Aufwachen. Erwachen. Erleuchtung.
Und warum ich lieber Menschen wachrüttle als ins Nirwana schicke.
Erleuchtet, erwacht, aufgewacht. Drei Begriffe, die dir im spirituellen Bereich ständig um die Ohren fliegen und gefühlt jeder versteht etwas anderes darunter. Da kann selbst der spirituelle Wetterfrosch nicht mehr sagen, in welchem Aufwachstadium wir uns gerade befinden.
Deshalb sage ich lieber gleich dazu, was ich unter diesen Begriffen verstehe. Nicht als allgemeingültige Wahrheit, sondern als meine Sicht darauf. Denn spätestens bei Erleuchtung wird es sowieso wild, je nachdem, wen du fragst.
Und nein, ich habe auch nicht vor, jemanden zu erleuchten. Das könnte ich sowieso nicht. Mir reicht es vollkommen, wenn Menschen erst mal anfangen, genauer hinzuschauen, was sie da den ganzen Tag denken, fühlen und automatisch abspulen.
1. Aufwachen, wenn du dein eigenes Spiel plötzlich durchschaust
Aufwachen bedeutet für mich, dass du merkst: Moment mal, ich bin gar nicht so frei in meinen Entscheidungen, wie ich immer dachte. Da laufen jede Menge alte Muster mit: Erziehung, Ängste, Glaubenssätze, Erwartungen und all das Zeug, das du so lange wiederholt hast, bis es sich vollkommen normal angefühlt hat.
Und dann siehst du dich plötzlich selbst dabei.
Du merkst, wie automatisch du reagierst, wie schnell du in alte Rollen rutschst oder wie oft du etwas machst, weil du es schon immer so gemacht hast. Das kann ziemlich ernüchternd sein, weil man sich selbst ja gerne für bewusster hält, als man in manchen Situationen tatsächlich ist.
Genau da begleite ich gerne Menschen.
Nicht, weil ich ihnen erzählen will, was bei ihnen alles falsch läuft, sondern weil es unglaublich viel verändert, wenn du dich selbst endlich mitbekommst. Solange du deine Muster nicht siehst, laufen sie halt munter weiter und du wunderst dich nur, warum du immer wieder am gleichen Punkt landest.
Für mich beginnt da Verantwortung. Nicht im Sinne von Schuld, sondern in dem Moment, in dem du merkst: Aha, das mache ich also. Und wenn ich es mache, kann ich auch anfangen, etwas daran zu verändern.
Das ist für mich Aufwachen. Nicht besonders mystisch, aber ziemlich wirksam.
2. Erwachen, wenn du dich nicht mehr so leicht selbst beschummeln kannst
Erwachen geht für mich noch ein Stück weiter. Beim Aufwachen merkst du vorerst, welche Muster da überhaupt laufen. Beim Erwachen fängst du an, dich nicht mehr automatisch von jedem Gedanken, jeder Angst oder jeder alten Geschichte mitziehen zu lassen.
Du bemerkst dann zwar immer noch, dass dein Kopf loslegt, aber du glaubst ihm nicht mehr alles. Das ist schon ein ziemlich großer Unterschied.
Früher war für mich ein Gedanke schnell die Wahrheit. Wenn ich dachte, etwas geht nicht, dann war das eben so. Wenn Angst da war, musste sie einen Grund haben. Wenn ich mich verletzt gefühlt habe, war für mich klar, dass der andere etwas falsch gemacht haben muss.
Heute schaue ich da genauer hin.
Ist das gerade wirklich wahr oder springt da nur etwas Altes an? Reagiere ich auf das, was jetzt passiert, oder auf etwas, das mein System längst kennt? Muss ich diesem Gedanken folgen oder kann ich ihn auch einfach vorbeiziehen lassen, ohne daraus sofort eine große Geschichte zu bauen?
Für mich hat Erwachen deshalb weniger mit einem besonderen Zustand zu tun und mehr mit dieser zunehmenden Klarheit. Du wirst nicht gedankenlos, du wirst nicht angstfrei und du schwebst auch nicht plötzlich drei Zentimeter über dem Boden. Wäre manchmal praktisch, ist aber nicht nötig.
Du wirst nur schwerer für deine eigenen alten Geschichten zu haben.
Und das kann ziemlich befreiend sein, weil du merkst, dass nicht jeder Gedanke eine Anweisung ist und nicht jedes Gefühl sofort eine Handlung braucht. Du hast mehr Raum dazwischen und mehr Wahl.
Für mich ist genau das ein großer Teil von Erwachen.
3. Erleuchtung, und da wird es schon schwieriger
Bei Erleuchtung wird es für mich deutlich diffuser, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Manche meinen einen Zustand völliger Einheit, andere sprechen davon, dass das Ich verschwindet, wieder andere erzählen von dauerhafter Glückseligkeit. Ich halte mich da lieber zurück mit großen Ansagen, weil ich nichts davon als allgemeingültige Definition verkaufen möchte.
Für mich hat Erleuchtung weniger mit einem spektakulären Endzustand zu tun und mehr mit einem Bewusstsein, das sich nicht mehr ständig an allem festhält. Weniger Identifikation, weniger Drama um das eigene Ich, weniger dieses dauernde „Ich muss recht haben, ich muss gesehen werden, ich muss etwas festhalten“.
Das heißt aber nicht, dass du dann kein Mensch mehr bist.
Du kannst trotzdem genervt sein, traurig, müde oder schlecht gelaunt. Du kannst sogar hinter einem Traktor hängen und dir denken: Mein Gott, fahr halt endlich. Also falls Erleuchtung bedeutet, dass so etwas nie mehr passiert, bin ich ziemlich sicher weiterhin nicht durch. 😄
Und genau deshalb mag ich diese überhöhten Vorstellungen nicht besonders. Sie machen aus Spiritualität schnell wieder ein Ziel, das man erreichen muss, damit man endlich richtig ist.
Für mich liegt viel mehr darin, immer weniger an dem festzuhalten, was du über dich und die Welt zu wissen glaubst. Nicht alles sofort bewerten, nicht jede Reaktion verteidigen, nicht aus jedem Gedanken gleich eine Wahrheit bauen.
Ob man das dann Erleuchtung nennt oder einfach sehr viel Bewusstsein, ist mir offen gestanden ziemlich egal.
Warum Aufwachen für mich erst einmal reicht
Ich sehe in der spirituellen Szene oft diesen Drang, möglichst schnell wohin zu kommen. Erwacht, erleuchtet, frei von allem, Hauptsache, bloß nicht mehr so menschlich sein müssen. Da wird dann viel über hohe Zustände gesprochen, während im ganz normalen Alltag schon die kleinste Kritik reicht, damit innerlich alles hochgeht.
Für mich bringt es deshalb wenig, das Menschsein überspringen zu wollen. Wenn du deine Wut nicht kennst, deine Angst nicht fühlst und deine Muster nicht erkennst, dann hilft dir auch die schönste spirituelle Erfahrung nur begrenzt. Du kannst auf einem Retreat die Einheit mit allem spüren und drei Tage später zu Hause wieder komplett ausrasten, weil jemand die Spülmaschine falsch eingeräumt hat. Dann war die Erfahrung schön, aber dein Alltag hat davon noch nicht viel mitbekommen.
Genau deshalb reicht Aufwachen erst einmal vollkommen.
Nicht, weil danach nichts mehr kommt, sondern weil da schon unglaublich viel drinsteckt. Zu merken, was du tust, wann du in alte Rollen rutschst, wo du dich selbst belügst oder versuchst, etwas zu kontrollieren, ist ja kein kleines Ding. Das ist schon eine Menge Arbeit, auch wenn es weniger glamourös klingt als Erleuchtung.
Und vor allem passiert das nicht auf einem Meditationskissen, sondern mitten im Leben. Im Streit, in deiner Beziehung, beim Geld, mit deinen Kindern, bei der Arbeit, beim Warten, beim Genervtsein und bei all den kleinen Momenten, in denen du merkst, dass dein altes Programm schon wieder loslegt.
Da zeigt sich viel mehr als in jeder noch so schönen Theorie.
Was am Ende wirklich zählt
Für mich geht es bei all diesen Begriffen gar nicht darum, möglichst weit zu kommen oder sagen zu können: „So, jetzt bin ich erwacht“, Haken dran. Das wäre schon wieder das nächste Leistungsprogramm, diesmal halt mit Räucherstäbchen.
Viel wichtiger finde ich, wie du dein ganz normales Leben lebst. Was passiert, wenn dich jemand kritisiert, wenn du Angst bekommst, wenn etwas nicht nach Plan läuft oder wenn du merkst, dass du gerade wieder mitten in einem alten Muster steckst? Genau da zeigt sich für mich Bewusstsein, nicht darin, wie viele spirituelle Begriffe du erklären kannst.
Ich bin heute auch nicht ständig vollkommen präsent und schwebe schon gar nicht den ganzen Tag in einem friedlichen Zustand herum. Ich kann mich ärgern, ungeduldig sein oder hinter einem Traktor sitzen und denken: Herrschaftszeiten, jetzt fahr doch endlich. Der Unterschied ist eher, dass ich mich heute schneller dabei mitbekomme und nicht mehr aus jeder Reaktion gleich eine große Geschichte machen muss.
Deshalb interessiert mich auch weniger, ob sich jemand als erwacht oder erleuchtet bezeichnet. Mich interessiert viel mehr, wie ein Mensch mit sich selbst und mit anderen umgeht, wenn es unbequem wird.
Wenn du dich immer öfter bemerkst, ehrlicher mit dir wirst und nicht mehr jeden Gedanken ungeprüft für die Wahrheit hältst, dann ist schon verdammt viel passiert.
Wie du das am Ende nennst, ist mir ziemlich egal.
Mein Angebot an dich
Wenn du spürst: „Verdammt, ich will da auch raus aus meiner geistigen Serie, ich will die Gardinen aufreißen, auch wenn’s blendet“ – dann meld dich bei mir.
Aber sei dir sicher: Ich werde dich nicht mit Watte einpacken. Ich werde dir die Taschenlampe direkt ins Gesicht halten. Ich werde dir nicht erzählen, dass alles Liebe ist, wenn du gerade in deinem Schmerz steckst. Ich werde dir dabei helfen, hinzuschauen.
Und dann … dann fängst du an zu leben. Richtig zu leben.
Nicht in einem spirituellen Konzept. Sondern hier. Jetzt. Als der Mensch, der du wirklich bist.
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