Mitten in einer Beziehung und trotzdem einsam

Wenn Nähe fehlt, obwohl jemand da ist

Es gibt Wahrheiten, die spüren wir oft schon lange, bevor wir bereit sind, sie wirklich an uns heranzulassen. Nicht, weil wir blind oder dumm durchs Leben laufen oder uns selbst belügen wollen, sondern weil wir tief in uns ahnen, dass Ehrlichkeit Konsequenzen hat. Und genau davor drücken wir uns oft am längsten. Denn in dem Moment, in dem du dir eingestehst, dass du in deiner Beziehung einsam bist, obwohl da ein Mensch an deiner Seite ist, kannst du nicht einfach weitermachen wie bisher. Dann steht plötzlich ein Elefant im Raum, den du nicht mehr übersehen kannst, und das macht Angst. Weil es Gespräche nach sich zieht, Entscheidungen, vielleicht einen Aufbruch, von dem du heute noch gar nicht weißt, ob du ihn überhaupt gehen kannst.

Wenn ich heute zurückblicke, dann merke ich, dass ich vieles längst gespürt habe, bevor ich bereit war, es wirklich zu sehen. Ich war über Jahre beschäftigt, habe funktioniert, organisiert, getragen und mein Leben stark um meine Familie herum gebaut. Meine Kinder standen im Mittelpunkt, meine Arbeit habe ich oft so gelegt, dass sie zu meinem Alltag als Mutter passte, und ganz ehrlich: Solange immer etwas zu tun ist, solange jemand etwas von dir braucht, kannst du wunderbar an dir selbst vorbeileben, ohne es überhaupt zu merken.

Wenn Stille plötzlich unangenehm ehrlich wird

Dann kam eine Zeit, in der meine Kinder größer wurden. Meine beiden Söhne waren bereits ausgezogen, meine Töchter brauchten mich nicht mehr in dieser praktischen, alltäglichen Form, wie es viele Jahre selbstverständlich gewesen war. Keine Fahrdienste mehr, keine Förderstunden, kein ständiges Organisieren zwischen Schule, Alltag und Beruf. Und plötzlich war da Raum, so plötzlich, nicht nur im Kalender, sondern in mir.

Ich saß an manchen Nachmittagen in unserem Haus, das nach außen betrachtet wunderschön war, ein Zuhause, das ich mit viel Liebe gestaltet hatte, und trotzdem fühlte es sich innerlich längst nicht mehr wie Freiheit an. Eher wie etwas, das mich festhielt. Wir hatten sogar Unterstützung im Haushalt, was bedeutete, ich konnte mich nicht einmal mehr hinter Putzen, Wäschebergen, die gebügelt werden mussten, oder all dem täglichen Kleinkram verstecken, mit dem man sich sonst so wunderbar beschäftigt hält.

Da saß ich und dann war da plötzlich nur noch Stille und Ruhe.

Und in dieser Stille wurde mir etwas bewusst, das ich lange nicht fühlen wollte. Ich saß nicht nur am Tisch, ich saß mitten in meinem Leben und merkte: Ich bin einsam, nein, nicht allein. Sondern einsam, mitten in einer Beziehung.

Nicht hysterisch oder dramatisch, nichts Lautes, nicht mit Tränen und großem Trara. Sehr leise und nüchtern. Aber gerade deshalb so klar. Und es war dieses stille Wissen, dass ich innerlich schon lange, ja, sehr lange allein unterwegs war, obwohl ich nicht allein lebte. Dass da zwar ein Mann an meiner Seite war, aber keine wirkliche Begegnung (mehr), kein tiefes Miteinander, kein inneres Zuhause, kein Gefühl von echter Verbundenheit.

Shit – der Moment, in dem du nicht mehr wegsehen kannst

Einige Zeit später kam mein jüngerer Sohn (der schon erwachsen war) auf mich zu und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde. Er sagte: „Mum, entweder trennst du dich oder du suchst dir einen Liebhaber.“ Und dann fügte er noch hinzu, dass ich dieses Haus nicht wegen der Kinder halten müsse, weil keines von ihnen an diesem Haus hing.

Bämm – das saß.

Nicht, weil mein Sohn mir einen Ratschlag fürs Liebesleben geben wollte, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, wie sichtbar mein innerer Zustand längst im Außen geworden war. Meine Kinder hatten längst gespürt, was ich mir selbst noch nicht ganz eingestehen wollte. Dass ich nicht lebte, sondern eher verwaltete, funktionierte, und innerlich immer stiller geworden war.

Irgendwann habe ich mit meinem Mann geredet. Habe ihm gesagt, wie ich mir Beziehung vorstelle, was ich brauche, was ich mir wünsche. Und er hat mir sehr ruhig geantwortet: „Dann bin ich nicht der richtige Partner für dich.“ Es war einfach eine Wahrheit, die plötzlich im Raum stand und auf die es keine Antwort mehr brauchte, außer meiner eigenen Konsequenz. Die hat dann noch eine Weile auf sich warten lassen, aber die Richtung war von diesem Moment an klar.

Und ja, natürlich gab es da auch den Gedanken: Vielleicht bräuchte ich einfach einen anderen Mann, mehr Aufmerksamkeit, mehr Leidenschaft, mehr Lebendigkeit. Ich habe das sogar wirklich ausprobiert. Und habe sehr schnell gemerkt, dass ich dafür einfach nicht gemacht bin – nicht, weil ich zu brav wäre (ne, ne) oder zu ängstlich, sondern weil ich ein durch und durch Beziehungsmensch bin. Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann ganz. 

Und genau da wurde mir klar: Es geht nicht darum, irgendeinen Ersatz zu finden, sondern darum, ehrlich zu erkennen, dass ich an diesem Punkt in meinem Leben nicht bleiben werde.

Wie wir uns selbst Stück für Stück verlieren

Wenn ich heute auf meine Beziehungen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur zwei Männer an meiner Seite. Ich sehe vorrangig eine Frau, die tief in sich überzeugt war, einen Mann zum Leben zu brauchen. Nicht bewusst als Gedanke, vielmehr ein stilles inneres Programm, das aus dem Hintergrund alles gesteuert hat.

Und aus genau dieser Haltung heraus war ich bereit, viel mehr zu geben, als gesund gewesen wäre. Ich habe getragen, aufgebaut, unterstützt, Mut gemacht und, wenn ich ehrlich bin, beide Männer in vielem auch größer gemacht. Ich war Rückenwind, Kraftspenderin, Motivatorin und manchmal fast schon Lebensmotor. Meine Güte, lange hielt ich das für Liebe oder für etwas Selbstverständliches.

Heute sehe ich, dass darunter oft auch Angst lag. Angst, nicht genug zu sein. Angst, verlassen zu werden. Angst, allein nicht bestehen zu können. Also passt man sich an, schluckt Dinge herunter, verkleinert sich, trägt mehr, als man tragen sollte, und verliert Stück für Stück die Verbindung zu sich selbst.

Vielleicht ist genau das die tiefste Einsamkeit: nicht, dass kein Mensch da ist, sondern dass du dich selbst auf dem Weg verlassen hast.

Veränderung ist eine Stimme, die spricht, wenn sie sonst schweigt. Veränderung ist ein Nein, das du endlich sagst, auch wenn du dich danach kurz wie der weltweit schlechteste Mensch fühlst. Bist du aber nicht.

Das Leben ärgert einen nicht, wenn es einen anschiebt oder drängt, damit Klarheit gelebt wird. So nach dem Motto: Hör auf, nur darüber nachzudenken, dass du dich veränderst, jetzt verkörpere es. Andiamo!

Der Nächste kommt nur mit einem anderen Knopf

Und dann glauben wir oft, beim nächsten Menschen werde alles anders. Wir sagen Sätze wie: „So wie mit diesem Menschen war es noch nie. Das fühlt sich völlig anders an.“ Und ja, oberflächlich stimmt das sogar: Der eine ist laut, der andere still, die eine ist warmherzig, der andere verschlossen. Die Verpackung ist neu.

Was oft nicht neu ist, ist der Knopf in uns, der früher oder später wieder gedrückt wird.

Vielleicht ist es wieder dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden. Vielleicht wieder Verlustangst, Anpassung, Kontrolle oder emotionale Einsamkeit. Der andere hat diesen Schmerz meist nicht erschaffen, er hat nur etwas berührt, das längst in uns angelegt war und endlich gesehen werden möchte.

Und genau das ist die unbequeme Wahrheit über Beziehungen: dass das Leben uns nicht nur Menschen schickt, die zu unseren Wünschen passen, sondern oft Menschen, an denen wir wachsen sollen, dürfen oder müssen.

Und dann gibt es die Frauen, die das alles längst wissen und trotzdem nicht gehen. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil die Angst größer ist als der Schmerz des Bleibens. Angst vor dem Geld, vor der Abhängigkeit, vor dem Alleinsein, vor der Frage, ob da draußen überhaupt noch jemand für sie wäre. Ich begleite viele dieser Frauen, und was ich beobachte, ist, dass die, die warten, auf mehr Geld, auf den richtigen Moment, auf irgendetwas, das sich von außen verändern soll, mit der Zeit nicht leichter werden, sondern schwerer. Nicht weil sie schwach wären, ganz im Gegenteil. Sondern weil eine Frau, die ihre eigene Wahrheit kennt und sie trotzdem nicht leben darf, sich mit der Zeit selbst nicht mehr erkennt.

Liebe beginnt vielleicht woanders

Heute glaube ich nicht mehr, dass ein anderer Mensch uns vollständig machen kann. Kein Partner kann dauerhaft die Leere in uns füllen, unsere alten Wunden heilen oder uns das Gefühl geben, endlich angekommen zu sein, wenn wir uns selbst innerlich längst verlassen haben.

Vielleicht beginnt Liebe viel früher. Dort, wo wir aufhören, den anderen für unser inneres Überleben zuständig zu machen. Dort, wo wir wieder anfangen, uns selbst ernst zu nehmen, uns selbst zu fühlen und uns selbst nicht länger zu verraten.

Und vielleicht begegnen wir dann einem Menschen nicht mehr aus Mangel, nicht aus Angst und nicht aus innerer Leere, sondern aus etwas ganz anderem heraus.

Aus Wahrhaftigkeit.

Und aus einem Herzen, das gelernt hat, zuerst bei sich selbst zuhause zu sein.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest – in meinen Büchern „Beziehung ist das Gegenteil von dem, was du denkst“ und „Wenn du erwachst und es erst später bemerkst“ erzähle ich davon ausführlicher. Nein, kein weiterer Ratgeber, sondern vielmehr eine Einladung zum Hinschauen.

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Claudia Schwab
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