Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Wenn Stärke leider mit Kontrolle verwechselt wird

Nein, das ist kein Aufruf zur Rebellion gegen Männer, nur gegen das alte Drehbuch, in dem Frauen dekorativ am Rand stehen.

Mich interessiert schon lange, wie oft Stärke mit Kontrolle verwechselt wird. Gerade bei Männern sehe ich immer wieder dieses alte Bild, dass jemand möglichst alles im Griff haben soll, viel leistet, Entscheidungen trifft, wenig Unsicherheit zeigt und nach außen so wirkt, als könne ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen.

Das kann sehr souverän aussehen. Gleichzeitig kann genau diese Haltung dazu führen, dass jemand immer weniger merkt, was in ihm selbst eigentlich los ist, weil Kontrolle wichtiger wird als Wahrnehmung.

Wenn alles überschaubar bleibt, der Alltag funktioniert und andere Menschen sich einigermaßen berechenbar verhalten, fühlt sich das schnell nach Sicherheit an. Schwieriger wird es, wenn jemand ins Leben kommt, der nicht automatisch mitzieht, seine eigene Meinung hat oder sich nicht daran orientiert, was für den anderen angenehm wäre. Dann zeigt sich oft viel deutlicher, wie stabil diese vermeintliche Sicherheit wirklich ist.

Kontrolle und Nähe passen nicht besonders gut zusammen

Viele Männer können sehr gut geben, Verantwortung übernehmen, organisieren oder Probleme lösen. Das ist ja auch eine Stärke. Herausfordernder wird es oft dort, wo es um Empfangen geht, um Sich-Zeigen oder darum, einmal nichts leisten und nichts steuern zu müssen.

Gerade Nähe macht sichtbar, wie viel Kontrolle ein Mensch braucht, um sich sicher zu fühlen.

Und nein, ich meine damit nicht nur Sex. Auch Sexualität kann sehr leistungsorientiert sein, wenn es um Eroberung, Bestätigung oder darum geht, etwas besonders gut zu machen. Dann kann körperlich sehr viel passieren und trotzdem wenig wirkliche Nähe entstehen.

Zärtlichkeit ist für mich etwas anderes, weil sie weniger mit Leistung zu tun hat. Da muss nichts bewiesen werden, und es muss auch nicht sofort etwas daraus entstehen. Genau das kann ungewohnt sein, wenn jemand gelernt hat, sich vor allem über Funktionieren, Stärke oder Kontrolle zu definieren.

Selbstständigkeit wird plötzlich unbequem wird

Ich höre immer wieder Männer sagen, dass sie selbstständige Frauen mögen. Das klingt ja im ersten Moment wunderbar, nur zeigt sich oft erst im Alltag, wie ernst das wirklich gemeint ist.

Eine Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft, nicht sofort reagiert, wenn der andere sich zurückzieht, und nicht automatisch die Aufgabe übernimmt, ihn emotional zu beruhigen, kann ziemlich unbequem werden.

Ein Mann sagte einmal über eine Frau: „Ich bewundere starke Frauen.“ Ein paar Wochen später hieß es über dieselbe Frau, mit ihr könne man überhaupt nicht diskutieren.

Da musste ich schon ziemlich grinsen.

Denn Stärke wird oft genau so lange attraktiv gefunden, wie sie die bestehende Ordnung nicht durcheinanderbringt. Wenn die Frau dann tatsächlich widerspricht, ihre eigene Richtung geht oder etwas nicht mitträgt, wird aus der bewunderten Stärke schnell etwas, das plötzlich als schwierig empfunden wird.

Führung ist etwas anderes als Dominanz

Ich erlebe häufig, dass Führung und Dominanz oft miteinander verwechselt werden, obwohl sie für mich etwas sehr Unterschiedliches sind.

Ein Mensch kann Orientierung geben, Verantwortung übernehmen oder eine Richtung vorschlagen, ohne den anderen kleiner zu machen. Das braucht keine Machtdemonstration.

Dominanz beginnt für mich eher dort, wo die eigene Position abgesichert werden soll und der andere sich dafür anpassen muss. Das zeigt sich oft gar nicht in großen Szenen, sondern viel subtiler, zum Beispiel in dieser Haltung von: Ich weiß schon, wie es richtig geht, und du solltest das besser auch einsehen.

Wenn der andere dann nicht mitzieht, kommen Rückzug, Abwertung oder Machtspiele ins Spiel. Dann geht es oft längst nicht mehr um die eigentliche Sache, sondern darum, die eigene Position nicht zu verlieren. 

Unsicherheit ist nicht das Gegenteil von Stärke

Ich finde einen Satz wie „Das macht mir gerade Angst und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll“ wesentlich stärker als jedes kontrollierte Schweigen.

Dafür muss man sich eingestehen, dass man gerade nicht alles im Griff hat.

Viele Männer haben genau das nie gelernt. Sie sollen stark sein, selbstbewusst, erfolgreich, verlässlich und gleichzeitig gefühlvoll, weich und präsent. Dass man bei all diesen Erwartungen nicht mehr genau weiß, was man selbst noch ist, wundert mich überhaupt nichts mehr.

Ich habe deshalb auch viel Verständnis dafür, dass manche Männer sich schwer damit tun, Unsicherheit zu zeigen. Nur wird es schwierig, wenn diese Unsicherheit komplett hinter Kontrolle verschwindet und dann andere Menschen den Preis dafür zahlen.

Dann wird aus einem inneren Problem schnell ein Beziehungsthema, wo keines ist.

Was ich unter Stärke verstehe

Für mich zeigt sich Stärke nicht darin, dass jemand immer alles im Griff hat. Ich empfinde es als viel stärker, wenn ein Mensch in einer unangenehmen Situation bleiben kann, ohne sofort zu flüchten, zu kontrollieren oder den anderen passend machen zu müssen.

Wenn ein Mann sagen kann, dass er gerade unsicher ist oder Angst hat, ohne gleichzeitig zu erwarten, dass die Frau dieses Gefühl für ihn wieder wegmacht, dann wirkt das auf mich sehr erwachsen.

Das bedeutet für mich nicht, dass Männer jetzt möglichst weich durchs Leben laufen oder ständig über ihre Gefühle sprechen müssen. Das hätten wir gleich wieder das nächste Rollenbild.

Mich interessiert viel mehr, ob jemand sich selbst aushält, auch dann, wenn er gerade nicht souverän wirkt. Wenn das möglich ist, braucht es viel weniger Kontrolle, und die Beziehung wird automatisch freier, weil nicht ständig einer versuchen muss, die Situation oder den anderen in eine bestimmte Richtung zu drücken.

Weitere Impulse für deine Beziehung zu reflektieren, findest du in meinem Buch „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ Die wenigsten schauen genauer hin, weil sie Angst haben, was sie sehen.

Ein Teil meiner Angebote