Du musst dein Verhalten fühlen – sonst ist es nur eine Musterbefriedigung
Oder: Warum ein Blumenstrauß keine Schuld heilt und Affirmationen kein Gefühl ersetzen
Es gibt so Sätze, die klingen vorerst recht harmlos, aber wenn du sie wirklich ernst nimmst, können sie ganz schön was öffnen. Für mich ist es solch ein Satz: „Du musst dein Verhalten fühlen.“
Denn wir Menschen können unglaublich viel richtig machen, ohne wirklich da zu sein. Wir entschuldigen uns, wir erklären etwas, wir machen eine nette Geste, wir versuchen, etwas wiedergutzumachen, und denken dann, damit wäre es erledigt. Nach außen sieht das vielleicht sogar sehr reflektiert aus. Nur wenn du innerlich überhaupt nicht mitbekommst, warum du das gerade tust, dann kann es eben einfach nur das nächste Muster sein.
Das ist ein großer Unterschied, zumindest für mich.
Nehmen wir mal an, du hast jemanden verletzt. Dann kannst du natürlich hingehen und sagen: „Tut mir leid.“ Du kannst Blumen kaufen, einen schönen Abend organisieren oder was Nettes machen, damit wieder Ruhe ist. Das kann von Herzen kommen, kann aber genauso gut einfach der Reflex sein: Mist, jetzt ist schlechte Stimmung, ich muss das schnell reparieren.
Da werde mal bewusst. Was fühlst du in diesem Moment?
Schämst du dich? Hast du Angst, dass der andere sich zurückzieht? Hast du ein schlechtes Gewissen? Bist du wirklich berührt davon, dass du jemanden verletzt hast, oder willst du einfach nur, dass dieses unangenehme Gefühl möglichst schnell wieder verschwindet?
Das ist ja nicht dasselbe.
Wenn ich mein Verhalten wirklich fühle, dann merke ich auch, was darunter liegt. Dann kann ich nicht mehr so leicht über mich selbst hinweggehen und einfach die nächste passende Handlung drüberkleben. Dann wird es manchmal erstmal unangenehm, weil ich feststelle: Ach schau mal, ich entschuldige mich gar nicht, weil ich wirklich verstanden habe, was da vorgefallen ist. Ich entschuldige mich, weil ich die Spannung nicht aushalte.
Da beginnt für mich dann Veränderung.
Nicht bei der perfekten Reaktion und auch nicht dabei, dass ich möglichst schnell wieder alles glattziehe. Sondern da, wo ich überhaupt mitbekomme, was mich gerade antreibt. Wenn ich immer nur das mache, was ich schon tausendmal gemacht habe, dann kann das nach außen noch so vernünftig aussehen, innerlich läuft trotzdem dieselbe Schleife weiter.
Und genau das ist der Punkt, an dem wir uns selbst am scheinbar schlau austricksen. Wir nennen es Alltag, Gewohnheit, Höflichkeit oder Harmonie, aber in Wahrheit bedienen wir einfach nur ein Muster, damit es sich wieder sicherer anfühlt.
Blumen als Beruhigungstablette fürs Gewissen
Stell dir vor, jemand vergisst euren Hochzeitstag oder kommt nicht zu etwas, das euch beiden eigentlich wichtig war. Natürlich kann man jetzt sagen: Passiert halt. Menschen vergessen Dinge, Termine gehen unter, keiner ist jeden Tag hundertprozentig präsent. Interessant finde ich viel mehr, was danach passiert.
Da kommt dann vielleicht ein Blumenstrauß, ein Kuss, ein „Tut mir leid“, und nach außen sieht es so aus, als wäre die Sache erledigt. Kann sie auch sein. Nur manchmal ist diese Wiedergutmachung weniger echte Reue als der Versuch, das eigene schlechte Gewissen möglichst schnell wieder ruhigzustellen.
Dann geht es gar nicht so sehr darum, was beim anderen angekommen ist, sondern darum, dass ich selbst dieses unangenehme Gefühl nicht mehr haben will und muss.
Da zeigt sich dann, was dich wirklich antreibt, weil die Geste an sich ja nichts Falsches ist. Blumen sind nicht das Problem. Ein „Tut mir leid“ auch nicht. Die Frage ist eher, was dahintersteckt.
Habe ich wirklich verstanden, warum mein Verhalten den anderen verletzt hat? Habe ich überhaupt mitbekommen, was da passiert ist? Oder mache ich nur etwas Nettes, damit wieder Frieden ist und ich mich selbst wieder besser fühlen kann?
Das kennen ziemlich viele.
Man macht schnell etwas gut, damit die Spannung weg ist, und denkt sich dann: So, jetzt passt es wieder. Nur manchmal passt es eben nicht wieder, es wurde nur zugedeckt. Dann wiederholt sich genau dasselbe zu einem anderen Zeitpunkt erneut.
Weil nicht wirklich hingeschaut wurde.
Krisen sind keine Checkpoints, sondern Wendepunkte – wenn du sie lässt
Viele Menschen wollen durch eine Krise einfach nur irgendwie durch. Verständlich, denn wenn das Leben gerade auseinanderfällt, hast du selten Lust, dich auch noch hinzusetzen und daraus sofort irgendeine große Erkenntnis zu basteln. Manchmal willst du einfach nur, dass dieser Zustand aufhört und du wieder halbwegs normal atmen kannst.
Trotzdem bin ich überzeugt, dass eine Krise immer etwas sehr Deutliches zeigt: So wie bisher geht es nicht mehr weiter. Sonst würdest du ja nicht in dieser Krise stecken. Etwas ist zu eng geworden, zu viel, zu lange übergangen worden oder einfach nicht mehr stimmig.
Du kannst durch eine Trennung gehen, deinen Job verlieren, krank werden oder plötzlich merken, dass dein bisheriges Leben überhaupt nicht mehr zu dir passt. Natürlich kannst du dann vorerst nur funktionieren, alles regeln, durchhalten und versuchen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Nur wenn du danach einfach genauso weitermachst wie vorher, verpasst du vielleicht genau das, worauf dich diese Krise aufmerksam machen wollte.
Meistens zeigt sie dir ziemlich gnadenlos, wo du schon lange gegen dich gearbeitet hast, wo du etwas ausgehalten hast, das längst nicht mehr gestimmt hat, oder wo du dich selbst kaum noch gespürt hast.
Es kann auch passieren, dass du erst hinterher weißt, was da geschehen ist. Dann wird dir klar, dass es gar nicht nur um die Trennung, den Job oder die Krankheit ging, sondern darum, dass etwas in deinem bisherigen Leben an einen Punkt gekommen war, an dem es nicht mehr weiterging wie vorher.
Genau deshalb kann eine Krise ein Wendepunkt sein. Nicht, weil sie angenehm ist, sondern weil sie dich zwingt, genauer hinzuschauen.
Affirmationen ohne Gefühl bringen dir herzlich wenig
Ich weiß, Affirmationen sind beliebt. „Ich bin genug“, „Ich liebe mich“, „Ich bin Fülle“. Klingt alles wunderbar und wenn du diese Sätze wirklich fühlst, ist auch überhaupt nichts dagegen zu sagen.
Nur bringt es dir herzlich wenig, wenn du dir morgens zehnmal „Ich bin Fülle“ vorsagst und dein Körper gleichzeitig schon beim Gedanken an die nächste Rechnung zusammenzuckt. Dann kannst du dir natürlich noch fünfzig weitere schöne Sätze erzählen, aber dein Körper weiß trotzdem ziemlich genau, was gerade wirklich los ist.
Dann finde ich es ehrlicher zu sagen: Ich habe gerade Angst. Ich fühle mich gerade nicht sicher. Ich glaube im Moment nicht daran, dass alles gut wird.
Das klingt vielleicht nicht so hübsch, aber wenigstens bist du bei dir.
Und von da aus kannst du überhaupt erst schauen, was hinter diesem Gefühl steckt. Musst du gerade wirklich etwas klären? Ist da eine alte Angst angesprungen? Gibt es tatsächlich ein Problem oder macht dein Kopf aus etwas Kleinem schon wieder den Weltuntergang? Das kannst du aber nur herausfinden, wenn du nicht sofort versuchst, das unangenehme Gefühl mit einem schönen Satz zuzudecken.
Genau das ist für mich der Haken an vielen Affirmationen. Nicht der Satz an sich ist das Problem, sondern wenn er benutzt wird, damit du das, was wirklich da ist, nicht fühlen musst.
Dann redet der Kopf von Liebe, Fülle und Selbstwert, während der Rest von dir innerlich ganz woanders sitzt und vermutlich denkt: Ja, erzähl du mal.
Ich empfinde es als viel hilfreicher, einfach bei dem anzufangen, was tatsächlich da ist. Denn wenn du dir selbst ehrlich begegnest, musst du dir auch nichts einreden. Dann kann sich ein Satz wie „Ich bin genug“ aus dir heraus wirklich stimmig anfühlen, statt etwas zu sein, das du dir jeden Morgen aufsagst, weil du hoffst, dass du es irgendwann glaubst.
Fühlen verändert alles – aber nicht so, wie du denkst
Für mich ist Fühlen keine Methode, die du jetzt auch noch lernen musst. Du brauchst dafür kein kompliziertes Konzept und musst auch nicht jedes Gefühl bis ins letzte Detail analysieren. Es geht viel mehr darum, dass du überhaupt wieder mitbekommst, was in dir passiert, bevor du schon erneut automatisch reagierst.
Das klingt ziemlich einfach, ist es auch und dann aber auch wieder nicht. Wir sind nämlich verdammt gut darin, über unsere Gefühle zu reden, ohne sie wirklich zu fühlen. Du kannst ganz genau erklären, warum du verletzt bist, woher dein Muster kommt und was der andere ausgelöst hat, und trotzdem bist du innerlich meilenweit von dem entfernt, was gerade tatsächlich in dir los ist.
Ich kenne das selbst. Du kannst etwas komplett verstanden haben und dich beim nächsten Mal trotzdem wieder genauso verhalten wie vorher. Dann weiß der Kopf zwar Bescheid, aber der Rest von dir macht munter weiter wie immer.
Du kannst etwas komplett verstanden haben und dich beim nächsten Mal trotzdem wieder genauso verhalten wie vorher. Der Kopf weiß dann wunderbar Bescheid, nur der Rest von dir macht weiter wie immer.
Der entscheidende Moment ist der, in dem ich mich selbst dabei erwische, wie ich wieder in mein altes Verhalten rutsche. Wenn ich zum Beispiel merke, dass ich mich gerade entschuldige, weil ich die Spannung nicht aushalte, und gar nicht, weil ich wirklich verstanden habe, was passiert ist. Oder wenn ich freundlich bleibe, obwohl ich innerlich längst sauer bin, nur weil ich Angst habe, jemand könnte mich sonst ablehnen.
Solche Momente sind nicht unbedingt angenehm, aber sie sind ehrlich. Und genau da kannst du anfangen, etwas anders zu machen, weil du dich nicht mehr nur hinter deinem Verhalten versteckst, sondern mitbekommst, was dich eigentlich antreibt.
Ich finde, das ist der Punkt, an dem Fühlen wirklich etwas verändert. Nicht, weil du dann plötzlich jede Emotion perfekt durchfühlst und danach erleuchtet aus der Küche kommst, sondern weil du dich selbst nicht mehr ganz so leicht übergehen kannst.
Woran erkennst du, dass du gerade nur dein Muster bedienst?
Oft merkst du es daran, dass du schon handelst, bevor du überhaupt richtig mitbekommen hast, was in dir los ist. Das leider oft erst hinterher. Du entschuldigst dich sofort, machst etwas wieder gut, wirst besonders nett oder versuchst, die Stimmung irgendwie zu retten. Nach außen sieht das ganz normal aus, weil es fast jeder so macht. Innerlich bist du nur damit beschäftigt, dieses unangenehme Gefühl schnell wieder loszuwerden.
Vielleicht kennst du das, dass du „Es ist schon okay“ sagst, obwohl es überhaupt nicht okay ist. Oder du tust so, als wäre dir etwas egal, weil du keine Lust auf die Auseinandersetzung hast. Manchmal machst du auch etwas für den anderen, obwohl du innerlich längst sauer bist, und wunderst dich später, warum du dich so leer oder genervt fühlst.
Das sind für mich die Momente, in denen man sich selbst ganz gut auf die Schliche kommen kann. Nicht indem man sich dafür verurteilt, sondern indem man merkt: Aha, ich mache das gerade gar nicht aus echter Klarheit heraus. Ich mache es, damit wieder Ruhe ist, damit der andere zufrieden ist oder damit ich mich nicht mit dem beschäftigen muss, was eigentlich in mir hochkommt.
Und genau da kannst du dir eine ziemlich einfache Frage stellen: Würde ich das jetzt auch tun, wenn ich keine Angst vor der Reaktion des anderen hätte?
Die Antwort ist manchmal unangenehm ehrlich und klar.
Denn dann merkst du vielleicht, dass dein Verhalten gar nicht so freiwillig ist, wie du dachtest. Dass du nicht freundlich bist, weil du gerade wirklich freundlich sein willst, sondern weil du gelernt hast, dass Freundlichkeit sicherer ist als ein klares Nein.
So etwas zu merken, ist schon ziemlich viel. Du musst daraus nicht sofort eine riesige Veränderung machen. Aber wenn du dich einmal dabei erwischt hast, kannst du beim nächsten Mal eher merken, was da gerade läuft.
Die Einladung.
Vielleicht magst du beim nächsten Mal, wenn du merkst, dass du wieder automatisch etwas tust, nicht sofort versuchen, es anders zu machen. Schau erstmal hin, was da gerade in dir läuft. Warum möchtest du jetzt unbedingt Frieden? Warum fällt dir ein „Nein“ so schwer oder entschuldigst sofort, obwohl du noch gar nicht weißt, wofür? Oder warum sagst du, es sei schon okay, während in dir alles sagt: Nö, ist es überhaupt nicht.
Du musst daraus keine Wissenschaft machen und schon gar nicht anfangen, jede deiner Reaktionen bis in die Kindheit zurückzuverfolgen. Manchmal reicht dieser kleine Moment, in dem du dich selbst bemerkst, bevor du wieder das alte Programm abspulst. Vielleicht stellst du dann fest, dass du gar nicht das tust, was du wirklich möchtest, sondern das, was die Situation möglichst schnell wieder angenehm macht.
Solche Momente sind unglaublich wertvoll, weil du damit wieder ein Stück Wahl bekommst. Solange etwas vollkommen automatisch läuft, merkst du gar nicht, dass du auch anders könntest. Erst wenn du es überhaupt wahrnimmst, kannst du schauen, ob das, was du gerade tun willst, wirklich noch zu dir passt.
Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, dass du jetzt jede Reaktion kontrollierst oder ab morgen nur noch vollkommen bewusst durchs Leben läufst. Viel Spaß dabei, das hält wahrscheinlich ungefähr bis zum Frühstück. Es geht eher darum, dich selbst nicht ständig zu übergehen und hinterher festzustellen, dass du schon wieder Ja gesagt hast, obwohl du Nein meintest, abermals etwas glatt gezogen hast, obwohl ein Gespräch nötig gewesen wäre, oder wieder versuchst, ein unangenehmes Gefühl möglichst schnell loszuwerden.
Das ist die Einladung, die hinter diesem ganzen Thema steckt: nicht sofort besser reagieren zu wollen, sondern ehrlicher mitzubekommen, warum du überhaupt so reagierst, wie du reagierst. Denn wenn du das einmal siehst, musst du dir nicht mehr erzählen, du wärst halt einfach so. Dann kannst du tatsächlich anders entscheiden, nicht weil du eine neue Regel gelernt hast, sondern weil du dich selbst dabei nicht mehr verlierst.
Nur was du fühlst, kann sich wirklich verändern
Wir können uns unglaublich viel erklären und trotzdem an derselben Stelle hängenbleiben. Du kannst genau wissen, warum du so reagierst, deine Muster benennen, deine Kindheit analysiert haben und trotzdem passiert im entscheidenden Moment wieder genau das Gleiche.
Weil Verstehen eben nicht automatisch bedeutet, dass du auch wirklich in Kontakt mit dem bist, was in dir passiert.
Wenn ich zum Beispiel Angst habe und mir sofort erzähle, dass ich stark sein muss, dann habe ich die Angst ja nicht verändert. Ich habe sie nur übergangen. Wenn ich verletzt bin und sofort auf vernünftig schalte, damit bloß kein Streit entsteht, dann ist die Verletzung trotzdem da. Und wenn ich mich entschuldige, obwohl ich innerlich noch wütend bin, dann sieht das nach außen vielleicht sehr reif aus, aber in mir ist die Sache noch lange nicht geklärt.
Deshalb ist Fühlen für mich auch nichts Dramatisches. Es heißt nicht, dass du dich stundenlang in irgendein Gefühl hineinbohren musst. Es heißt eher, dass du aufhörst, sofort davor wegzulaufen.
Manchmal reicht schon dieses ehrliche: „Ja, ich bin gerade verletzt. Ja, ich habe Angst. Ja, ich bin wütend.“ Oder auch: „Ja, ich will gerade nur, dass der andere wieder lieb zu mir ist, damit ich mich sicher fühle.“
Das ist nicht immer besonders schmeichelhaft, aber dafür ehrlich.
Und wenn du dir das erlaubst, verändert sich oft schon etwas, weil du dich nicht mehr selbst bekämpfst. Du musst dann nicht mehr vortäuschen, als wärst du längst weiter, ruhiger, spiritueller oder was auch immer. Du kannst einfach da anfangen, wo du gerade wirklich bist.
Für mich ist genau das der Punkt. Nicht Gefühle wegmachen, nicht schöner denken und auch nicht sofort die perfekte Reaktion liefern. Erstmal merken, was überhaupt da ist.
Denn solange du an dir selbst vorbeigehst, kannst du dein Verhalten hundertmal ändern und landest am Ende trotzdem wieder beim gleichen Muster, nur vielleicht ein bisschen hübscher verpackt.
Denn solange du an dir selbst vorbeigehst, kannst du dein Verhalten hundertmal ändern und merkst am Ende, dass du trotzdem wieder dasselbe machst, nur auf eine andere Art.
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