Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Wenn Tiefe als Drama abgestempelt wird

Was ist Tiefe für dich?

Ich habe mich oft gefragt, was Menschen meinen, wenn sie von Tiefe sprechen. Das Wort klingt im ersten Augenblick, fast schon ein bisserl edel. Aber sobald es wirklich darum geht, genauer hinzuschauen, wird es für viele ziemlich schnell unbequem.

Tiefe ist für mich nicht, alles zu zerdenken oder aus jedem Gefühl eine Wissenschaft zu machen. Es geht eher darum, dass du bereit bist, bei etwas zu bleiben, wenn du merkst, da stimmt etwas nicht. Dass du nicht sofort ablenkst, relativierst oder versuchst, die Sache möglichst schnell wieder angenehm zu machen.

Manchmal merkst du einfach, da liegt etwas in der Luft. Da ist Spannung, da ist etwas unausgesprochen oder du spürst, dass dich etwas stärker berührt, als du zuerst dachtest. Genau da zeigt sich, ob du bereit bist, hinzuschauen, oder ob du lieber wieder an die Oberfläche gehst.

Ich kenne diesen Satz jedenfalls sehr gut: „Du machst aus allem ein Drama.“

Dabei wollte ich meistens gar nichts größer machen, als es war. Ich habe nur Dinge angesprochen, die ohnehin da waren. Ich habe Fragen gestellt, obwohl es bequemer gewesen wäre, sie nicht zu stellen, und ich konnte noch nie besonders gut vorgeben, als wäre alles in Ordnung, wenn ich längst gemerkt habe, dass es das nicht ist.

Das war nicht immer angenehm, weder für die anderen noch für mich.

Und wahrscheinlich kam genau daher dieses „Du bist zu viel“, „Du übertreibst“ oder „Du bist schwierig“. Früher hat mich das wirklich verunsichert, weil ich solche Aussagen ernst genommen und mich gefragt habe, ob ich tatsächlich alles zu groß mache oder zu pingelig bin.

Heute weiß ich, dass ich manches einfach früher wahrnehme und genauer hinschaue als andere. Das kann unbequem sein, gerade wenn jemand lieber an der Oberfläche bleiben möchte, aber ich mache mich dafür nicht mehr falsch.

Die Spaghetti-Gabel, die keiner will

Wenn ich merke, dass bei einem Thema noch etwas dranhängt, lasse ich es selten einfach so stehen. Ich bohre nicht aus Prinzip herum, aber ich frage nach, wenn ich spüre, dass die wirkliche Sache noch gar nicht auf dem Tisch liegt.

Das kann ein Satz sein, bei dem ich merke, da stimmt etwas nicht. Oder jemand erzählt mir etwas und ich habe das Gefühl, es geht um etwas ganz anderes, dann hake ich nach. Nicht um jemanden bloßzustellen, sondern weil genau da oft der eigentliche Punkt sitzt.

Für mich ist das die Spaghetti-Gabel. Ich nehme nicht den ganzen Teller auseinander, ich drehe nur an der Stelle, an der sowieso schon was hängt, und schaue, was mit hochkommt.

Das kann unangenehm sein, weil plötzlich etwas sichtbar wird, das vorher noch gut unter der Oberfläche bleiben konnte. Manche schauen dann hin, andere gehen auf Abstand oder machen zu.

Heute kann ich das besser stehen lassen. Nur weil ich etwas wahrnehme, heißt das nicht, dass der andere gerade bereit ist, es auch anzuschauen, und ich muss niemanden überzeugen. Außer, ich wurde dafür gebucht.

Wenn das „Zu viel“ nicht dir gehört

Früher hat mich das stark verunsichert, wenn Menschen auf meine Art mit Rückzug reagiert oder mir das Gefühl gegeben haben, ich wäre zu direkt, zu intensiv oder einfach anstrengend. Ich habe dann sofort bei mir gesucht und mich gefragt, ob ich wieder zu weit gegangen bin, zu viel gesehen oder zu viel ausgesprochen habe.

Heute sehe ich das anders.

Wenn jemand mit meiner Tiefe nichts anfangen kann, heißt das nicht automatisch, dass mit mir etwas nicht stimmt. Es kann genauso gut sein, dass der andere an einem Punkt gerade nicht weitergehen will. Das muss ich nicht bewerten und ich muss auch niemanden dazu bringen, tiefer zu schauen, nur weil ich sehe, dass da noch mehr liegt.

Das war für mich ein wichtiger Unterschied.

Früher habe ich schnell gedacht, ich müsste mich zurücknehmen, damit es für den anderen angenehmer wird. Heute frage ich eher: Habe ich respektvoll gesprochen? Habe ich dem anderen etwas übergestülpt oder habe ich nur benannt, was ich wahrnehme? Wenn ich diese Fragen für mich klar beantworten kann, muss ich mich nicht kleiner machen, nur damit sich jemand anderes wohler fühlt.

Und ja, Tiefe kann unbequem sein. Nicht, weil sie laut sein muss oder wiederholt Drama produziert, sondern weil sie Dinge berührt, an denen man lieber vorbeigehen würde. Genau deshalb wird sie auch so oft mit Drama verwechselt. Manchmal ist aber gar nicht die Tiefe das Problem, sondern die Tatsache, dass plötzlich etwas sichtbar wird, das vorher wunderbar ignoriert werden konnte.

Zwischen Sehnsucht und Flucht

Viele Menschen sagen, dass sie sich nach Tiefe sehnen, nach echter Verbindung, nach Gesprächen, die nicht nur an der Oberfläche herumkratzen. Das klingt schön, solange Tiefe etwas ist, das man sich vorstellen kann.

Wenn sie dann aber wirklich auftaucht, kann sie ziemlich unbequem werden.

Denn echte Tiefe bestätigt dich nicht automatisch. Sie kann dir auch zeigen, wo du dir selbst etwas vormachst, wo du ausweichst oder wo du lieber eine nette Geschichte glaubst, weil die leichter auszuhalten ist.

Dann passiert etwas Spannendes. Man wünscht sich Nähe, aber sobald jemand wirklich nah kommt und nicht nur das hört, was man sagt, sondern auch das wahrnimmt, was darunter liegt, kommt plötzlich Abwehr.

Manche werden still, andere machen das Thema klein, wieder andere reagieren gereizt oder ziehen sich zurück. Das muss noch nicht einmal böse gemeint sein. Es kann schlicht heißen: Bis hierhin kann ich mitgehen, weiter gerade nicht.

Und das darf auch sein.

Tiefe kann nicht erzwungen werden. Du kannst keinen Menschen dazu bringen, genauer hinzuschauen, nur weil du selbst bereit dazu bist. Genauso wenig musst du aber so tun, als würdest du etwas nicht sehen, nur damit es für den anderen angenehmer bleibt.

Genau dieses Hin und Her kenne ich gut. Menschen sehnen sich nach Echtheit, aber wenn Echtheit bedeutet, dass etwas sichtbar wird, was sie lieber weiterhin nicht anschauen möchten, wird aus der Sehnsucht schnell Rückzug.

Für mich ist das gar kein Widerspruch. Viele Menschen wollen Tiefe, aber eben nur so weit, wie sie sie gerade aushalten können.

Tiefe ist nicht Drama. Tiefe ist Stille, die dich trifft

Drama ist laut, schnell und aufgeladen. Da wird reagiert, bewertet, geschossen, zurückgeschossen und hinterher weiß keiner mehr so genau, worum es am Anfang überhaupt ging.

Tiefe fühlt sich für mich anders an. Da wird es eher still. Nicht leer, sondern still auf eine Art, bei der du merkst, dass gerade etwas in dir arbeitet.

Du hörst einen Satz und der bleibt hängen. Jemand stellt dir eine Frage und du weißt sofort, dass du da nicht mit einer schnellen Antwort rauskommst. Oder du sitzt einem Menschen gegenüber und merkst, dass du dich gerade nicht mehr herausreden kannst, ohne dich selbst dabei zu verarschen.

Das ist für mich Tiefe.

Sie muss nicht laut sein und sie braucht auch kein großes Drama drumherum. Oft reicht ein ehrlicher Satz, der genau an der richtigen Stelle landet.

Genau deshalb kann Tiefe so unangenehm sein. Weil sie dir nicht immer das sagt, was du gerne hören möchtest. Sie kann dich an einen Punkt bringen, an dem du merkst, dass du selbst längst weißt, was los ist, aber noch keine Lust hattest, es dir einzugestehen.

Da hilft dann auch kein schönes Gerede mehr.

Du kannst natürlich wieder an die Oberfläche gehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Aber innerlich weißt du meistens ziemlich genau, dass da gerade etwas getroffen hat.

Und wenn du bis hierhin gelesen hast …

Dann kennst du dieses Thema vermutlich nicht nur aus der Theorie. Vielleicht, stopp, das wollte ich ja gerade nicht mehr wiederholt benutzen. Also anders.

Du kennst wahrscheinlich diese Momente, in denen du merkst, da ist mehr, als gerade ausgesprochen wird. Du spürst, dass etwas nicht stimmt, dass unter einem Satz noch etwas anderes liegt oder ein Gespräch an der Oberfläche bleibt, obwohl längst etwas Tieferes im Raum steht.

Und genau da fängt oft die Verunsicherung an. Bin ich zu empfindlich? Sehe ich wieder zu viel? Mache ich aus etwas ein größeres Thema, als es ist?

Manchmal ja. Auch das gehört dazu. Nur sollte die erste Reaktion nicht automatisch sein, dich selbst dafür falsch zu machen. Es lohnt sich eher zu schauen, ob du wirklich übertreibst oder ob du einfach etwas wahrnimmst, das der andere gerade nicht sehen will. Das ist ein Unterschied.

Tiefe bedeutet für mich nicht, immer recht zu haben. Sie bedeutet auch nicht, dass du jede Wahrheit aussprechen musst, nur weil du sie spürst. Aber sie bedeutet schon, dass du dich selbst ernst nimmst und nicht ständig kleinmachst, nur damit es für andere angenehmer bleibt.

Wenn du dich darin wiedererkennst, dann nimm das nicht als Beweis dafür, dass du „zu viel“ bist. Nimm es eher als Einladung, genauer hinzuschauen, wo deine Wahrnehmung klar ist und wo alte Verletzungen vielleicht mitmischen.

Ja, beides kann gleichzeitig da sein und genau deshalb braucht Tiefe nicht mehr Drama, sondern Ehrlichkeit.

Ein leiser Ruf: Du bist nicht zu viel. Du bist Tiefe.
Und die wird nicht dramatisch – sie wird nur oft nicht verstanden.