Warum die Welt so bleibt, wie sie ist
Warum die Welt so bleibt, wie sie ist
Weil Erwachen nichts für Feiglinge ist.
Es gibt so Wörter, die klingen erst mal wahnsinnig groß und bedeutungsvoll, aber wenn man mal genauer hinschaut, weiß eigentlich kaum jemand, was sie wirklich bedeuten. Erwachen ist für mich ein solches Wort. Das wird inzwischen für alles Mögliche hergenommen und manchmal habe ich das Gefühl, einmal Wochenende im Seminar, zwei Erkenntnisse gehabt, drei Tränen geweint und zack, erwacht. So läuft es halt nicht.
Wir leben inzwischen in einer Zeit, in der Veränderung am liebsten hübsch verpackt wird. Drei Tage Seminar, ein schönes Workbook dazu, vielleicht noch ein bisschen Räucherstäbchen-Atmosphäre und danach soll bitteschön alles anders sein. Nur ist echte Veränderung meistens nicht hübsch. Die kommt nicht immer mit einem Aha-Erlebnis daher, bei dem du anschließend beseelt nach Hause fährst. Manchmal merkst du einfach nur, dass etwas in deinem Leben so nicht mehr stimmt, und genau da fängt der unangenehme Teil erst an.
Denn du kannst noch so viel über Bewusstsein reden, dir noch so viele Videos anschauen, Podcasts anhören oder dich mit Menschen umgeben, die alle dieselben schönen Worte benutzen. Wenn du dann in deinem Leben immer noch genauso reagierst wie vorher, dieselben Entscheidungen triffst und an denselben Dingen festhältst, dann hat sich halt trotzdem nichts verändert.
Und ich glaube, genau deshalb bleibt die Welt so, wie sie ist. Nicht, weil wir zu wenig wissen. Wissen haben wir inzwischen wirklich genug. Du kannst dir heute fast alles erklären lassen. Nervensystem, Glaubenssätze, Trauma, Spiritualität, Beziehungen, Geld, was auch immer. Das Problem ist eher, dass Wissen noch lange nicht heißt, dass du bereit bist, das auch wirklich zu leben.
Denn kommst du an den Punkt, an dem du nicht mehr sagen kannst, der andere müsste sich ändern. Dann geht es nicht mehr um den Partner, die Familie, die Gesellschaft oder darum, wer gerade wieder was falsch gemacht hat. Dann geht es um dich. Um deine Entscheidungen, deine Angst, deine Gewohnheiten und um die Stellen, an denen du bereits weißt, dass etwas nicht mehr passt.
Und genau da wird es klar, weil das Bekannte oft sicherer wirkt, obwohl es dich schon lange nervt. Du kennst dich darin aus. Du weißt, wie es funktioniert. Du weißt sogar, wie du darin leidest. Das Neue dagegen kennst du nicht. Du weißt nicht, was kommt, wie andere reagieren oder ob du dich plötzlich völlig allein fühlst mit deiner Entscheidung.
Deshalb bleiben viele lieber da, wo sie sind.
Nicht, weil sie nichts verstanden haben, sondern weil es Mut braucht, wirklich etwas zu verändern. Und zwar nicht nur im Kopf, sondern im eigenen Leben.
Die unbequeme Wahrheit: Erwachen ist kein Lifestyle
Erwachen heißt für mich nicht, dass du plötzlich nur noch friedlich bist, alles verstehst und über den Dingen schwebst. Ganz im Gegenteil. Es kann vorerst ziemlich unbequem werden, weil dir allmählich auffällt, woran du dich permanent festgehalten hast. An Sicherheiten, an einem bestimmten Bild von dir, daran, gemocht zu werden, oder es möglichst allen recht zu machen.
Das sind Dinge, die du nicht einfach morgens ablegst wie einen alten Pullover. Vieles davon hat dich jahrelang begleitet und dir sogar geholfen, dich sicher zu fühlen. Du hast gelernt, so zu funktionieren, so zu reagieren, so mit Menschen umzugehen. Und dann merkst du plötzlich, dass dir genau das nicht mehr entspricht.
Das ist nicht immer ein schöner Moment.
Denn wenn du erkennst, dass vieles von dem, was du bisher für dich gehalten hast, nur eine alte Anpassung war, dann kann dich das schon durchschütteln. Bei mir war das jedenfalls so. Du merkst plötzlich: Ich will das gar nicht mehr, ich glaube das nicht mehr, ich möchte mich so nicht mehr verhalten. Gleichzeitig weißt du aber noch gar nicht, wer du bist, wenn du das Alte nicht mehr machst.
Genau das ist für mich einer der Punkte, über die beim Thema Erwachen viel zu wenig gesprochen wird. Es ist nicht nur dieses wunderbare Erkennen und plötzlich geht alles auf. Manchmal hast du das Gefühl, dir wird der Boden unter den Füßen weggezogen, weil das Alte nicht mehr passt und das Neue noch gar nicht richtig da ist.
Du kannst dann natürlich versuchen, wieder zurückzugehen und so weiterzumachen wie vorher. Nur wenn du etwas einmal wirklich erkannt hast, wird das schwierig. Du kannst dir zeitweilig noch etwas vormachen, das können wir Menschen ziemlich gut, aber jetzt weißt du es halt.
Illusionen sind bequem – Wahrheit ist ein Schock
Ich glaube, viele bleiben lieber in etwas Vertrautem, auch wenn es ihnen dort gar nicht gut geht. Das klingt zunächst völlig unlogisch, ist es aber überhaupt nicht. Das Bekannte kennst du. Du weißt, wie die Abläufe sind, du kennst deine Rolle darin und du hast dir über Jahre Strategien gebaut, um damit klarzukommen.
Das kann eine Beziehung sein, ein Job, eine Freundschaft, eine Familie, völlig egal.
Du kannst dich jahrelang darüber beschweren, wie schlecht etwas läuft, und trotzdem nichts verändern. Da denke ich mir inzwischen manchmal: Ja gut, dann ist das Bekannte im Moment anscheinend immer noch angenehmer als das Risiko, nicht zu wissen, was danach kommt.
Denn sobald du etwas wirklich verlässt, funktioniert dein altes Spiel nicht mehr.
Dann kannst du nicht mehr sagen: „Ich würde ja gerne, aber der andere macht nicht mit.“ Du hast dich entschieden. Und plötzlich stehst du da und musst mit deiner Entscheidung auch leben.
Das kann bedeuten, dass jemand sauer auf dich ist. Dass dich jemand nicht mehr versteht. Dass Menschen dir erzählen, du hättest dich verändert, und das meinen die dann nicht unbedingt als Kompliment. Vielleicht gehst du auch ein Stück alleine, weil die Menschen um dich herum diesen Weg überhaupt nicht nachvollziehen können.
Ich kenne das zu gut.
Genau deshalb glaube ich nicht, dass Erwachen immer dieses leichte, helle Erlebnis ist. Es kann sehr befreiend sein, aber Freiheit fühlt sich am Anfang zunächst ziemlich ungewohnt an.
Warum du niemandem wirklich erklären kannst, was danach kommt
Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den vergangenen Jahren gefragt wurde, was bei mir vorgefallen ist oder warum ich heute so anders denke, spreche und entscheide. Und ich merke jedes Mal, wie schwierig es ist, das überhaupt zu erklären.
Du kannst natürlich erzählen, was du erlebt hast. Du kannst sagen, welche Entscheidungen du getroffen hast und was sich dadurch verändert hat. Aber das Eigentliche dahinter lässt sich schwer in Worte packen, weil es eben nicht nur eine Geschichte im Kopf ist.
Du kannst jemandem beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn du plötzlich erkennst, dass du dein halbes Leben nach Vorstellungen gelebt hast, die gar nicht deine waren. Aber solange der andere diese Erfahrung selbst nicht gemacht hat, bleibt es eben eine Beschreibung.
Das ist so, als wollte man jemandem erklären, wie etwas schmeckt, das er noch nie gegessen hat. Du kannst hundert Wörter dafür finden, aber er weiß es trotzdem erst, wenn er selbst hineinbeißt.
So ist es für mich auch mit Bewusstsein.
Ich kann niemandem erklären, was bei ihm passiert, wenn er anfängt, sich wirklich zu hinterfragen. Ich weiß nicht, welche Beziehung dann noch stimmt, welcher Job noch passt oder welche Überzeugung plötzlich wegbricht.
Das ist ja genau das Spannende daran.
Du kannst diesen Weg nicht kopieren.
Die Angst vor dem eigenen Licht
Diesen Ausdruck finde ich heute teilweise schon ein wenig kitschig, aber ich weiß trotzdem, was damit gemeint ist.
Denn es geht doch im Grunde darum, dass du Verantwortung für dich selbst übernimmst. Und das klingt zunächst wunderbar. Wer will schon keine Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen?
Wenn man genauer hinschaut, ist es aber gar nicht so bequem.
Denn Verantwortung bedeutet eben, dass du nicht mehr bei jeder Gelegenheit sagen kannst, der andere ist schuld. Es bedeutet nicht, dass andere Menschen nichts mit dir machen oder dir nie etwas passiert, was du dir nicht ausgesucht hast. Natürlich passiert das.
Aber du entscheidest trotzdem, was du damit machst, und genau da wird es spannend und herausfordernd.
Wie oft sagen Menschen: „Das kann ich nicht machen. Das kann ich nicht sagen. Was sollen die Leute denken? Das geht bei mir nicht.“
Und wenn du dann genauer hinschaust, steckt dahinter oft nicht ein echtes Nichtkönnen, sondern Angst. Angst davor, jemanden zu enttäuschen. Angst davor, abgelehnt zu werden. Angst davor, alleine dazustehen oder plötzlich für das eigene Leben verantwortlich zu sein.
Das kenne ich selbst gut genug.
Du kannst nicht jahrelang darauf warten, dass dir jemand die Erlaubnis gibt, du selbst zu sein. Du musst sie dir selbst geben.
Und genau das macht vielen Angst.
Erwachen ist ein Kurswechsel – kein Wochenendseminar
Ich vergleiche meinen eigenen Weg gerne mit einem Öltanker auf hoher See. Wenn solch ein riesiges Ding jahrelang in eine bestimmte Richtung gefahren ist und du merkst plötzlich, dieser Kurs stimmt überhaupt nicht mehr, dann kannst du nicht einfach kurz am Lenkrad drehen und zehn Minuten später fährst du gemütlich in die andere Richtung.
So ein Ding braucht Platz und Zeit, zumindest war es bei mir genauso.
2011 hat bei mir dieser Kurswechsel begonnen und bis heute hat sich daran immer wieder etwas verändert. Nicht in einem Wochenende, nicht mit einem Retreat, nicht mit einem Vision Board und auch nicht, weil ich einmal eine tolle Erkenntnis hatte.
Es waren unzählige Entscheidungen.
Manchmal große, manchmal kleine.
Ein Nein, zu dem ich früher Ja gesagt hätte. Ein Ja zu etwas, vor dem ich Angst hatte. Beziehungen verlassen, Sicherheiten losgelassen. Nicht mehr vortäuschen, als würde etwas noch passen, nur weil ich es schon jahrelang so gemacht hatte.
Und natürlich fanden das nicht immer alle toll.
Es gab genug Menschen, die sich wahrscheinlich gedacht haben: Was macht sie denn jetzt schon wieder?
Ich kann ihnen das nicht mal verdenken. Von außen sieht solch ein Kurswechsel manchmal ziemlich bekloppt aus. Vor allem dann, wenn jemand Sicherheiten aufgibt, obwohl doch scheinbar alles da ist.
Nur wenn du innerlich weißt, dass der Kurs nicht mehr stimmt, dann hilft dir auch die schönste Sicherheit nichts mehr.
Warum echte Freiheit nie Mainstream wird
Ich glaube, fast jeder sagt von sich, dass er frei sein möchte. Nur wenn Freiheit dann tatsächlich bedeutet, sich selbst anzuschauen, wird es plötzlich stiller. Denn echte Freiheit heißt für mich nicht einfach, dass ich machen kann, was ich will. Sie bedeutet auch, dass ich mich selbst hinterfrage. Dass ich meine Entscheidungen aushalte, ich nicht mehr jedes Mal zusammenbreche, nur weil mich jemand nicht versteht oder meine Meinung nicht teilt.
Das ist der Punkt.
Wenn ich immer jemanden brauche, der mir bestätigt, dass ich richtig bin, dann bin ich eben noch abhängig, vielleicht nicht finanziell, aber emotional.
Ich kenne das von mir selbst. Wie oft habe ich früher Entscheidungen im Kopf hundertmal gedreht, weil ich wissen wollte, wie andere sie finden? Heute interessiert mich das natürlich auch noch, ich bin ja kein Stein. Aber es entscheidet nicht mehr über mein Leben.
Und das ist für mich ein gewaltiger Unterschied.
Wenn du dir mal ehrlich anschaust, wie lange du vielleicht schon etwas verändern möchtest, dann weißt du oft ziemlich genau, wo du dich selbst bremst. Du gehst jeden Tag die gleichen Wege, reagierst ähnlich, erzählst dir dieselben Geschichten und hoffst gleichzeitig, dass sich außen etwas verändert.
Wer soll es denn ändern?
Genau deshalb bleibt die Welt so, wie sie ist. Weil wir gerne über Veränderung reden, solange wir nicht selbst anfangen müssen.
Die Welt verändert sich nicht zuerst
Wenn du wirklich anfängst, anders zu leben, heißt das nicht automatisch, dass plötzlich alles leicht wird oder du auf einmal auf jede Frage eine Antwort hast. Ich habe heute an vielen Stellen mehr Klarheit als früher, aber natürlich gibt es trotzdem Momente, in denen ich nicht weiß, wie es weitergeht oder ob eine Entscheidung am Ende genau richtig war.
Der Unterschied ist für mich eher, dass ich nicht mehr so schnell in etwas zurückgehe, nur weil es vertraut ist. Ich kann heute eher aushalten, dass etwas vorerst offen ist, dass jemand meine Entscheidung nicht versteht oder ich noch nicht weiß, was daraus entsteht.
Und genau da wird Veränderung für mich spürbar.
Nicht dann, wenn du viel darüber weißt oder wunderbar darüber reden kannst, sondern wenn du an einer Stelle, an der du früher automatisch wieder in dein altes Muster gerutscht wärst, dieses Mal anders handelst.
Die Welt ist dabei natürlich ein dankbares Thema, weil man über sie wunderbar sprechen kann. Die Menschen müssten bewusster sein, die Gesellschaft müsste sich verändern, dieses und jenes müsste anders laufen. Mag alles stimmen.
Nur wenn ich selbst jeden Tag dieselben Wege gehe, dieselben Entscheidungen treffe und gleichzeitig darauf warte, dass sich außen etwas verändert, wird es schwierig.
Bei mir hat Veränderung jedenfalls immer dann begonnen, wenn ich aufgehört habe, zuerst auf die anderen zu schauen, und stattdessen geguckt habe, wo ich selbst noch an etwas festhalte, obwohl ich längst weiß, dass es nicht mehr stimmt.
Ja, dann beginnt für mich Veränderung.