Innerer Druck

Innerer Druck

Innerer Druck, …

… wenn in dir etwas gegen das Leben kämpft

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, sie stehen unter Druck, meinen sie meistens erst einmal das, was im Außen sichtbar ist. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf, zu viele Baustellen, zu viel Verantwortung, dazu Freunde, Partnerschaft und überhaupt Beziehungen. Natürlich spielt das alles mit hinein, das möchte ich gar nicht kleinreden. Ich schaue inzwischen trotzdem auf etwas anderes, weil ich über die Jahre gemerkt habe, dass innerer Druck nicht nur durch das entsteht, was außen passiert, sondern auch durch unseren Widerstand gegen das, was gerade ist.

Da ist eine Situation, die dir nicht gefällt. Ein Mensch verhält sich ungerecht, etwas entwickelt sich anders, als du es dir gewünscht hast, du fühlst dich übergangen oder nicht gesehen, und blitzschnell kommt dieses innere Nein: Das will ich nicht, das darf nicht sein, das ist unfair, das muss anders werden.

Ab da sitzt nicht nur ein Gefühl in dir, sondern dein Verstand springt an wie ein aufgescheuchtes Huhn und beginnt, Geschichten zu erzählen. Er malt Bilder davon, was alles passieren könnte, rechnet Zukunftsszenarien durch, als wäre er persönlich für dein Überleben zuständig, dabei ist ihm dein Überleben dermaßen egal. Dafür zieht er Vergleiche aus seinem imaginären Hut, sucht Schuldige, kramt alte Erfahrungen hervor und gießt vorsichtshalber noch ein bisschen Öl ins Feuer.

Ehe du dich versiehst, führst du innerlich Gespräche, die nie stattgefunden haben, verteidigst dich gegen Vorwürfe, die niemand ausgesprochen hat, und erschöpfst dich in einem Kampf, der bisher ausschließlich in deinem Kopf stattfindet. Herzlichen Glückwunsch, unser System kann das wirklich beeindruckend gut, und dann glaubst du womöglich etwas, das mit der tatsächlichen Situation nur noch entfernt zu tun hat.

Ich kenne das von früher sehr gut. Bei mir hat sich innerer Druck hauptsächlich in körperlicher Unruhe und Schlafstörungen gezeigt. Dieses Wachliegen in der Nacht, während der Körper müde ist, der Kopf aber noch drei Gerichtsverhandlungen führt, zwei Zukunftspläne schmiedet und nebenbei den Weltuntergang vorbereitet, kenne ich bestens.

Gerade in meiner Krisenzeit war unglaublich viel Angst vor Ungewissheit da. Wie wird es weitergehen? Was kommt noch? Schaffe ich das? Was ist, wenn dies passiert oder jenes nicht?

Darunter lag etwas, das ich erst viel später wirklich erkennen konnte: meine Existenzangst.

Damit meine ich nicht nur Geld, obwohl Geld in unserer Welt natürlich schnell den Alarmknopf drückt. Bei mir ging es tiefer. Da war dieses alte Gefühl von Unsicherheit und Ausgeliefertsein, verbunden mit Todesangst, die in meiner Kindheit real gewesen war und sich später im Erwachsenenleben auf andere Bereiche gelegt hatte. Beziehungen, Geld, Halt und Sicherheit hingen plötzlich an dieser alten Wunde wie Weihnachtskugeln an einem Baum, nur leider nicht ganz so festlich.

Über die Jahre habe ich erlebt, dass manche Dinge viel länger in uns nachwirken, als wir glauben. Zumindest bei mir war es so, dass ich zuerst das Grobe gesehen und verändert habe, also das, was offen dalag und leichter greifbar war. Erst später kamen Schichten zum Vorschein, die sich viel hartnäckiger gehalten hatten.

Ich stelle mir das manchmal wie eine alte Schublade vor, die du endlich auswischst. Der lose Dreck ist schnell weg, aber dieser festgeklebte Rest in der Ecke braucht Scheuermilch und einen groben Schwamm. Innen kann das erstaunlich ähnlich sein.

Bei mir kam so etwas noch einmal völlig überraschend hoch, ausgelöst durch eine Situation, die im Außen gar nicht dramatisch war. Es gab keine echte Bedrohung und keine Eskalation, trotzdem reagierte mein Körper schlagartig. Die Angst war da, mein ganzes System ging hoch und ich begann zu zittern, richtig zu zittern. Im ersten Moment denkst du natürlich: Um Gottes willen, was ist denn jetzt los?

Früher wäre ich davor weggelaufen. Ich hätte mich abgelenkt, jemanden angerufen und sinnloses Zeug geredet, aufgeräumt oder Blumen umgetopft. Irgendwas halt, nur nicht in diesem beschissenen Gefühl bleiben.

Dieses Mal habe ich es anders gemacht.

Ich habe geatmet, gezittert und versucht, nicht sofort dagegen zu unternehmen. Meine Hände haben gewackelt wie ein Kuhschwanz und alles hat gebebt, trotzdem blieb ich da. Irgendwann kam ein Höhepunkt, fast wie bei einer Welle, und danach wurde es langsam weniger. Nicht ratzfatz und auch nicht auf wundersame Weise, aber spürbar.

Für mich hat es sich damals so angefühlt, als würde mein Körper etwas verarbeiten, das ich noch sehr lange mit mir herumgetragen hatte. Ich nenne solche Momente inzwischen eine Runde sterben gehen, weil sie sich mitten drin wirklich nicht besonders attraktiv anfühlen und hinterher trotzdem etwas anders ist.

Seitdem schaue ich anders auf inneren Druck. Ich möchte nicht mehr jede Angst sofort wegmachen und auch nicht jede körperliche Reaktion augenblicklich beruhigen, nur damit sie mich möglichst schnell wieder in Ruhe lässt.

Das heißt nicht, dass jede Unruhe automatisch eine tiefe Botschaft enthält oder hinter jedem Druck etwas Altes steckt, das nur noch „entlassen“ werden möchte. Manchmal ist ein Tag einfach zu voll, manchmal fehlt Schlaf, manchmal ist eine Situation tatsächlich belastend. Ich finde es nur hilfreich, nicht sofort davon auszugehen, dass alles Unangenehme verschwinden muss, bevor es mir wieder gut gehen darf.

Ich bin da übrigens auch kein sanft schwebender Mensch, der morgens lichtvoll summend durch den Tag gleitet wie Lavendeltee auf zwei Beinen. Das gibt es zumindest bei mir nicht.

Ungerechtigkeit kann mich bis heute auf hundertachtzig bringen, und obwohl ich vieles heute anders betrachte als früher, gibt es durchaus Momente, in denen ich jemanden, sagen wir es freundlich, am liebsten an die Wand tackern würde.

Der Unterschied ist eher, dass ich schneller merke, was gerade in mir passiert. Ich erkenne früher, wann der äußere Anlass einen ganzen inneren Film ausgelöst hat und wann ich dabei bin, aus einer Situation etwas viel Größeres zu machen.

Dann muss ich den Druck nicht sofort loswerden. Es reicht oft schon, wenn ich merke, dass gerade etwas in mir sehr laut Nein sagt und ich nicht automatisch mit diesem Nein in die nächste Auseinandersetzung marschiere.

Manchmal hilft es tatsächlich mehr, für einen Moment dazubleiben, als sofort wieder Blumen umzutopfen oder den Wertstoff zu sortieren.