Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung –
– Wo ist der Unterschied?
Vor ungefähr fünf Jahren bin ich selbst zu einer Aufstellerin gegangen, die mit Filzmatten arbeitet. Hingegangen bin ich, weil ich eine bestimmte Energie gespürt habe, die ich einfach nicht durchstoßen konnte, primär in Bezug darauf, mich zu zeigen, und dadurch auch mit Geldverdienen. Ein ganz klassisches Business-Thema also, dachte ich zumindest.
Die Aufstellung selbst war nicht schlecht, und die Frau kam erstaunlich schnell an einen Punkt, der mit dem, weswegen ich da war, auf den ersten Blick nichts zu tun hatte, nämlich körperlichem Missbrauch in der Kindheit und einer ganzen Linie von Frauen, die immer wieder übergriffig behandelt wurden. Was ich gleich vornewegnehmen will, weil es mir wichtig ist: Das war jetzt kein Fehler oder etwas Falsches. Es ist vollkommen normal und passiert in der tiefen Arbeit ständig, dass man wegen einer Sache kommt, die sich an der Oberfläche zeigt, und dann bei einem ganz anderen Thema landet, das darunterliegt. Das ist auch üblich in meiner Begleitung. Es ist einfach der Sinn solcher Prozesse, und in meinem Fall war da sogar etwas Wahres dran, und genau daraus ist bei mir eine innere Angst, eine innere Scheu entstanden, die mich beruflich nicht weiterkommen ließ. Allein dieses Aufzeigen, glaube ich heute, hätte mir schon gereicht.
Aber dann fragte sie mich, wo ich denn hinmöchte, was mein Wunsch wäre. Ich sagte: versorgt sein. Sie hakte nach, ob ich das nicht konkreter machen könnte, und irgendwie ist mir dann herausgerutscht, dass ich mir schon zweimal in meinem Leben ein Haus mit meinen Ehemännern gekauft hatte (lustig, wie sich das anfühlt), und beide Male ist mir das alles wieder weggebrochen.
Ab da ging es plötzlich um Zahlen. Rasch stellte sie eine Rechnung auf: Ein Haus kostet eine Million, für den Erhalt und das Versorgtsein brauchst du noch zwei Millionen dazu, also machen wir jetzt, dass du drei Millionen recht schnell bekommst.
Ich habe bis heute weder ein Haus noch drei Millionen, und offen gestanden ist das auch gar nicht mein Ansinnen. Wenn es kommt, dann kommt es, und wenn nicht, dann geht es mir auch so, wie es ist, hervorragend. Wo es mich seitdem aber auch nicht mehr hingezogen hat, ist zurück zu dieser Aufstellerin. Was bei mir tatsächlich etwas bewirkt hat, war nicht das Zahlenspiel, sondern das ehrliche Hinschauen auf diese übergriffige Dynamik. Da hat sich wirklich etwas gezeigt, das echt war und mir gedient hätte, auch ganz ohne Millionen und ohne Haus. Nur die Verpackung danach, der schnelle nächste Schritt, die Rechnung, die auf einmal im Raum stand, das war es nicht, was mir wirklich gedient hat.
Und genau an diesem Punkt setzt bei mir inzwischen eine Allergie ein.
Menschen kommen ja meistens in einem sehr offenen Zustand zu uns, sie sind verletzlich, sie suchen Halt, Klarheit, manchmal einfach nur einen kleinen Spalt Licht, weil sie gerade nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. Und genau an dieser Stelle beginnt entweder echte Begleitung, oder es beginnt spirituelle Betäubung.
Mit spiritueller Betäubung meine ich nicht Hypnose als Methode, sondern eher dieses Einlullen mit großen Sätzen. Ich löse dir das – ich nehme dir das raus – ich befreie dich davon – das kommt gar nicht von dir, das ist eine alte Energie. Das klingt natürlich vorerst schön, sogar heilsam, und manchmal entspannt sich der Mensch auch kurz, weil er endlich nicht mehr selbst hinschauen muss.
Puh, wie praktisch. Dann war es also nicht meine Angst und nicht meine Vermeidung, nicht mein alter Schutz und nicht mein Nicht-wissen-wollen, sondern irgendeine Energie, ein Ahnenfeld, ein altes Versprechen, ein Fluch aus dem Mittelalter oder was auch immer gerade hübsch in die Geschichte passt.
Versteht mich bitte richtig: Ich sage nicht, dass es solche Felder nicht gibt, und ich sage auch nicht, dass Aufstellungen nichts zeigen können, sonst würde ich sie selbst nicht einsetzen und auch nicht immer wieder Menschen dorthin schicken, wo es passt. Und ich sage schon gar nicht, dass tiefe Arbeit nicht Dinge sichtbar machen kann, die man mit dem Kopf niemals gefunden hätte, natürlich kann das passieren, das habe ich ja selbst erlebt. Aber wenn der Mensch danach nur erleichtert ist, weil er seine Verantwortung an eine neue Erklärung abgegeben hat, dann ist nichts gelöst, dann wurde nur die Verpackung gewechselt. Vorher hieß es vielleicht, ich kann oder traue mich nicht, danach heißt es dann, die Energie lässt mich nicht. Na bravo, anscheinend ein Jackpot.
Und das ist mir nicht nur bei mir selbst begegnet, sondern immer wieder auch bei Menschen, die mir in meiner eigenen Arbeit begegnen. Da geht jemand wegen des Berufs zu einer Begleiterin, weil er sich einfach nichts traut, und schon heißt es, das sei eine dunkle Energie, die ihn blockiert, das sei gar nicht er selbst.
Und in so einem Fall sage ich dann auch klar: Das ist Bullshit. Natürlich gibt es solche Energien. Aber wer sie am Ende auflösen kann, das ist die eigene Entscheidung. Etwas zu tun, einen Schritt zu gehen, eine Entscheidung zu treffen.
Die Erleichterung danach fühlt sich trotzdem erst mal wunderbar an. Es geht einem viel besser, weil man endlich eine Erklärung hat, und man ist dankbar, dass man selbst nicht das Problem ist, sondern diese dunkle Energie. Und direkt im Anschluss wird dann schon der nächste Termin ausgemacht.
Und genau da haut es mir die Allergie raus, dann kommt gleich der nächste Schritt, noch ein Termin, noch eine Lösung, noch eine alte Blockade, noch ein Feld, noch ein Thema, noch ein bisschen Erlösung zum Nachbuchen. Und im Grunde sitzt da ein Mensch, der endlich lernen müsste, sich selbst wieder zu spüren, und denkt: Gut, dann brauche ich nichts zu tun, jetzt habe ich jemanden, der mich endlich richtig befreit. Nein, so läuft es nicht. April, April – auch wenn jetzt Juli ist.
Ich will ehrlich sein: Ich kenne diese Versuchung auch aus eigener Erfahrung, und zwar nicht aus der Rolle der Klientin, sondern aus meiner eigenen früheren Rolle als Begleiterin. Vor gut sechzehn Jahren, mit meinem damaligen Helfersyndrom, hätte ich vermutlich genauso reagiert wie diese Aufstellerin. Nicht bewusst, um Geld zu verdienen (ich konnte mich noch nie gut selbst verkaufen), das hätte ich mir damals nie eingestanden, aber ich hätte es mir verständlich erklären können. Schau, du hast da noch was, und da noch was, und da noch was. Es fühlt sich für alle Seiten gut an: für den Klienten, weil er entlastet ist, weil man dann ja was tut, und für einen selbst, weil man gebraucht und weiterhin gebucht wird. Das ist die eigentliche Falle, und sie betrifft nicht nur die anderen, sie betrifft jeden, der in dieser Rolle steht, wenn er nicht aufpasst.
Ein Mensch löst und heilt sich am Ende immer selbst, nicht weil er alles allein schaffen muss, und nicht weil Begleitung unwichtig wäre, sondern weil echte Begleitung den Menschen zurück zu sich führt und nicht in eine Abhängigkeit.
Eine gute Begleitung beruhigt dich nicht nur, sie hält dich auch aus, wenn du unruhig, wütend, genervt und was weiß ich alles wirst. Sie streichelt nicht jede Ausweichbewegung schön und sagt dir nicht nur, was dein Nervensystem gerade gerne hören will. Manchmal sagt sie auch: Schau hin und bleib da. Klar ist das unbequem, oft sogar sehr unbequem, aber es bringt dich nicht um, sondern macht dich Stück für Stück frei.
Und genau da beginnt für mich echte spirituelle Arbeit. Nicht dort, wo alles sofort leichter klingt, sondern dort, wo der Mensch wieder mit seinem Leben in Kontakt kommt, wie es gerade ist, nicht wie er es gerne hätte, nicht wie es ihm jemand schön erklärt hat, nicht wie es in einem spirituellen Post so butterweich formuliert wurde, dass man dabei fast einschläft.
Sondern ehrlich, direkt und ohne Beschönigungen.
Manchmal ist das Leben eben nicht schön, manchmal ist es ungerecht, manchmal weiß man nicht, warum etwas passiert, und es gibt keine hübsche Erklärung dafür. Dann ist der ehrlichste Satz einfach: Ich weiß es nicht. Genau diesen Satz halten viele nicht aus, also wird gedeutet, gerettet, gelöst, erklärt, energetisiert, und am Ende noch ein Folgetermin angeboten, natürlich nur, weil es jetzt wichtig ist, dranzubleiben.
Ich habe nichts gegen Begleitung, man höre und staune, aber ich habe etwas dagegen, wenn Menschen an ihrer offenen Stelle abgeholt werden und danach noch weniger bei sich selbst landen als vorher. Ich habe etwas dagegen, wenn jemand sagt, du musst lernen, auf dich zu hören, und im nächsten Atemzug schon weiß, wie viele Termine du dafür noch brauchst. Das ist für mich null Vertrauen, das ist ein geschickt verpackter Griff an die Kontrolle und ans eigene Geldsackerl.
Und ja, viele verlangen genau das. Sie wollen beruhigt werden, sie wollen hören, dass es nicht an ihnen liegt, sie wollen, dass jemand sagt: Ich löse das für dich. Weil das natürlich viel angenehmer ist, als zu spüren: Vielleicht darf ich jetzt wirklich Verantwortung übernehmen, vielleicht darf ich aufhören, meine Angst mit neuen Geschichten zu füttern, vielleicht darf ich akzeptieren, dass Veränderung nicht passiert, nur weil jemand über mir herumfuchtelt und dazu ein paar große Worte spricht.
Echte Spiritualität macht dich nicht kleiner, sie macht dich nicht abhängiger, sie macht dich nicht folgsamer, sie macht dich tatsächlich wacher. Und wacher werden ist nicht immer bequem, es ist sogar ziemlich unromantisch. Da kommt kein Engelchor, da kommt eher der Moment, in dem du merkst: Mist, ich bin immer noch ich. Und genau da beginnt es dann.
Nicht bei der nächsten großen Erlösung und nicht beim nächsten Guru-Satz, nicht bei der nächsten Erklärung, warum du angeblich bisher nicht kannst. Bei dir, bei deinem Körper und deiner Angst, bei deiner Wahrheit und deiner Bereitschaft, nicht sofort wieder eine schönere Geschichte darüberzulegen oder deine Muster abzuspulen.
Für mich ist das der Unterschied. Spirituelle Betäubung beruhigt dich, damit du nicht hinsehen musst. Echte Begleitung stärkt dich, damit du hinsehen kannst.
Und ja, das ist nicht einfach und wenig glamourös, eher unangenehm, aber deutlich ehrlicher und am Ende auch freier.
Ich habe darüber auch einen Podcast gemacht.
Ein Teil meiner Angebote
Einzelstunde (90 Minuten) – für klare Impulse, wenn du (noch) keinen Prozess willst, aber spürst, dass etwas in dir bereit ist.
Metamorphosis-Räume – für eine langfristige Begleitung über mehrere Monate.
Meine Bücher: Wenn du erwachst und es erst später bemerkst und Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst
- Dein Leben ist so leicht, wie du leicht bist - 17. August 2026
- Wie sieben Jungs aus Südkorea Menschen zum Leuchten bringen - 28. Juli 2026
- Spirituelle Betäubung oder echte Begleitung - 13. Juli 2026
