Das Preisschild auf dem Teller

von | 24. 08. 26 | Beziehung & Miteinander, Blog

Das Preisschild auf dem Teller …

… war nicht das Problem

Ich sage schon lange, dass ich bei manchen Menschen unglaublich gerne einmal eine Woche lang wohnen würde. Nicht, weil ich sie kontrollieren möchte oder weil ich wissen will, was sie morgens um sieben in ihrer Küche machen. Sondern weil ich glaube, dass ich in so einer Woche mehr darüber erfahren würde, wie ihr Leben tatsächlich ist, als in vielen Gesprächen.

Denn wenn wir etwas erzählen, dann erzählen wir ja nie nur das, was vorgefallen ist. Wir erzählen gleichzeitig schon unsere Sicht darauf, unsere Erklärung dazu, warum der andere schwierig war, warum wir selbst so reagieren mussten, warum etwas nicht anders ging und warum wir an einer Stelle auch gar keine andere Möglichkeit hatten. Meinen wir.

Das ist vollkommen normal, weil wir Menschen unser Leben eben nicht neutral erzählen. Wir erzählen immer durch unsere eigene Brille.

Im Alltag sehe ich dagegen diese winzigen Momente, und genau die finde ich wahnsinnig spannend. Da sehe ich, wie aus etwas, das erst einmal einfach nur da ist, innerhalb von Sekunden Spannung entsteht, wie jemand Schuld verteilt, wie jemand die Stimmung eines anderen übernimmt oder wie aus einer Kleinigkeit plötzlich eine komplette Beziehungsgeschichte wird.

Und genau von so einem Tag handelt mein Beitrag. Ein riesiger Fundus.

Ich war auf einer Beerdigung und bin erst einmal zu spät gekommen, was natürlich schon einmal hervorragend angefangen hat. 😅

Einfach, weil ich mein neues Auto vollkommen unterschätzt habe. Die Anzeige sagte mir, dass ich noch ungefähr 90 Kilometer fahren kann, mein Navi sagte 45 Kilometer bis zum Ziel und damit war für mich die Sache klar: Das reicht locker.

Was ich nicht bedacht hatte, war, dass mein neues Auto deutlich mehr PS hat als mein altes und offenbar entsprechend mehr Durst. Ungefähr so wie ein Wasserbüffel.

Während ich also zu diesem Naturfriedhof gefahren bin, der zusätzlich so schlecht ausgeschildert war, dass man fast glauben konnte, er möchte gar nicht gefunden werden, sank meine Tankanzeige schneller, als mir lieb war. Ich stand vor der Frage, ob ich jetzt zuerst tanken fahre und damit ziemlich sicher noch später ankomme oder ob ich direkt zum Friedhof fahre und danach möglicherweise dort stehe und nicht mehr wegkomme.

Telefonisch hatte ich schon Bescheid gegeben, dass bitte niemand auf mich warten soll, als ich angerufen wurde und mir gesagt wurde: „Wir warten auf dich, fahr einfach her, danach bringen wir dich zu einer Tankstelle.“

Also bin ich hingefahren, ungefähr fünf Minuten zu spät angekommen, ausgestiegen und habe mich sinngemäß mit den Worten vorgestellt: „Hallo, ich bin Claudia, die einfach zu spät kommt.“

Damit war es für mich erledigt.

Ich habe mich nicht noch zwanzigmal entschuldigt und auch nicht angefangen, mich innerlich dafür fertigzumachen, mich zu geißeln oder dem anderen erst einmal beweisen zu wollen, dass ich normalerweise ein zuverlässiger Mensch bin. Ich war zu spät. Das war das, was in diesem Moment war.

Genau da beginnt das Thema, über das ich heute schreiben möchte. Denn vieles von dem, was wir als Problem erleben, besteht aus zwei Teilen: aus dem, was tatsächlich passiert, und aus dem, was wir innerlich noch daraus machen.

Warum wir aus vielem ein Problem machen

Nach dieser Beerdigung konnte ich innerhalb weniger Stunden ziemlich aufmerksam beobachten, was ich damit meine.

Da war unter anderem ein Mensch, der sehr deutlich gezeigt hat, dass ihm einiges nicht passt, dass er mit bestimmten Dingen nicht einverstanden ist und manches seiner Meinung nach anders hätte laufen müssen. Das wurde nicht unbedingt in einem offenen Gespräch ausgesprochen, aber man musste nun auch kein besonders feinfühliger Mensch sein, um zu merken, was da los war.

Auf ganz normale Fragen kamen einsilbige oder ziemlich schroffe Antworten. Als zum Beispiel gesagt wurde: „Oh, du bekommst langsam auch graue Haare“, kam ein knappes „Ja“, genauso wie bei anderen Versuchen, ein Gespräch anzufangen.

Natürlich ist das eine Botschaft, und natürlich verändert ein Mensch, der sich so verhält, die Atmosphäre in einem Raum. Ich möchte gar nicht so tun, als müsste man nur besonders bewusst sein und dann würde man nichts mehr davon wahrnehmen. Das wäre Quatsch. Klar spürt man, wenn jemand auf Krawall gebürstet ist, wenn da Wut, Ablehnung, Rückzug oder Vorwurf im Raum stehen.

Die viel interessantere Frage ist für mich: Was mache ich jetzt mit dem, was ich wahrnehme?

Denn ich kann sehr wohl merken, dass jemand mit etwas nicht einverstanden ist und dieser Mensch das auch deutlich zeigen möchte, ohne daraus automatisch meine Aufgabe zu machen. Eine andere Frau erzählte mir zum Beispiel, wie sehr sie diese Stimmung im Auto vorher heruntergezogen hatte, weil auf Fragen kaum etwas zurückkam und die ganze Fahrt wohl ziemlich bedrückt war.

Ich habe sie gefragt: Warum?

Nicht, weil ich nicht verstanden hätte, dass sie die Stimmung wahrgenommen hat, sondern weil ich nicht verstanden habe, warum sie daraus ihre eigene Stimmung gemacht hat. Wenn jemand nicht reden möchte oder demonstrativ zeigt, dass ihm einiges nicht passt, kann ich das doch erst einmal stehen lassen. Dann kann ich mit den anderen reden, lachen oder mich über etwas unterhalten, ohne diesen Menschen auszuschließen und ohne gleichzeitig seine Stimmung übernehmen zu müssen.

Genau darin sind wir nicht geübt. Wir beginnen sofort zu überlegen, was mit dem anderen los ist, warum er so reagiert, was wir jetzt vielleicht sagen oder tun müssten. Im nächsten Atemzug, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob wir den Menschen aufmuntern sollten oder ob wir uns lieber zurückhalten, damit es nicht noch schlimmer wird. Ehe wir uns versehen, hat der innere Zustand eines anderen Menschen unseren eigenen übernommen.

Ich kenne das so gut aus meiner Kindheit. Mein Stiefvater konnte auf einem Geburtstag sitzen und eine derartige Fresse ziehen, dass nach einer Weile der ganze Raum leiser wurde. Vorher wurde gelacht und geredet, alle waren ausgelassen, und schlagartig hatten sich die Menschen unbewusst seiner Stimmung angepasst. Keiner traute sich mehr etwas. Er musste dafür gar nicht sagen: „Jetzt hört bitte alle auf zu lachen.“

Seine Ausstrahlung hat gereicht und wir haben den Rest gemacht. Was für eine Macht. Vollkommen irre.

Genau das ist für mich heute der Unterschied. Ich darf sehr wohl merken, dass jemand schlecht drauf ist, dass jemand sauer ist oder mir mit seiner Art sogar ganz bewusst etwas zeigen möchte. Aber ich muss deshalb nicht meinen eigenen Zustand verlassen und aus der Stimmung eines anderen mein Problem machen, geschweige denn darauf einsteigen.

Später konnte ich dieselbe Dynamik noch einmal in einer völlig banalen Situation beobachten.

Es waren Teller gekauft worden, und auf diesen Tellern klebten noch Preisaufkleber. Mehr war erst einmal nicht passiert. Da lagen die abgespülten Teller zum Abtrocknen und der Herr des Hauses bemerkte zu seiner Frau: „Da kleben ja noch die Preisschilder drauf!“

Wie hätte es leicht gehen können? Er sieht das und macht sie einfach ab, um die Teller anschließend benutzen zu können.

Stattdessen entstand innerhalb kürzester Zeit etwas zwischen zwei Menschen, weil sofort die Frage kam, warum die Aufkleber noch dran sind, wer die Teller hingestellt hat und wer offenbar nicht daran gedacht hatte, diese Preisschilder wegzumachen.

Da dachte ich: Der Aufkleber ist nicht das Problem. Der Aufkleber klebt einfach auf dem Teller. Das Problem entsteht durch das, was wir daraus machen.

Später dasselbe mit einem unordentlichen Kofferraum. Auch ein unordentlicher Kofferraum ist erst einmal nichts anderes als ein unordentlicher Kofferraum, und wenn er jemanden stört, kann er ihn aufräumen. Natürlich kann ich auch sofort jemanden dafür verantwortlich machen und mich darüber aufregen, warum der andere das gemacht hat, warum etwas nicht so geblieben ist, wie man es gerne gehabt hätte, und plötzlich ist aus einem Kofferraum eine komplette Beziehungsgeschichte geworden.

Es gibt das, was ist, und dann gibt es unseren Widerstand

Ich finde das deshalb so spannend, weil wir ständig sagen, unser Leben sei schwierig. Dabei lohnt sich absolut die Frage, ob gerade wirklich das Leben schwierig ist oder ob wir noch einiges obendrauf packen, weil wir nicht gelernt haben, mit dem umzugehen, was nun einmal da ist.

Damit meine ich überhaupt nicht, dass es keine Situationen gibt, die uns wehtun, uns erschüttern oder unser ganzes Leben verändern können. Natürlich gibt es Trauer, Verlust, Angst, Wut, Enttäuschung und Situationen, in denen wir erst einmal überhaupt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Auch da kann ich aber schauen: Was ist gerade tatsächlich da und was füge ich innerlich noch hinzu?

Denn zu dem, was ohnehin schon weh tut, kommt oft unser Widerstand. Wir denken, dass etwas nicht so sein dürfte, dass ein Mensch anders reagieren müsste, dass unser Leben anders aussehen sollte oder wir selbst anders sein müssten, damit endlich alles in Ordnung wäre.

Viele von uns haben sehr früh gelernt, sofort zu bewerten und einzuordnen, was richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, erwünscht oder unerwünscht ist. Und wenn etwas unerwünscht ist, soll es am besten möglichst schnell verschwinden.

Manche Menschen lernen dabei sogar, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt. Vielleicht warst du als Kind zu laut, zu wild, zu empfindlich, zu ruhig oder schlicht anders, als die Erwachsenen dich gerne gehabt hätten, damit du besser in ihren Tag und ihr Leben passt. Vielleicht wurde dir, wie mir, direkt gesagt, dass du dich anders verhalten sollst, oder du hast einfach immer wieder gespürt, dass du so, wie du bist, nicht ganz richtig bist.

Wenn ein Kind solche Erfahrungen häufig macht, kann daraus schnell der Versuch entstehen, später ständig etwas korrigieren zu wollen: sich selbst, andere Menschen, Beziehungen oder Stimmungen. Ruhe kann dann fast ungewohnter sein als Drama.

Dabei könnte man an vielen Stellen etwas anderes ausprobieren: einen Moment lang nicht sofort etwas aus dem zu machen, was gerade passiert.

Da sitzt ein Mensch, der ganz offensichtlich sauer ist und möchte, dass es auch jeder merkt. Dann darf das erst einmal so sein. Auf einem Teller klebt ein Preisaufkleber, bis ihn jemand abmacht. Ein Kofferraum ist unordentlich. Jemand ist enttäuscht von dir oder versteht dich falsch. Vielleicht merkst du sogar, dass eine Beziehung nicht mehr zu dir passt oder du in einer bestimmten Rolle nicht mehr weiterleben möchtest.

Das ist erst einmal die Wahrheit dieses Moments, und von dort aus kannst du schauen, was du damit tun möchtest. Für mich ist das etwas vollkommen anderes, als sofort ein Drama daraus zu bauen.

Denn sobald ich nicht mehr glaube, jeden Menschen, jede Stimmung und jede Situation regulieren zu müssen, bleibt unglaublich viel Energie bei mir. Dann darf jemand schlecht gelaunt sein, ohne dass ich innerlich mitgehen muss, und jemand darf mich falsch verstehen, ohne dass ich mich eine Stunde lang erkläre. Es darf etwas anders laufen als geplant, und ich darf eine Entscheidung treffen, obwohl ich weiß, dass jemand anderes sie wahrscheinlich nicht besonders toll finden wird.

Das ist für mich eine Form von innerer Freiheit. Nicht, weil dann immer alles angenehm ist oder plötzlich nichts mehr wehtut, sondern weil nicht jede unangenehme Situation automatisch noch eine zweite Baustelle bekommt, die ich selbst draufpacke.

Und ausgerechnet diese ganz banalen Beobachtungen der letzten Tage haben mir noch einen ziemlich begeisterten Impuls für mein Herbstretreat gegeben. Ich möchte dort noch mehr echtes Leben mit hineinnehmen und dieses Mal ganz bewusst auch einen aktiven Teil gestalten. Denn ich merke immer wieder, dass sich unsere Konditionierungen im Tun viel deutlicher zeigen als dann, wenn wir zusammensitzen und wunderbar darüber sprechen können, was wir alles schon verstanden haben. 😅

Genau diese Momente möchte ich mit euch nutzen, um hinzuschauen, was tatsächlich passiert, wenn wir nicht nur über uns erzählen. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art einmal ganz anders kennenzulernen, findest du hier alle Informationen zu meinem Herbstretreat.

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Claudia Schwab
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