Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam
Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam
Wenn Nähe fehlt, obwohl jemand da ist
Es gibt Beziehungen, die nach außen komplett normal wirken. Man lebt zusammen, organisiert den Alltag, fährt vielleicht gemeinsam in den Urlaub, trifft Freunde, erledigt den ganzen Kram, der eben anfällt, und trotzdem kann es passieren, dass man sich innerhalb dieser Beziehung unglaublich einsam fühlt.
Bei mir war dieser Punkt erreicht, an dem ich in unserem Haus saß und gemerkt habe, dass da zwar ein gemeinsames Leben war, aber kaum noch wirkliche Nähe. Vieles funktionierte, vieles war geregelt, nur innerlich war ich längst an einer ganz anderen Stelle.
Mein jüngerer Sohn sagte damals ziemlich trocken zu mir: „Entweder trennst du dich oder suchst dir einen Liebhaber.“ Kinder können manchmal eine Direktheit haben, für die andere ein Wochenendseminar brauchen, und natürlich war ich im ersten Moment nicht gerade begeistert von dieser Aussage. Doch ich musste mir ziemlich schnell eingestehen, dass er einen Punkt getroffen hatte, den ich selbst schon länger umkreist hatte.
Du merkst, dass du nur noch funktionierst
Ich glaube nicht, dass Einsamkeit in einer Beziehung immer nur dadurch entsteht, dass der andere zu wenig gibt, zu wenig macht oder emotional nicht verfügbar ist. Manchmal beginnt sie viel früher, nämlich dort, wo du selbst immer mehr von dir zurückhältst, Dinge nicht ansprichst, weil du keinen Streit willst, dich anpasst, weil es einfacher ist, oder dir einredest, es geht schon irgendwie.
Ich hatte damals noch sehr stark die Vorstellung, dass ich einen Mann in meinem Leben brauche, nicht nur als Partner, sondern fast wie eine Voraussetzung dafür, dass mein Leben vollständig ist. Heute klingt das für mich anders, aber damals war das meine Realität, und wenn du so denkst, hältst du natürlich viel länger an etwas fest, weil eine Trennung dann nicht nur bedeutet, eine Beziehung zu verlassen. Es fühlt sich eher so an, als würdest du gleich deine ganze Sicherheit mit abgeben.
Ehrlichkeit hat Konsequenzen
Tja, dann kam der Punkt, an dem ich meinem damaligen Mann gesagt habe, dass ich mich einsam fühle und wie ich mir inzwischen ein Miteinander vorstelle. Seine Antwort war ziemlich klar: „Dann bin ich nicht der richtige Partner für dich.“
Der Satz saß, weil er etwas ausgesprochen hat, das wir beide längst wussten.
Du kannst um so etwas natürlich noch monatelang herumreden, analysieren, erklären und hoffen, dass sich etwas verändert, aber einmal kommt der Moment, an dem du ernst nehmen musst, was schon lange im Raum steht.
Der nächste Mensch löst nicht automatisch das alte Problem
Wenn du dich in einer Beziehung einsam fühlst, kann ein anderer Mensch zunächst unglaublich lebendig wirken. Plötzlich ist wieder Aufmerksamkeit da, Interesse, Spannung und vielleicht auch dieses Gefühl, endlich wieder gesehen zu werden.
Das kann sehr verführerisch sein, ändert aber noch nichts daran, dass du dir die Frage stellen musst, warum du vorher so lange in einer Situation geblieben bist, die dich innerlich längst nicht mehr getragen hat.
Denn wenn du deine eigenen Muster dabei nicht mit anschaust, kann es durchaus sein, dass der nächste Mensch zwar anders aussieht, anders spricht und andere Knöpfe drückt, du aber wieder an einem ähnlichen Punkt landest.
Nicht, weil das Leben dir ständig dieselbe Lektion um die Ohren hauen will (vielleicht doch), sondern weil du dich selbst natürlich mitnimmst und das ist manchmal die weniger romantische Wahrheit beim Neuanfang.
Aus genau dieser Haltung heraus war ich bereit, viel mehr zu geben, als gesund gewesen wäre. Ich habe getragen, aufgebaut, unterstützt, Mut gemacht und, wenn ich ehrlich bin, beide Ehemänner in vielem auch vergrößert. Ich war ihr Rückenwind, Kraftspenderin, Motivatorin und manchmal fast schon Lebensmotor. Meine Güte, lange hielt ich das für Liebe oder für etwas Selbstverständliches.
Heute sehe ich, dass darunter oft auch Angst lag. Angst, nicht genug zu sein. Angst, verlassen zu werden. Angst, allein nicht bestehen zu können. Also passt man sich an, schluckt Dinge herunter, verkleinert sich, trägt mehr, als man tragen sollte, und verliert Stück für Stück die Verbindung zu sich selbst.
Genau das ist für mich die tiefste Einsamkeit: nicht, dass kein Mensch da ist, sondern dass du dich selbst auf dem Weg verlassen hast.
Veränderung ist eine Stimme, die spricht, wenn sie sonst schweigt. Veränderung ist ein Nein, das du endlich sagst, auch wenn du dich danach kurz wie der weltweit schlechteste Mensch fühlst. Bist du aber nicht.
Das Leben ärgert einen nicht, wenn es einen anschiebt oder drängt, damit Klarheit gelebt wird. So nach dem Motto: Hör auf, nur darüber nachzudenken, dass du dich veränderst, jetzt verkörpere es. Andiamo!
Wie sehr hast du dich selbst verlassen?
Diese Frage finde ich heute fast wichtiger als die Frage, was der Partner alles falsch gemacht hat.
Natürlich kann ein Mensch emotional nicht verfügbar sein, respektlos werden oder sich komplett aus einer Beziehung zurückziehen, und das sollte man auch nicht kleinreden. Aber genauso lohnt es sich zu schauen, wo man selbst begonnen hat, sich zu verlassen.
Wo hast du Dinge mitgetragen, die dir nicht mehr entsprochen haben? Wo hast du deine eigenen Wünsche immer weiter nach hinten geschoben, damit es nach außen ruhig bleibt? Wo hast du darauf gewartet, dass der andere etwas verändert, obwohl du selbst längst gespürt hast, dass du so nicht mehr leben möchtest?
Wenn du dich selbst kaum noch kennst
Es gibt Menschen, die nach vielen Jahren Partnerschaft gar nicht mehr richtig wissen, was sie selbst wirklich wollen. Das muss nicht daran liegen, dass der Partner ihnen bewusst etwas genommen hätte. Es kann genauso gut passieren, wenn man sich über Jahre so stark am gemeinsamen Leben orientiert, dass das Eigene immer weiter nach hinten rutscht.
Dann weißt du genau, was der andere gern isst, wohin er reisen möchte, wie sein Tagesablauf aussieht und was ihm wichtig ist, aber bei der Frage, was dir selbst eigentlich Freude macht, wird es plötzlich erstaunlich still.
Für mich ist genau das ein Punkt, an dem Beziehung kippen kann.
Eine Beziehung darf gemeinsam werden, sie darf sich verweben und verändern, aber sie sollte nicht dazu führen, dass einer von beiden darin praktisch verschwindet.
Was ich heute anders sehe
Heute glaube ich nicht mehr, dass ein Partner dafür da ist, mir ein vollständiges Leben zu liefern. Ich möchte eine Beziehung, aber nicht mehr um den Preis, mich selbst darin zu verlieren.
Für mich gehört dazu, dass zwei Menschen etwas Eigenes mitbringen und daraus mit der Zeit etwas Gemeinsames entsteht, ohne dass einer immer mehr von sich aufgibt, nur damit die Beziehung möglichst ruhig bleibt.
Wenn ich mich in einer Beziehung dauerhaft einsam fühle, würde ich heute früher hinschauen, ohne deshalb sofort mit gepacktem Koffer an der Tür zu stehen. Aber ich würde auch nicht mehr jahrelang darauf hoffen, dass sich etwas von allein verändert, während ich längst merke, dass ich selbst in diesem gemeinsamen Leben immer weniger vorkomme.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst