Heilung ist kein Wunschzettel

Neulich hatte ich wieder einen solchen Moment, in dem ich innerlich dachte: Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.

Ich höre mir die Sprachnachricht(en) einer Teilnehmerin an, die ich schon eine Weile begleite. Sie kam ursprünglich zu mir, weil ihr Körper, sie einfach nicht mehr konnte. Erschöpft, ohnmächtig und nicht verstehend, was da auf einmal in ihrem Leben los ist. Zermürbt von einem Vorgesetzten, der ihr das Leben schwer macht – man nennt es Bossing, was ich zuvor noch nie gehört hatte – und von einer Arbeitsstelle, auf der sie weder gesehen noch unterstützt wird. Tiefe, schmerzliche Ent-täuschung durch einen Kollegen

Und das Bitter-Schöne daran: Sie ist gut, sie ist eine starke Teamleiterin. Sie kann Menschen führen, sie hat Feingefühl, sie hat Können und Überblick. Aber, leider wird ihr Vorankommen und ihr Talent, durch den Vorgesetzten so was von ausgebremst.

Was ist ihre Situation nach ein paar Monaten?

Eine Kollegin aus einem anderen Haus braucht nur ihr Okay, dann kann sie wohl wechseln.

Sie nimmt es nicht an. Weil sie nicht weiß, was sie da erwartet; vielleicht ist es ja schlimmer usw.

Aber sie erzählt weiterhin, wie unglücklich sie ist. Hier passt etwas nicht, dort passt etwas nicht, die Arbeit erfüllt sie nicht mehr, manche Menschen in ihrem Umfeld tun ihr nicht gut – und es geht ihr, wie schon erwähnt, bereits länger nicht wirklich gut.

Während ich mir die Sprachnachricht anhöre, hatte ich plötzlich das Bild eines kleinen Mädchens vor Augen, das dem Christkind seine Wunschliste vorliest.

Der soll sich verändern. Der andere soll auf sie für ein Gespräch zukommen. Die Situation(en) sollen sich verändern. Das Leben soll sich endlich mal fügen.

Und ich saß da und wartete die ganze Zeit auf den Teil, in dem sie sagt, was sie selbst bereit ist zu bewegen.

Der kam nicht.


Versteh mich nicht falsch, ich verurteile das nicht. Bin ich doch selbst ewig in einer Ehe rumgehangen, bis ich mich getrennt habe, das ist zutiefst menschlich. Wer von uns hätte nicht gerne, dass sich die Dinge einfach fügen? Dass plötzlich alles leichter wird? Jemand schwingt einen Zauberstab und alles verändert sich. Leider passiert es in den allerwenigsten Situationen, denn wenn du dich so weit von dir selbst entfernt hast, dann holt dich das Leben auf unterschiedlichste Weise und durch Menschen zu dir zurück.

Das hat mit Heilung nämlich herzlich wenig zu tun.

Dann wird eines Tages aus dem Wunsch nach Veränderung etwas ganz anderes. Dann sitzen Menschen vor mir, denen es nachweislich nicht gut geht. Sie schlafen schlecht, sie stehen unter Druck, sie drehen sich seit Monaten – manchmal Jahren – um dieselben Themen. Situationen wiederholen sich, in denen sie sich immer wieder in gleichen Gefühlslagen wiederfinden. Und gleichzeitig halten sie an genau den Dingen fest, die dieses Leiden erzeugen.

Da wird es für mich natürlich äußerst spannend und faszinierend.

Nicht weil ich denke, dass die Menschen falsch, dumm oder  schwer von Begriff sind. Sondern weil ich immer wieder sehe, wie riesig die Sehnsucht nach einer Veränderung der Situation ist – und wie riesig gleichzeitig die Angst davor, sich selbst zu bewegen.


Ich bin selbst durch Feuer gegangen, in mir und im Außen ist vieles gestorben, was sterben musste. Ich habe Entscheidungen getroffen, die mich Nächte gekostet haben. Viele Abschiede, die unglaublich wehgetan haben. Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich auf der anderen Seite noch ich bin, vor allem: Wo komme ich denn an – wenn überhaupt?

Und deshalb sitze ich manchmal da und denke: Ja. Ich weiß, wie das ist, und ich weiß auch, was es braucht.

Es braucht die Bereitschaft, in den Prozess zu gehen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Wenn ich von Heilung spreche, meine ich damit nicht, dass plötzlich alles schön wird. Ich meine eine Bewegung, eine Richtung, keine Ankunft, sondern eine Linie auf einer Landkarte, keinen Endpunkt.

Heilung ist Ganzwerdung – keine Reparatur.

Sie bedeutet nicht, dass wir werden, wer wir sein sollten. Sie bedeutet, dass wir zurückfinden zu dem, was wir schon immer waren. Zu den Teilen, die wir irgendwann weggelegt haben, weil sie zu unbequem, zu laut, zu viel waren.

Ganzwerdung heißt nicht, dass alles schön wird. Sie heißt, dass nichts mehr ausgeschlossen wird.

Die Angst, Wut, Hilflosigkeit, Scham u. v. m. dürfen da sein.

Heilung ist kein Zustand des Funktionierens. Heilung ist ein Zustand des Ganzseins.


Was ich niemandem versprechen kann: Ich kann keine Kindheit zurückgeben, kann eine Scheidung nicht ungeschehen machen, kann einen Verlust nicht nehmen.

Die Vergangenheit verändert sich nicht im Geringsten.

Aber mein Gefühl für das Mögliche – das kann sich verändern.

Und da liegt der Unterschied zwischen jemandem, der heilt, und jemandem, der wartet.


Veränderung ist nicht gemütlich. Das sage ich nicht, um zu erschrecken, sondern weil es die Wahrheit ist – und Wahrheit ist für mich kein spirituelles Konzept. Sie ist der ehrliche Blick auf das, was gerade ist.

In echter Veränderung stecken so viel Unsicherheit, Risiko, unangenehme Gespräche. Abschiede von Menschen, von Überzeugungen, manchmal von einer Version von sich selbst, an der man lange festgehalten hat, weil man geglaubt hat: Ich bin nun mal so!

Das ist kein Fehler im ganzen System, das ist  einfach der Prozess.


Wir müssen auf diesem Weg nicht perfekt sein, müssen nicht alles wissen, müssen nicht einmal sicher sein.

Es braucht nur eines: die Bereitschaft, an dem Prozess teilzunehmen.

Meine Teilnehmerin – sie trägt alles in sich, was sie braucht, davon bin ich dermaßen überzeugt. Aber solange sie darauf wartet, dass sich die Welt um sie herum verändert, ohne sich selbst einen Millimeter zu bewegen, wird sie auf demselben Fleck stehen.

Heilung beginnt nicht mit einer Erkenntnis.

Sie beginnt mit einem Schritt – ins Ungewisse.



Wie ist das bei dir? Wartest du gerade auf etwas – oder bewegst du dich?

Claudia Schwab
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