Beziehungsunfähigkeit ist kein Versagen
Beziehungsunfähigkeit ist kein Versagen
Sie ist die Norm unserer Zeit
Ich habe vor einiger Zeit ein Paar begleitet, bei dem ziemlich schnell klar wurde: Die beiden hatten nicht zu wenig Liebe füreinander, sondern sie wussten schlicht nicht, wie sie mit dem umgehen sollten, was zwischen ihnen passiert.
Beide wollten Nähe, beide wollten verstanden werden, beide wollten, dass die Beziehung funktioniert. Nur jeder hat etwas anderes darunter verstanden. Der eine zog sich zurück, wenn es ihm zu viel wurde, die andere wurde lauter, weil sie endlich eine Reaktion wollte. Und so saßen sie sich gegenüber und hielten einander für das Problem.
Das sehe ich ziemlich oft.
Menschen gehen in Beziehungen mit der Vorstellung, Liebe müsste doch reichen. Nur bringt jeder seine eigene Geschichte mit, seine Erfahrungen, seine Art, mit Konflikten umzugehen, seine Ängste, seine Erwartungen und natürlich auch das, was er zu Hause über Beziehung gelernt hat.
Wenn du nie erlebt hast, wie zwei Menschen ehrlich miteinander reden, Grenzen setzen, sich streiten und danach trotzdem noch verbunden bleiben, woher sollst du das dann automatisch können?
Wir tun oft so, als müsste Beziehung etwas sein, das man einfach kann, sobald man jemanden liebt. Aber so funktioniert es für viele eben nicht. Manche haben gelernt, sich anzupassen, andere gehen auf Abstand, wieder andere halten alles fest, weil sie Angst haben, verlassen zu werden.
Und dann nennen wir das schnell beziehungsunfähig.
Ich finde das heute zu einfach.
Oft fehlt nicht die Fähigkeit zu lieben, sondern die Erfahrung damit, wie Beziehung überhaupt gehen kann, ohne dass sich einer verbiegt, der andere verschwindet oder beide jahrelang auf etwas warten, was keiner ausspricht.
Was wir nicht gelernt haben, müssen wir erst lernen
Viele Menschen tragen Vorstellungen von Beziehung mit sich herum, die sie nie bewusst gewählt haben. Sie haben einfach gesehen, wie es zu Hause lief, was Nähe bedeutet, wie gestritten wurde, ob überhaupt gestritten werden durfte und wer am Ende meistens nachgegeben hat.
Das sitzt tiefer, als man denkt.
Wenn du gelernt hast, dass Harmonie wichtiger ist als Ehrlichkeit, wirst du Konflikten aus dem Weg gehen. Wenn du erlebt hast, dass Rückzug die einzige Möglichkeit war, Ruhe zu bekommen, ziehst du dich später vielleicht genauso zurück. Und wenn du Nähe nur als etwas kennst, das schnell wieder kippen kann, dann reagierst du natürlich anders als jemand, der erlebt hat, dass Verbindung auch nach einem Streit bestehen bleibt.
Das Paar, von dem ich erzählt habe, hatte genau so einen stummen Vertrag miteinander. Keiner hatte ihn je ausgesprochen, aber beide verhielten sich danach. Sie wollte, dass er redet, damit sie sich sicher fühlt. Er wollte, dass sie ihn in Ruhe lässt, damit er sich wieder sortieren kann. Und je mehr sie gedrängt hat, desto mehr zog er sich zurück. Je mehr er sich zurückzog, desto stärker wurde ihr Druck.
Kann man sich vorstellen, wie entspannt die Abende waren.
Beide dachten natürlich, der andere müsste sich ändern. Dabei hatten sie überhaupt nicht verstanden, was sie da miteinander immer wieder herstellen.
Als ihnen das klar wurde, war nicht plötzlich alles gelöst. Aber sie konnten zum ersten Mal darüber reden, ohne sofort wieder mitten im alten Ablauf zu landen.
Und genau das meine ich damit, dass Beziehung gelernt werden kann. Nicht wie ein Schulfach, bei dem du einmal die Regeln auswendig lernst und dann bist du fertig. Eher indem du merkst, was du selbst mitbringst, was der andere mitbringt und wo ihr einander wiederholt an denselben Stellen erwischt.
Wenn Beziehung zur Lieferantenbeziehung wird
In vielen Beziehungen läuft etwas, das nach außen noch nach Liebe aussieht, sich aber innerlich schon ziemlich nach Handel anfühlt. Ich gebe dir Nähe, wenn du dich so verhältst, wie ich es brauche. Ich bin freundlich, solange du meine Erwartungen erfüllst. Ich kümmere mich um dich und hoffe insgeheim, dass du mir dafür genau das zurückgibst, was mir fehlt.
Das passiert meistens nicht bewusst. Keiner sitzt morgens am Frühstückstisch und denkt sich: „So, heute mache ich aus unserer Beziehung mal eine kleine Tauschbörse.“ Aber genau entwickelt es sich meistens.
Dann wird Liebe plötzlich an Bedingungen geknüpft, ohne dass man es merkt. Der eine erwartet, dass der andere immer verfügbar ist, der andere möchte dafür möglichst wenig Konflikt. Einer braucht Bestätigung, der andere Ruhe. Und solange beide liefern, läuft es halbwegs.
Schwierig wird es erst, wenn einer aus diesem stillen Vertrag aussteigt.
Dann kommen Sätze wie: „Du bist gar nicht mehr wie früher“ oder „Seit du dich verändert hast, funktioniert hier nichts mehr.“ Dabei funktioniert oft nur das alte Spiel nicht mehr.
Genau da zeigt sich, ob zwei Menschen wirklich miteinander in Beziehung sind oder ob sie sich jahrelang gegenseitig bestimmte Bedürfnisse erfüllt haben, ohne je darüber zu sprechen.
Für mich ist das ein wichtiger Unterschied. Beziehung heißt nicht, dass der andere dafür zuständig ist, meine innere Leere, meine Unsicherheit oder meine Angst zu beruhigen. Natürlich darf ich Bedürfnisse haben und sie auch aussprechen. Aber wenn mein Wohlbefinden komplett davon abhängt, dass der andere sie ständig erfüllt, wird es eng.
Dann wird aus Nähe schnell Erwartung und aus Erwartung Druck.
Wir stehen zwischen alten und neuen Beziehungsmustern
Ich finde, wir leben gerade in einer ziemlich spannenden Zwischenzeit. Viele wollen Beziehung anders leben als ihre Eltern oder Großeltern, aber gleichzeitig tragen wir deren Vorstellungen noch kräftig mit uns herum. Da prallen alte Bilder auf neue Wünsche und kein Wunder, dass es manchmal ordentlich scheppert.
Früher war oft klarer, wer welche Rolle hat, was man voneinander erwartet und wie eine Beziehung auszusehen hat. Ob das immer gut war, ist eine andere Frage. Heute wollen viele mehr Freiheit, mehr Ehrlichkeit, mehr Eigenständigkeit und gleichzeitig tiefe Verbindung. Klingt wunderbar, nur musst du das aushalten können, wenn der andere wirklich eigenständig ist und nicht mehr automatisch das macht, was du gewohnt bist.
Da wird es herausfordernd für Beziehungen. Denn Freiheit klingt toll, solange der andere sich so frei verhält, wie es dir gefällt. Sobald er Grenzen setzt, eigene Entscheidungen trifft oder nicht mehr jeden alten Ablauf mitmacht, merkst du schnell, wie modern deine Vorstellungen tatsächlich sind.
Ich sehe das oft bei Menschen, die sich eine Beziehung auf Augenhöhe wünschen und gleichzeitig ziemlich klare Erwartungen daran haben, wie der andere zu sein hat. Das passt halt nicht immer sauber zusammen.
Für mich ist das kein Zeichen dafür, dass Beziehungen heute schwieriger geworden sind. Sie sind nur ehrlicher geworden, weil vieles, was früher einfach geschluckt oder ausgehalten wurde, heute nicht mehr so selbstverständlich funktioniert.
Und das ist anstrengend, aber auch eine Chance.
Denn wenn die alten Rollen nicht mehr tragen, müssen zwei Menschen anfangen, wirklich miteinander zu reden. Nicht darüber, wie Beziehung sein sollte, sondern darüber, was für beide tatsächlich stimmt.
Ehrlichkeit ist der Anfang
Bei dem Paar, von dem ich am Anfang erzählt habe, hat sich nicht deshalb etwas verändert, weil beide plötzlich die perfekte Beziehung führen konnten. Es wurde besser, weil sie aufgehört haben, einander nur für das Problem zu halten.
Sie konnten benennen, was bei ihnen jeweils passiert. Sie merkte, dass sie Druck machte, sobald sie Angst bekam, die Verbindung zu verlieren. Er merkte, dass sein Rückzug für ihn Ruhe bedeutete, bei ihr aber genau das Gegenteil ausgelöst hat.
Allein das hat schon viel verändert.
Denn vorher liefen beide nur in ihrem alten Muster und waren komplett damit beschäftigt, auf den anderen zu reagieren. Als sie verstanden haben, was da zwischen ihnen passiert, konnten sie zum ersten Mal wirklich miteinander reden.
Das heißt nicht, dass danach alles harmonisch war. Wäre sehr verdächtig, aber sie hatten plötzlich eine andere Grundlage.
Für mich beginnt genau da Beziehung auf Augenhöhe. Nicht dort, wo zwei Menschen nie aneinandergeraten, sondern dort, wo beide bereit sind, den eigenen Anteil anzuschauen, ohne sich dafür fertigzumachen und ohne dem anderen alles zuzuschieben.
Ehrlichkeit heißt dabei nicht, dass du jeden Gedanken ungefiltert auf den Tisch knallst und dann sagst: „So bin ich halt.“ Das wäre eher grob als ehrlich.
Es geht darum, dass du merkst, was in dir passiert, und es aussprechen kannst, ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen.
Das klingt einfach – ist es oft nicht.
Genau da entsteht etwas, das mit echter Nähe sehr viel mehr zu tun hat als dieses ewige „Du müsstest doch wissen, was ich brauche“.
Beziehungen der neuen Zeit
In meinem neuen Buch, das am 15. September 25 erscheint, gehe ich tief in diese Thematik. Denn es ist Zeit für Beziehungen der neuen Zeit – Beziehungen, die auf Wahrheit, Klarheit und bedingungsloser Liebe (nein, es bedeutet nicht, zu allem ja und amen zu sagen) basieren. Beziehungen, in denen wir nicht mehr Rollen spielen, sondern authentisch sein dürfen.
Es ist möglich, diese neuen Wege zu lernen. Es braucht Mut, Geduld und die Bereitschaft, alte Muster loszulassen. Aber es lohnt sich – für jeden von uns und für alle, die nach uns kommen.
Bedingungslose Liebe heißt nicht, alles hinzunehmen
Für mich wird Beziehung genau da erwachsen, wo zwei Menschen aufhören, sich gegenseitig für das eigene Wohlbefinden zuständig zu machen. Das heißt nicht, dass man keine Bedürfnisse mehr haben darf oder alles mit sich selbst ausmachen muss. Aber der andere ist eben nicht dafür da, jede Unsicherheit zu beruhigen, jede Lücke zu füllen und immer so zu reagieren, wie ich es mir gerade vorstelle.
Da wird bedingungslose Liebe oft missverstanden. Für mich heißt sie nicht, alles zu dulden oder in einer Beziehung zu bleiben, die mir nicht guttut. Ich kann einen Menschen lieben und trotzdem sagen: So möchte ich nicht mit dir leben. Ich kann Verständnis für seine Geschichte haben und trotzdem eine Grenze ziehen. Das widerspricht sich für mich überhaupt nicht.
Liebe wird nicht größer, nur weil ich mich selbst dabei verliere.
Für mich zeigt sich eine echte Beziehung viel eher darin, dass beide sie selbst bleiben dürfen und trotzdem miteinander verbunden sind. Das ist manchmal unbequem, weil der andere eben nicht mehr automatisch das liefert, was ich gern hätte. Dafür wird es ehrlicher und entspannter.
Und wenn zwei Menschen merken, dass sie das gemeinsam lernen wollen, dann ist schon ziemlich viel gewonnen. Nicht, weil danach alles reibungslos läuft, sondern weil keiner mehr so tun muss, als wäre Liebe etwas, das man einfach können müsste.