Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Wir wollen fühlen, aber bitte nicht zu lange und wenn, dann nur Schönes.

Menschen sagen oft, sie wollen mehr bei sich sein, sich selbst besser verstehen, und gleichzeitig läuft im Hintergrund ständig die Frage mit, was sie denn jetzt machen müssen, damit dieses Gefühl endlich weggeht, ihre Angst weniger wird, die Unruhe aufhört oder sie wieder in einen Zustand kommen, in dem alles angenehmer ist. 

Ich finde das immer sehr spannend, weil die meisten gar nicht wirklich wissen, was das bedeutet und welche „Nebenwirkungen“ es mit sich bringt.
Echtes Bei-dir-bleiben beginnt natürlich nicht, wenn du dich gut fühlst, sondern genau in dem Moment, in dem etwas da ist, was du lieber nicht hättest. Angst, Wut, Traurigkeit, Enge, Unsicherheit, Eifersucht, was auch immer. Und dann geht es erst einmal gar nicht darum, woher das kommt oder was du jetzt daraus lernen sollst, sondern darum, ob du überhaupt bereit bist, anzuerkennen, dass es gerade da ist.

Das klingt erst einmal simpel, ist es aber überhaupt nicht, weil wir uns an dieser Stelle schon unglaublich viel erzählen. Dass wir doch längst weiter sein müssten, dass wir dieses Thema doch schon bearbeitet haben, dass wir doch wissen, woher es kommt, dass es uns nicht mehr so triggern dürfte. Nur hilft dir das alles nichts, wenn du in diesem Moment trotzdem verletzt bist oder Angst hast. Dann bist du eben verletzt, dann hast du Angst, und genau das ist im Moment die Wahrheit. Die steht im Raum und alles andere hat keine Bedeutung, egal wie oft du die Dinge aufzählst – also, nur mit dem kannst du umgehen.

Für mich ist das der erste Teil davon, wobei ich das gar nicht als ersten Punkt meine, weil es keine Reihenfolge gibt. Es ist eher diese innere Bereitschaft, wirklich ehrlich mit dir zu sein und nichts kleiner zu machen, aber eben auch nichts größer. Einfach wahrnehmen, was da ist, ohne gleich daraus wieder eine Geschichte zu bauen.

Ehrlich mit dir sein, ohne gegen dich zu sein

Dann kommt etwas, was ich meinen Teilnehmern sehr oft sage, nämlich: Sei jetzt einfach lieb zu dir. Ich nehme da ganz bewusst nicht dieses große Wort „Liebe“, weil da schon wieder jeder etwas anderes darunter versteht und dann womöglich meint, er müsse jetzt seine Angst lieben oder seine Wut umarmen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht viel schlichter darum, dass du in einem Moment, in dem es dir ohnehin schon nicht gut geht, nicht auch noch gegen dich bist.

Wenn jemand, den du magst, vor dir sitzt und sagt, dass er gerade völlig verunsichert ist, würdest du ja wahrscheinlich auch nicht sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an, das hatten wir doch schon, du solltest langsam weiter sein.“ Bei uns selbst sind wir da allerdings erstaunlich schnell dabei. Da wird geurteilt, gedrängt, geschimpft und korrigiert, und letztlich haben wir dann nicht nur das Gefühl, das ohnehin schon da ist, sondern zusätzlich noch den Kampf mit uns selbst.

Deshalb sage ich lieber: „Jetzt sei einfach nett zu dir.“ Du musst das nicht schön finden, was du gerade fühlst, und du musst es auch nicht gutheißen. Du kannst aber aufhören, dir selbst das Leben noch schwerer zu machen, indem du dich dafür verurteilst.

Nicht sofort reagieren heißt nicht, dich zurückzuhalten

Was dann oft sichtbar wird, ist dieser unglaublich schnelle Reflex, auf das, was wir fühlen, sofort auf unterschiedlichste Art zu reagieren. Der eine schießt seine Wut sofort raus, der andere schluckt sie runter. Der eine erklärt sich, der andere zieht sich zurück, ein anderer ruft sofort jemanden an oder macht komplett zu. Genau gilt es, tiefer zu verstehen, weil Freiheit nicht bedeutet, dass du jetzt einfach nichts tust.

Wenn du ein Mensch bist, der sich ständig zurückhält, dann wäre es natürlich keine Freiheit, deine Wut wieder nicht zu zeigen und dir dann zu erzählen, du würdest gerade bewusst nicht reagieren. Dann machst du im Endeffekt genau das Gleiche wie immer, nur mit einem netten Bildchen darauf.

Es geht also nicht darum, einen Impuls zu unterdrücken, sondern darum, ihn überhaupt erst einmal mitzubekommen. Du merkst zum Beispiel: Da ist Wut, da zieht sich gerade alles in mir zusammen, ich möchte am liebsten sofort etwas sagen oder, je nachdem, wie ich gestrickt bin, am liebsten gar nichts sagen und mich zurückziehen. Und bevor ich automatisch in genau diese alte Reaktion gehe, bleibe ich erst einmal einen Moment bei dem, was da in mir passiert.

Dieser Raum dazwischen ist für mich Freiheit. Nicht, weil du dann nichts mehr tust, sondern weil du nicht mehr nur auf Autopilot handelst. Es kann gut sein, dass du danach sehr klar etwas sagst. Es kann genauso sein, dass du merkst: „Nein, ich muss darauf gar nicht reagieren.“ Entscheidend ist nicht, ob du etwas tust oder nicht, sondern ob du wieder nur deinem alten Muster folgst oder ob du überhaupt wahrgenommen hast, was in dir los ist.

Hingabe bedeutet, wirklich dazubleiben

Genau da kommt für mich die Hingabe hinein. Denn wenn du nicht sofort nach außen gehst, nicht gleich handelst, erklärst, schluckst, angreifst oder verschwindest, dann kannst du überhaupt erst einmal fühlen, was da wirklich in dir passiert. Hingabe heißt für mich genau das: dass du bereit bist, dich dem, was da ist, wirklich zu überlassen, ohne gleich daran herumzumachen.

Das kann Wut sein, Angst, Traurigkeit, Scham, Schmerz, was auch immer. Du musst es nicht verändern, du musst es nicht kleiner machen und du musst es auch nicht besonders gut können. Du lässt es erst einmal wirklich da sein und spürst es.

Das ist etwas ganz anderes, als sich zurückzuhalten. Zurückhaltung bedeutet oft, dass du das Gefühl gerade nicht wirklich zulässt, sondern es festhältst, kontrollierst oder deckelst. Hingabe ist das Gegenteil davon. Da hältst du nichts fest. Du lässt zu, dass die Erfahrung sich in dir zeigen darf, und erst daraus kann dann überhaupt etwas Neues entstehen, statt dass du wieder genau das machst, was du schon hundertmal (geschmeichelt ausgedrückt) gemacht hast.

Wenn ich all das zusammennehme, dann sind das letztlich vier innere Bewegungen, die für mich sehr eng zusammengehören. Du bist ehrlich mit dem, was gerade da ist, du gehst dabei nicht gegen dich, du musst nicht sofort reagieren, und du bist bereit, auch wirklich zu fühlen, was in dir passiert.

Ich würde daraus aber keine neue Methode machen, weil genau dann wieder das passiert, was wir sowieso ständig machen. Dann wird aus etwas Lebendigem eine neue Aufgabe, und plötzlich sitzt jemand da und überlegt, ob er heute schon wahrhaftig genug war, ob er nett genug zu sich war oder ob seine Hingabe noch ausbaufähig ist. Das wäre für mich wieder derselbe Wahnsinn in einer neuen Methoden-Verpackung.

Diese Dinge passieren nicht nacheinander und du musst sie auch nicht üben wie vier Lektionen. Sie zeigen sich mitten im Leben, genau dann, wenn etwas nicht so läuft, wie du es gern hättest. Genau dann, wenn dich jemand trifft, wenn du dich unsicher fühlst, wenn du merkst, dass du dich erklären willst, wenn du dich zurückziehst, wenn du kontrollieren möchtest oder wenn du einfach nicht weißt, was du gerade machen sollst.

Genau darum geht es auch in meinen Retreats. 

Nicht darum, dreieinhalb Tage lang Wissen zu sammeln und mit einem vollgeschriebenen Block nach Hause zu fahren. Deshalb gibt es bei mir auch keine Aufzeichnungen und keinen Block. Du kommst mit dem, was gerade in deinem Leben da ist, mit den Geschichten, die dich beschäftigen, mit den Dingen, die dich drücken oder die du besser verstehen möchtest, und dann schauen wir nicht nur darauf, was du erzählst, sondern auch darauf, was währenddessen in dir passiert.

Wo wirst du eng, wo gehst du raus, wo willst du dich erklären, wo willst du etwas richtig machen, wo reagierst du sofort, wo hältst du dich zurück, wo bist du schon wieder bei den anderen und gar nicht mehr bei dir.

Das zeigt sich nicht nur im Gespräch. Es zeigt sich beim gemeinsamen Tun genauso, beim Essen, im Wald, in einem Moment, den keiner geplant hat, oder genau dann, wenn etwas anders läuft, als du es gern hättest.

Deshalb ist für mich das ganze Retreat im Endeffekt genau diese Übung, vom ersten Moment bis zum letzten. Nicht in dem Sinn, dass du drei Tage lang etwas leisten oder richtig machen musst, sondern weil du immer wieder merken kannst, wie du gerade mit und bei dir bist oder im Außen hängst.

Sas lässt sich eben nicht aufschreiben und später noch einmal nachlesen. Das kannst du nur erleben.
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