Krise immer etwas sehr Deutliches zeigt: So wie bisher geht es nicht mehr weiter. Sonst würdest du ja nicht in dieser Krise stecken. Etwas ist zu eng geworden, zu viel, zu lange übergangen worden oder einfach nicht mehr stimmig.

Du kannst durch eine Trennung gehen, deinen Job verlieren, krank werden oder plötzlich merken, dass dein bisheriges Leben überhaupt nicht mehr zu dir passt. Natürlich kannst du dann vorerst nur funktionieren, alles regeln, durchhalten und versuchen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Nur wenn du danach einfach genauso weitermachst wie vorher, verpasst du vielleicht genau das, worauf dich diese Krise aufmerksam machen wollte.

Meistens zeigt sie dir ziemlich gnadenlos, wo du schon lange gegen dich gearbeitet hast, wo du etwas ausgehalten hast, das längst nicht mehr gestimmt hat, oder wo du dich selbst kaum noch gespürt hast.

Es kann auch passieren, dass du erst hinterher weißt, was da geschehen ist. Dann wird dir klar, dass es gar nicht nur um die Trennung, den Job oder die Krankheit ging, sondern darum, dass etwas in deinem bisherigen Leben an einen Punkt gekommen war, an dem es nicht mehr weiterging wie vorher.

Genau deshalb kann eine Krise ein Wendepunkt sein. Nicht, weil sie angenehm ist, sondern weil sie dich zwingt, genauer hinzuschauen.

Affirmationen ohne Gefühl bringen dir herzlich wenig

Ich weiß, Affirmationen sind beliebt. „Ich bin genug“, „Ich liebe mich“, „Ich bin Fülle“. Klingt alles wunderbar und wenn du diese Sätze wirklich fühlst, ist auch überhaupt nichts dagegen zu sagen.

Nur bringt es dir herzlich wenig, wenn du dir morgens zehnmal „Ich bin Fülle“ vorsagst und dein Körper gleichzeitig schon beim Gedanken an die nächste Rechnung zusammenzuckt. Dann kannst du dir natürlich noch fünfzig weitere schöne Sätze erzählen, aber dein Körper weiß trotzdem ziemlich genau, was gerade wirklich los ist.

Dann finde ich es ehrlicher zu sagen: Ich habe gerade Angst. Ich fühle mich gerade nicht sicher. Ich glaube im Moment nicht daran, dass alles gut wird.

Das klingt vielleicht nicht so hübsch, aber wenigstens bist du bei dir.

Und von da aus kannst du überhaupt erst schauen, was hinter diesem Gefühl steckt. Musst du gerade wirklich etwas klären? Ist da eine alte Angst angesprungen? Gibt es tatsächlich ein Problem oder macht dein Kopf aus etwas Kleinem schon wieder den Weltuntergang? Das kannst du aber nur herausfinden, wenn du nicht sofort versuchst, das unangenehme Gefühl mit einem schönen Satz zuzudecken.

Genau das ist für mich der Haken an vielen Affirmationen. Nicht der Satz an sich ist das Problem, sondern wenn er benutzt wird, damit du das, was wirklich da ist, nicht fühlen musst.

Dann redet der Kopf von Liebe, Fülle und Selbstwert, während der Rest von dir innerlich ganz woanders sitzt und vermutlich denkt: Ja, erzähl du mal.

Ich empfinde es als viel hilfreicher, einfach bei dem anzufangen, was tatsächlich da ist. Denn wenn du dir selbst ehrlich begegnest, musst du dir auch nichts einreden. Dann kann sich ein Satz wie „Ich bin genug“ aus dir heraus wirklich stimmig anfühlen, statt etwas zu sein, das du dir jeden Morgen aufsagst, weil du hoffst, dass du es irgendwann glaubst.

Fühlen verändert alles – aber nicht so, wie du denkst

Für mich ist Fühlen keine Methode, die du jetzt auch noch lernen musst. Du brauchst dafür kein kompliziertes Konzept und musst auch nicht jedes Gefühl bis ins letzte Detail analysieren. Es geht viel mehr darum, dass du überhaupt wieder mitbekommst, was in dir passiert, bevor du schon erneut automatisch reagierst.

Das klingt ziemlich einfach, ist es auch und dann aber auch wieder nicht. Wir sind nämlich verdammt gut darin, über unsere Gefühle zu reden, ohne sie wirklich zu fühlen. Du kannst ganz genau erklären, warum du verletzt bist, woher dein Muster kommt und was der andere ausgelöst hat, und trotzdem bist du innerlich meilenweit von dem entfernt, was gerade tatsächlich in dir los ist.

Ich kenne das selbst. Du kannst etwas komplett verstanden haben und dich beim nächsten Mal trotzdem wieder genauso verhalten wie vorher. Dann weiß der Kopf zwar Bescheid, aber der Rest von dir macht munter weiter wie immer.

Du kannst etwas komplett verstanden haben und dich beim nächsten Mal trotzdem wieder genauso verhalten wie vorher. Der Kopf weiß dann wunderbar Bescheid, nur der Rest von dir macht weiter wie immer.

Der entscheidende Moment ist der, in dem ich mich selbst dabei erwische, wie ich wieder in mein altes Verhalten rutsche. Wenn ich zum Beispiel merke, dass ich mich gerade entschuldige, weil ich die Spannung nicht aushalte, und gar nicht, weil ich wirklich verstanden habe, was passiert ist. Oder wenn ich freundlich bleibe, obwohl ich innerlich längst sauer bin, nur weil ich Angst habe, jemand könnte mich sonst ablehnen.

Solche Momente sind nicht unbedingt angenehm, aber sie sind ehrlich. Und genau da kannst du anfangen, etwas anders zu machen, weil du dich nicht mehr nur hinter deinem Verhalten versteckst, sondern mitbekommst, was dich eigentlich antreibt.

Ich finde, das ist der Punkt, an dem Fühlen wirklich etwas verändert. Nicht, weil du dann plötzlich jede Emotion perfekt durchfühlst und danach erleuchtet aus der Küche kommst, sondern weil du dich selbst nicht mehr ganz so leicht übergehen kannst.

Woran erkennst du, dass du gerade nur dein Muster bedienst?

Oft merkst du es daran, dass du schon handelst, bevor du überhaupt richtig mitbekommen hast, was in dir los ist. Das leider oft erst hinterher. Du entschuldigst dich sofort, machst etwas wieder gut, wirst besonders nett oder versuchst, die Stimmung irgendwie zu retten. Nach außen sieht das ganz normal aus, weil es fast jeder so macht. Innerlich bist du nur damit beschäftigt, dieses unangenehme Gefühl schnell wieder loszuwerden.

Vielleicht kennst du das, dass du „Es ist schon okay“ sagst, obwohl es überhaupt nicht okay ist. Oder du tust so, als wäre dir etwas egal, weil du keine Lust auf die Auseinandersetzung hast. Manchmal machst du auch etwas für den anderen, obwohl du innerlich längst sauer bist, und wunderst dich später, warum du dich so leer oder genervt fühlst.

Das sind für mich die Momente, in denen man sich selbst ganz gut auf die Schliche kommen kann. Nicht indem man sich dafür verurteilt, sondern indem man merkt: Aha, ich mache das gerade gar nicht aus echter Klarheit heraus. Ich mache es, damit wieder Ruhe ist, damit der andere zufrieden ist oder damit ich mich nicht mit dem beschäftigen muss, was eigentlich in mir hochkommt.

Und genau da kannst du dir eine ziemlich einfache Frage stellen: Würde ich das jetzt auch tun, wenn ich keine Angst vor der Reaktion des anderen hätte?

Die Antwort ist manchmal unangenehm ehrlich und klar.

Denn dann merkst du vielleicht, dass dein Verhalten gar nicht so freiwillig ist, wie du dachtest. Dass du nicht freundlich bist, weil du gerade wirklich freundlich sein willst, sondern weil du gelernt hast, dass Freundlichkeit sicherer ist als ein klares Nein.

So etwas zu merken, ist schon ziemlich viel. Du musst daraus nicht sofort eine riesige Veränderung machen. Aber wenn du dich einmal dabei erwischt hast, kannst du beim nächsten Mal eher merken, was da gerade läuft.

Die Einladung.

Vielleicht magst du beim nächsten Mal, wenn du merkst, dass du wieder automatisch etwas tust, nicht sofort versuchen, es anders zu machen. Schau erstmal hin, was da gerade in dir läuft. Warum möchtest du jetzt unbedingt Frieden? Warum fällt dir ein „Nein“ so schwer oder entschuldigst sofort, obwohl du noch gar nicht weißt, wofür? Oder warum sagst du, es sei schon okay, während in dir alles sagt: Nö, ist es überhaupt nicht.

Du musst daraus keine Wissenschaft machen und schon gar nicht anfangen, jede deiner Reaktionen bis in die Kindheit zurückzuverfolgen. Manchmal reicht dieser kleine Moment, in dem du dich selbst bemerkst, bevor du wieder das alte Programm abspulst. Vielleicht stellst du dann fest, dass du gar nicht das tust, was du wirklich möchtest, sondern das, was die Situation möglichst schnell wieder angenehm macht.

Solche Momente sind unglaublich wertvoll, weil du damit wieder ein Stück Wahl bekommst. Solange etwas vollkommen automatisch läuft, merkst du gar nicht, dass du auch anders könntest. Erst wenn du es überhaupt wahrnimmst, kannst du schauen, ob das, was du gerade tun willst, wirklich noch zu dir passt.

Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, dass du jetzt jede Reaktion kontrollierst oder ab morgen nur noch vollkommen bewusst durchs Leben läufst. Viel Spaß dabei, das hält wahrscheinlich ungefähr bis zum Frühstück. Es geht eher darum, dich selbst nicht ständig zu übergehen und hinterher festzustellen, dass du schon wieder Ja gesagt hast, obwohl du Nein meintest, abermals etwas glatt gezogen hast, obwohl ein Gespräch nötig gewesen wäre, oder wieder versuchst, ein unangenehmes Gefühl möglichst schnell loszuwerden.

Das ist die Einladung, die hinter diesem ganzen Thema steckt: nicht sofort besser reagieren zu wollen, sondern ehrlicher mitzubekommen, warum du überhaupt so reagierst, wie du reagierst. Denn wenn du das einmal siehst, musst du dir nicht mehr erzählen, du wärst halt einfach so. Dann kannst du  tatsächlich anders entscheiden, nicht weil du eine neue Regel gelernt hast, sondern weil du dich selbst dabei nicht mehr verlierst.

Nur was du fühlst, kann sich wirklich verändern

Wir können uns unglaublich viel erklären und trotzdem an derselben Stelle hängenbleiben. Du kannst genau wissen, warum du so reagierst, deine Muster benennen, deine Kindheit analysiert haben und trotzdem passiert im entscheidenden Moment wieder genau das Gleiche.

Weil Verstehen eben nicht automatisch bedeutet, dass du auch wirklich in Kontakt mit dem bist, was in dir passiert.
Wenn ich zum Beispiel Angst habe und mir sofort erzähle, dass ich stark sein muss, dann habe ich die Angst ja nicht verändert. Ich habe sie nur übergangen. Wenn ich verletzt bin und sofort auf vernünftig schalte, damit bloß kein Streit entsteht, dann ist die Verletzung trotzdem da. Und wenn ich mich entschuldige, obwohl ich innerlich noch wütend bin, dann sieht das nach außen vielleicht sehr reif aus, aber in mir ist die Sache noch lange nicht geklärt.

Deshalb ist Fühlen für mich auch nichts Dramatisches. Es heißt nicht, dass du dich stundenlang in irgendein Gefühl hineinbohren musst. Es heißt eher, dass du aufhörst, sofort davor wegzulaufen.

Manchmal reicht schon dieses ehrliche: „Ja, ich bin gerade verletzt. Ja, ich habe Angst. Ja, ich bin wütend.“ Oder auch: „Ja, ich will gerade nur, dass der andere wieder lieb zu mir ist, damit ich mich sicher fühle.“

Das ist nicht immer besonders schmeichelhaft, aber dafür ehrlich.

Und wenn du dir das erlaubst, verändert sich oft schon etwas, weil du dich nicht mehr selbst bekämpfst. Du musst dann nicht mehr vortäuschen, als wärst du längst weiter, ruhiger, spiritueller oder was auch immer. Du kannst einfach da anfangen, wo du gerade wirklich bist.

Für mich ist genau das der Punkt. Nicht Gefühle wegmachen, nicht schöner denken und auch nicht sofort die perfekte Reaktion liefern. Erstmal merken, was überhaupt da ist.

Denn solange du an dir selbst vorbeigehst, kannst du dein Verhalten hundertmal ändern und landest am Ende trotzdem wieder beim gleichen Muster, nur vielleicht ein bisschen hübscher verpackt.
Denn solange du an dir selbst vorbeigehst, kannst du dein Verhalten hundertmal ändern und merkst am Ende, dass du trotzdem wieder dasselbe machst, nur auf eine andere Art.

 

Es ist nicht dein Partner – es ist dein Nervensystem

Es ist nicht dein Partner – es ist dein Nervensystem

Es ist nicht dein Partner – es ist dein Nervensystem

Warum Nähe sich oft wie Gefahr anfühlt – und wie du endlich aufhörst, dich selbst zu verlassen.

Du willst Nähe – aber dein Körper schreit: Lauf!

Du kennst vielleicht dieses völlig bescheuerte Phänomen, dass du dir Nähe wünschst und wenn sie dann da ist, wird es plötzlich eng in dir. Du wirst unruhig, ziehst dich zurück, suchst nach dem Haken oder merkst, dass du innerlich schon wieder auf Abstand gehst, obwohl der andere gar nichts gemacht hat. Da fangen wir dann gerne an, über die Beziehung nachzudenken. Passt der Mensch wirklich zu mir, stimmt da etwas nicht, warum nervt mich das plötzlich so? Das kann natürlich alles sein, nur manchmal hat das, was da in dir anspringt, gar nicht so viel mit dem Menschen vor dir zu tun, wie du im ersten Moment glaubst.

Wenn du früh gelernt hast, dass Nähe eben nicht automatisch Sicherheit bedeutet, weil du dich zum Beispiel sehr anpassen musstest, viel alleine gehalten hast oder nie so genau wusstest, wann die Stimmung gerade kippt, dann merkt sich dein Körper das. Der interessiert sich später nämlich herzlich wenig dafür, dass du inzwischen erwachsen bist und rational weißt, dass dir gerade keiner etwas tut. Wenn etwas ähnlich genug ist, springt das alte Programm an und du sitzt da und denkst: Was ist denn jetzt schon wieder mit mir los?

Das heißt aber genauso wenig, dass du dir jede beschissene Beziehung schönreden sollst. Das wäre ja die nächste Falle. Manchmal ist der Partner tatsächlich das Problem, weil er respektlos ist, dich kleinmacht, manipuliert oder einfach überhaupt nicht zu dir passt. Dein Nervensystem ist schließlich kein Mülleimer, in den wir alles werfen, was in einer Beziehung schiefläuft. Es geht vielmehr darum, unterscheiden zu lernen. Reagiere ich gerade auf etwas Altes oder passiert hier wirklich etwas, das für mich nicht stimmt? Und manchmal ist die Antwort auch: beides.

Kindheitsprägung schläft nie – auch nicht in der Partnerschaft

Vielleicht merkst du bei anderen sofort, wenn etwas nicht stimmt, noch bevor überhaupt jemand den Mund aufmacht. Vielleicht weißt du ziemlich genau, was dein Partner braucht, aber wenn dich jemand fragt, was du eigentlich brauchst, wird es plötzlich erstaunlich still. Das ist das Verrückte daran: Nach außen wirkst du aufmerksam, verlässlich und stark, innen bist du aber dauernd damit beschäftigt, alles im Blick zu behalten.

Und in einer Beziehung fällt so etwas natürlich auf. Dann reicht manchmal schon eine kleine Veränderung und du bist sofort bei der Frage, ob du etwas falsch gemacht hast oder ob es gleich kippt. Genau da beginnt dieses alte Muster wieder zu arbeiten.
Das Problem ist nur, wenn du das jahrelang machst, verlierst du den Kontakt, was du selbst wirklich willst. Du bist dann so gut darin, den anderen zu lesen, dass du dich selbst kaum noch mitbekommst. Und genau das ist etwas, was in Beziehungen ziemlich anstrengend werden kann, weil du vielleicht nach außen funktionierst, innerlich aber immer mehr zumachst.

Ich finde deshalb diesen Satz „Ich bin nun mal so“ oft ziemlich spannend. Manches davon bist du nämlich gar nicht. Manches hast du einfach sehr früh gelernt und so oft wiederholt, dass es sich wie deine Persönlichkeit anfühlt.

Und genau da lohnt es sich, sich Zeit zu nehmen. Nicht um jetzt wieder die ganze Kindheit auseinanderzunehmen, bis keiner mehr weiß, welcher Schnuller wann schief hing. Sondern um zu merken, was heute noch automatisch abläuft, obwohl du längst erwachsen bist und andere Möglichkeiten hättest.

Sicherheit fühlt sich oft vertrauter an als Wahrheit

Unser System liebt das, was es kennt. Und das heißt eben leider nicht automatisch, dass das Bekannte auch gut für uns ist. Ich glaube, genau deswegen bleiben Menschen so lange in Beziehungen, bei denen sie längst merken, dass ihnen etwas nicht guttut.

Wenn du insbesondere früh gelernt hast, dass du für Nähe kämpfen musst, dass du dich anstrengen musst, damit jemand bei dir bleibt, oder dass Liebe immer auch Unsicherheit mitbringt, dann kann sich genau so etwas später erstaunlich vertraut anfühlen. Du leidest darunter, aber dein System kennt die Strecke. Es weiß, wie man sich darin bewegt.

Dann kommt vielleicht ein klarer Mensch, zuverlässig, offen, nicht dauernd weg, nicht dauernd wieder da, und du denkst dir womöglich: empfindest es als langweilig oder da fehlt etwas.

Ja, der Stress.

Das klingt im ersten Moment lustig, ist es aber gar nicht so sehr, weil wir Aufregung sehr schnell mit Intensität verwechseln und Intensität wiederum mit Liebe. Wenn du lange genug gewohnt bist, dass Nähe immer wackelt, kann Ruhe tatsächlich langweilig wirken.

Das bedeutet natürlich nicht, dass du jeden ruhigen Menschen lieben musst und jeder schwierige Partner nur dein altes Muster bedient. So einfach ist das Leben nicht. Aber es lohnt sich schon, genauer hinzuschauen, wenn dir immer wieder dieselbe Art von Beziehung begegnet und du dich hinterher fragst, warum du wieder genau dort gelandet bist.

Warum wir manchmal viel zu lange bleiben

Von außen ist es ja immer wunderbar einfach. Da sagt dann jemand: „Also ich wäre schon längst gegangen.“ Ja, herzlichen Glückwunsch, danke für’s Gespräch.

Wenn du selbst drinsteckst, sieht die Sache oft vollkommen anders aus.

Da hängt vielleicht ein gemeinsames Leben dran, Kinder, Geld, ein Haus, viele Jahre miteinander und natürlich auch die Hoffnung, dass es wieder besser wird. Dazu kommt, dass du nicht nur mit deinem Kopf entscheidest. Du kannst ganz genau wissen, dass dir etwas nicht guttut, und trotzdem Angst bekommen, sobald du dir vorstellst, wirklich zu gehen.

Das ist etwas, was ich wichtig finde, weil Menschen sich dafür oft auch noch verurteilen. Sie denken, sie müssten doch längst weiter sein, müssten doch endlich die Kraft haben, müssten doch einfach nur eine Entscheidung treffen.

Nur so funktioniert es eben nicht immer.

Manchmal braucht es eine Zeit, bis das, was du längst weißt, auch wirklich in dir ankommt. Bis du dir selbst glaubst und du aufhörst, immer wieder eine Erklärung dafür zu finden, warum es dieses Mal bestimmt anders wird.

Irgendwann kommt dann (vielleicht) dieser Punkt, an dem du merkst: Ich kann hier nicht mehr bleiben, ohne mich selbst dabei immer weiter zu verlieren. Das ist dann keine spontane Eingebung. Oft warst du innerlich schon lange unterwegs, bevor du es überhaupt laut ausgesprochen hast.

Der Partner ist kein Therapeut, aber die Beziehung zeigt dir ziemlich viel

Der Partner ist nicht dafür da, deine alten Wunden zu heilen. Das kann er auch gar nicht. Aber Beziehung zeigt dir oft ziemlich schnell, wo überhaupt noch etwas in dir sitzt, von dem du vielleicht dachtest, das wäre längst erledigt. Oft auch gar nicht weißt oder dir bewusst ist.

Da reicht manchmal eine ganz bestimmte Situation, ein Rückzug, eine Kritik, ein Tonfall, und plötzlich merkst du, wie stark du darauf reagierst. Genau da solltest du hellhörig nach innen werden, nicht sofort nur auf den anderen zu zeigen, sondern auch bei sich zu schauen: Was ist denn da gerade in mir angesprungen?

Denn das, was da auftaucht, ist dann meine Aufgabe.

Nicht im Sinne von: Ich bin schuld. Sondern eher: Ach guck mal, da ist noch etwas.

Der Partner kann mir das zeigen, manchmal sogar ziemlich deutlich und nicht immer besonders charmant. Aber anschauen muss ich es selbst. Verstehen, fühlen, einordnen und anders damit umgehen – das kann mir keiner abnehmen.

Genau deshalb können Beziehungen so viel sichtbar machen. Nicht, weil der andere dein Therapeut ist oder dich reparieren soll, sondern weil Nähe Stellen berührt, an die du alleine gar nicht so leicht rankommst.

Das geht mich nichts an, ist nicht immer Weisheit

Es gibt ja diesen Satz, den man gerade in eso-spirituellen Kreisen ziemlich oft hört: „Das ist nicht mein Thema, das muss der andere selbst erkennen.“ Grundsätzlich stimmt das natürlich. Du kannst keinen Menschen zwingen, sich selbst anzuschauen, und du kannst auch nicht für ihn die Arbeit machen.

Nur manchmal benutzen wir genau solche Sätze auch, um uns selbst schön aus der Affäre zu ziehen.

Dann heißt es: „Das geht mich nichts an.“ In Wahrheit merkst du aber längst, dass dich etwas betrifft, dass dich etwas verletzt oder du in der Beziehung immer wieder über deine eigene Grenze gehst. Nur möchtest du das nicht ansprechen, weil du genau weißt, dass es unangenehm werden könnte.

Da fordere ich allerdings auf, ehrlich mit sich zu sein. Es ist etwas anderes, ob ich dem anderen seine Verantwortung lasse, oder ob ich meinen Mund halte, weil ich Angst vor der Reaktion habe.

Ich muss meinem Partner nicht erklären, wie er zu sein hat. Ich muss ihn auch nicht analysieren oder ihm seine Themen unter die Nase reiben. Aber ich darf sehr wohl sagen, was etwas mit mir macht und wo für mich Schluss ist.

Für mich ist das sogar ein notwendiger Teil von Beziehung. Nicht alles schlucken und hinterher sagen: „Ich wollte dem anderen seinen Prozess lassen.“ Das klingt zwar schön spirituell, kann aber auch einfach bedeuten, dass ich mich selbst wieder übergangen und nicht getraut habe.

Echte Nähe heißt nicht, dass du dich selbst verlierst

Viele Menschen haben bei Nähe noch dieses Bild, dass man möglichst alles miteinander teilen muss, alles voneinander wissen soll und am besten ständig auf derselben Wellenlänge ist.

Ganz ehrlich, das fände ich auf Dauer ziemlich anstrengend.

Nähe bedeutet für mich heute eher, dass ich einem Menschen sehr nah sein kann und trotzdem noch bei mir bleibe. Dass ich nicht bei jeder Stimmung des anderen sofort denke, ich hätte etwas falsch gemacht. Dass ich nicht automatisch Ja sage, obwohl in mir längst ein Nein sitzt. Und auch, dass ich einen Konflikt aushalten kann, ohne gleich zu glauben, jetzt ist die ganze Beziehung in Gefahr.

Das klingt zunächst simpel, ist aber genau da oft überhaupt nicht simpel.

Wenn dein System schnell anspringt, bist du nämlich meistens schon mitten in der Reaktion, bevor du überhaupt merkst, was gerade passiert. Du ziehst dich zurück, wirst gereizt, fängst an, dich zu erklären, oder willst unbedingt sofort eine Lösung.

Und da hilft es schon enorm, wenn du überhaupt mitbekommst: Ah, da passiert gerade etwas in mir.

Nicht sofort bewerten, erst einmal merken. Denn in dem Moment entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, nicht wieder automatisch das zu tun, was du schon hundertmal gemacht hast.

Was du tun kannst, ohne daraus das nächste Projekt zu machen

Ich empfehle, daraus kein neues Selbstoptimierungsprogramm zu machen, weil du dich sonst am Ende auch noch dabei beobachtest, wie du dich beobachtest, und dann wird es endgültig kompliziert. Viel hilfreicher ist es, wenn du mit der Zeit einfach früher merkst, was in dir passiert. Also nicht erst drei Stunden später, wenn der Streit längst vorbei ist und du im Kopf schon fünf verschiedene Versionen davon durchgespielt hast, sondern möglichst in dem Moment, in dem du merkst, dass dein Körper gerade anfängt, hochzufahren.

Vielleicht wirst du eng, unruhig oder hektisch, vielleicht willst du sofort weg, vielleicht willst du unbedingt sofort eine Antwort, damit diese Spannung endlich verschwindet. Doch genau da musst du nicht sofort handeln. Manchmal reicht es schon, kurz aus der Situation rauszugehen, ein paarmal ruhig zu atmen, zu fühlen, einfach für einen Moment gar nichts zu sagen. Nicht, um das Gefühl wegzumachen, sondern damit du überhaupt wieder mitbekommst, was gerade wirklich in dir los ist.

Ich halte das für einen riesigen Unterschied. Wenn ich mitten in meiner Reaktion bin, fühlt sich alles sofort wahr an. Dann bin ich mir hundertprozentig sicher, dass der andere schuld ist, dass jetzt alles kippt oder ich unbedingt etwas tun muss. Wenn ich mir aber ein bisschen Zeit gebe, sieht die Sache oft schon wieder anders aus.

Und dann kann ich auch ganz anders sprechen. Nicht aus diesem Alarm heraus, sondern viel klarer. Ich kann sagen, dass ich gerade merke, wie sehr mich etwas triggert oder ich einen Moment brauche, bevor ich weiterrede. Das ist für mich viel sinnvoller, als entweder sofort loszuschießen, mich komplett zurückzuziehen und drei Tage beleidigt zu schweigen.

Was mir dabei aber genauso wichtig ist: Regulation bedeutet nicht, dass du dir alles schönatmest. Wenn etwas immer wieder über deine Grenzen geht, du dauerhaft klein gemacht wirst oder wenn du merkst, dass du in dieser Beziehung ständig gegen dich selbst lebst, dann darfst du das auch ernst nehmen. Dein Nervensystem ist nicht dazu da, dich so lange ruhigzustellen, bis du alles aushältst.

Was ich heute anders sehe

Früher hätte ich wahrscheinlich schneller versucht herauszufinden, wer jetzt das Problem ist. Heute sehe ich das viel weniger schwarz-weiß. Manchmal springt in mir wirklich etwas Altes an, manchmal verhält sich der andere schlicht daneben, und manchmal passiert beides gleichzeitig. Das macht es natürlich nicht unbedingt leichter, aber wenigstens ehrlicher.

Für mich geht es inzwischen deshalb viel mehr darum, überhaupt mitzubekommen, was gerade passiert. Bin ich noch bei mir oder bin ich schon komplett damit beschäftigt, den anderen zu verstehen, die Situation zu retten oder wieder Frieden herzustellen? Gerade in Beziehungen kann man sich nämlich erstaunlich schnell selbst verlieren, ohne es überhaupt richtig zu merken.

Und genau da wird es für mich sehr erhellend, wenn ich mich selbst wieder besser mitbekomme. Wird auch klarer, ob ich gerade nur auf ein altes Muster reagiere oder ob in der Beziehung tatsächlich etwas nicht stimmt. Ich muss dann nicht mehr alles sofort erklären, lösen oder wegmachen. Ich kann hinschauen und mir selbst glauben.

Das ist für mich heute viel wichtiger als eine Vorstellung von einer perfekten Beziehung. Ich will nicht in einer Beziehung sein, in der nie etwas getriggert wird, das halte ich ohnehin für ziemlich unrealistisch. Mir ist wichtiger, dass ich mich darin nicht ständig selbst verlasse.