Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

von | 7. 09. 26 | Blog, Körper & Nervensystem

Du musst nicht alles lösen, was du fühlst

Wir wollen fühlen, aber bitte nicht zu lange und wenn, dann nur Schönes.

Wir wollen fühlen, aber bitte nicht zu lange und wenn, dann am liebsten nur Schönes.

Menschen sagen oft, sie wollen mehr bei sich sein, sich selbst besser verstehen, und gleichzeitig läuft im Hintergrund ständig die Frage mit, was sie denn jetzt machen müssen, damit dieses Gefühl endlich weggeht, die Angst weniger wird, die Unruhe aufhört oder sie wieder in einen Zustand kommen, der angenehmer ist.

Ich finde das immer spannend, weil viele gar nicht so genau wissen, was es bedeutet, wirklich bei sich zu bleiben und welche „Nebenwirkungen“ das mit sich bringen kann.

Ob du wirklich bei dir bleiben kannst, zeigt sich für mich hauptsächlich dann, wenn etwas da ist, was du lieber nicht hättest. Angst, Wut, Traurigkeit, Enge, Unsicherheit, Eifersucht, was auch immer. Dann geht es erst einmal gar nicht darum, woher das kommt oder was du jetzt daraus lernen sollst, sondern darum, ob du überhaupt bereit bist anzuerkennen, dass es gerade da ist.
Wie schnell wir stattdessen anfangen, ein Gefühl im Kopf zu zerlegen, darum geht es auch in „Ich lass das mal auf mich wirken“.

Das klingt einfach,  ist es aber überhaupt nicht, weil wir uns an dieser Stelle schon unglaublich viel erzählen. Dass wir doch längst weiter sein müssten, dass wir dieses Thema schon bearbeitet haben, dass wir doch wissen, woher es kommt, oder es uns nicht mehr so triggern dürfte. Nur hilft dir das alles wenig, wenn du in diesem Moment trotzdem verletzt bist oder Angst hast.

Dann bist du eben verletzt oder hast Angst. Damit kannst du in diesem Moment arbeiten.

Für mich gehört dazu diese Bereitschaft, wirklich ehrlich mit mir zu sein, ohne etwas kleiner zu machen, aber auch, ohne sofort eine Katastrophe daraus zu bauen. Einfach erst einmal wahrnehmen, was da ist.

Ehrlich mit dir sein, ohne gegen dich zu sein

Dann kommt etwas, was ich meinen Teilnehmern regelmäßig sage: Sei jetzt einfach lieb zu dir.

Ich nehme da ganz bewusst nicht dieses große Wort „Liebe“, weil da schon wieder jeder etwas anderes darunter versteht und dann womöglich meint, er müsse jetzt seine Angst lieben oder seine Wut umarmen. Darum geht es überhaupt nicht.

Es geht viel schlichter darum, dass du in einem Moment, in dem es dir ohnehin schon nicht gut geht, nicht auch noch gegen dich bist.

Wenn jemand, den du magst, vor dir sitzt und sagt, dass er gerade völlig verunsichert ist, würdest du wahrscheinlich auch nicht sagen: „Jetzt stell dich mal nicht so an, das hatten wir doch schon, du solltest langsam weiter sein.“

Bei uns selbst sind wir da allerdings erstaunlich schnell. Da wird geurteilt, gedrängt, geschimpft und korrigiert, und am Ende haben wir nicht nur das Gefühl, das ohnehin schon da ist, sondern zusätzlich noch den Kampf mit uns selbst.

Deshalb sage ich lieber: „Jetzt sei einfach nett zu dir.“

Du musst nicht schön finden, was du gerade fühlst, und du musst es auch nicht gutheißen. Du kannst aber aufhören, dir das Ganze noch schwerer zu machen, indem du dich dafür verurteilst.

Nicht sofort reagieren heißt nicht, dich zurückzuhalten

Was oft schnell sichtbar wird, ist dieser Reflex, auf das, was wir fühlen, sofort zu reagieren. Der eine schießt seine Wut raus, der andere schluckt sie runter. Einer erklärt sich, einer zieht sich zurück, der Nächste ruft sofort jemanden an oder macht komplett zu.

Genau da innehalten und hinschauen, weil Freiheit nicht bedeutet, dass du jetzt einfach nichts mehr tust.

Wenn du ein Mensch bist, der sich ständig zurückhält, wäre es natürlich keine Freiheit, deine Wut wieder nicht zu zeigen und dir dann zu erzählen, du würdest gerade ganz bewusst nicht reagieren. Dann machst du im Endeffekt genau dasselbe wie immer, nur mit einem netten Bildchen darauf.

Es geht also nicht darum, einen Impuls zu unterdrücken, sondern darum, ihn überhaupt erst einmal mitzubekommen.

Du merkst vielleicht: Da ist Wut, da zieht sich gerade alles in mir zusammen, ich möchte am liebsten sofort etwas sagen. Oder, je nachdem, wie du gestrickt bist, möchtest du gar nichts sagen und dich zurückziehen. Bevor du automatisch wieder genau in diese alte Reaktion gehst, kannst du einen Moment bei dem bleiben, was da gerade in dir passiert.
Wenn dich dieses Bei-dir-Bleiben und Nach-innen-Schauen interessiert, passt dazu auch mein Beitrag „Warum wahrer Wandel von innen kommt“.

Dieser Raum dazwischen ist für mich Freiheit. Nicht, weil du dann nichts mehr tust, sondern weil du nicht mehr nur auf Autopilot handelst.

Es kann gut sein, dass du danach sehr klar etwas sagst. Es kann genauso sein, dass du merkst: Nein, darauf muss ich gar nicht reagieren.

Entscheidend ist für mich weniger, ob du etwas tust oder nicht, sondern ob du überhaupt mitbekommen hast, was gerade in dir los ist, bevor dein altbekanntes Programm wieder übernimmt.

Hingabe bedeutet, wirklich dazubleiben

Genau da kommt für mich die Hingabe ins Spiel.

Wenn du nicht sofort nach außen gehst, nicht gleich handelst, erklärst, schluckst, angreifst oder verschwindest, kannst du überhaupt erst einmal spüren, was da wirklich in dir passiert.

Hingabe bedeutet für mich, mich dem, was gerade da ist, für einen Moment zu überlassen, ohne gleich daran herumzumachen.

Das kann Wut sein, Angst, Traurigkeit, Scham, Schmerz oder etwas ganz anderes. Du musst es nicht verändern, verkleinern oder besonders gut können. Du lässt es erst einmal da sein und spürst, was tatsächlich da ist.

Das ist etwas anderes, als sich zurückzuhalten. Wenn du dich zurückhältst, kontrollierst oder deckelst du häufig genau das, was eigentlich da wäre. Bei Hingabe versuchst du nicht, die Erfahrung sofort in die gewünschte Richtung zu bringen. Und genau daraus kann dann manchmal etwas Neues entstehen, statt dass du wieder das machst, was du schon hundertmal, geschmeichelt ausgedrückt, gemacht hast.

Bitte mach daraus jetzt aber nicht gleich wieder eine neue Methode.

Sonst sitzt am Ende jemand da und überlegt, ob er heute schon wahrhaftig genug war, ob er nett genug zu sich war und ob seine Hingabe vielleicht noch ausbaufähig ist. Dann hätten wir denselben Wahnsinn nur in einer neuen Methoden-Verpackung.

Diese Dinge zeigen sich mitten im Leben, genau dann, wenn etwas nicht so läuft, wie du es gern hättest. Wenn dich jemand trifft, wenn du unsicher wirst, wenn du merkst, dass du dich erklären möchtest, dich zurückziehst, kontrollieren willst oder einfach keine Ahnung hast, was du gerade machen sollst.

Genau darum geht es auch in meinen Retreats.

Nicht darum, dreieinhalb Tage lang Wissen zu sammeln und mit einem vollgeschriebenen Block nach Hause zu fahren. Deshalb gibt es bei mir auch keine Aufzeichnungen und keinen Block.

Du kommst mit dem, was gerade in deinem Leben da ist, mit den Geschichten, die dich beschäftigen, mit den Dingen, die dich drücken oder die du besser verstehen möchtest. Dann schauen wir nicht nur darauf, was du erzählst, sondern auch darauf, was währenddessen tatsächlich in dir passiert.

Wo wirst du eng? Wo gehst du raus? Wo willst du dich erklären oder etwas richtig machen? Wo reagierst du sofort, wo hältst du dich zurück und wo bist du schon wieder bei den anderen, statt überhaupt noch bei dir zu sein?

Das zeigt sich nicht nur im Gespräch. Es zeigt sich beim gemeinsamen Tun, beim Essen, im Wald oder genau in einem Moment, den keiner geplant hat.

Für mich ist genau das ein großer Teil eines Retreats: nicht drei Tage lang etwas leisten oder richtig machen zu müssen, sondern im echten Leben zu merken, wie schnell man sich selbst verlässt und wie es sich anfühlt, wieder zu sich zurückzukommen.

Das lässt sich eben nicht aufschreiben und später noch einmal nachlesen. Das kannst du nur erleben.

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Claudia Schwab
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